Netflix’ Dahmer hat meine Liebe zu True Crime ruiniert

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich den Podcast Casefile entdeckte. Ich saß gerade allein im Auto und hatte noch sechs Stunden Fahrt vor mir. Generell keine Erfahrung, die ich weiterempfehlen würde – es sei denn, du hast einen guten Podcast dabei. Von Casefile hatte mir eine Freundin vorgeschwärmt, und während ich also Stunde um Stunde über die Autobahn raste, hörte ich mir eine Episode nach der anderen an.
Von da an war mein Appetit geweckt. Serial, Mord auf Ex, Somebody Knows Something, Mordlust, Up And Vanished – wenn es um Mord ging, war ich dabei. Dann entdeckte ich My Favourite Murder. Der Podcast war ein echter Gamechanger für mich; er fühlte sich so an, als säße ich mit Freund:innen zusammen, die auf dieselbe merkwürdige Art von Serienmörder:innen fasziniert waren. Als wüssten wir alle, dass unsere Besessenheit von diesen Storys irgendwie falsch war.
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Nur sind wir damit eben keine kleine Randgruppe: My Favourite Murder ist inzwischen von einem kleinen, unabhängigen Podcast von zwei Frauen, die sich auf einer Party kennengelernt haben, zu einem gigantischen Millionen-Business herangewachsen. Dieser Erfolg ist zum Teil den Gründerinnen Georgia Hardstark und Karen Kilgariff zu verdanken, die ein Händchen für Talente zu haben scheinen (zu ihrem Network gehören inzwischen mehr als 15 Podcasts, die sich nicht alle um Verbrechen drehen) – vor allem aber der Tatsache, dass sie sich mit ihren lockeren Gesprächen über brutale Morde eine treue Fanbase aufgebaut haben. 
Um das mal klarzustellen: Dafür verurteile ich weder Georgia und Karen noch uns Fans. Ich startete 2018 sogar meinen eigenen Crime-Podcast, inspiriert von My Favourite Murder. Meine Co-Moderatorin und ich widmeten uns in jeder Folge einem ungelösten Fall (das waren nicht immer Morde, aber oft eben doch) und erzählten ganz entspannt alle Details, als würden wir uns beiläufig bei einem gemeinsamen Essen darüber unterhalten.
Mit der Zeit schwenkten wir ein bisschen um und beschäftigten uns mit allgemeineren, geschichtlichen Themen, bei denen auch gelegentlich Verbrechen mitspielten. Wir hatten nämlich immer häufiger Schwierigkeiten mit dem tatsächlichen True-Crime-Inhalt; wir wollten die überlebenden Opfer respektieren und fühlten uns schließlich einfach wohler mit spannenden Geschichten, in denen es nicht um Mord ging.
Damals empfand ich das nicht als ethische Entscheidung. Ja, wir hatten Probleme mit dem Inhalt gehabt, aber eher nach dem Motto: „Es geht uns zu nahe, darüber zu reden.“ Ich hörte mir trotzdem weiterhin True-Crime-Podcasts an und freute mich über jede neue True-Crime-Doku oder -Serie.
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Das änderte sich aber mit dem Release von Dahmer auf Netflix im letzten Monat.
Zum ersten Mal hatte ich überhaupt kein Interesse daran, mir eine Serie anzusehen, die auf echten Morden basierte. Als mein Freund vorschlug, doch mal reinzuschauen, fühlte ich mich während der ganzen ersten Folge unwohl. Als sie vorbei war, beschloss ich, mir die nächste zu ersparen.
Aber warum fühlte ich mich nur mit Dahmer so? Die Serie unterschied sich ja nicht von anderen Shows über Serienmörder:innen – wenn überhaupt, hatte sie sogar eher von deren Fehlern gelernt. Weil Netflix’ Ted-Bundy-Film Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile dafür kritisiert worden war, Bundys Opfer in den Hintergrund zu rücken, konzentrierte sich Dahmer besonders auf die Opfer. Das ist vor allem deswegen lobenswert, weil Jeffrey Dahmers Opfer vorrangig Schwarze, queere Männer waren – zwei Communitys, deren Opfer häufig ignoriert wurden und werden. (Inzwischen wird jedoch diskutiert, ob dieser Versuch, Dahmers Opfer ins Rampenlicht zu rücken, gescheitert ist – und sie vielleicht aufs Neue traumatisiert hat.)
Für mich ging es hier aber nicht nur um Dahmer. Ich hinterfrage inzwischen meine ganze Liebe für True Crime.
Ich würde sagen, dass unsere Begeisterung für True Crime erst 2015 so richtig begann. Natürlich hatte das Genre auch schon lange vorher existiert – in unserer Generation gab aber 2015 den Ausschlag, meine ich. Der Podcast Serial erschien 2014, wurde aber nur langsam zum Hit, und im Dezember des folgenden Jahres kam dann die Netflix-Doku Making A Murderer. Ich war direkt gefesselt von der Geschichte über zwei komplexe ungelöste Fälle und zwei verurteilte Verbrecher, die womöglich doch unschuldig waren. Ich weiß noch, wie schnell ich die Serie durchsuchtete.
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Das war der Startschuss für das True-Crime-Genre. Unser Appetit darauf war unersättlich – doch gibt es eben nur eine begrenzte Anzahl ungelöster Fälle, die in Serien, Podcasts und Filmen behandelt werden können. Es ergibt daher Sinn, dass Shows wie Casefile und Crime Junkie auch gelöste Mordfälle besprachen. Plötzlich waren wir nicht nur fasziniert von weniger bekannten Verbrechen, bei deren Aufklärung wir vielleicht sogar helfen könnten, sondern hörten und schauten auch Storys über Serienmörder:innen – von denen viele auch schon längst verurteilt worden waren.
Egal, durch welches Streaming- oder Podcast-Portal du dich in diesem Jahr scrollst: Um True Crime führt derzeit kein Weg herum. Die Podcast-Charts sind voll davon, und Netflix releaste Dahmer zeitgleich mit einer Staffel seiner Doku-Serie Conversations With A Killer. Wir müssen uns eingestehen, dass True Crime inzwischen Entertainment ist.
True Crime macht uns Spaß.
Lange rechtfertigte ich meine eigene Liebe für True Crime mit einem Argument, das vor Jahren erstmals kursierte: dass sich Frauen vor allem deswegen zu solchen Geschichten hingezogen fühlen, weil wir in ihnen so oft die Opfer sind und unterbewusst glauben, aus den darin erzählten Erfahrungen anderer Frauen lernen zu können. Zumindest in meinem Fall glaube ich das heute aber nicht. Mir machten diese Geschichten einfach Spaß. Sie waren gruselig und faszinierend und fesselten mich mit ihrer Spannung. Sie waren gutes Entertainment.
Aber ist das nicht sogar okay, solange diese Inhalte gute Arbeit leisten? Podcasts wie The Teacher’s Pet, Bowraville und Shows wie The Jinx haben allesamt dazu geführt, dass fallen gelassene Untersuchungen wieder aufgenommen und bis dahin unentdeckte Täter:innen sogar des Mordes überführt wurden. Wenn sich eine Serie oder ein Podcast um einen ungeklärten Fall dreht, mit der Absicht, Beweise zu sammeln oder neue Spuren aufzunehmen – ist es dann (für mich) in Ordnung, dass ich das Ganze als Unterhaltung betrachte?
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Wie du merkst, stecke ich damit gerade in einer Art innerem Konflikt. Eine Antwort auf diese Frage habe ich bisher noch nicht; ich stecke moralisch in einer Grauzone. Fakt ist aber, dass True Crime eine echte Gelddruckmaschine geworden ist.
Und damit habe ich eindeutig so meine Probleme.
Natürlich ist mir klar, dass es viel Mühe und Arbeit erfordert, diese Serien, Podcasts und Co. überhaupt zu produzieren. Mühe und Arbeit kosten Geld und verdienen es auch, bezahlt zu werden. Einige dieser Produktionen scheffeln aber richtig Kohle – Geld, das zum Beispiel über Sponsor:innen, Patreon-Accounts, Buchdeals und (im Fall von Casefile) Brettspiele in die Kassen der Verantwortlichen fließt.
Dabei sollten wir nicht vergessen, dass dieses Geld mit den Schicksalen von Mordopfern und ihren Geschichten verdient wird.
Ein Beispiel: Ashley Flowers, die Frau hinter Crime Junkie, hat inzwischen ihr eigenes Podcast-Netzwerk, Audiochuck. Dazu gehören 17 Podcasts, von denen sich die meisten um Mord drehen – wie Park Predators (Geschichten über Morde in Nationalparks). Auf der Seite des Netzwerks gibt es einen eigenen Bereich für Werbetreibende, die Werbung in diesen Podcasts machen möchten. „Wenn Sie von einem großen Publikum gehört werden wollen, das sich für Konsumprodukte und Dienstleistungen interessiert“, steht dort, „können Sie bei uns werben. Unsere Zuhörer:innen lieben es, beim Hören von neuen Produkten und Services zu erfahren.“
Das ist opportunistisch, oder? Wenn du mal genauer drüber nachdenkst, ist es ein ziemlich bizarres Konzept, mit dem globalen Appetit nach mehr und immer mehr Mordgeschichten ordentlich Cash zu verdienen. Ich jedenfalls fühle mich damit überhaupt nicht wohl. Damit will ich nicht sagen, die Verantwortlichen dieser Produktionen seien schlechte Menschen – nach dem Erfolg von Crime Junkie gründete Flowers sogar die wohltätige Organisation Season Of Justice, die Familien und Ermittler:innen finanziell bei der Lösung ungeklärter Fälle unterstützt, und in mindestens einem ihrer Podcasts geht es ausschließlich um Opfer aus Randgruppen, deren Geschichten so oft unter den Teppich gekehrt werden. 
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Trotzdem frage ich mich, ob wir uns alle – und dazu gehören auch True-Crime-Produzent:innen – vielleicht zu schnell von dieser True-Crime-Welle haben mitreißen lassen, ohne das Ganze mal kritisch zu hinterfragen. Sollte es nicht irgendwo eine ethische Grenze geben, die wir nicht überschreiten sollten?
In so einem gesättigten und profitablen Genre wird es immer schwieriger, uns vor dieser Frage zu drücken. Ich selbst weiß es immer noch nicht; zumindest Content rund um ungelöste Fälle finde ich aber noch moralisch okay. Sie suchen nach Gerechtigkeit, und daher fühlt es sich weniger „falsch“ an, solchen Content als Entertainment zu betrachten. Ich glaube aber, ich habe inzwischen keine Lust mehr auf Storys, die abgeschlossene Fälle nochmal „aufwärmen“.
Vielleicht ändert sich meine Meinung im Laufe der Zeit. Wichtig ist mir aber nur, mir mein eigenes Unwohlsein mit manchen dieser Storys einzugestehen. Dahinter stecken echte Menschen mit echten, furchtbaren Erfahrungen. Und es fühlt sich für mich einfach nicht mehr so gut an, mir diese Erfahrungen als „Unterhaltung“ anzuhören. 
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