So schufen Magazine & das Patriarchat das Märchen von der Cellulite

Cellulite ist nicht echt! Schluss. Aus. Ende.
Oh, das war nicht klar genug? Dann lass mich noch etwas tiefer in die Materie eingehen: Wir alle haben Unterhautfettgewebe und Fasergewebe. Das ist real. Und tatsächlich gibt es bei den meisten menschlichen Körpern Bereiche, an denen die Haut Dellen oder Unebenheiten aufweist. DAS IST NORMAL. Aber bis vor einiger Zeit gab es kein Wort, um sie zu definieren, denn sie waren kein Problem. Vor einem halben Jahrhundert wusste kein Mensch, was Cellulite ist, denn es war einfach nichts, worüber man sich Gedanken gemacht hat. Heute geben wir Millionen, wenn nicht sogar Milliarden für Anti-Cellulite-Behandlungen aus und das, obwohl es kaum Beweise dafür gibt, dass sie wirken. Was natürlich durchaus sinnvoll ist, weil man eine Krankheit nicht behandeln kann, die eigentlich gar nicht existiert.
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Im April 1968 druckte die Vogue als erste englischsprachige Zeitschrift den Begriff “Cellulite“ und schuf damit sowohl ein neues Wort als auch eine neue modische Art und Weise für amerikanische Frauen, ihren Körper zu hassen. Jetzt – über 50 Jahre nach diesem massiven redaktionellen Fauxpas – können wir uns genauer damit beschäftigen, wie Cellulite zur häufigsten und am schwersten behandelbaren erfundenen Krankheit aller Zeiten wurde.
Die Geschichte beginnt, vor langer Zeit, in Frankreich. In einem französischen medizinischen Wörterbuch, um genau zu sein. 1873 nahmen die Ärzte Émile Littré und Charles-Philippe Robin das Wort “Cellulite“ in die 12. Auflage des Dictionnaire de Médecine auf. Dieser Begriff wurde zum ersten Mal verwendet, sagt Professor Rossella Ghigi, deren Abhandlung über die Geschichte der Cellulite die wohl ausführlichste Quelle ist, die je zu diesem Thema geschrieben wurde. Der entscheidende Punkt ist aber, dass die ursprüngliche (und genaue) Definition von Cellulite nichts mit Dellen oder Fett zu tun hatte. Vielmehr handelte es sich um einen allgemeinen Begriff für Zellen oder Gewebe, die sich in einem Zustand der Entzündung oder Infektion befinden. Er stand in engem Zusammenhang mit der auch heute noch verwendeten Diagnose der Cellulitis (die auch nichts mit den Unebenheiten am Po zu tun hat) und wurde vor allem bei Beckeninfektionen verwendet.
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Irgendwann um die Jahrhundertwende schaffte Cellulite den Sprung von den medizinischen Lehrbüchern zum Mainstream-Lexikon und verlor dabei aber leider ihre wahre Definition. Es ist schwierig, ihren genauen Verlauf nachzuvollziehen. Ghigi betont aber, dass in der Zeit in Frankreich die medizinische Wissenschaft in rasantem Tempo voranschritt, während gleichzeitig eine andere Industrie ebenfalls boomte – nämlich die der Schönheitsprodukte. Die Geschichte der französischen Beauty-Branche ist fast so alt wie die des Landes selbst, aber erst in der Zwischenkriegszeit festigte Paris sein Vermächtnis als Welthauptstadt der Schönheit.
Professorin Holly Grout untersucht dieses Phänomen in ihrem Buch The Force Of Beauty: Transforming French Ideas Of Femininity In The Third Republic. Sie schreibt, dass das erste der legendären französischen Schönheitsinstitute 1895 eröffnet wurde und schnell viele weitere folgten. „Die stetige Zunahme der Zahl der Institute vor dem Krieg musste dem kometenhaften Wachstum nach dem Krieg weichen“, so die Professorin. Dazu stellten diese Institute eine Vielzahl neuer “Spezialist*innen“ ein: Kosmetiker*innen, Masseur*innen und „sogar Ärzt*innen und Chemiker*innen“, schreibt Grout. Die Grenzen zwischen Schönheit, Wissenschaft, Medizin und Gesundheit flossen also ineinander. Heute könnte man das unter dem Begriff Wellness-Industrie zusammenfassen.
Außerdem bildeten immer mehr Frauen das Bild der Gesellschaft. Wie so oft in Kriegszeiten gingen traditionelle Geschlechterrollen verloren, als die Männer im Ersten Weltkrieg in die Schlacht zogen. Immer mehr Frauen wurden selbständig und übernahmen höher bezahlte Jobs in traditionell von Männern dominierten Branchen. Grout schreibt: „Als Frauen in die Universität, den Dienstleistungssektor und die Fabrik einzogen, gewannen vertraute Debatten über die soziale Rolle der Frau ihre politische Relevanz und ihre zweideutige Beziehung zum anderen Geschlecht eine neue Bedeutung.“
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Nach dem Krieg, so Grout, bildete sich in der Gesellschaft ein neuer Prototyp moderner Weiblichkeit: Frauen waren frei, offen und losgelöst von den Fesseln der Klasse und der altmodischen Etikette. Vor allem aber waren sie ein Teil des öffentlichen Bildes. „Es war nicht nur die größere Präsenz weiblicher Körper – auf den Straßen der Stadt, in Geschäftslokalen –, sondern auch die Darstellung dieser Körper in den Medien, in Werbematerialien und auf der Bühne.“ Das moderne Konzept der Weiblichkeit war nicht nur ein Nebenprodukt des Krieges, sagt Grout. Es war ein Produkt „ineinander verflochtener kommerzieller und kultureller Kräfte am Arbeitsplatz“.
Kurz zusammengefasst: Wir sind im Nachkriegsfrankreich, die Schönheitsindustrie boomt (und wird zunehmend medizinisch betrieben), und all diese Frauen laufen herum, als ob ihnen der Laden gehört! Sie haben kurze Haare und ganz schön viel Geld in ihren Taschen. Dagegen musste das Patriarchat doch vorgehen?!
Und das tat es – indem es Frauen dazu brachte, ihr ganzes Geld auszugeben.
Professor Ghigi erklärt, dass es eine Ausgabe der Zeitschrift Votre Beauté vom Februar 1933 war, in der zum ersten Mal “Cellulite“ in einer Mainstream-Publikation verwendet wurde. Hier erhielt sie auch ihre neue Definition. Der Artikel, der von einem Dr. Debec verfasst wurde, definiert Cellulite als eine Kombination aus „Wasser, Rückständen, Giftstoffen und Fett, die eine Mischung bilden, gegen die man schlecht gewappnet ist“. Das Ergebnis war so etwas wie Fett – aber anders als andere Fette, da es unmöglich schien, es loszuwerden. Außerdem sei es ein “weibliches“ Problem.

Von Anfang an gab es kaum Einigkeit darüber, was Cellulite denn nun wirklich war.

Warum er diesen Begriff verwendet hat, um es zu einem Problem zu machen, werden wir wohl nie herausfinden. Denn davor waren die Dellen und Beulen am Körper nie ein Problem. (Wirf doch mal einen Blick auf praktisch alle Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, in denen Cellulite als Teil der weiblichen Schönheit dargestellt – ja sogar hervorgehoben – wurde.) Aber nach diesem Artikel zogen andere nach. Französische Heilbäder begannen mit “Behandlungsmethoden“ für diese “Krankheit“ zu werben, darunter spezielle Seifen, Massagen und Schönheitsmasken. Währenddessen fragten sich die Leser*innen aber immer noch, was genau Cellulite war und ob sie sie hatten. Von Anfang an gab es kaum Einigkeit darüber, was die Orangenhaut denn nun wirklich verursachte. Zu den möglichen Ursachen gehörten zu enge Kleider, schlecht sitzende Gürtel, Überernährung oder Drüsenprobleme. Unabhängig davon wurde es aber immer mit dem weiblichen Körper in Verbindung gebracht – wenn auch nicht immer mit den gleichen Körperteilen.
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„Zwischen den Jahren 1937-1939 hat sich die Cellulite anscheinend vom Unterkörper zum Hals verlagert“, schreibt Ghigi. In der Marie-Claire wurde die Cellulite zum ersten Mal als Makel am Hals bezeichnet. Kurz darauf schrieben viele Leser*innen dem Magazin, sie hätten irgendwelche komischen Beulen an ihrem Hals entdeckt. Ghigi glaubt, diese Verschiebung der Problemzone entstand durch die Tatsache, dass sich die Looks der Frauen in dieser Zeit massiv änderten. Der Bob-Haarschnitt wurde in Kriegszeiten zu einer regelrechten Trendfrisur. Außerdem hatte Coco Chanel in den 1930er Jahren Nacken und Schultern durch weite Ausschnitten und Oberteile im Matrosen-Stil mehr in den Vordergrund gerückt. Und so passierte es, dass Cellulite eben da erschien, wo immer wir mehr Haut sehen konnten, meint Ghigi.
Die Cellulite-Plage begann sich über Frankreich hinaus auszubreiten, unaufhaltsam sogar durch den Ausbruch eines weiteren Weltkrieges. Tatsächlich führen einige den Zweiten Weltkrieg als den Moment an, in dem sich die Lipophobie (Fettphobie) wirklich als kulturelle Haltung materialisierte. Ein weiterer Krieg bedeutete, dass Frauen wieder in die Arbeitswelt eingebunden wurden, wodurch sie noch unabhängiger und selbstbestimmter wurden. „Dieser Prozess löste eine Reihe von Trends aus, die die Einstellung zu Essen und Ernährung sowie das Körperbild radikal verändern sollten“, schreibt der Sozialwissenschaftler Claude Fischler in seiner Studie über Fettphobie.
ILLUSTRATION BY VERO ROMERO
Die im Ersten Weltkrieg entstandenen neuen Vorstellungen vom weiblichen Erscheinungsbild wurden im Zweiten Weltkrieg dann zu etablierten Schönheitsstandards: Die Sanduhrform war out, ebenso wie das Korsett, das sie noch verstärkt hatte. Jetzt, so Fischler, bevorzugte man dünne, “röhrenförmige“ Körper. Ebenfalls neu war die Idee, dass Frauen ihre Körperform selbst bestimmen konnten – und sollten –, anstatt sich auf das Korsett zu verlassen. Diäten wurden beliebter. Auch heute noch, so Fischler, wird Schlankheit als persönlicher Erfolg gesehen. „Fit und schlank zu sein, gilt heute als eine Frage der Selbstdisziplin, der Hingabe und des Mutes.“ Körperfett war einst ein Zeichen des Wohlstands und der Energiespeicherung im Körper, aber von diesem Zeitpunkt an, schreibt er, galt es als „eine nutzlose, parasitäre Belastung“. Fett wurde zum Symbol für Schwäche, Faulheit und sogar Unmoral – ein Misserfolg im Leben.
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Und Cellulite war das sichtbarste und am meisten verachtete Zeichen dieses Scheiterns. Sobald der neue Standard weiblicher Schönheit in der westlichen Welt Wurzeln schlug, stieg auch die Panik vor der Cellulite. Cellulite: Das Fett, das du früher nicht loswerden konntest, lautete 1968 die Schlagzeile der Vogue. In dem Artikel geht es um eine junge Frau, die befürchtete, dass sie zu lange gewartet hatte, um etwas gegen ihre Krankheit Cellulite zu unternehmen, es aber glücklicherweise durch Bewegung, Diät, “richtiges Stehen“ und Einreiben mit einem speziellen Nudelholz doch noch schaffte, sie loszuwerden.
Der Mythos der Orangenhaut wurde zum Mainstream – ebenso wie ihre Ursachen und Heilmittel. Und da bleibt sie auch. Noch heute benutzen Frauen spezielle Massagegeräte, um sie zu entfernen. Doch es gibt mittlerweile auch noch eine Menge, weitaus kostspieligere “Behandlungsmethoden“. Die Föderale Handelskommission (FTC) hat erfolgreich rechtliche Schritte gegen viele der Hersteller dieser Produkte eingeleitet und zwar auf der Grundlage falscher oder irreführender Werbung bei Anti-Cellulite-Produkten (darunter L'Occitane, Wacoal, Rexall, QVC, Nivea – eigentlich gegen jedes Unternehmen, das jemals versucht hat, eine Cellulitekur zu verkaufen). Es gibt praktisch keine Möglichkeit, ein Heilmittel für Cellulite ehrlich zu vermarkten, denn du kannst nichts heilen, was nicht geheilt werden muss.
Zum Verständnis: Cellulite ist eine Fettschicht unter der Haut. Und die wird durch faseriges Gewebe festgehalten und bildet dadurch eine Art Netz. Manchmal verklumpen die Fettzellen und werden durch die Löcher in diesem Netz gedrückt, wodurch die sichtbaren Beulen und Dellen auf deiner Haut entstehen. Es handelt sich um ein normales, sehr weit verbreitetes körperliches Merkmal, das bei schätzungsweise 80-98 Prozent der Frauen und einem viel geringeren Prozentsatz der Männer auftritt.
Warum sind davon in erster Linie Frauen betroffen? Was ist anders an dem kleinen Prozentsatz von Frauen, die es nicht haben? Zu diesen Fragen gibt es viele Theorien und wenig Fakten. Der springende Punkt ist, Cellulite verschwindet nicht und war einfach schon immer da. „Bevor sie erfunden wurde“, schreibt Professor Ghigi, „war Cellulite nur weibliches Muskelfleisch“.
Heute taucht Cellulite in den meisten Wörterbüchern auf. Obwohl sie als ein umgangssprachlicher, nicht-medizinischer Begriff bezeichnet wird, hat sie unsere Selbstwahrnehmung (ganz zu schweigen von unserem Geldbeutel) fest im Griff. Wie die Hysterie ist Cellulite ein aus dem Nichts geborener Zustand, der in den Köpfen der Frauen Selbstzweifel und Angst um ihre Gesundheit schüren soll. Der Unterschied zwischen den beiden ist aber, dass wir heutzutage alle Wissen, wie absurd die Diagnose Hysterie wirklich ist. Über den Ursprung des Cellulite-Mythos gibt es aber mindestens genauso viele leicht zugängliche Informationen. Warum glauben wir also immer noch daran?

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