Butch-Lesbe & Mutter: So schön ist Schwangerschaft außerhalb binärer Normen

An einem Punkt hat Ari Fitz einfach vergessen, dass sie eine Gebärmutter hat. Die YouTuberin ist eine Schwarze, queere Frau, die sich in der Klischee-Darstellung der Maskulinität wohlfühlt. Das Label für Frauen, die sich der gesellschaftlichen Binaritätsnorm entsprechend maskulin präsentieren, ist "Butch". Im Gespräch erzählt sie uns, dass sie begann diese Seite mit Kleidung und ihrem Lebensstil mehr und mehr nach außen zu tragen, und parallel dazu das Gefühl in ihr aufkam, dass sie etwas, das von der Gesellschaft als "weiblich" betrachtet wird (wie z.B. eine Schwangerschaft) nicht für sie in Frage kommen kann.
Erst als YouTuberin Frankie Smith, eine Butch-Lesbe, schwanger wurde und das öffentlich zeigte, machte sich Fitz Gedanken darüber, warum sie Schwangerschaften und Maskulinität so strikt trennte. Aus dieser Überlegung heraus entstand der Dokumentarfilm My Mama Wears Timbs (Meine Mama trägt Timberland-Boots). Darin wird Smiths Erfahrung als schwangere, Schwarze Butch-Frau gezeigt.
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Zu Beginn ihrer Schwangerschaft wandte sich Smith an Fitz, um ein Video für Umstandsmode für ihren YouTube-Kanal zu drehen. Als Fitz jedoch anfing, nach Fotoshootings mit schwangeren Frauen zu googeln, stellte sie fest, dass kaum eine so aussah wie Smith.
„Meistens tragen die Frauen in den Schwangerschaftsfotos ein Sommerkleid und Blumenkränze. An ihrer Seite ist der Freund oder Ehemann und oft findet das Shooting in der Natur statt. Schwangere wie ich oder meine Freund*innen bleiben da außen vor“, so Fitz im Interview.
Natürlich spricht nichts gegen diese Art von Bildern, aber sie porträtieren und reproduzieren nun einmal sehr heteronormative Blickwinkel auf die Schwangerschaft – ein Narrativ, das Personen wie Smith und Fitz oft nicht einschließt. Fitz weiß, dass dieses Thema sehr wichtig ist und darüber gesprochen werden muss. Mit dem Dokumentarfilm will sie zeigen, dass „Maskulinität und Mutterschaft in einer Person existieren können“, sagt sie.
Und sie hat recht. Es sollte nicht so schwierig sein zu akzeptieren, dass Smith Butch und eine cisgender Frau ist, und dass sie mit ihrer Partnerin gemeinsam entschieden hat, ein Kind auszutragen. Doch wenn die Leute Smith in ihren Snapbacks und "Männer"jeans sehen, haben sie Schwierigkeiten, den Babybauch mit ihrer Identität als Butch zu vereinbaren.
„Wenn du lesbisch bist, bist du schon abseits der Norm. Und wenn du dann als Frau nicht traditionell feminin bist, weichst du schon wieder von der Norm ab“, sagt Smith im Video. „Also, was auch immer du tust, du wirst in eine Schublade gesteckt und es wird von dir erwartet, dass du nichts machst, was außerhalb dieser Schublade liegt.“
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Fitz vermutet, dass auch Smith und andere schwangere Butch-Frauen sowie nicht-binäre oder trans Personen, die gesellschaftlich als männlich gelesen werden, seltsame Blicke erhalten oder andere verwirren, weil sie keinen konventionellen Geschlechtszuordnungen entsprechen. Das Problem, sagt sie, ist, dass die Menschen Schwierigkeiten haben, Überschneidungen zu verstehen – oder sie ganz einfach nicht verstehen wollen.
„Es gibt Menschen, die dich akzeptieren, weil sie kein Problem mit der Darstellung von Maskulinität haben“, sagt Fitz. „Die Leute glauben, sie wären offen, aber letztendlich stecken sie dich in altbekannte Schubladen.“
Das Männlichkeitsbild, das wir als Gesellschaft verstehen, lässt keine „weiblichen“ Wünsche wie eine Schwangerschaft zu. Wenn eine maskuline queere Frau in einer Beziehung mit einer femininen Frau ist, dann wird automatisch angenommen, dass die femininere Frau ihr gemeinsames Kind austrägt. Doch das ist nicht immer der Fall und im Grunde spielt die Art und Weise, wie ein Paar wie Smith und ihre Partnerin ein Baby bekommen, keine Rolle.
„Kinder kümmern sich nicht darum, wie du gekleidet bist“, sagt Fitz. „Ein Baby macht sich keine Sorgen darüber, ob seine Mutter ein Kleid trägt oder nicht.“
Es ist zwei Jahre her seit der Veröffentlichung von My Mama Wears Timbs. Wie Smith uns per E-Mail mitteilt, geht es ihr so gut wie noch nie. Mittlerweile haben sie und ihre Partnerin sogar ein zweites Kind bekommen. Dieses Mal hat aber Smiths Frau Tia das Baby ausgetragen. Die beiden sind damit beschäftigt, die Freuden und Herausforderungen zu ergründen, die ihre kleine Familie mit sich bringt. Sie haben keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, ob ihre Familienkonstellation in den Augen anderer normal ist oder nicht – bis hin und wieder Fremde anfangen ihnen Fragen zu stellen.
„Ehrlich gesagt, vergesse ich manchmal, dass wir lesbische Eltern sind, bis jemand im Supermarkt Tia und mich fragt, ob wir Schwestern sind. Oder die gute alte ,Wer ist die Mutter?!’-Frage ist eine, die wir auch oft zu hören bekommen. Als Cody zur Welt kam, waren wir eher zaghaft und sagten manchmal sogar: ,Ja, wir sind Schwestern’, nur um aus der unangenehmen Situation herauszukommen. Aber jetzt sagen wir immer: ,Nein, wir sind keine Schwestern, wir sind verheiratet und das sind unsere Kinder.’ Wir sind stolz auf unsere Familie und wollen die Wahrheit nicht mehr verschweigen, nur damit wir andere Menschen nicht vor den Kopf stoßen. Außerdem tut es wirklich gut, für die Normalisierung nicht-heterosexueller Familien einzustehen.“
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