Warum es mir so viel bedeutet, meine eigenen Braids flechten zu können

Image Courtesy of Christine Ochefu.
Es ist 8 Uhr morgens an einem Montag und meine Arme tun mir weh, weil ich den Großteil der letzten drei Tage dafür genutzt habe, Marley Twists in meine Haare zu machen – ein schützender Hairstyle, bei dem Extensions in die eigenen Locken gewebt werden. Die meisten Schwarzen Frauen, die ich kenne, können bestätigen, wie ermüdend es sein kann, den ganzen Kopf zu flechten. Für manche Styles musst du dich fast schon akrobatisch verbiegen. Doch so strapaziös der Prozess auch ist, am Ende lohnt er sich.
Wer sich jetzt fragt, warum mein Hairstyle eine so wichtige Sache für mich ist: Haare sind aus verschiedenen Gründen politisch und wirkungsvoll. Zum Beispiel werden viele Schwarze Frauen und Mädchen immer noch mit negativen gesellschaftlichen Standards für Afrohaare konfrontiert. In manchen US-amerikanischen Staaten wie New York und Kalifornien wurden endlich Maßnahmen in die Wege geleitet, die die rassistische Diskriminierung von Menschen, die bestimmte natürliche Hairstyles tragen, verbieten sollen, doch das heißt nicht, dass sie nicht trotzdem mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Und die führen auf die Dauert oft zu internalisiertem Selbsthass und Unzufriedenheit über die eigene Haarstruktur.
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Die Art und Weise, wie ich meine eigenen Haare über Jahre hinweg wahrgenommen habe, wurde maßgeblich von der negativen gesellschaftlichen Wahrnehmung Schwarzer Frauen und deren Aussehen beeinflusst. Als ich ein junges Mädchen war, war es unüblich Frauen im Fernsehen, in Magazinen oder generell in den Medien zu sehen, die Haare wie ich hatten. Und wenn dann doch mal jemand aussah wie ich, wurde die Person äußerst selten als Beispiel für Schönheit genommen.
Wie viele andere Schwarze Mädchen, die frustriert über ihre Haare waren, verbrachte ich einen Großteil meiner Kindheit damit, meine Haare chemisch zu glätten. Das Ziel war, sie zu "zähmen", händelbar zu machen, damit ich sie stylen kann. Und es gab natürlich auch ästhetische Gründe. Erst als Teenager beschloss ich irgendwann, meine natürlichen Haare tragen zu wollen, nachdem ich online Bilder von Schwarzen Frauen mit voluminösen, gesunden Locken und strahlendem Selbstbewusstsein sah – alles, was ich nicht hatte. Doch nachdem ich mich eine Weile erfolglos mit meinen jahrelang geglätteten Typ-4-Locken herumgeschlagen hatte, wollte ich verzweifelt aufgeben.
Auch wenn die Natural-Hair-Bewegung die Zukunft Schwarzer Frauen verändert und uns empowert, sind viele anfangs absolut ahnungslos, wenn es darum geht, die eigenen Haare zu managen. Es ist ein langwieriger Lernprozess, bei dem viel Herumprobieren und Experimentieren angesagt ist, bis du überhaupt Erfolge siehst. Für Menschen mit sehr krausen Haaren – mich eingeschlossen – können die Produktsuche, das Entwirren und das Styling extrem aufwendig sein. Deswegen kehren viele Frauen auch wieder zum Glätten zurück, weil es das ist, was sie kennen und beherrschen. Das muss natürlich jede*r für sich selbst entscheiden und ich bin die letzte, die sich da ein Urteil erlauben würde. Natural Hair ist keine Voraussetzung für eine gesunde Haarpflege und eine Dauerwelle bedeutet nicht automatisch, dass du deine natürliche Haarstruktur hasst. Aber viele von uns geben es deswegen irgendwann auf, zu einer natürlichen Struktur zu wechseln, weil sie einfach frustriert und überfordert sind. Und da helfen selbst die besten YouTube-Tutorials manchmal nicht.
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Durch Gespräche mit anderen Schwarzen Frauen habe ich herausgefunden, wie verbreitet das Gefühl der Frustration wirklich ist. „Ich dachte, meine Haare würden sofort fantastisch aussehen, wenn ich sie nicht mehr glätte, aber die ganze Angelegenheit ist schwieriger als gedacht“, sagt die 22-jährige Renee. „Ich weiß nicht, wie wichtige Schritte funktionieren, zum Beispiel in Strähnen einzuteilen, und das machte die ersten beiden Jahre sehr schwer für mich.“ Dazu kommt dann auch noch der Stress, Pflegeprodukte zu finden, die tatsächlich funktionieren – was ganz nebenbei auch noch richtig viel Geld kosten kann. Für den gesamten Prozess brauchst du unglaublich viel Geduld. Zu Natural Hair zu wechseln, ist eine echte Herausforderung. Und viele von uns haben dafür einfach nicht die Kraft, das Geld oder die Zeit. Die Jahre des falschen Umgangs und der fehlenden Informationen brachten mich dazu, mir Flechtfertigkeiten und andere Techniken anzueignen – ein Ziel, das machbar und langfristig gesehen hilfreich schien. Obwohl ich Natural Hair habe, probierte ich nur extrem selten die Protective Hairstyles aus, die meine Lieblings-Vlogger trugen, weil ich Angst hatte, zu scheitern. Also begann ich damit, meine Haare in einen hohen Dutt oder Pferdeschwanz zu binden. Dann folgten breite Cornrows und Twist-outs. So freundete ich mich Schritt für Schritt mit meiner natürlichen Haarstruktur an und lernte, mit ihr umzugehen. Das Ergebnis war zwar nicht immer perfekt, aber es war ein Prozess und ich begann, immer mehr über meine Haare zu lernen.
Ene Nwafor, eine Hairstylistin, die sich ihr Handwerk autodidaktisch beigebracht hat und privaten Flechtunterricht anbietet, sieht das ähnlich. „Ich habe mir früher stundenlang YouTube-Videos angeschaut, um neue Techniken zu lernen. Viele Schwarze Frauen machen das und es ist eine gute Möglichkeit, die Basics zu lernen.“
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Image Courtesy of Christine Ochefu.
Die Technik, an die ich mich als letztes herangetraut habe, sind Braids. Es ist eine ziemlich arbeitsintensiv und du brauchst dafür viel Geschick, also überlies ich es lange Zeit talentierten Menschen wie Friseur*innen oder meiner Mutter, die übrigens unglaublich schnell und sauber arbeitet.
Trotz meiner anfänglichen Enttäuschung, gab ich YouTube noch mal eine Chance – und wurde positiv überrascht! Meine allerersten selbst geflochtenen Braids symbolisierten einen Meilenstein auf meinem Weg dahin, meine natürlichen Haare kennen und lieben zu lernen.
Etwas, das mir aufgefallen ist, als ich auf YouTube nach Tutorials gesucht habe, ist der demografische Wandel: Mädchen im Teenie-Alter brachten mir das Flechten bei. Sie sind unglaublich talentiert darin, ihre Haare zu stylen und das erfüllt mich mit Stolz. In ihrem Alter hatte ich keine Ahnung von Natural Hair. Das ist eine wirklich beachtliche positive Entwicklung, finde ich! Als Mitglied der afrikanischen Diaspora flechten zu lernen, hat eine große Bedeutung und dessen bin ich mir absolut bewusst. Und die Möglichkeit, die Fertigkeit von Generation zu Generation weitergeben zu können, ist wundervoll. Lola sieht das ähnlich: „Als Nigerianerin der zweiten Generation war es eine kulturelle Bindungserfahrung, mir die Haare von meiner Mutter flechten zu lassen und ein Zeichen meiner Herkunft“, so die 22-Jährige. „Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, zu wissen, dass ich ein Teil dieser Geschichte sein und mein Wissen irgendwann an meine Kinder weitergeben kann.“
Ich glätte meine Haare zwar schon seit fast zehn Jahren nicht mehr, sie zu flechten habe ich aber erst vor einem Monat gelernt. Nach all diesen Jahren des immer wieder Hinfallens und Aufstehens fühlte sich das wie ein echter Triumph an. Auch wenn es viele Stunden gedauert hat und das Ergebnis immer noch nicht perfekt ist, fühlt es sich großartig an, einen Hairstyle kreieren zu können, der so bedeutend für mich und viele andere Schwarze Frauen ist.
Es ist fantastisch, heute die Kenntnisse zu haben, von denen ich als Teenager geträumt habe. Styling-Herausforderungen wie diese zu meistern kann für Schwarze Frauen einen wichtigen Schritt in Sachen kultureller Wandel darstellen – besonders was unsere Eigenwahrnehmung angeht und unseren Weg, unsere Haare zu akzeptieren und zu lieben.

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