Zwischen Schwarz & Weiß: Warum ihr in der Familie über Hautfarbe sprechen solltet

Viele Menschen nehmen mittlerweile die Haltung, die Reni Eddo-Lodge in ihrem Bestseller Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche vertritt, ein. Schwarze Menschen auf der ganzen Welt haben sich vorgenommen, nicht länger die Last auf sich zu nehmen, anderen die Hintergründe und Zusammenhänge ihrer Unterdrückung erklären zu müssen. Ihrer Meinung nach liegt es in der Verantwortung derjenigen, die von White Supremacy profitieren, sich Wissen anzueignen, um solche repressiven Systeme dekonstruieren zu können.
Im Allgemeinen können Gespräche über Hautfarbe und alles, was damit zusammenhängt und einhergeht, ganz schön schwierig sein. Für Personen, die jeweils einen Schwarzen und einen weißen Elternteil haben, sind solche Unterhaltungen im Kreise der Familie, in denen Standpunkte beider Seiten zur Sprache kommen, aber häufig unvermeidlich und damit alles andere als eine Seltenheit – von Streitigkeiten beim Abendessen bis hin zu konfrontativen Gesprächen. Wie gelingt jungen Frauen in einer solchen Situation also der Spagat in ihrer eigenen Familie?
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Foto: bereitgestellt von Sami
Schwarzsein ist unbestreitbar subjektiv. Es gibt keine allgemein gültige Definition dafür. Schwarze Menschen oder solche mit einem multi-ethnischen Hintergrund brauchen nicht einem bestimmten Stereotyp zugeordnet zu werden, um ihren kulturellen Hintergrund vertreten zu können. Sami, 21, hat jeweils einen Schwarzen und einen weißen Elternteil. Sie sagt, dass sie sich glücklich schätzt, von zwei unterschiedlichen Kulturen beeinflusst worden zu sein. „Mein Vater ist jüdischen Glaubens und meine Mutter ist Jamaikanerin. Obwohl meine Vorfahren – auf beiden Seiten – so viel durchmachen mussten, bin ich heute hier: Die Macht der Liebe hat zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammengebracht.“
Sie fügt hinzu, dass sie Schwarzsein nicht definieren kann, aber sie fühlt den Druck, sich an das zu halten, was gesellschaftlich als „Schwarz“ angesehen wird. „Realistisch betrachtet gibt es viele Formen von Schwarzsein“, sagt sie. „Das Schöne daran ist, dass es Schwarzen Personen ermöglicht, zu sein, wer auch immer sie sein wollen – ohne Einschränkungen.“
Alamay, 19, hat eine weiße Mutter und einen Schwarzen Vater. Sie schätzt ihren multi-ethnischen Hintergrund sehr. „Mein Vater hat mir von klein auf eingeflößt, wie wichtig unsere äthiopischen Wurzeln sind und wie stolz wir auf sie sein sollten. Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, nach Äthiopien reisen zu können, um meine Familienmitglieder dort kennenzulernen.“ Da sie Amharisch spricht, ist sie in der Lage, mit allen zu kommunizieren, ohne auf ihren Vater zum Übersetzen angewiesen zu sein.
Was den kulturellen Hintergrund ihrer Mutter betrifft, so sagt Alamay Folgendes: „Dadurch, dass ich in England lebe und mich bewusst der englischen Kultur aussetze, habe ich das Gefühl, dass ich mich nicht so sehr darum bemühen muss, meine Bindung zu ihr aufrechtzuhalten. Meine Mutter hat mir alles über ihre Erziehung und die meiner Großmutter erzählt. Außerdem hat sie ihre etwas nördliche Aussprache und Betonung an mich weitergegeben.“
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Für andere, wie Angie, 26, hat die Tatsache, dass sie jeweils einen Schwarzen und einen weißen Elternteil hat, Schwierigkeiten mit sich gebracht. Angies Mutter ist Griechin und Irin, ihr Vater ist Grenadier. Gespräche über Hautfarbe waren nicht immer einfach, denn sie wuchs mit einer weißen Schwester auf. In diesen Gesprächen kam es oft zu Auseinandersetzungen, sagt Angie. Sie erzählt außerdem, dass die mütterliche Seite der Familie sie als Kind anders behandelt hätte als ihre Schwester, was sich verständlicherweise negativ auf sie auswirkte. „Ich kann mich noch daran erinnern, als meine Großeltern meinen Vater zum ersten Mal trafen: Sie weigerten sich, ihm die Hand zu geben“, sagt sie. „Meine Eltern stritten sich oft im Auto, nachdem sie das Haus meiner Großeltern verlassen hatten, und diskutierten darüber, ob diese sich nun rassistisch verhalten hatten oder nicht.“

Meine Eltern stritten sich oft im Auto, nachdem sie das Haus meiner Großeltern verlassen hatten, und diskutierten darüber, ob diese sich nun rassistisch verhalten hatten oder nicht.

Angie
Foto: bereitgestellt von Libby
Einen multi-ethnischen Hintergrund zu haben, bedeutet nicht bloß, dass deine Eltern unterschiedliche Hautfarben haben. Der Vater der 22-jährigen Libby stammt aus Barbados, ihre Mutter ist aus Südafrika und hat selbst einen jeweils Schwarzen und weißen Elternteil. Was ihre Familiengeschichte mütterlicherseits betrifft, so gibt es sehr viele Lücken, die auf das System der Apartheid zurückzuführen sind, das sich durch White Supremacy und eine autoritäre Herrschaft auszeichnete. Es prägte und verzerrte das Leben der Schwarzen Südafrikaner:innen gewaltig. Libby ist sich des Privilegs bewusst, das man Personen mit hellerem Hautton wie ihr in unserer Welt üblicherweise zuteil werden lässt (Colorismus). Nichtsdestotrotz gibt sie zu, dass ihr die Unsicherheit in Zusammenhang mit ihrer eigenen Identität Probleme und soziale Ängste bereitet hat.
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Weiße Menschen sahen meinen multi-ethnischen Hintergrund als falsche Rechtfertigung dafür, dass Rassismus nicht mehr existiere.“ Sie sagt, dass sie in der Schule oft ignoriert wurde, wann immer sie auf rassistisches Verhalten aufmerksam machen wollte. Aus diesem Grund hatte sie stets das Gefühl, dass andere die ungerechte Weise, auf die sie behandelt wurde, irgendwie bestätigten.

Weiße Menschen sahen meinen multi-ethnischen Hintergrund als falsche Rechtfertigung dafür, dass Rassismus nicht mehr existiere.

Libby
Chloe, 21, wuchs mit ihrer alleinerziehenden weißen Mutter auf. Ihr Vater, ein Schwarzer Jamaikaner, war ihr gesamtes Leben lang abwesend. Deshalb wandte sie sich an ihre Freund:innen, wann immer sie das Thema Hautfarbe anschneiden wollte.
Foto: mit freundlicher Genehmigung von Chloe
2019 beschloss sie, zwei Wochen mit ihrem Vater zu verbringen. Mithilfe von Gesprächen über ihre Hautfarbe konnte sie Lücken, die sie in Bezug auf ihrer Identität hatte, schließen und emotionale Heilung finden. „Die Wiedervereinigung mit meinem Vater hat nicht direkt zu Spannungen mit meinen weißen Familienmitgliedern geführt“, sagt sie. „Er und meine Mutter hatten sich immer höflich und respektvoll gegenüber einander verhalten.“ Dennoch war es für Chloe wichtig, einen eigenen Dialog mit ihrem Vater – ohne die Anwesenheit ihrer Mutter – führen zu können. Das hätte sich heilend auf sie ausgewirkt und ihr erlaubt, nicht nur eine Verbindung zu ihm, sondern auch zu sich selbst aufzubauen.
Diskussionen über politische Themen, die mit dem Schwarzsein verbunden sind, mit ihrer weißen erweiterten Familie zu führen, empfand Chloe im Teenie-Alter als schwierig und „furchteinflößend“.
„Ich hatte furchtbare Angst davor, dass sich meine Verwandten als Rassist:innen entpuppen könnten. Gleichzeitig sah ich es aber als meine Aufgabe, herauszufinden, ob das der Fall war oder nicht“, erzählt sie. Chloe gibt zu, dass es für sie und ihre Mutter seltsam war, dieses Thema zu besprechen, da ihre Mutter ihr bis zu diesem Zeitpunkt alles beigebracht hatte, was sie wusste. Auf einmal fühlt es sich so an, als hätten die beiden Frauen ihre Rollen getauscht. „Meine Mutter steht mir als Verbündete zur Seite und hat so viel dafür getan, damit ich mich öffnen und so sein kann, wie ich bin.“
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Ich hatte furchtbare Angst davor, dass sich meine Verwandten als Rassist:innen entpuppen könnten. Gleichzeitig sah ich es aber als meine Aufgabe, herauszufinden, ob das der Fall war oder nicht.

Chloe
Am Ende beschloss Chloe, mit einer Therapie zu beginnen, um ihre Identität als Person mit multi-ethnischem Hintergrund vollständig zu verstehen. Die Beraterin Rochelle Armstrong, Mitglied der Britischen Gesellschaft für Beratung und Psychotherapie, befürwortet diese Vorgehensweise.
„Bei Gesprächen über Hautfarbe und damit verbundenen Identitätsfragen gilt es, zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen“, sagt Armstrong. „Solche Unterhaltungen sind nicht einfach. Wer genau zählt als Schwarz? Wer als Latinx? Was bedeutet es und was bringt es mit sich, jeweils einen Schwarzen und einen weißen Elternteil zu haben? Was steht auf dem Spiel, wenn wir die Bedeutung dieser Fragen nicht begreifen?“
Sie fährt fort: „Die Schwierigkeiten, die diese Fragen mit sich bringen, können das noch nicht vollständig gefestigte Selbstbild junger Frauen mit multi-ethnischem Hintergrund, die sich noch auf der Identitätssuche befinden, noch weiter beeinträchtigen. Weiße Familienmitglieder aufklären zu müssen, kann frustrierend, belastend und im schlimmsten Fall retraumatisierend sein.“

Die Herausforderungen, die diese Fragen mit sich bringen, können das noch nicht vollständig gefestigte Selbstbild junger Frauen mit multi-ethnischem Hintergrund, die sich noch auf der Identitätssuche befinden, noch weiter beeinträchtigen. Weiße Familienmitglieder aufklären zu müssen, kann frustrierend, belastend und im schlimmsten Fall retraumatisierend sein.

rochelle armstrong
Armstrong fügt hinzu, dass auch äußere Kräfte einen Einfluss auf diese Identitätsfragen und die Art und Weise, wie sie aufgenommen werden, haben. Vielleicht hast du ja von der „One-Drop-Regel“ gehört, der zufolge jede Person als Schwarz gilt, die auch nur einen Funken Schwarzsein – einen „Tropfen“ Schwarzen Blutes quasi – aufweist. Das umgekehrte Prinzip, dem zufolge eine Person mit multi-ethnischem Hintergrund hellhäutig genug ist, um „als weiß durchgehen“ zu können, ist heute ebenfalls noch sehr weit verbreitet.
Obwohl all diese Frauen Unterschiedliches erlebt haben und sich ihre Perspektiven etwas unterscheiden, lassen sie alle ähnliche Botschaften verlauten. Gespräche über Hautfarbe sollten vorsichtig angegangen werden, denn Identität ist für viele von uns ein sehr sensibles Thema. Deshalb ist es notwendig, sich dessen Tiefe und dynamischer Natur bewusst zu sein.

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