Sexuelle Gewalt in Indien: So wehren sich Dalit-Frauen gegen diese Epidemie

Am 14. September 2020 wurde die 19-jährige Manisha Valmiki in Uttar Pradesh, im Norden Indiens, vergewaltigt. Bei dem Übergriff, der angeblich von vier Männern durchgeführt wurde, wurde ihr die Zunge zerschnitten und die Wirbelsäule gebrochen. 15 Tage später starb sie an ihren Verletzungen. Eine Woche später kam eine andere junge Frau in Indien auf dem Weg ins Krankenhaus ums Leben, nachdem sie ihrer Mutter zufolge von einem Rikscha-Fahrer nach Hause gebracht und „vor unser Haus geworfen“ worden war und „kaum stehen oder sprechen konnte.“ Auch sie war scheinbar zu einem Opfer sexueller Gewalt geworden. Wie Manisha lebte die 22-Jährige in Uttar Pradesh und gehörte der Dalit-Gemeinschaft an. Diese gilt als unterste indische Kaste.
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Daraufhin machte sich im gesamten Land eine Welle der Empörung breit. Protestschilder mit Manishas Namen waren in Neu-Delhi und anderen indischen Städten zu sehen. #JusticeForManishaValmiki wurde zum Trending-Hashtag auf Twitter und alle – von Bollywood-Prominenten bis hin zu indischen Kricket-Stars – begannen, sich zu den Vorfällen zu äußern. Dabei wurde ein roter Faden erkennbar: Diese Angriffe waren nicht bloß bedauernswerte Einzelfälle, sondern Teil einer gewalttätigen Epidemie, die nicht ignoriert werden darf und die nach Gerechtigkeit für unzählige Opfer schreit.
„Zum ersten Mal lösten sexuelle Übergriffe von Dalit-Frauen und -Mädchen landesweit öffentliches Entsetzen aus“, sagte Divya Srinivasansouth, Asienreferentin bei Equality Now gegenüber Refinery29. „Die Zahl der Dalit-Aktivist:innen und Gruppen, die Proteste organisierten, war so hoch wie nie zuvor.“
Diese beiden Übergriffe ereigneten sich ein paar Monate, nachdem vier Männer für eine Gruppenvergewaltigung und einen Mord aus dem Jahr 2012 gehängt wurden. Bei dieser schrecklichen und brutalen Attacke wurde das Opfer unter dem Namen Nirbhaya bekannt, was auf Hindi „mutig“ bedeutet. Diese Ereignisse führten der Welt vor Augen, was für ein brennendes Problem sexuelle Gewalt in Indien ist. Aktivist:innen und Mitglieder der Dalit-Gemeinschaft in Indien hatten sich aber bereits seit Jahren gegen Diskriminierung und Angriffe, die auf Kastenzugehörigkeit basieren, ausgesprochen. Ihre Appelle für Gerechtigkeit und Veränderung wurden bisher aber weitgehend ignoriert.
Dalit-Frauen und -Mädchen werden überdurchschnittlich häufig Opfer von sexueller Gewalt und haben gleichzeitig die geringsten Chancen, Zugang zu Gerechtigkeit zu erhalten. Das indische Kastensystem teilt Menschen bei der Geburt in soziale Gruppen und zeichnet sich durch eine strenge Rangordnung aus. Bevor es 1950 abgeschafft wurde, war es tausende Jahre lang in Kraft gewesen. Der indischen Verfassung zufolge dürfen Inder:innen nicht aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit diskriminiert werden. Die Realität sieht jedoch anders aus: Diskriminierung an den Schnittstellen von Kaste, Klasse und Geschlecht ist an der Tagesordnung. Obwohl dieses System offiziell nicht mehr existiert, lebt die Struktur größtenteils immer noch weiter. Das beeinträchtigt die indische Gesellschaft immens.
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Die klassische Ordnung des Kastensystems gliedert sich in vier „Hauptkasten“ (sogenannte Varnas.) Die Brahmanen als oberste Kaste sind besonders hoch angesehen. Darunter rangiert die Kaste der Kshatriyas. Darauf folgen die Vaishyas. An unterster Stelle der vier Varnas stehen die Shudras. Außerhalb dieser Varnas stehen die „Unberührbaren“, die auch Paria und Harijans genannt werden. Viele Menschen, die zu dieser sozialen Gruppe gezählt werden, lehnen diese Bezeichnung aber ab. Sie selbst nennen sich „Dalits“ und betrachten sich als Nachfahren der indischen Ureinwohner:innen. Dalits werden im Westen häufig als „Kastenlose“ bezeichnet, was aber nicht genau zutrifft. Die Dalits oder Unberührbaren bilden eine Kaste, die allerdings nicht zu den Varnas in der Pyramide zählt. Zusammen mit den Adivasis, die ebenfalls sozial und wirtschaftlich ausgegrenzt werden, machen die Dalits etwa 25 Prozent der indischen Bevölkerung aus. Sie sind jedoch überproportional stark von geschlechtsspezifischer Gewalt und anderen Formen von Unterdrückung betroffen. Die Coronavirus-Pandemie hat ihre Marginalisierung nur noch verstärkt.
Swabhiman Society, eine von Dalit-Frauen geleitete Organisation, und Equality Now haben in einem gemeinsamen Bericht vom November 2020 aufgezeigt, dass dominante Kasten Gewalt und sexuelle Nötigung systematisch einsetzen, um Dalit-Frauen und -Mädchen zu unterdrücken und strukturelle Geschlechter- und Kastenhierarchien zu verstärken.
Die Historikerin Uma Chakravarti prägte den Begriff „Brahmanisches Patriarchat“, um zu beschreiben, wie Strukturen des Kastensystems durch die Kontrolle der weiblichen Sexualität – auf staatlich sanktionierte Weisen wie zum Beispiel durch Vergewaltigungen – aufrechterhalten werden. Diese Bezeichnung bezieht sich im Wesentlichen darauf, wie patriarchalische Ordnungssysteme in Gesellschaften, die nach sozialen Gruppen organisiert sind, aufgebaut sind.
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„Im indischen System wird die Kaste mit dem sozialen Geschlecht gleichgesetzt und dieses wird oft durch die Kaste konstruiert“, sagte Kiruba Munusamy, eine Anwältin des Obersten Gerichtshofs Indiens und Gründerin von Legal Initiative For Equality, während eines Instagram-Live-Gesprächs mit Stellvertreter:innen des Dalit Queer Projects. „Das Kastensystem ist so aufgebaut, dass es Männer begünstigt und Frauen in keiner Weise zugutekommt.“
Neuesten Daten zufolge wurden 2019 in Indien durchschnittlich 87 Vergewaltigungsfälle pro Tag gemeldet, was einen Anstieg von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr darstellt. Es wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Vorfälle aber nicht angesprochen werden. Der Bericht Justice Denied fand heraus, dass täglich zehn Dalit-Frauen und -Mädchen vergewaltigt werden. 2018 kam ein Umfrage der Thomson Reuters Foundation zum Schluss, dass Indien das „gefährlichste Land für Frauen“ sei.
Diese Behauptung wurde jedoch von indischen Frauen – einschließlich der Nationalen Kommission für Frauen des Landes – zurückgewiesen. Ihnen zufolge liegt der Grund dafür, warum die Zahl der Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe ansteigt, darin, dass jetzt mehr Frauen solche Attacken melden, und nicht darin, dass mehr von ihnen passieren. Das indische Ministerium für Frauen und Kindesentwicklung bezeichnete das Umfrageergebnis als „Versuch, das Land schlechtzumachen“ und die Aufmerksamkeit von den Fortschritten, die in den letzten Jahren verbucht werden konnten, wegzulenken.
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Selbst wenn das tatsächlich der Fall ist und jetzt einfach mehr Fälle bei der Polizei angesprochen werden, werden die Täter deshalb noch lange nicht unbedingt zur Rechenschaft gezogen. Der Bericht Justice Denied fand heraus, dass nur zehn Prozent der Vorfälle, in denen Dalit-Frauen zu Opfern sexueller Gewalt wurden, mit einer Verurteilung des Täters endeten. Außerdem gehörte in fast 90 Prozent der Angriffe mindestens einer der Männer, die des Verbrechens beschuldigt wurden, einer dominanten Kaste an.
„Wegen der gegenwärtigen Hierarchiestrukturen, die immer noch im ehemaligen Kastensystem verwurzelt sind, glauben Täter der oberen sozialen Gruppen, dass sie mit ihren kriminellen Handlungen straffrei durchkommen können, wenn sie Dalit-Mädchen vergewaltigen. Diese Denkweise kann auf ihre Position in der gesellschaftlichen Ordnung zurückgeführt werden, die es für Opfer von sexueller Gewalt schwieriger macht, ihre Peiniger anzuzeigen und Gerechtigkeit zu erhalten“, sagt Srinivasansouth. Die Asienreferentin hebt ebenfalls hervor, dass es sich bei diesen sexuellen Übergriffen oft um Gruppenvergewaltigungen handelt und die Polizei es oft unterlässt, Ermittlungen anzustellen. Manchmal werden Opfer oder ihre Familien sogar unter Druck gesetzt, damit sie ihre Anzeigen fallen lassen.
„Überlebende oder ihre Familienmitglieder werden häufig zu Kompromissen gedrängt. Sozialer Druck spielt hier ebenfalls eine große Rolle und kann den Zugang zur Justiz in solchen Fällen erschweren oder unmöglich machen“, erklärt Manisha Mashaal, Gründerin der Swabhiman Society. „Ein weiteres Problem ist der Mangel an qualitativ hochwertigen und effektiven Systemen, die Opfern von Gewalt und ihren Familien sofortige soziale, rechtliche und psychische Unterstützung sowie eine angemessene und rechtzeitige Rehabilitation bieten.“
Deshalb organisieren sich Dalits seit einiger Zeit immer mehr untereinander und leisten zunehmend Widerstand. Gruppen wie Dalit Women Fight, Dalit Human Rights Defenders Network und Munusamys Projekt Mapping Caste Atrocities kämpfen gegen das brahmanische Patriarchat und Diskriminierung, die auf dem früheren Kastensystem basiert und dessen hierarchischen Strukturen sich bis heute noch bemerkbar machen.
„Dalit-Frauen und -Mädchen werden sich der Rechte und der Gesetze, die sie schützen sollen, immer mehr bewusst“, sagte Manjula Pradeep, Kampagnendirektorin beim Dalit Human Rights Defenders Network und Gründerin der WAYVE Foundation, gegenüber Refinery29. „Viele Dalit-Frauen, die Überlebende von sexueller Gewalt sind, verwandeln sich in Menschenrechtsverteidigerinnen. Sie werden Anwältinnen und unterstützen andere Dalit-Frauen und -Mädchen, die sexuelle Übergriffe überlebt haben, dabei, Schutz zu erhalten, Zugang zu Gerechtigkeit zu bekommen und in Würde zu leben.“

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