Solidarität mit der LGBT-Gemeinschaft: Mehr Que(e)rgedanken, bitte!

Foto: Lia Haubner
Manchmal reicht die Ungerechtigkeit nicht nur bis zum Tod, sondern auch darüber hinaus: Es ist grausam, dass bei dem Attentat in einem Club für Schwule und Lesben in Orlando am Sonntag 50 Menschen getötet und 53 verletzt wurden – die Reaktionen von Angela Merkel & Co. machen mich noch trauriger.

Berlin, Amerikanische Botschaft, es ist Montag, 12 Uhr: Hier vor dem Brandenburger Tor versammeln sich nun an die Hundert Menschen, nachdem der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Berlin-Brandenburg einen Aufruf startete, gemeinsam an dieser Stelle den Opfern des Massakers in Orlando zu gedenken. Man will in der Gemeinschaft Blumen niederlegen und ein Zeichen gegen Hass, Homophobie und Transphobie setzen. Es liegt ein Kondolenzbuch öffentlich aus, in dem unter anderem auch Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir und Berlins Integrationssenatorin, Dilek Kolat (SPD) ihr Beileid bekunden.

Drei Stunden später: Ich komme an der amerikanischen Botschaft an und was sehe ich? Nicht viel. Ein paar bunte Blumen und Regenbogenfähnchen – aber wo sind die Menschen, die die Kerzen anzünden oder ungläubig mit dem Kopf schütteln? Wo sind die Plakate und vor allem: Wo ist das Kondolenzbuch? Ich frage die netten Herren vor der Botschaft und da sagte man mir doch glatt, dass das Buch schon längst wieder eingeschlossen in der Botschaft sei und nun bald nach Florida geschickt werden würde. Wow. Ich wusste nicht, dass man für die Trauer nicht mal ein Zeitfenster von drei Stunden hat.

Die meisten, die jetzt vor dem Blumen-Fahnen-Haufen stehen bleiben, machen kurz ein Foto fürs Urlaubsalbum – Farben machen sich schließlich auf Bildern immer gut – und gehen weiter. Das sind eindeutig Touristen, die eigentlich hier hergekommen sind, um das lustige Bild mit den Pantomimen vor dem Brandenburger Tor zu machen.
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Auch wenn solche mörderischen Anschläge uns in tiefe Trauer versetzen, sind wir doch fest entschlossen, unser offenes, tolerantes Leben fortzusetzen

Angela Merkel


Auf eine junge Frau treffe ich, die eine Pappe mit der Aufschrift "LGBT Geschwister aus Orlando - wir lieben und unterstützen euch. Das war eine Hass-Tat gegen die LGBT-Gemeinschaft. Denkt daran" an die Absperrung zur US-Botschaft klebt. Sie heißt Chris, kommt aus London, ist 21 Jahre alt und erzählt mir, dass sie selbst queer liebt. Dass nun nach der Schreckenstat diskutiert wird, ob das Motiv Terror sei oder aber, ob es sich gezielt um ein Attentat auf die homosexuelle Gesellschaft handle, schockiere sie zutiefst. Mich auch. Denn das eine schließt das andere nicht aus und die Zielscheibe ist eindeutig. „In vielen Medienberichten wird sogar nicht erwähnt, dass es sich bei dem Club Pulse um eine Disco für Schwule und Lesben handelt", sagt sie entsetzt. Auf ihrer Lederjacke prangen Buttons, in Regenbogenoptik, mit Gleichheitsforderungen und Bi-Bekenntnissen. Chris aus England war die Einzige, die einige Zeit mit mir vor dem blumigen Denkmal verweilte. Die kam, um Anteil zu nehmen und das zu sagen, was sie fühlt.

Leider schiffte sich auch Frau Merkel um ihre Bredouille, das Kind beim schwulen Namen zu nennen: „Unser Herz ist schwer, dass der Hass und die Bösartigkeit eines einzelnen Menschen über 50 Leben gekostet hat", sagte sie am Rande der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Peking. „Auch wenn solche mörderischen Anschläge uns in tiefe Trauer versetzen, sind wir doch fest entschlossen, unser offenes, tolerantes Leben fortzusetzen.” Wieso fällt denn das Wort Homophobie nicht? Weder der Herr Bundespräsident, noch der Außenminister fanden klarere Worte.

Leider schiffte sich auch Frau Merkel um ihre Bredouille, das Kind beim schwulen Namen zu nennen

Edith Löhle
Von der Regenbogenstadt Berlin hätte ich mir nach dieser Tragödie doch etwas mehr Farbe gewünscht. Aber anscheinend wird bei Opfern wirklich mit unterschiedlichem Maß gewertet: Bei dem furchtbaren Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Frankreich mussten 28 Menschen ihr Leben lassen und die Anteilnahme war weltweit größer. Warum ist das Mitleid nicht ganz so spürbar bei 50 Menschen, die in einem Club für Schwule und Lesben feierten? Ist es, weil Frankreich einfach näher an uns dran ist, oder aber weil sich die Nachrichten von Terror so häufen, dass man nicht mehr das fühlt, was man noch vor eineinhalb Jahren gefühlt hat?

Zuhause angekommen will ich wenigstens mein Facebook-Profilbild solidarisch einfärben. Und auch da hat meine Anteilnahme anscheinend das falsche Timing: Die Funktion bei Facebook war nur möglich, als man die Legalisierung der Homo-Ehen in den USA feierte – der Link facebook.com/celebratepride ist abgelaufen. Zum Glück gibt es verschiedene Webseiten, die helfen können (hier zum Beispiel) und somit appelliere ich für mehr Queergedanken! Für Orlando.
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