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Warum trans Frauen in Frauenräume gehören

Foto: Meg O'Donnell.
Ich finde es super, dass es Räume speziell für Frauen gibt. Im Rahmen meiner Arbeit zur Unterstützung von Überlebenden häuslicher Gewalt und meines Einsatzes für ein Ende der Gewalt gegen Frauen habe ich viel Zeit in ihnen verbracht. Als ich Selbsthilfegruppen für Frauen leitete, die häusliche Gewalt überlebt hatten, erlebte ich, dass Räume für unsere Unterstützung und Genesung von Missbrauch eine wertvolle Quelle der Freundschaft, Ermutigung und Freude sein können. In einer Gruppe zeigten sich die Frauen nach sechs Wochen, in denen sie sich gegenseitig von ihren schrecklichen und demütigenden Erfahrungen mit misshandelnden Partnern erzählt hatten, gegenseitig Fotos von ihren Expartnern und lachten sich kaputt. („Moment, das ist er? Aber er sieht so jämmerlich aus!“)
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Dennoch stehen Frauenräume derzeit im Mittelpunkt einer wütenden moralischen Panik, die sich gegen trans Menschen richtet: Die sogenannten TERF wars – eine Wortschöpfung von Juno Dawson und eine hässliche Angelegenheit. TERF ist die Abkürzung für Feminist:innen, die trans Menschen aus der feministischen Bewegung ausschließen wollen. Als jemand, die sich seit über zehn Jahren für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen einsetzt, bin ich erschüttert, dass Fachleute für häusliche Gewalt die Erfahrungen von Überlebenden häuslicher Gewalt und Vergewaltigung nutzen, um den Hass auf trans Menschen zu schüren, die selbst in hohem Maße von geschlechterspezifischer Gewalt betroffen sind.

Trans Personen machen weniger als 1 Prozent der Bevölkerung aus und erleben überproportional häufig geschlechterspezifische Gewalt, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum.

Ich würde das, was hier vor sich geht, als ungerechtfertigte moralische Panik bezeichnen. Eine moralische Panik entsteht, wenn sich ein weit verbreitetes Gefühl irrationaler Angst gegen eine Gruppe oder eine Person richtet, weil sie als Bedrohung für gesellschaftliche Werte und Interessen wahrgenommen wird. ‚Wahrgenommen‘ ist hier das Schlüsselwort. Der Kulturtheoretiker Stuart Hall hat beschrieben, wie die Kriminalisierung Schwarzer Männer im Zusammenhang mit Raubüberfällen in den 1970er Jahren in Großbritannien und Nordirland (entgegen der tatsächlichen Kriminalitätsstatistiken) durch eine mediengesteuerte, gegen Schwarze Menschen gerichtete moralische Panik verschlimmert wurde. Die Presse pflanzte rassistische Motive in die Gedankenwelt der weißen Öffentlichkeit ein. Die wahrgenommene Bedrohung auf die Sicherheit der weißen Menschen legitimierte den sehr realen institutionellen Rassismus und die verstärkte polizeiliche Überwachung von Schwarzen Menschen, wobei die Öffentlichkeit gleichzeitig von der allgemeinen Wirtschaftskrise abgelenkt wurde.
Es ist schon unheimlich, dass diese moralische Panik um Frauenräume ausgerechnet auf dem Höhepunkt unserer eigenen Wirtschaftskrise stattfindet. Frauenräume sind Räume, in denen die Intimsphäre und die Sicherheit von Frauen von entscheidender Bedeutung sind: Toiletten, Umkleideräume und Zufluchtsorte für häusliche Gewalt zum Beispiel. Geschlechterkritische Feminist:innen haben diese Räume als physische und metaphysische Repräsentation der Sicherheit von Frauen in der Gesellschaft ins Visier genommen und sie mit den Rechten von trans Personen in einen Topf geworfen – mit verheerenden Folgen.
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Im Jahr 2018 wetterte eine organisierte Gruppe einflussreicher Personen – die ich als transphobe Lobby bezeichne – in der Debatte zum Gender Recognition Act (Gesetz zur Annerkennung des Geschlechts) aggressiv gegen das Recht von trans Personen auf Selbstbestimmung ihres Geschlechts. Seitdem ist die Situation nur noch weiter eskaliert. Die transphobe Lobby ist eine elitäre Gruppe mit Zugang zu medialer Berichterstattung und finanzstarken Netzwerken zur Deckung der Prozesskosten. Sie belagern eine winzige Minderheit, die einfach nur versucht zu existieren (trans Personen machen weniger als 1 Prozent der Bevölkerung aus). Und sie tun dies durch einen Diskurs über Frauenräume.
Die Argumentation rund um Frauenräume lautet: Wenn trans Personen das Recht haben, ihr Geschlecht rechtlich selbst zu definieren, dann sind Frauenräume und die Frauen darin (sprich: cisgender Frauen) anfällig für Übergriffe durch Sexualstraftäter:innen. Diese Behauptung ist rechtlich und logisch einfach nicht haltbar.
Rechtlich gesehen ist es unsinnig, denn trans Frauen haben als Frauen bereits das Recht auf Zugang zu exklusiven Frauenräumen. Logisch gesehen ergibt es keinen Sinn: Die gefühlte Ausbeutung basiert einzig und allein auf der potenziellen Anwesenheit einer Person mit Penis – oder ohne. Es ist eine entmenschlichende und paranoide Behauptung, die auf der Angst vor dem Unbekannten beruht: Dem trans Körper. Das ist ein Hirngespinst, wenn man bedenkt, dass cis Männer seit Jahrhunderten ungestraft Frauen in ihren eigenen Häusern vergewaltigen.
In den 1970er Jahren war es der Schwarze Dieb, der als Bedrohung für die Ordnung der Gesellschaft angesehen wurde. Heute ist es das Bild der transsexuellen Straftäter:innen, das die Ordnung bedroht (diese „Ordnung“ wird durch eine feste Geschlechtertrennung symbolisiert). Dieses Bild wird durch emotional aufgeladene, hypothetische Szenarien aufgebaut, die alle nach demselben Muster ablaufen: Stell dir eine cis Frau oder ein cis Mädchen allein in einem engen Raum vor, in dem sie wahrscheinlich teilweise nackt ist (Toilette, Umkleidekabine oder Gefängniszelle), und stelle dir dann eine transgender Sexualstraftäterin vor, die sie vergewaltigen will. Dieses Wolf-im-Schafspelz-Szenario ist für jede:n erschütternd, vor allem für diejenigen von uns, die sexuelle Gewalt überlebt haben. Jede:r würde alles tun, was er:sie kann, um das zu verhindern, vor allem diejenigen von uns, die ihr Leben dem Beenden von Gewalt widmen.
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Feminist:innen sollten besser als alle anderen wissen, dass diese Art von Bedrohungsszenarien durch Fremde nicht der Realität entsprechen. In Großbritannien kennen über 90 Prozent der vergewaltigten Frauen ihren Angreifer – in Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von einem Mann aus ihrem unmittelbaren Umfeld getötet. Wir haben jahrelang dafür gekämpft, das Bewusstsein für die Wahrheit über die Gewalt zu schärfen, der Frauen ausgesetzt sind: Es ist am wahrscheinlichsten, dass dein Partner und deine Familie dich verletzen. Eine Studie über die Auswirkungen von Gesetzen zur Antidiskriminierung der Geschlechtsidentität auf die Sicherheit und Privatsphäre in Toiletten und Umkleideräumen kam zu dem Ergebnis, dass „die Befürchtungen, dass die Antidiskriminierungsgesetze die Sicherheit und Privatsphäre verletzen, empirisch nicht begründet sind“. Und Carys Afoko, Mitbegründerin von Level Up, hat darauf hingewiesen: „Irland hat 2015 ein Gesetz zur Geschlechtsanerkennung eingeführt, das es Menschen ermöglicht, ihr eigenes rechtliches Geschlecht ohne Operation zu wählen, und der Himmel niemandem auf den Kopf gefallen.“
Woher kommen diese Ängste, wenn sie nicht in der Realität begründet sind? Ich glaube, dass diese Angst eine Reaktion darauf ist, einem Trauma ausgesetzt zu sein, das Laura van Dernoot Lipsky, Gründerin und Leiterin des Trauma Stewardship Institute, als „die Art und Weise, wie du die Welt aufgrund deiner Tätigkeiten wahrnimmst“ definiert. Es ist kein Zufall, dass der Sektor, der sich gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen einsetzt, das Epizentrum der geschlechterkritischen Transphobie in Großbritannien ist. Viele von uns werden durch ihre eigenen Trauma- und Gewalterfahrungen zu dieser Arbeit hingezogen und sind darin geschult, Bedrohungen zu erkennen, Sicherheitsmaßnahmen zu planen und die Opfer von den Tätern fernzuhalten, um sie am Leben zu erhalten. Als professionelle Opfer, die zu Rettern werden, hängt unser Überleben – und unsere Arbeit – von unserer Fähigkeit ab, das effektiv zu tun. Also bleiben wir übermäßig wachsam gegenüber jeder Bedrohung.
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Trans Personen machen weniger als 1 Prozent der Bevölkerung aus und sind sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum überproportional häufig von geschlechterspezifischer Gewalt betroffen. Laut Stuart Hall ist eine moralische Panik dann gegeben, „wenn die offizielle Reaktion auf eine Person, eine Gruppe von Personen oder eine Reihe von Ereignissen in keinem Verhältnis zu der tatsächlichen Bedrohung steht“. Der Diskurs über Frauenräume und trans Menschen besteht diesen Test.
Ich habe bei meiner Arbeit mit meiner eigenen Traumabewältigung und meinem Burnout gekämpft. Als ich die Presserichtlinien für die Berichterstattung über tödliche häusliche Gewalt schrieb und zahllose Zeitungsberichte über gewaltsame Morde las, fühlte ich mich wie von toten Frauen heimgesucht. Ich hatte lebhafte Albträume, meine Freund:innen waren erschöpft, weil ich über Mordfälle sprach, und ich wurde immer ungeduldiger und wütender, weil sich sonst niemand für die Tatsache zu interessieren schien, dass alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner getötet wird. Ich fing an, die Beziehungen meiner Freunde auf Anzeichen von Zwang oder Kontrolle zu untersuchen und spürte, wie sich eine unangenehme Kluft zwischen mir und meinen männlichen Freunden auftat. Hatte einer von ihnen jemals eine Frau vergewaltigt? Wem konnte ich vertrauen? Wie konnten sie jemals die Bedrohungen verstehen, mit denen Frauen ständig konfrontiert sind?
Wenn du über einen längeren Zeitraum Gewalt und Traumata ausgesetzt bist, beeinflusst das die Art und Weise, wie du dich in der Welt zurechtfindest. Wenn du genug missbrauchende Männer erlebt hast, die Frauen zwingen, verletzen und töten, ist die Überlebensstrategie deines Gehirns eine Abkürzung zu nehmen und Menschen als ‚sicher‘ oder ‚unsicher‘ zu einzustufen. Sehr schnell wird das Unbekannte oder Unbequeme zu ‚unsicher‘.
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Frauenräume gelten als sicher, weil angeblich alle Opfer in diesen Räumen sind und alle Täter draußen bleiben. Professionelle Unterstützer:innen, die gegen Gewalt gegen Frauen arbeiten, halten diese „Sicherheit“ aufrecht, indem sie darüber wachen, wer rein- und rauskommt. Dieser Rahmen verstärkt eine psychologische Dynamik, die als Karpmans Dramadreieck bekannt ist. Im Dramadreieck gibt es drei feste Positionen – Opfer, Täter:in und Retter:in – die in einer toxischen Beziehung zueinander stehen. Als ich an vorderster Front arbeitete, empfand ich tiefes Mitgefühl für die Frauen, mit denen ich arbeitete, und wollte sie oft von ihrem Leid erlösen. Karpmans Arbeit half mir zu erkennen, dass dies nicht wirklich ihre Sicherheit garantierte; es gab mir lediglich ein Gefühl von Macht und Bestimmung. Das Dramadreieck besagt, dass Opfer und Retter:in keinen Schaden anrichten können. Beschäftigte aus dem Sektor, der sich gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen einsetzt, die in ihren Organisationen Mobbing, Macht- und Kontrollmissbrauch erlebt haben, sehen das vielleicht anders.
Wie Leah Cowan, die ebenfalls jahrelang im Bereich gegen Gewalt gegen Frauen gearbeitet hat, und ich schon einmal gesagt haben, bedeutet ein Opfer von Gewalt zu sein nicht automatisch, dass man nicht in der Lage ist, Schaden anzurichten. Ohne diese Erkenntnis ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir selbst Schaden anrichten. Viele von uns sind aufgrund des erlebten Missbrauchs so wütend, dass wir nach Macht und Kontrolle streben, um nicht erneut Opfer zu werden. Aber in der Vergangenheit Opfer gewesen zu sein, bedeutet nicht, dass wir für immer unschuldig sind. Wir alle müssen uns der schmerzlichen Wahrheit bewusst sein, dass wir in der Vergangenheit verletzt worden sind und danach andere verletzen können. Ein Beispiel dafür habe ich vor zwei Wochen erlebt, als eine Frau eine aggressive, transphobe E-Mail an mich mit den Worten einleitete: „Als Überlebende einer Vergewaltigung habe ich…“. Diese Frau ging davon aus, dass ich selbst keine Überlebende bin, und hat nicht bedacht, dass viele trans Menschen auch Überlebende von Missbrauch sind.
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Ich verstehe den Wunsch, „als Überlebende einer Vergewaltigung“ zu schreiben, um deine Wut und Emotionen in Kontext zu bringen, aber diese Identität auf diese Weise zu bewahren, hindert uns daran, das Überleben der Anderen mit Empathie zu betrachten und zu sehen, wie auch wir anderen Schaden zufügen können.

Ich arbeite jetzt seit über zehn Jahren gegen häusliche Gewalt und weiß, dass der Kampf für Gerechtigkeit für trans Personen eng verbunden ist mit unserem gemeinsamen feministischen Kampf.

Die Tatsache, dass die Möglichkeiten für Menschen, die vor häuslicher Gewalt fliehen, in den 2010er Jahren immer knapper geworden sind, spielt eine wichtige Rolle. Jedes sechste Frauenhaus in Großbritannien und Nordirland wurde seit 2010 geschlossen. Von den verbliebenen Einrichtungen wird jede fünfte nicht von den Kommunen finanziert und ist stattdessen auf Notfalltöpfe und karitative Zuschüsse angewiesen. Diese von Sparsamkeit getriebene Politik führt zur falschen Vorstellung, dass cis und trans Frauen miteinander konkurrieren, was nicht der Fall ist.
Doch während die Mittel knapper werden und der gemeinnützige Sektor unter Druck steht, versucht die transphobe Lobby derzeit, ein Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer in Sussex (dort gibt es Räume nur für Frauen) zu verklagen, weil es eine trans Frau in seine Selbsthilfegruppe für Frauen aufgenommen hat. 61.000,00 £ wurden für die Anwaltskosten des Zentrums in diesem Fall gesammelt. Das ist nur ein Bruchteil der 551.262,00 £, die für die Klage gegen die LGBTQ+ Wohlfahrtsorganisation Stonewall in einem anderen Fall gesammelt wurden. Wir befinden uns in einer Krise der Lebenshaltungskosten – Mütter hungern, damit sie ihre Kinder ernähren können. Die Abschaffung der wöchentlichen Erhöhung des Universal Credit um 20,00 £, wird eine Million Familien in die Armut treiben. In diesem Zusammenhang kann ich es nicht verstehen, wieso der Angriff auf ein Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer oder eine LGBTQ+-Wohltätigkeitsorganisation einer Feminist:in in Großbritannien wichtiger sein kann.
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Ich weiß, wie wichtig Frauenräume sind. Ich weiß, dass unser Überleben von unserer Fähigkeit abhängt, Gefahren zu erkennen, um uns gegenseitig zu schützen. Ich weiß, dass sich das Unbekannte bedrohlich anfühlen kann. Ich weiß auch, wie sehr es mich in eine Retterrolle drängt und wie mein eigenes Trauma mich daran hindern kann, das Leid anderer Menschen zu sehen. Aber zu behaupten, dass Transphobie „Frauen schützt“, ist eine vorsätzliche Manipulation unserer Überlebenskunst. Der Einsatz von emotional aufgeladenen Mythen über die Gefahr durch Fremde (die Feministi:nnen jahrzehntelang versucht haben zu entkräften) und die Instrumentalisierung eines „Glaubt den Überlebenden“-Ethos ist entsetzlich mit anzusehen. Beide Methoden haben eine doppelte Funktion: Zum einen schüren sie die moralische Panik gegen trans Personen. Gleichzeitig ziehen sie traumatisierte Frauen, die nach Zugehörigkeit und Sicherheit suchen, in die politische Heimat des Anti-Trans-Aktivismus, der euphemistisch als „genderkritischer Feminismus“ bezeichnet wird. Das muss aufhören.
Die Leute, die gegen Abtreibungen vorgehen, sind dieselben, die trans Personen den Zugang zu geschlechtsangleichenden Behandlungen verweigern wollen. Während wir uns gegenseitig bekämpfen, bleiben die patriarchalen Strukturen, die uns alle verletzen, weiterhin bestehen. Wir müssen weiter träumen und gemeinsam für mehr Raum für uns alle kämpfen. Angesichts der Unerbittlichkeit männlicher Gewalt ist die gemeinsame, solidarische Arbeit der einzige Weg, eine sicherere, liebevollere und befreite Welt für uns alle zu schaffen.
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