Schwarz zu sein, ist ein Teil von mir – bitte erkennt das endlich an

Die Tage nach George Floyds Tod fühlten sich düster und einsam an. Nachdem das Video viral gegangen war, sprach ich online mit meinen Schwarzen Freund*innen. Wir schütteten unsere Herzen aus und waren uns einig, dass sich die Dinge dringend ändern müssen. Aber viele nicht-Schwarze Menschen, die ich kenne, gingen schnell wieder zur Tagesordnung über und posteten auf Instagram lustige Memes und Eigenwerbung.
Die (nicht vorhandenen) Reaktionen warfen viele Fragen in mir auf. Wie soll ich mich fühlen, wenn in meiner Instagram-Timeline zum Teil aus Bildern von Grillabenden und Spaziergängen im Wald besteht und zum Teil aus Posts, in denen sich Menschen ihrer Privilegien bewusst werden und sich für Schwarze Menschen einsetzen? Wie soll ich reagieren, wenn mir der Typ, den ich seit einer Weile treffe, Fotos von seinem Frühstück schickt während unsere Stadt buchstäblich in Flammen steht? Der Kluft zwischen den Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen und denen, die es nicht taten, war enorm. Es erinnert mich an meine Kindheit, in der mir gezeigt wurde, dass ich anders bin – nur, dass es dieses Mal nicht so subtil ist.
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Ich bin in einem Teil von New Jersey aufgewachsen, in dem größtenteils weiße Menschen leben. Meine Eltern hatten sich bewusst dazu entschieden, mich dort großzuziehen und nicht in der größtenteils Schwarzen Nachbarschaft, in der ich zur Welt gekommen war. Sie sagten, sie wollten damit meine Chancen erhöhen, erfolgreich zu sein. Das hat jeden Teil meines Lebens beeinflusst – von der Art und Weise wie ich sprach (ich gab African American Vernacular English auf und benutzte stattdessen die “Standardsprache“) bis hin zu den Haar-Extensions, die ich mir machen ließ, um den Europäischen Schönheitsidealen zu entsprechen.
Den Großteil meines Lebens war mir mein Anderssein überaus bewusst. Und jedes Mal, wenn ich es kurz vergessen hatte, wurde ich durch Mikroaggressionen wieder daran erinnert – wie als eine weiße Klassenkameradin meine Braids „Pommes frites“ nannte. Oder als mir Erwachsene unangenehme Komplimente machten wie „Du sprichst ja so gut Englisch!?“ oder „Deine Haare sind so cool! Kann ich sie mal anfassen?“. Ich habe sogar erlebt, wie Bekannte ganz nebenbei das N-Wort verwendeten – und dann schnell noch „Nichts für ungut!“ ergänzten, als sie mich sahen. All das habe ich toleriert, weil es mir an Selbstbewusstsein fehlte oder ich nicht wusste, wie ich für mich selbst einstehen sollte. Ich akzeptierte, dass sie es nicht besser wussten und sie das Ergebnis unserer anti-Schwarzen, rassistischen Gesellschaft waren.
Meine engsten, längsten Freundschaften sind mit weißen Frauen. Meine Lieblingslehrer*innen waren weiß. Ich ging mit weißen Männer aus. Als ich jünger war, wollte ich so wie meine weißen Freund*innen behandelt werden, die nie auf ihre Hautfarbe oder ihren Background reduziert wurden. Aber mit zunehmenden Alter und durch die Proteste, die durch die jüngsten Morde an unbewaffneten Schwarzen Männern und Frauen ausgelöst wurden, wird es immer wichtiger für mich, als die Person gesehen, wertgeschätzt und respektiert zu werden, die ich bin. Ich will, dass die Menschen nicht einfach ignorieren, dass ich Schwarz bin. Mich gibt es nicht losgelöst von meiner Hautfarbe und meinem Background. Oder anders gesagt: Schwarz zu sein, ist ein Teil von mir.
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Ich bin dankbar für die weißen Freund*innen, die mich und uns unterstützen wollen und die sich ihrer Privilegien bewusst sind. Aber ich sehe auch die Menschen, die während dieser systematischen Unterdrückung schweigen.
Oft hinterfrage ich auch, wie aufrichtig die Unterstützung ist. Nehmen wir den “Blackout Tuesday“ als Beispiel, einen Tag, an dem nichts gepostet werden sollte, um dadurch die Aufmerksamkeit auf Schwarze Stimmen zu lenken. An dem Tag sah ich, wie weiße Menschen sich ihrer Privilegien bewusst wurden und schworen, besser zuzuhören und bessere Allys zu werden. Ich wollte mich der Erleichterung hingeben, endlich von Firmen, Marken und einigen Social-Media-Freund*innen wahrgenommen zu werden, aber ich war skeptisch. Wollen diese Menschen ihre Kraft und ihre Zeit wirklich dafür nutzen, um etwas zu verändern oder waren ihre Handlungen performative – sprich: Ging es ihnen nur darum, sich in der Öffentlichkeit als Ally darzustellen? Sind sie auch jetzt, Wochen nach dem “Blackout Tuesday“, noch offline aktiv oder war das Posten des schwarzen Quadrats ihre erste und zugleich letzte Handlung? Sprachen oder sprechen sie darüber, weil es jetzt “trendy“ ist, nicht rassistisch zu sein?
Obwohl die Black Lives Matter-Bewegung mittlerweile im Mainstream angekommen ist, haben sich einige weiße Menschen, die ich früher zu meinen Freund*innen gezählt hätte, immer noch nicht zu Wort gemeldet.
Es gibt keine allgemein gültigen Vorschriften, wie man zu reagieren hat, wenn deine Community in Lebensgefahr ist und sich die Leute, die dir am Herzen liegen, darüber keine Gedanken machen. Ich wurde bereits als Kind mit dem Thema Rassismus konfrontiert wurde, aber mir ist bewusst, dass das bei anderen nicht so war. Ich weiß nicht, was ich aktuell fairerweise von den nicht-Schwarzen Menschen in meinem Leben verlangen kann; aber ich weiß, es wäre nicht fair mir gegenüber, mich ausschließlich nach ihren Gefühlen richten zu müssen. Was ich sagen kann ist, es löst ein extrem ungutes Gefühl in mir aus, wenn weiße Menschen jetzt schweigen oder sich nicht aktiv engagieren.
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Ich möchte konkrete Allyship erleben. Echte Allyship ist der Beginn eines unangenehmen Dialogs. Es geht darum, bei Protesten Gesicht zu zeigen. Geld an Organisationen zu spenden, die sich für Schwarze Menschen einsetzen. Durch dein Werk die Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeiten zu lenken, wenn du künstlerisch tätig bist. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen.
Manche Menschen meinen, es wäre besser, nichts zu sagen, als über ein Thema zu sprechen, mit dem man sich nicht so gut auskennt. Ich denke, das ist nur eine Ausrede, damit man sich der Konversation entziehen kann. Schweigen ist Gleichgültigkeit. Schweigen ist Bequemlichkeit. Zu einer Zeit, in der der amerikanische Präsident das Militär auf Bürger*innen loslässt, die einfach nur ihr Gebrauch von ihren Grundrechten machen, ist Schweigen Gewalt.
Ich muss mich selbst immer wieder daran erinnern, dass ich nicht dafür verantwortlich bin, die Ignoranz und die Untätigkeit anderer auf meinen Schultern zu tragen. Es liegt nicht in meiner Verantwortung, zu erklären, warum “All Lives Matter”-Plakate problematisch sind, um es vorsichtig auszudrücken. Ich muss andere nicht persönlich über unsere Notlage unterrichten.
Ganz gleich, wie viele Infografiken, Erklärvideos oder Call-to-actions ihrer Lieblingscelebritys sie sehen: Manche Menschen werden weiter ignorant bleiben. Für mich persönlich ist die effektivste Möglichkeit, weißes Schweigen zu überstehen, eine Emotion nach der anderen zuzulassen und aufzuarbeiten. Dadurch mache ich mir selbst bewusst, dass mein Zorn, meine Wut und meine Enttäuschung zulässige Wege der Heilung sind.

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