Sarah McBride hat gerade Geschichte geschrieben – als erste trans US-Senatorin. Ein Interview

Während die Frage nach der Präsidentschaft ihres Landes noch immer ungeklärt ist, hat die Demokratin Sarah McBride am Dienstagabend ihre ganz persönliche historische Wahl bereits gewonnen: In ihrem Heimatstaat Delaware wurde sie in den Senat gewählt – und ist damit die höchstrangige trans Politikerin der Vereinigten Staaten.
Bis es so weit kommen konnte, musste McBride einen weiten Weg zurücklegen, gepflastert mit lebhaften Erinnerungen an Meilensteine ihrer politischen Karriere. Eine sticht besonders hervor; sie stammt aus dem Jahr 2013. Darin ist McBride gerade in ihrem letzten Studienjahr, steht im Plenarsaal des Delaware State Senate – und kämpft an der Seite des inzwischen verstorbenen Beau Biden, damals noch Generalbundesanwalt von Delaware, tränenreich um ihre Würde. Mit Erfolg: Der Gender Identity Nondiscrimination Act wird abgesegnet, mit nur einer Mehrheitsstimme.
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Und heute steht McBride nun selbst kurz davor, ein Teil ebenjenes Senats zu werden, um Delawares First District zu vertreten – und damit gleichzeitig die höchstrangige trans Politikerin des gesamten Landes zu werden. Die nötige Erfahrung bringt sie mit: Jahrelang setzte sie sich als Pressesekretärin der Human Rights Campaign für LGBTQ+-Rechte ein, und im Jahr 2016 trat sie erstmals ins nationale Rampenlicht, als sie sich während einer Rede beim demokratischen Nominierungsparteitag als „stolze transgender Amerikanerin“ bezeichnete – als erste Politikerin überhaupt. 
Inmitten einer Präsidentschaftswahl, in der Themen sozialer Gerechtigkeit – und somit auch die Rechte von trans Personen – eine größere Rolle spielten denn vielleicht je zuvor, steht McBride für den frischen Wind in der amerikanischen Politik. Sie ist eines von vielen LGBTQ+-Gesichtern, die sich in dieser Wahlperiode haben aufstellen lassen – und erfolgreich gewählt wurden. Vor der Wahl unterhielt sie sich mit Refinery29 darüber, was Senator:innen tun können, um Gewalt an transgender Personen zu verhindern, was echte Repräsentation in der Regierung eigentlich bedeutet, und über ihre Beziehung zur Biden-Familie, die sie unterstützte, als sie sich 2012 öffentlich outete.
R29: Wann wussten Sie, dass sie Politikerin werden möchten? Ich erinnere mich, dass Sie beim demokratischen Parteitag 2016 sagten, sie hätten früher geglaubt, ihre Identität und ihre Träume würden einander ausschließen. Wann begriffen Sie, dass sich diese Träume sehr wohl umsetzen lassen?
„Mit diesen Träumen meinte ich damals die Vorstellung, eines Tages eine Community zu finden, Liebe zu finden, professionelle Erfüllung zu finden. Ich träumte davon, einen echten Unterschied zu machen. Es ging mir dabei nie um eine Position oder einen Titel; sondern immer darum, wo ich den größten Unterschied machen könnte. Ich habe mich schon sehr früh politisch engagiert, aber die Vorstellung, jemand wie ich könnte tatsächlich eine wichtige politische Rolle einnehmen, kam mir immer unerreichbar vor. Dann sah ich aber das Potenzial unserer Community, das Potenzial der Delaware’schen Gesetzgebung. Ich sah all die unvollständige Arbeit – und diesen neuen leeren Sitz im Senat. Es war einfach die richtige Zeit, der richtige Ort dafür, mich einzusetzen.“
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Als trans Person haben Sie – und viele andere – das Gefühl, vor unüberwindbaren Hürden zu stehen. Ich persönlich musste erstmal begreifen, dass es diese Hürden gar nicht wirklich gibt, oder zumindest, dass man sie durchaus niederreißen kann.
„Genau so ist es. Ich bin optimistisch und hoffe, dass unsere Demokratie den Kampf wert ist. Immerhin haben wir in den letzten zehn Jahren gesehen, dass sich unsere Gesellschaft durchaus verändern kann. Das, was ich damals für unmöglich hielt, ist heute nicht bloß eine Möglichkeit, sondern in vielen Fällen sogar Realität. Die richtigen, mutigen Leute können selbst in unserem System so viel für diejenigen erreichen, die diese Hilfe so dringend brauchen.“
Eine dieser Veränderungen war die Entscheidung des Verfassungsgerichts, dass LGBTQ+-Personen dank Bostock V. Clayton County im Arbeitsumfeld nicht diskriminiert werden dürfen. Ich hatte den Eindruck, dieses Urteil hatte niemand kommen sehen. Was war Ihre erste Reaktion?
„Erleichterung und Überraschung. Die Richter:innen dieses Verfassungsgerichts wurden zum Großteil von republikanischen, konservativen Präsidenten gestellt. Ich hatte große Angst, dass die Verhandlung scheitern würde, nachdem die Argumente zur trans Position vorgestellt worden waren. Nicht, weil das Gesetz gegen uns wäre – tatsächlich zeigen uns Präzedenzfälle, dass das Gericht uns LGBTQ+-Personen durchaus beschützt –, aber weil wir uns darum Sorgen machten, ob das mangelnde Verständnis gegenüber trans Personen einem objektiven Urteil im Weg stehen könnte.
„Offensichtlich muss sich aber in den Herzen und Köpfen unserer Gesellschaft noch viel tun, und wir sind noch weit entfernt von einer Welt, in der vor allem trans People of Color vor Gewalt sicher sind. Denn so toll das Bostock-Urteil auch ist – es wirkt sich eben nur auf manche Lebensbereiche aus, nicht auf öffentliche Räume und Einrichtungen.“
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Was bedeutet es für Sie, die LGBTQ+-Community im Senat zu vertreten?
„Vor allem verleiht uns das symbolische Stärke. Wie dieses alte Sprichwort schon sagt: ‚Du kannst nicht sein, was du nicht siehst.‘ Wenn also eine transgender Person gewählt wird und auf irgendeiner politischen Ebene dienen darf, sendet das einem jungen Kind irgendwo eine Message, das vielleicht noch nicht ganz weiß, wer und wo es mal sein will. Wenn es an diesem Abend schlafen geht, weiß das Kind: Egal, welche Beleidigungen ihm auf dem Spielplatz um die Ohren gehauen wurden – in unserer Demokratie gibt es immer einen Platz für sie oder ihn. Dieses Wissen kann Leben retten, oder sie zumindest verändern. 
„Außerdem werden Diskussionen immer abstrakt bleiben, wenn am Diskussionstisch niemand sitzt, den die Themen tatsächlich betreffen. Vielseitige Repräsentation verleiht eben den Sorgen der Personen Glaubwürdigkeit, die da sind, um sich für sie einzusetzen. Eine Regierung kann eine gesamte, vielseitige Gesellschaft nur dann sinnvoll regieren, wenn sämtliche Seiten ein Teil ebenjener Regierung sind. Das gilt natürlich nicht nur für die LGBTQ+-Bevölkerung. Es kann keine Regierung des Volkes, vom Volk, fürs Volk geben, wenn darin nicht das ganze Volk vertreten ist. Diversität in der Regierung ist kein Luxus, sondern eine Grundkomponente einer gesunden Demokratie.“
Traurig, aber wahr: 2020 gab es so viele Morde an transgender Personen wie nie zuvor. Was können andere Senator:innen  ihnen gleichtun, um Gewalt und Diskriminierung an transgender Personen zu verhindern?
„Ich liebe es, wie Sie diese Frage formuliert haben – manchmal bekomme ich nämlich eine sehr spezifische Frage gestellt: ‚Wie wollen ausgerechnet Sie Gewalt an transgender Personen verhindern?‘ Dabei sollte diese Frage nicht bloß mir, sondern jedem Politiker, jeder Politikerin gestellt werden.
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„Um gegen diese Epidemie der Gewalt vorzugehen, gibt es einige Schritte, die wir einleiten müssen – insbesondere in Bezug auf Schwarze trans Frauen. Komplette rechtliche Gleichberechtigung sollte natürlich die absolute Basis sein, und gesetzlicher Schutz vor Diskriminierung kann trans Personen auch leichteren Zugang zu Jobs, Unterkünften und Dienstleistungen sichern.
„Auch wirtschaftlich ließe sich da einiges tun – angefangen damit, in LGBTQ+-geführte Geschäfte zu investieren. Damit es davon möglichst viele gibt, müssen wir unsere Schulen für LGBTQ+-Schüler:innen sicher machen, damit sie die Ausbildung bekommen, mit der sie nicht nur über die Runden kommen, sondern sich ein tolles Leben aufbauen können. Denn oft ist die Gewalt an trans Personen eben mitunter ein Nebenprodukt von Vorurteilen, Diskriminierung und institutionellen Hürden, die trans Personen aus der Arbeitswelt und ihren Unterkünften auf die Straße zwingen. 
„Wir müssen sicherstellen, dass wir in jeglicher Hinsicht auf gesellschaftliche Gleichberechtigung zusteuern. Wir brauchen Reformen und Umgestaltungen unseres Justizsystems, damit es die Würde jedes Menschen wahrt. Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das die vielseitigen und einzigartigen Bedürfnisse von LGBTQ+-Personen anerkennt – ob das nun HIV-positive Menschen sind, trans Personen, die dringend medizinische Versorgung brauchen, oder gleichgeschlechtliche Paare, die eine Familie gründen wollen. Und vor allem brauchen wir Politiker:innen, die in ihrer Rhetorik und ihren Handlungen die Würde und Menschlichkeit jeder Person respektieren.“
Sie kennen Joe Biden jetzt schon eine ganze Weile. Er hat sogar das Vorwort zu ihrem Buch, Tomorrow Will Be Different: Love, Loss, and the Fight for Trans Equality, geschrieben. Wie würden Sie ihn beschreiben?
„Joe Biden ist ein anständiger, gutherziger und einfühlsamer Mann – hinter geschlossenen Türen genauso wie in der Öffentlichkeit. Ich habe für [seinen Sohn] Beau Biden gearbeitet, der für mich ein Chef, ein Mentor und Freund war. Ich habe ihm bei seinen Kampagnen geholfen, und auch mit ihm am Anti-Diskriminierungs-Gesetz gearbeitet. Joe Biden ist ein Mensch, der genau hinhört und sich deine Worte zu Herzen nimmt. Er hat selbst unglaubliche Trauer erlebt, hat aber erkannt, dass er diesen Schmerz am besten verarbeitet, indem er aus ihm neuen Antrieb schöpft. In vielerlei Hinsicht lebt Beaus Vermächtnis in Joe Biden weiter; auch sein Einsatz für die LGBTQ+-Gleichberechtigung. Joe war in der Hinsicht nicht bloß Präsidenten und Vize-Präsidenten weit voraus, sondern so ziemlich allen anderen nationalen Politiker:innen, als er Transgender-Rechte einen Aspekt der Menschenrechte nannte.
„Ich habe die Tränen in seinen Augen gesehen, wenn er über Gewalt an trans Frauen spricht. Ich habe die Leidenschaft in seiner Stimme gehört, wenn er vom Equality Act spricht, der jegliche Diskriminierung aufgrund von Gender oder sexueller Orientierung verbieten würde. Und ich habe sein großes Herz selbst erleben dürfen, als er und seine Familie mich nach meinem Coming-out in die Arme schlossen, ohne auch nur eine Sekunde verstreichen zu lassen. 
„Was gute Anführer:innen ausmacht, ist ihre Bereitschaft, hinzuhören, zu wachsen, Fehler zuzugeben, und ihre Empathie und ihr Mitgefühl für Gutes zu nutzen – und das hat Joe Biden für die LGBTQ+-Gleichberechtigung getan. Und das ist einer der Gründe, warum ich stolz darauf bin, ihn zu unterstützen.“ 

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