Der Haken daran, wenn Schwarze Frauen bei Awards „Geschichte schreiben“

Foto: Kevin Winter/Getty Images
Nach den 63. Grammys am Sonntag dominierte vor allem eine Message die Nachrichten: „Was für ein Abend für die Ladies!“, hieß es in einer Morgensendung, und eine Titelzeile gab’s in den USA überall zu lesen: „Who Run The Grammys? Women.“ Das ist natürlich eine Anspielung auf einen Beyoncé-Song – und vermutlich darauf, dass Beyoncé bei den Awards durch ihre inzwischen 28 Auszeichnungen zur erfolgreichsten Frau der bisherigen Grammy-Geschichte wurde. Die zwei wichtigsten Awards des Abends gingen allerdings an zwei weiße Frauen, nämlich Taylor Swift („Album of the Year“) und Billie Eilish („Record of the Year“).
Am Morgen nach den Grammys ging es ähnlich weiter, denn es folgte ein weiteres Event: die Verkündung der Nominierungen für die 93. Oscarverleihung. Wieder ging ein begeistertes Jubeln durchs Netz: Yay, Frauen, freut euch! Zum ersten Mal wurden zwei Frauen für die Auszeichnung der besten Regie nominiert, und Viola Davis holte für ihre Hauptrolle in Ma Rainey’s Black Bottom ihre inzwischen vierte Nominierung. Sie ist damit die meistnominierte Schwarze Frau in der Geschichte der Academy Awards – verglichen mit Meryl Streeps 21 Nominierungen verblasst dieser Rekord aber ein wenig. Vor allem, weil die meisten dieser „historischen“ Erfolge Schwarzer Frauen einen großen Haken haben. 
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Verliehen von eindeutig rassistischen weißen Institutionen an Schwarze Frauen, die in der Vergangenheit von genau diesen Einrichtungen immer ignoriert und missachtet wurden, haben diese Preise vor allem eine Funktion: Sie geben den Komitees hinter den Grammys, Oscars und Co. das Recht, sich für ihre vermeintliche „diversity“ selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen. Es geht dabei weniger darum, Frauen wie Beyoncé und Viola Davis tatsächlich zu ehren, als um gute Publicity. Wäre es anders, hätte Beyoncé schon mehrere „Album of the Year“-Auszeichnungen im Regal zu stehen, „Record of the Year“ wäre in diesem Jahr nicht an Billie Eilish, sondern an Megan Thee Stallion gegangen, und Regina King wäre ebenfalls für „Best Director“ nominiert worden.

Die Recording Academy hinter den Grammys kapiert scheinbar einfach nicht, dass Beyoncé trotz des Komitees einen historischen Sieg geholt hat – nicht dank des Komitees.

Bei den Grammys kam es genau deswegen zu ein paar ziemlich unangenehmen Momenten, obwohl die Show trotz Corona gut produziert und überraschend unterhaltsam war. Ein besonderer Tiefpunkt war allerdings, als Trevor Noah, der Moderator, Beyoncé und Megan Thee Stallion ansprach, nachdem die beiden gerade ihren Grammy für „Best Rap Song“ angenommen hatten. Während sie von der Bühne zu ihm runterkamen, verkündete Noah feierlich, Beyoncé habe mit diesem Sieg Grammy-Geschichte geschrieben. Beyoncé – die übrigens abgelehnt hatte, bei der Show aufzutreten – sah aber eher aus, als freue sie sich mehr darauf, sich jetzt wieder neben ihren Mann setzen zu können, als über diesen trivialen Meilenstein.
Ja, klar, vielleicht war Beyoncé das spontane Interview auch einfach nur unangenehm, weil Jungfrau-Geborene keine Überraschungen mögen. Vielleicht war sie auch nur für Megan Thee Stallion überhaupt gekommen und wollte keine eigene Aufmerksamkeit erregen. Oder vielleicht projiziere ich hier auch bloß gerade meine eigene Verachtung für das Grammy-Komitee, das Queen Bey nach wie vor seine größte Ehre – „Album of the Year“ – vorenthält. Fakt ist aber: Diese Awardshow hat ihr noch immer nicht die Anerkennung geschenkt, die sie verdient. Wie kann jemand zwar der oder die am häufigsten ausgezeichnete Künstler:in einer Preisverleihung sein, aber nie in einer deren wichtigster Kategorien auftauchen? Von Beyoncés 28 Grammys sind nur fünf keine R&B- oder „Urban“-Auszeichnungen – die Kategorien, in die Schwarze Musiker:innen meist verbannt werden. Und zwei dieser fünf Preise bekam sie für ihre Musikvideos, nicht ihre Musik an sich. Die Recording Academy hinter den Grammys kapiert scheinbar einfach nicht, dass Beyoncé trotz des Komitees einen historischen Sieg geholt hat – nicht dank des Komitees.
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Dasselbe gilt für Viola Davis. Sie ist die meistnominierte Schwarze Schauspielerin in der Geschichte Hollywoods – und wird dennoch nicht dementsprechend bezahlt oder bekommt die Rollen angeboten, die ihrer würdig wären, wie sie selbst bei einer „Women In The World“-Konferenz erzählte. Sie wird laut eigener Aussage als „Schwarze Meryl Streep“ bezeichnet, hat aber längst nicht so viele Preise im Regal zu stehen – und vor allem nicht die, die wirklich zählen. Davis hat bloß einen Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen, und bis heute ist Halle Berry die erste und einzige Schwarze Gewinnerin der „Best Actress“-Kategorie. Und ihr Sieg ist mittlerweile 20 Jahre her. 
Ähnlich sieht es beim Oscar außerhalb der Schauspiel-Kategorien aus. Dort gibt es bisher nur zwei Schwarze Gewinnerinnen: Hannah Beachler für „Production Design“ und Ruth E. Carter für „Costume Design“. Eine Nominierung für Regina King, Regisseurin von One Night In Miami, hätte in diesem Jahr etwas daran ändern können, aber das Preiskomitee war wohl der Meinung, eine Frau of color in der Regie-Kategorie (Chloe Zhao mit Nomadland) sei erstmal genug Fortschritt. 
Dass Davis bei den diesjährigen Oscars mit ihrer Nominierung also „Geschichte schreibt“, ist daher kein Sieg für Frauen – vor allem nicht für Schwarze Frauen. Und obwohl die Nominierungen sehr wohl erfreulich divers sind (so sind zum Beispiel mehr asiatische Darsteller:innen denn je sowie der erste pakistanische Schauspieler nominiert, und zum ersten Mal treten zwei Filme mit asiatischen Hauptdarsteller:innen in der Kategorie „Best Picture“ an), ist niemandem damit geholfen, diese oberflächliche Ehrung einfach ohne Kritik hinzunehmen. Schließlich sind die Institutionen hinter Awards wie diesen von strukturellen Problemen durchzogen, unter denen besonders Schwarze Frauen leiden
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Wenn die Institutionen die Auszeichnungen dieser Frauen ausnutzen, um sich selber als „feministisch“ zu feiern, sollten sie sich auch die Mühe machen, auf ihre eigene diskriminierende Vergangenheit zurückzublicken.

Die beiden Organisationen in diesen Fällen – die Recording Academy und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences – verdienen es nicht, für Ausnahmen wie Beyoncé und Viola Davis gelobt zu werden. Vor allem, wenn diese Ausnahmen als Fortschritt dargestellt werden, und dabei überhaupt nicht berücksichtigt wird, wie erfolgreich die beiden tatsächlich auch fernab und unabhängig von diesen Awards sind. Beyoncé und Viola Davis sind zwei der größten Künstlerinnen in ihrer jeweiligen Branche – für mich persönlich sogar die zwei größten –, werden von diesen weißen Institutionen aber nach wie vor unterschätzt und dafür benutzt, das eigene Image aufzupolieren: So war Beyoncés Auszeichnung für „Best R&B Performance“ zum Beispiel im US-TV zu sehen, während der Großteil der anderen „Urban“-Kategorien schon vor der TV-Aufzeichnung verliehen wurde. Entscheidende strukturelle Veränderungen oder zumindest faire Bedingungen für alle? Jahr für Jahr Fehlanzeige – und genau deswegen hinterfragen wir jedes Jahr aufs Neue die Relevanz dieser Awardshows. In einer perfekten Welt könnten wir Institutionen wie diese einfach abschaffen; aber die Welt ist eben nicht perfekt. Die Plätze in solchen Komitees sind nämlich durch dieselben Leute besetzt, die Filmprojekte umsetzen und Plattendeals anbieten und damit eine direkte Rolle darin spielen, wie die Kunst von Menschen wie Beyoncé und Viola Davis überhaupt erst entsteht. 
Chancengleichheit hat nichts mit einem Bedürfnis nach oberflächlicher Bestätigung zu tun. Es geht hier darum, Schwarzen Künstler:innen die Repräsentation und Anerkennung zu schenken, die sie sich verdient haben – und das ist nur ein Schritt auf dem langen Weg zur wahren sozialen Gleichberechtigung
Weder Beyoncé noch Megan Thee Stallion, noch Viola Davis, noch Regina King brauchen diese Awards. Wenn die Institutionen dahinter die Auszeichnungen dieser Frauen aber ausnutzen, um sich selber als „feministisch“ zu feiern, weil sie Frauen „Geschichte schreiben“ lassen, sollten sie sich auch die Mühe machen, auf ihre eigene diskriminierende Vergangenheit zurückzublicken. Die Grammys sollten keine Billie Eilish brauchen, die ihren Award mit schlechtem Gewissen akzeptiert und verlegen darauf hinweist, dass eigentlich Megan Thee Stallion hätte gewinnen sollen; die Academy hinter den Oscars sollte sich nicht selbst dafür loben, Viola Davis bisher insgesamt nur für zwei Awards mehr nominiert zu haben, als Scarlett Johansson in einem Jahr bekam. 
Beyoncé jedenfalls kam am Sonntag zu ihrer eigenen Grammy-Verleihung zu spät und „schrieb“ ziemlich gelangweilt „Geschichte“. Das zeigt vor allem eins: Wenn diese Awardshows nicht bald aufwachen, bekommen sie dafür irgendwann genau das, was sie uns geben – nämlich absolut keine Aufmerksamkeit mehr.

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