Psychotherapie für Muslim:innen: Wenn der Glaube zum Hindernis wird

Foto: Nina Manandhar
Darüber zu sprechen, dass man eine Psychotherapie macht, fällt manchen Leuten schwer. Die Therapie ist für viele immer noch ein stigmatisiertes Tabuthema – oder zumindest etwas, worüber ungern gesprochen wird. Muslim:innen geht es damit nicht anders. Dabei scheint es ihnen aber leichter zu fallen, mit muslimischen statt westlichen Therapeut:innen zu sprechen.
„Hast du es schon mal mit Psychotherapie probiert?“ Wer mit psychischen Gesundheitsproblemen zu kämpfen hat, wird diese Worte kennen. Leichter gesagt als getan: Für mich als Muslimin ist eine Therapie eine besondere Herausforderung. Anstatt uns nämlich die Chance zu bieten, unsere Traumata zu verarbeiten, kann der Behandlungsraum für Muslim:innen schnell zu einem Ort werden, an dem wir unsere Kultur und Glaubenspraxis erklären müssen. Das hat damit zu tun, dass die Therapeut:innen, denen wir uns anvertrauen, oft keinen anderen Bezugsrahmen haben, um uns zu verstehen, als das, was in den Medien gezeigt wird.
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Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine der am häufigsten eingesetzten Therapieformen zur Behandlung von Angst und Depression. Oft wird darin aber keine Rücksicht auf den Glauben genommen. Als ich in Therapie war, wurden nur Aspekte von mir und meinem Leben wahrgenommen und akzeptiert, die der Therapeut oder die Therapeutin auch tatsächlich nachvollziehen konnte; alles andere wurde außer Acht gelassen und nicht weiter besprochen, weil sie der anderen Person fremd waren. Religion ist aber oftmals Teil der menschlichen Identität. Manchmal wurde mein Glaube auch als das Problem angesehen. Und so wurde die Psychotherapie selbst zu einem weiteren Trauma für mich, das es zu durchleben galt – anstatt der Rückzugsort zu sein, den ich mir doch so gewünscht hatte.
Aisha, 24, ist seit ihrem 19. Lebensjahr wegen ihrer Depressionen und Angstzustände in Therapie. Im Laufe der Jahre hatte sie bereits mehrere Therapeut:innen. Ihre derzeitige Behandelnde ist Muslimin. Religion spielte für Aisha bei der Wahl der Psychotherapeut:innen eine entscheidende Rolle. Sie befürchtete nämlich, ihrer „Glaubensgemeinschaft einen schlechten Ruf zu verschaffen“, wenn sie mit Nicht-Muslim:innen sprechen würde. Sie kann ja schließlich nicht wissen, welchen Bezugspunkt der oder die Behandelnde zu ihrem kulturellen und religiösen Hintergrund hat. Ähnliches habe ich bereits von vielen anderen gehört. Aisha erwähnt auch, dass sie nicht aufgrund gängiger Vorurteile verurteilt werden will. Sie weiß, dass muslimische Frauen in manchen Kreisen als „unterdrückt oder unterwürfig“ gelten und innerhalb ihrer Gemeinschaft und Religion manchen zufolge keine Handlungsfreiheit haben. Und einige von uns haben sogar intersektionale Identitäten, leben in und bewegen sich zwischen mehreren Kulturkreisen. Jede einzelne dieser Kulturen kann ihre eigenen Stigmata rund um Psychotherapie oder psychische Gesundheit haben.
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Für Muslim:innen kann der Behandlungsraum schnell zu einem Ort werden, an dem wir unsere Kultur und Glaubenspraxis erklären müssen.

In einigen Fällen können diese Umstände dazu führen, dass junge muslimische Frauen zu ihrem eigenen Nachteil ganz auf psychische Gesundheitsdienste verzichten. Jodie Wozencroft-Reay, eine muslimische Psychotherapeutin, baut ihre Religion in ihre Therapie mit Patient:innen ein. „Ich kenne beide Seiten“, erklärt sie. „Nachdem ich einmal aufgrund meines Glaubens attackiert wurde, brachte ich dieses Erlebnis in einer meiner eigenen Therapien auf den Tisch. Die Reaktion darauf war: ‚Passiert sowas tatsächlich?‘ Mit dieser Frage wurde meine furchtbare Erfahrung geleugnet. Dieser Moment war unglaublich entmutigend für mich. Bei der Zusammenarbeit mit nicht-muslimischen Therapeut:innen im Allgemeinen hatte ich keinen oder nicht genügend Raum für den religiösen Aspekt meiner Identität.“
Sie fährt fort: „Die Inanspruchnahme professioneller therapeutischer Hilfe entspricht nicht den von Muslim:innen erwarteten Stereotypen. Außerdem ist das Thema Therapie häufig mit Schuld, Scham und Vorwürfen verbunden. Weil muslimische Frauen zahlreiche Hindernisse überwinden müssen, um Zugang zu Psychotherapie zu bekommen, gestaltet sich die Behandlungssuche für Muslim:innen schwieriger. Außerdem erschweren diese Umstände ihren Kampf um psychische Gesundheit.“
Jodie fügt hinzu, dass sie dem Glauben bei ihrer Arbeit große Bedeutung zukommen lässt. Vor ihrer jetzigen Tätigkeit arbeitete sie mit Kindern und Jugendlichen und musste Religion außen vor lassen. „Dieser sehr weltliche Weg fühlte sich bei einigen Patient:innen aber einfach falsch an“, erklärt sie. Das spielt deshalb eine Rolle, weil Aisha zufolge die psychische Gesundheit innerhalb der muslimischen Gemeinschaft mit einem enormen Stigma behaftet sein kann. „Patient:innen spielen häufig auf die Dschinn [Besessenheit] an“, erklärt Jodie. „Ich denke, dass all das eine Wissenslücke dazu aufzeigt, wie psychische Gesundheit im Koran und in den Hadithen [den Lehren des Propheten Muhammad] thematisiert wird. Deshalb richte ich meine Behandlung auf Mitgefühl aus, während ich außerdem durchgehend das Bewusstsein für Gott aufrechterhalte. Ich habe den Glauben während der Therapie zum Beispiel dazu genutzt, die innere kritische Stimme meiner Patient:innen herauszufordern und sie daran zu erinnern, dass Allah barmherzig ist. Es ist schon einmal vorgekommen, dass jemand beschloss, jedes Mal bei einem bestimmten Gedanken zwei Rakats [ein freiwilliges Gebet] zu verrichten, was für die Person lebensverändernd war.“
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Ein weiteres vorherrschendes Stigma in muslimischen Gemeinschaften ist es, den Kampf mit psychischen Problemen darauf zurückzuführen, dass man „nicht fest genug“ glaubt und man deshalb mehr beten sollte. Dies scheint aber eher die Haltung der Älteren widerzuspiegeln, die möglicherweise nicht die Möglichkeit hatten, ihre eigenen psychischen Probleme zu verarbeiten. Obwohl diese Einstellung als problematisch gesehen wird, hat sie sich in den Köpfen der jüngeren Generationen festgesetzt.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Anlaufstellen in Deutschland, die psychologische und seelische Beratung für Muslim:innen anbieten. Außerdem finden sich heute problemlos muslimische Therapeut:innen, die Psychotherapie und Religion miteinander verbinden. Dieser Ansatz steckt hierzulande zwar noch in den Kinderschuhen, aber es besteht Grund zur Hoffnung.

Der weltliche Weg fühlte sich bei einigen Patient:innen aber einfach falsch an... Deshalb richte ich meine Behandlung auf Mitgefühl aus, während ich außerdem durchgehend das Bewusstsein für Gott aufrechterhalte.

Jodie Wozencroft-Reay
Die 26-jährige Shahed litt anfänglich an einer Angststörung und hatte an der Uni schwere Panikattacken. Als sie ihrer Mutter erzählte, dass sie in Therapie gehe, reagierte diese mit der Antwort, dass Angst „ein Teil des Lebens“ sei. Diese Reaktion vermittelte Shahed das Gefühl, dass ihre Schwierigkeiten nicht ernst genommen wurden. Sie fühlte sich „mit ihren Problemen allein gelassen und einsam“. Manchmal kam es ihr sogar vor, als ob sie sich alles bloß ausdenken oder ein Doppelleben führen würde. „Ich glaube, dass ich mich von meinen Eltern emotional distanziert fühle, weil sie entweder das Ausmaß meiner Ängste nicht ganz erfassen können oder es einfach auch gar nicht immer mitbekommen, weil ich es für mich behalte“, erklärt sie.
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Für junge muslimische Frauen ist professionelle Unterstützung besonders wichtig. Shaista Gohir, die Co-Vorsitzende des Netzwerks für Musliminnen MWNUK, hebt hervor: „Religion ist von großer Bedeutung. Für viele stellt sie einen Bewältigungsmechanismus dar. Mainstream-Therapien scheinen diesem Faktor im Allgemeinen allerdings keine Beachtung zu schenken.“
Bei der Suche nach geeigneten Therapeut:innen kommt es oft zu langen Wartezeiten. Shaista erwähnt, dass Sprache für muslimische Frauen – besonders für ältere – ebenfalls eine Hindernis bei der Psychotherapie sein kann. Muttersprachliche Psychotherapie wird derzeit leider nicht ausreichend angeboten, was die Bundespsychotherapeutenkammer aber ändern will. Diese Lücke kann aber durch speziell ausgebildete Dolmetscher:innen gefüllt werden, die auch über fachspezifisches und kulturelles Wissen verfügen. Das ist natürlich keine optimale Lösung, da ihre Einsatz meist nur die zweitbeste Möglichkeit darstellt. Angesichts langer Wartezeiten und Sprachbarrieren stellt sich natürlich die Frage, an wen, wenn überhaupt, sich diese Frauen in ihrer Not dann wenden sollten?
Wenn ich mich beim Thema Psychotherapie in meinem Freundeskreis so umhöre, fällt auf, dass der Kostenfaktor eine große Rolle zu spielen scheint: Therapie ist teuer. Sie aus eigener Tasche bezahlen zu müssen, könnten sich deshalb viele meiner Freund:innen nie im Leben leisten. Glücklicherweise übernehmen aber viele Krankenkassen die Behandlungskosten oder einen Teil davon, weshalb dich dieser Aspekt nicht daran hindern muss, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Muslimische Frauen müssen immer noch gegen das Stigma ankämpfen, das mit Therapie verbunden ist, was den Zugang zu professioneller Hilfe für sie erschwert. Es besteht aber Anlass für Zuversicht. Immerhin verschwinden die Hindernisse, die einer erfolgreichen Therapie für muslimische Frauen im Wege stehen, immer mehr. Das bietet Muslim:innen die Chance, sich verletzbar zu zeigen – und das ohne Stigma oder Entmenschlichung.

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