In vielen Beauty-Trends versteckt sich antiasiatischer Rassismus – woran du ihn erkennst

Illustration: Eutalia De la Paz.
Seit dem Beginn der Pandemie verbreitet sich antiasiatischer Hass beunruhigend schnell, und insbesondere Menschen aus Ostasien müssen sich bis heute rassistische Verallgemeinerungen zum „China-Virus“ anhören. Spätestens nach der Schießerei in asiatischen Massagesalons im amerikanischen Atlanta im vergangenen März ist klar: Rassismus gegenüber asiatischstämmigen Menschen wird in der westlichen Welt immer mehr zum Problem – und in der Diskussion darum rückt auch die Beauty-Branche immer weiter ins Rampenlicht. 
Der unverhohlene Rassismus gegenüber Süd-, Südost-, West- und Zentralasiat:innen und die kulturelle Aneignung deren Aussehens wird in vermeintlichen „Beauty-Trends“ normalisiert. Von Methoden zur Aufhellung der Haut bis hin zu Gesichts-Fillern orientieren sich viele Schönheitsideale eindeutig am typisch weißen Aussehen und ignorieren dabei die Existenz von Menschen of color. Nicht immer passiert das absichtlich – aber ob Absicht oder nicht: Das muss sich ändern.
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Vielleicht ist dir diese Entwicklung bisher gar nicht so aufgefallen; dabei wirst du vermutlich tagein, tagaus damit konfrontiert. Wie es bei Beauty-Bewegungen nun mal so ist, spielt sich auch diese nämlich insbesondere in den sozialen Netzwerken ab. Ein superbeliebter „Look“, der inzwischen auf allen Plattformen kursiert, ist der „Fox Eye“-Trend. Make-up-Artists und Influencer:innen lieben die Make-up-Technik, bei der die Augen- und Brauenform mithilfe von dickem, hellem Concealer, Klebeband oder sogar Botox verzerrt wird. Das Ziel ist es, Augen und Brauen optisch nach oben zu neigen, und allein auf TikTok hat der #foxeyemakeup-Hashtag inzwischen über 28 Millionen Aufrufe. Dabei denken aber wohl die wenigsten derjenigen, die bei dem Trend mitmachen, darüber nach, dass der Look zur Fetischisierung asiatischer Gesichtszüge beiträgt. 
„Der Fox-Eye-Trend ist eine Katastrophe für die asiatische Community [in der westlichen Welt]“, meint auch die Tattoo-Artist Alex Lawson. Als der Fox-Eye-Look immer beliebter wurde, verwiesen zwar viele darauf, dass er sich bei den Gesichtszügen ostasiatischer Menschen bedient – Gesichtszüge, für die diese Menschen oft diskriminiert wurden. Daher ist es falsch (um nicht zu sagen: rassistisch), diese Züge auf ausschließlich weißen Gesichtern zu verherrlichen. „Ich wurde schon auf offener Straße von Leuten beleidigt, die dann ihre Augen langgezogen haben“, erzählt Lawson. „Manche Menschen wünschen sich asiatische Gesichtszüge, ohne die Konsequenzen eines Lebens als asiatische Person tragen zu müssen.“ Auch die Fotografin und Podcast-Moderatorin Natalie Lam findet den Fox-Eye-Trend beunruhigend. „Wir wurden jahrelang gemobbt, und werden es immer noch“, sagt sie. „Es ist beleidigend, dass sich westliche Menschen einfach Gesichtsmerkmale aussuchen können, die wir gar nicht kontrollieren können, und den Trend dann einfach fallen lassen, wenn der nächste um die Ecke kommt.“
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Natürlich ist jede plastische Chirurgie individuelle Geschmackssache – aber viele dieser Nasenveränderungen und der Schönheitsideale rund um die Nase basieren eben auf typisch weißem Aussehen.

Die Dermatologin Dr. Anjali Mahto betrachtet den Trend ebenfalls kritisch. „Ich fühle mich unwohl mit allem, das die ethnischen Merkmale einer Person verändert“, sagt sie. Und obwohl einige vielleicht behaupten, der Trend sei nur unbewusst und unabsichtlich verletzend, beweist seine Beliebtheit eben doch, dass Beauty und Rassismus so eng miteinander verwoben sind, dass der Diebstahl von anderen Ethnizitäten und Kulturen inzwischen als völlig normal gilt. Wenn die Grundlage deiner „Ästhetik“ allerdings der Unterdrückung anderer Menschen entspringt, ist das eine enorme Ungerechtigkeit. „Das Gegenteil davon sieht man häufig im Fernen Osten, wo sich Leute unters Messer legen, um durch die Straffung der Augenlider westlicher auszusehen“, erwähnt Dr. Mahto und bezieht sich damit auf die Blepharoplastik, auch „Doppel-Lidchirurgie“ genannt. Dieser Eingriff ist vor allem unter Ostasiat:innen besonders beliebt und soll das eigene Aussehen dem eurozentrischen Schönheitsstandard näher bringen. 
Wenn wir schon mal bei Operationen sind: Es ist ist quasi unmöglich, sich durch Beauty-TikTok oder -Instagram zu scrollen, ohne auf Vorher-Nachher-Videos von Naseneingriffen zu stoßen. Vor allem nichtchirurgische Behandlungen, bei denen die Form der Nase mithilfe von Fillern verändert wird, sind dabei sehr beliebt. Natürlich ist jede plastische Chirurgie individuelle Geschmackssache – aber viele dieser Nasenveränderungen und der Schönheitsideale rund um die Nase basieren eben auf typisch weißem Aussehen.
Auf TikTok hat der Hashtag #nonsurgicalnosejob inzwischen über 16,5 Millionen Views. Scrollst du dich da durch, bekommst du viele Videos von Frauen zu sehen, die mithilfe diverser Eingriffe vermeintliche „Beulen“ auf der Nase korrigieren wollen. Meistens sind diese Höcker aber ganz typische Merkmale einer bestimmen ethnischen Abstammung. Die Beauty-Influencerin Halima von Fashionicide meint zwar, dass ihre Nase für sie früher kaum ein Problem gewesen sei – als sie aber ihre Liebe für Beauty entdeckte, habe sie bemerkt, dass viele südasiatische Influencer:innen ihre Nasen mithilfe von Make-up korrigierten, als der Contouring-Trend so richtig losging. Der hält sich bis heute wacker und suggeriert noch immer, ethnische Nasen seien nicht so schön wie weiße. „Ich fühlte mich deswegen zwar nicht schlecht wegen meiner Nase, kann mir aber total vorstellen, dass sich viele südasiatische Frauen davon unter Druck gesetzt fühlen, wenn die Leute, die sie in der Beauty-Welt vertreten, ihr Aussehen dahingehend ändern“, meint Halima. 
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Wenn asiatische Beauty-Tools in der westlichen Welt quasi einfach neu verpackt werden, verschwimmt die Grenze zwischen Würdigung und Aneignung.

ALEX Lawson
Das westliche Schönheitsideal sorgt also dafür, dass in weiten Teilen Asiens Menschen an ihrem eigenen Aussehen zweifeln und sogar versuchen, es chirurgisch zu verändern – während viele westliche Beauty-Trends mal diese, mal jene asiatischen Gesichtszüge fetischisieren und sie sich aneignen. Diese kulturelle Aneignung beschränkt sich aber inzwischen nicht nur auf die Ästhetik selbst, sondern auch auf asiatische Beauty-Tools und -Techniken. Die Massagetechnik Gua Sha, zum Beispiel, ist fester Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin und dafür bekannt, Muskelspannungen zu lockern, Entzündungen zu hemmen und Tränensäcke zu reduzieren. Wie bei vielen anderen kulturell verwurzelten Traditionen verkauft die westliche Welt jedoch auch diese Technik in den letzten Jahren als „neu“, „innovativ“ oder sogar „natürliches Botox“. Die Gua-Sha-Massagewerkzeuge an sich sind glücklicherweise harmlos – aber die asiatischen Frauen, mit denen ich für diesen Artikel gesprochen habe, machen sich anhand dieses Beispiels Sorgen darüber, wie die westliche Welt asiatische Rituale als ihre eigenen ausgibt. „Wenn asiatische Beauty-Tools in der westlichen Welt quasi einfach neu verpackt werden, verschwimmt die Grenze zwischen Würdigung und Aneignung“, meint Lawson, und Lam ergänzt: „Insbesondere bei Massage-Werkzeugen ist diese Aneignung inzwischen so normal geworden, dass selbst die beklauten Kulturen kaum noch irritiert darauf reagieren. Ich finde es unglaublich faul, wenn westliche Beauty-Firmen effektiv eine Idee stehlen und als ihre eigene ausgeben.“
Ein weiteres Beispiel dafür, sagt Lawson, ist Henna. „In Ostasien wird das seit Jahrhunderten verwendet“, erklärt sie. „Auf den ersten Blick wirkt das nicht so tragisch, aber ich habe schon Kosmetikstudios und Make-up-Artists gesehen, die Henna-Augenbrauen oder -Sommersprossen für 35 bis 60 Euro anbieten“ — und das, obwohl das Färbemittel eigentlich sehr günstig herzustellen ist und von vielen Ostasiat:innen zu Hause verwendet wird. Profit aus Produkten wie Henna und Gua Sha zu schlagen, indem sie in Form von „Trends“ als westliche Innovationen verkauft werden, fühlt sich für viele Leute nicht richtig an, meint Lam. „Bei der Würdigung-vs.-Aneignung-Frage dreht sich alles um die nötige Anerkennung. Meines Wissens nach würdigt aber niemand den Erfinder:innen dieser Techniken und Tools. Stattdessen werden sie als revolutionär verkauft.“
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Einige wollen in den Kommentaren wissen, ob diese Körperpigmentierung normal sei. Die Antwort ist natürlich Ja, obwohl virale Videos wie solche einen anderen Eindruck vermitteln. 

Auch Colorismus, also die Diskriminierung von Menschen mit dunklerer Haut, ist eins der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse der Beauty-Branche. Produkte, die damit angepriesen werden, die Haut „heller“ zu machen, benutzen dabei rassistisch codierte Sprache. Solche Formulierungen deuten nämlich eindeutig an, dass hellere Haut „besser“ sei. Auch diese Implikation hat sich einen Weg in diverse Trends gebahnt; vor allem auf TikTok gibt es unzählige Videos, die Asiat:innen versprochen, dunkle Achselhöhlen oder „Erdbeerbeine“ (also pigmentierte Haarwurzeln) zum Beispiel mithilfe von Säuren oder Retinol zu reduzieren. Die Kommentare unter solchen Videos zeigen, dass sich viele Leute darüber nie Gedanken gemacht haben; andere wiederum wollen wissen, ob diese Körperpigmentierung normal sei. Die Antwort ist natürlich Ja, obwohl virale Videos wie solche einen anderen Eindruck vermitteln. 
Model und DJ Flik Renée erzählt, dieser Colorismus habe sie schon früh verfolgt. „In meinen Teenager-Jahren war ich so streng zu mir selbst und versuchte, unrealistischen Schönheitsstandards zu entsprechen. Die redeten mir ein, meine wunderschöne Haut sei nicht wunderschön genug, weil ich ‚zu dunkel‘ oder ‚nicht hell genug‘ sei“, erzählt sie. „Damals kam es häufiger vor, dass Verwandte und Bekannte zwischendurch immer mal wieder Kommentare dazu machten oder dir Tipps gaben, wie du deine Haut aufhellen könntest. So tief ist diese Ideologie in südasiatischen Communitys verwurzelt!“ Genau deswegen, meint Beauty-Influencerin Yasmin Johal, sollten wir innerhalb dieser Communitys dagegen vorgehen und Frieden mit unseren verinnerlichten coloristischen Idealen schließen. „Ich glaube, viel von dem Colorismus-Druck kommt von innerhalb der Kultur. Bei mir fing das schon mit acht Jahren an“, sagt sie. „Ich war gerade aus einem Urlaub in Spanien zurückgekommen und hatte richtig dunkle Haut. Meine Oma sagte mir, ich sollte die Bräune abschrubben. Das vermittelte mir, dass es nicht gut sei, dunkle Haut zu haben.“
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Das ist kein Trend; das ist etwas, womit wir leben müssen und wofür wir insbesondere als junge Frauen oft gemobbt werden.

yasmin johal
Wie auch im Fall von stark pigmentierter Haut hat unsere allgemeine Abneigung gegenüber unserer Körperbehaarung viel mit Weißsein (und natürlich Frauenfeindlichkeit!) zu tun. Südasiatische Frauen mit dunkleren, dichteren Haaren werden oft dafür gemobbt, dass ihre Körperbehaarung meist stärker sichtbar ist. Obwohl hierfür vielleicht nicht ausschließlich der Rassismus verantwortlich ist, lässt sich nicht leugnen, dass der weiße Blick unserer Gesellschaft vielen Frauen of color einen unfairen Schönheitsstandard aufdrückt. Natürlich empfinden vielleicht auch Frauen mit hellerer Haut und hellerem Haar einen ähnlichen patriarchalischen Druck, ihre Körperbehaarung zu kontrollieren – höchstwahrscheinlich erleben sie aber nicht dasselbe Ausmaß an Spott wie Frauen mit auffälligerer Körperbehaarung. Dabei spricht Johal insbesondere Augenbrauentrends an. Während Brands und Zeitschriften zwar von „buschigen Brauen“ schwärmen, werden solche Looks ausschließlich an weißen Frauen verherrlicht. „Viele südasiatische Frauen haben von Natur aus recht haarige Gesichter, und auch zwischen den Augenbrauen neigen wir zu stärkerem Haarwuchs“, sagt sie. „Das ist kein Trend; das ist etwas, womit wir leben müssen und wofür wir insbesondere als junge Frauen oft gemobbt werden.“
Jeden Tag werden neue Videos auf TikTok, Instagram und Co. hochgeladen, in denen Leute diverse Methoden zur Haarentfernung demonstrieren – vom Sugaring über Threading bis hin zur Laser-Haarentfernung. Die Haarentfernung ist beliebt wie eh und je; dieser fortwährende Trend verstärkt den Druck zur Haarlosigkeit, der auf jungen Frauen lastet, allerdings immer weiter. Die TikTokerin Anna wandte sich daher letztens an ihre Follower, um über die Körper- und Gesichtsbehaarung als asiatische Frau zu sprechen, nachdem sie dafür online von einem Mann kritisiert worden war. Sie sagt: „Alle gehen davon aus, eine Frau sollte haarlos sein – und ich schätze, für manche ist es ein Schock, wenn sie dann mal sehen, wie viele Haare einer Frau von Natur aus wachsen können.“ In Bezug auf ein anderes ihrer Videos, in dem sie ihre Achselbehaarung zeigte, ergänzt Anna: „Als asiatische Frau habe ich dickes, raues, dunkles Haar am ganzen Körper und im Gesicht. […] Also bitte hört auf, bestimmen zu wollen, wo uns Haare wachsen sollten. Das ist total natürlich.“
Diese schädlichen Schönheitsideale werden aber eben auch leider von Frauen aufrechterhalten, betont Halima. „Ich habe letztens mit einigen meiner Kolleg:innen darüber gesprochen, dass ich mir im Winter nicht die Beine rasiere, um es wärmer zu haben; eine Südasiatin bekam das mit, guckte mich angewidert an und fragte mich, ob das meinem Mann nichts ausmacht“, erzählt sie. „Klar, der Schönheitsstandard ist definitiv eurozentrisch – aber er wird auch von Nicht-Europäer:innen aufrechterhalten, wenn nicht sogar noch stärker.“ 
Jede Veränderung braucht ihre Zeit – dennoch sollten wir nie damit warten, diese Trends infragezustellen, um die diskriminierenden Ansichten der Beaut-Industrie und ihre eindeutige kulturelle Aneignung asiatischer Traditionen nach und nach anzufechten. Deswegen lautet meine Bitte: Sei dir deines eigenen Verhaltens bewusst – sowohl beim Kauf als auch im Umgang mit diesen Produkten. 

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