Wie du dafür sorgst, dass dich deine Ärzt:innen ernst nehmen

Foto: Zaineb Abelque.
Hast du jemals eine ärztliche Praxis frustriert mit dem Gefühl verlassen, abgewimmelt worden zu sein und gerade jede Menge Zeit verschwendet zu haben? Mit dieser Erfahrung bist du nicht allein; so viele von uns haben schon dasselbe durchgemacht. Die ganze Aufregung für nichts! Oft kostet es schon Überwindung, den Termin überhaupt erst zu machen. Dann nimmst du dir vielleicht einen halben Tag Urlaub und verbringst diesen damit, ewig im Wartezimmer zu sitzen, bevor dein Name endlich aufgerufen wird. Dann nimmst du vor dem Schreibtisch deines Arztes oder deiner Ärztin Platz und bist bereit, deine Beschwerden detailliert zu schildern – nur um das Behandlungszimmer rund fünf Minuten später wieder zu verlassen, mit dem Eindruck, keinen Schritt weitergekommen zu sein.
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Das ist an sich eine ziemlich normale Erfahrung. Durch meine Arbeit als Gesundheitsredakteurin wurde mir aber vor fünf Jahren bewusst, wie oft das eigentlich vorkommt – und zwar bei Frauen mit allen möglichen Symptomen und Erkrankungen. Nach diversen Interviews mit Frauen, in denen sie mir erzählten, sich von ihren Ärzt:innen ignoriert, abgewiesen, gegaslightet und generell im Stich gelassen zu fühlen, fragte ich mich, was da eigentlich los war. War das ein Zufall? Waren alle diese Frauen bloß hysterische Hypochonderinnen? Oder steckte dahinter etwas Größeres?
Tatsächlich war an alldem der Gender Health Gap schuld. Mit dem Begriff sind die Ungleichheiten bei der Behandlung und den Heilungschancen zwischen Männern und Frauen. Dieser Gap ist nichts Neues. Wie viele andere Formen von Sexismus und sozialer Ungerechtigkeit zieht sich auch diese schon seit Jahrhunderten durch unsere Gesellschaft – weil unser Gesundheitssystem ursprünglich von Männern für Männer entwickelt wurde. Je weiter ich nachforschte, auf desto mehr Forschungsergebnisse stieß ich, die mir zeigten, dass Frauen viel häufiger als Männer falsche Diagnosen bekommen, ihnen Schmerzmittel verwehrt werden, sie länger in Notaufnahmen warten müssen oder als „ängstlich“ abgestempelt werden, wenn sie unter schmerzhaften körperlichen Symptomen leiden. Noch dazu fühlten sich viele der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, mit ihren Erfahrungen ganz allein – obwohl sie längst keine Einzelfälle waren.
2018 gründete ich deswegen den feministischen Gesundheits-Blog Hysterical Women, um diese Frauen und ihre Geschichten zusammenzuführen. Was ich seitdem gelernt habe, würde ein ganzes Buch füllen – und deswegen habe ich eines geschrieben. Rebel Bodies [das im März 2023 in Deutschland erscheint, vorerst nur auf Englisch] ist ein Guide zum Gender Health Gap und zu der geduldigen Revolution, die ihn langsam, aber sicher immer weiter abbaut. Die Probleme, die darin eine Rolle spielen, sind komplex, intersektional und lassen sich nicht schnell und einfach lösen. In der Vergangenheit wurden Erkrankungen, die vor allem Frauen betreffen, von der Forschung, in der klinischen Praxis und bei der medizinischen Ausbildung eher vernachlässigt. Dazu kommen noch sexistische und veraltete Einstellungen gegenüber Frauen – ganz zu schweigen von Rassismus, Homophobie, Transphobie, Fatphobia, Ableismus und weiteren Formen der Diskriminierung. All das erschafft die perfekte Mischung aus Ignoranz und medizinischem Frauenhass. 
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Obwohl es wichtig ist, dass sich dahingehend vor allem ganz oben in unserer Gesellschaft etwas verändert, bekomme ich eine Frage trotzdem besonders häufig gestellt: Was können wir als Patient:innen tun, um von unseren Ärzt:innen ernst genommen und angehört zu werden? Ich wünschte, darauf hätte ich eine schlichte, befriedigende Antwort – oder einen Cheat-Code, mit dem sich das System irgendwie hacken ließe. Stattdessen habe ich aber eine Handvoll Tipps, die ich mir im Laufe der Jahre zu Herzen genommen habe, mit denen sich zumindest einige der größten Hürden überwinden lassen, die Frauen (und trans Männer sowie nicht-binäre Patient:innen, die bei der Geburt als weiblich klassifiziert wurden) in unserem Gesundheitssystem im Weg stehen.  
In einer idealen Welt wären diese Tipps gar nicht nötig, aber unser reales System arbeitet gegen uns – und leider kannst du dich so sehr für dich selbst einsetzen, wie du willst, ohne daran etwas ändern zu können. Ich habe es ehrlich gesagt satt, dass uns, den Frauen und anderen Randgruppen, immer die Aufgabe zugeteilt wird, Lösungen für solche Probleme zu finden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Patient:innen-Kampagnen wichtig und mächtig sind. Gleichzeitig sollten wir aber bedenken, dass wir nicht allein das ganze kaputte System überarbeiten können. Wenn du also feststellst, dass all deine Bemühungen nichts zu verändern scheinen, ist das nicht deine Schuld. Dennoch gibt es Dinge, die du unternehmen kannst, um deine ärztliche Praxis vielleicht – hoffentlich – das nächste Mal mit einem besseren Gefühl verlassen zu können.

Lerne deinen Körper kennen und bereite dich vor

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Es stimmt: Wissenist Macht. Zu verstehen, wie das System funktioniert, und zu erkennen, was im Zusammenhang mit deinem Körper normal (und nicht normal) ist, kann dir im medizinischen Kontext enorm helfen. Vor allem beim Termin bei deinem Hausarzt bzw. deiner Hausärztin solltest du bedenken, dass Ärzt:innen meist nur rund zehn Minuten pro Behandlungsgespräch ansetzen. Wenn du dieses kleine Zeitfenster also richtig ausnutzen willst, lohnt es sich, dich vorher darauf vorzubereiten. Überlege dir, was du sagen willst. Welche Ideen, Sorgen und Erwartungen hast du? Was glaubst du, was hinter deinen Beschwerden stecken könnte? Wie wirken sie sich auf deinen Alltag aus? Was erhoffst du dir von diesem Termin?

Bring Indizien und Fachwissen mit

Versuche, deine Symptome möglichst spezifisch und objektiv zu beschreiben, und bitte deinen Arzt oder deine Ärztin ebenfalls darum. Ein Symptom-Tagebuch kann sehr nützlich sein, um dem:der Behandelnden ein klares Bild davon zu verschaffen, was mit dir seit wann los ist, und welche Auslöser und Muster zu erkennen sind. Wenn du eine bestimmte Erkrankung vermutest, hab keine Angst davor, diesen Verdacht anzusprechen und zu begründen. Ein bisschen Recherche im Voraus kann dir ein besseres Gefühl beim Gespräch verleihen. Trotzdem solltest du vorsichtig vorgehen. Das Internet ist ein toller Ort, und Dr. Google hat definitiv seine Daseinsberechtigung; trotzdem solltest du dich an seriöse Quellen halten (zum Beispiel Regierungs- oder medizinische Einrichtungen) und vermeiden, dich in Fehlinformationen zu verlieren.

Schließ Worst-Case-Szenarien aus

Denke auch daran, dich nicht direkt auf das Worst-Case-Szenario zu fixieren, sondern unvoreingenommen zu bleiben. Wenn du beim Googeln deiner Symptome immer wieder auf Krebs stößt – egal, wie unwahrscheinlich das klingen mag –, solltest du deinen Arzt bzw. deine Ärztin direkt darum bitten, Krebs auszuschließen, um dich zu beruhigen, bevor ihr euch mit anderen möglichen Ursachen auseinandersetzt. Bitte ihn:sie auch darum, alles gründlich zu erörtern. Warum glaubt er:sie, es könne eine bestimmte Erkrankung dahinterstecken – oder eben nicht? Sollte er:sie dich dazu gründlicher untersuchen? Gibt es einen Test? Oder eine:n Spezialist:in, an den:die man dich überweisen kann? Bevor du überhaupt deinen Termin buchst, kann es sich auch lohnen, dir die Mitarbeitenden in der Praxis auf deren Website mal genauer anzusehen. Dort findest du meist die Ausbildungen und Spezialisierungen der jeweiligen Expert:innen. Wenn es in der Praxis also jemanden gibt, der oder die sich mit dem Themenbereich auskennt, über den du gern sprechen würdest, kann es dir helfen, explizit einen Termin bei dieser Person zu buchen.
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Nimm dir Verstärkung mit

Ein weiterer wichtiger Tipp, den ich oft gebe, ist der, jemanden zu deiner Untersuchung mitzunehmen – vor allem, wenn du schon schlechte Erfahrungen gemacht hast und/oder befürchtest, nicht ernst genommen zu werden. Es gibt drei mögliche Rollen, in die diese Person für dich schlüpfen kann: ein:e Fürsprecher:in, der:die für dich reden und Fragen stellen kann, wenn du dich dazu nicht imstande fühlst; ein:e Supporter:in, der:die einfach neben dir sitzt und deine Hand hält; oder ein:e Zeug:in, der:die dir entweder widersprechen oder beipflichten kann, wenn du nach dem Gespräch das Gefühl hast, nicht ernst genommen worden zu sein.

Betrachte das Ganze als Zusammenarbeit

Ganz egal, wie du an dein Behandlungsgespräch herangehst: Es ist dabei wichtig zu berücksichtigen, dass hier zwei verschiedene, einander ergänzende und gleichwertig kompetente Meinungen aufeinandertreffen. Obwohl dein Arzt oder deine Ärztin zwar vielleicht die medizinische Expertise mitbringt, bist du die größte Expertin für deinen Körper und Geist. Du lebst in beidem jeden Tag und weißt, was normal ist und was dir „falsch“ vorkommt. Das Gespräch sollte sich also eher wie eine Zusammenarbeit oder Partnerschaft anfühlen, nicht wie eine Diktatur. 
Tut es das nicht – oder widersprichst du der Einschätzung deines Arztes oder deiner Ärztin –, ist es dein gutes Recht, dir eine zweite Meinung einzuholen. Wenn du nach einem Termin allerdings das Gefühl hast, das führt nirgendwohin, oder wenn das Verhalten des:der Behandelnden inakzeptabel war (zum Beispiel durch sexistische, rassistische oder anderweitig diskriminierende Kommentare), bist du absolut dazu berechtigt, eine Beschwerde einzureichen. 
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Versuche, die Herausforderungen des Arztes bzw. der Ärztin nachzuvollziehen

Zu guter Letzt – und so deprimierend und frustrierend, wie das auch sein mag – ist es sehr wichtig, die Grenzen des Systems anzuerkennen. Wir alle wissen, dass Ärzt:innen im öffentlichen Gesundheitssystem unter enormem Druck stehen. Ärzt:innen, Pflegekräfte und Geburtshelfer:innen sind völlig überarbeitet, bekommen nicht die Wertschätzung, die sie verdienen, und haben oft zu wenig Zeit, Geld, Personal und andere Ressourcen, die sie brauchen würden. Selbst die allerbesten Ärzt:innen müssen womöglich feststellen, dass ihnen bei deiner Behandlung die Hände gebunden sind, weil es zum Beispiel keine Spezialist:innen gibt, an die sie dich überweisen könnten – oder weil die Wartelisten für die Behandlung viel zu lang sind.
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