Wie gefährlich ist es eine schwarze Frau in Brasilien zu sein?

Am Ende der zweiten Episode von Fundamental, einer Doku-Serie von Sharmeen Obaid-Chinoy auf YouTube, sehen wir, wie die brasilianische Menschenrechtsaktivistin Lucia Xavier über einen Friedhof läuft. Während sie durch ein Feld mit Grabsteinen und Blumenschmuck wandert, entdeckt sie einige Gräber, die „Aktivistinnen und Frauen, die für ihre Rechte gekämpft haben, und den verstorbenen Müttern“ gewidmet sind. So merkwürdig diese Grabsteine für uns auch sein mögen, Fakt ist: In Brasilien kann es einer Frau das Leben kosten, eine Feministin zu sein – vor allem, wenn sie schwarz ist.
Von dieser Gefahr weiß auch Aktivistin Daniele Duarte sehr gut Bescheid. In der 16-minütigen Folge zeigt sie uns, wie sie als schwarze Lesbe ständig mit den veralteten Institutionen ihres Landes in Konflikt gerät. Abtreibung ist zum Beispiel in Brasilien, einem tief christlichen Land, illegal. Nur wohlhabende Frauen können sich die teuren und illegalen, aber sicheren Abtreibungen in den Kliniken leisten, erklärt Duarte. Für arme Frauen ist eine gute Gesundheitsvorsorge eigentlich nicht bezahlbar. Und wenn du arm und schwarz bist, sehen deine Karten sogar noch schlechter aus. „Wir wissen, dass vor allem schwarze Frauen kaum Rechte in diesem Land haben“, meint Duarte.
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Brasilien kämpft immer noch mit dem Erbe der Sklaverei und der Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung. Obwohl es eines der multikulturellsten Länder der Welt und die Mehrheit der Bevölkerung schwarz oder gemischtrassig ist, werden schwarze Frauen in vielen Dingen benachteiligt – schwarze Brasilianer*innen verdienen zum Beispiel ganze 44 Prozent weniger als weiße. Auch die ungleiche Behandlung im Gesundheitssystem ist erschütternd. Unsichere illegale Abtreibungen sind die dritthäufigste Todesursache bei schwangeren schwarzen Frauen in Brasilien. Eine von fünf Frauen unter 40 Jahren hat mindestens eine Schwangerschaft abgebrochen. Die Hälfte dieser Abtreibungen führte aufgrund von Komplikationen zu einem Krankenhausaufenthalt. Da Abtreibung mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft wird, landen logischerweise auch alarmierend viele Frauen im Gefängnis.
Sich gegen dieses System aufzulehnen, kann aber den Tod bedeuten. Marielle Franco war eine 38-jährige schwarze, queere Stadträtin und eine Aktivistin, die sich offen gegen Rassismus und für Wahlfreiheit aussprach. 2018 wurde sie in Rio de Janeiro erschossen. Viele nannten den Mord an Franco ein gezieltes Hassverbrechen. Ihr Tod sorgte im ganzen Land für Proteste. Vor allem Aktivist*innen wie Duarte und Xavier fordern, dass die Regierung endlich etwas gegen die gesellschaftliche Benachteiligung von schwarzen Frauen unternimmt. „Schwarze Frauen werden kaum repräsentiert“, meint Xavier. „Sie haben wenig Einfluss auf die Politik.“ Aber davon lassen sich schwarze Frauen in Brasilien nicht unterkriegen, meint Duarte. „Schwarze Frauen leisten seit Jahren Widerstand und wir werden den Kampf fortsetzen und uns weiterhin gegen diese Angriffe wehren“, erklärt sie.
Nach Francos Tod gingen zahlreiche brasilianische Frauen auf die Straße, um für ihre Rechte zu kämpfen und sich gegen einen rassistischen und frauenfeindlichen Politiker zu wehren. Als Fundamental gedreht wurde, war Präsident Jair Bolsonaro ein Kandidat für das höchste Amt des Landes. Während seiner Kampagnen machte Bolsonaro ständig Schlagzeilen mit rassistischen, sexistischen und homophoben Kommentaren wie „Ich würde dich nie vergewaltigen, weil du es nicht wert bist.“ Duarte nennt Bolsonaros Kampagne „chauvinistisch, homophob und rassistisch“. Im Oktober 2018 wurde er – trotz all der Proteste – zum Präsidenten gewählt. „Wenn so eine Person zur Berühmtheit wird, lässt er zu, dass andere Menschen die Rechte derer, die anders sind, beeinträchtigen“, sagt Duarte. Bolsonaros Präsidentschaft war ein herber Rückschlag für die Aktivist*innen. „Es wurden Dienststellen geschlossen. Gesetze wurden verändert und darunter haben vor allem Frauen und Schwarze gelitten. Nichtsdestotrotz hatte es auch etwas Gutes für uns. Wir haben gelernt, unsere Kräfte in verschiedenen Bereichen zu bündeln“, erklärt Xavier gegenüber Refinery29.

Xavier und Duarte sind nur zwei von vielen schwarzen Frauen, die sich gegenden systematisch-patriarchalischen Rassismus in Brasilien wehren. IhreGeschichten werden in Fundamental erzählt.

Die Doku-Serie “Fundamental“ kannst du dir jetzt auf YouTube ansehen.

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