Wie ein Monat ohne Alkohol meine Haut, Haare & Nägel veränderte

Jennys Haut & Haare vorher
Für viele von uns spielte der Alkohol während der Pandemie eine besondere Rolle. Anstatt uns abends mit Freund:innen in einer Bar zu treffen, saßen wir monatelang vor allem zu Hause rum – und wenn dann doch die Lust auf einen Drink kam, war die DIY-Version nicht so teuer wie der Bar-Cocktail für acht oder neun Euro. Die Folge: Man goss sich gerne noch ein Gläschen ein. Oder zwei. Oder drei.
Ich jedenfalls kann mit Gewissheit sagen: Mein Freizeit-Alkoholkonsum ist seit Corona ganz schön gestiegen. Zumindest ging es scheinbar nicht nur mir so: Während der Pandemie gingen zahlreiche Alkohol-Memes viral – von Meryl Streep und Stanley Tucci beim Cocktail-Mixen bis hin zu dem Typen, der im Spiegel mit sich selbst anstößt. Wenn du während der letzten zwei Jahre nicht mindestens ein Meme à la „Haha, wir trinken alle so viel“ geschickt bekommen hast, warst du dann überhaupt in einer WhatsApp-Gruppe?
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Während wir alle versucht haben, die „neue Normalität“ zu bewältigen, gehörte das Trinken für viele von uns einfach dazu. Bei jedem Event und Treffen via Zoom, FaceTime und Co. nippte ich nebenbei an irgendwas. Als dann der Lockdown endete, waren Drinks im Park angesagt. Man musste ja feiern, dass man das alles überlebt hatte, oder?
Inzwischen liegt die wirklich harte Corona-Zeit weitestgehend hinter uns. Wir kommen endlich wieder unter Leute – und zu diesen Treffen gehört eben oft auch Alkohol. Mit 32 Jahren neige ich zwar nicht mehr dazu, mich so richtig zu betrinken, gönne mir aber doch regelmäßig ein Gläschen hiervon, eins davon. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge sollten Frauen aber maximal 12 Gramm reinen Alkohol täglich (das entspricht zum Beispiel 125 Milliliter Wein) konsumieren und mindestens zwei alkoholfreie Tage pro Woche einlegen. Und obwohl ich keine große Trinkerin bin, kommt bei mir schnell mehr zusammen, wenn ich mir unter der Woche mal ein paar Gläser Syrah-Wein und am Wochenende einen Gin Tonic gönne.
Es gibt zahlreiche Studien zu den negativen Konsequenzen von Alkohol für unsere allgemeine Gesundheit. Regelmäßiges Trinken kann sich aber auch nachweislich auf das Aussehen auswirken. Im letzten Jahr habe ich mich daher immer häufiger gefragt, was diese flüssige Sünde eigentlich mit meinen Haaren, Nägeln und meiner Haut anrichtete. Jedes Hautproblem, das ich versuche, mit der richtigen Pflege in den Griff zu bekommen (Rötungen, Trockenheit, vergrößerte Poren, Aufgedunsenheit und Glanzlosigkeit), könnte mit der entzündlichen Wirkung des Alkohols zusammenhängen, den ich wöchentlich trinke. Vor allem Cocktails und Wein enthalten viel Zucker und haben somit einen hohen glykämischen Index; Studien zufolge kann der für diverse Hautbeschwerden verantwortlich sein. Interessanterweise sind klare Spirituosen wie Gin, Wodka und Tequila weniger zuckerlastig und werden von uns auch schneller wieder ausgeschieden.
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Weil ich davon überzeugt war, dass ein Alkoholverzicht womöglich mehr bewirken könnte als jedes noch so teure Skincare-Produkt, gab ich den Alkohol vier Wochen lang komplett auf. Normalerweise setze ich auf Hautpflege-Wirkstoffe wie Niacinamid (für einen ausgeglicheneren Teint) und Hyaluronsäure (für Feuchtigkeit); jetzt wollte ich wissen, wie sich meine Haut schlagen würde, wenn ich ihr ein paar Wochen lang nicht durch dehydrierenden Alkohol von innen Feuchtigkeit entziehen würde. Ich leide häufig unter hartnäckigen trockenen Stellen in den Mundwinkeln (auch bekannt als „Cheilitis angularis“ oder „Mundwinkelrhagade“) und fragte mich, ob die sich wohl durch den kompletten Alkoholverzicht verbessern würden. Zusätzlich neige ich zu Hautunreinheiten, und obwohl meine Nägel zwar schnell wachsen, sind sie nicht sonderlich stark, sondern brechen oft ab. Meine Haare nehmen Farbe zwar gut auf und lassen sich auch unkompliziert stylen, sind aber ziemlich fein, fettig und platt.
Vor meinem kompletten Entzug holte ich mir Rat bei einigen Expertinnen. Die Haut- und Wellness-Expertin Marie Reynolds erzählte mir: „Alkohol ist ein Giftstoff, der durch die Nieren und die Leber aus dem Körper gefiltert wird. Die Nieren beeinflussen auch die Dichte und Struktur unserer Haare sowie die Textur und Färbung unserer Haut.“ Es ist keine große Überraschend, dass Marie das sogenannte „binge drinking“ (hierzulande auch als „Komasaufen“ bekannt) als deutlich ungesünder einordnet als das gelegentliche Glas Wein. „Der Alkoholexzess greift die Leber, die Nieren und die Milz an. Das kann sich dann in der Haut, den Haaren und Nägeln widerspiegeln.“
Die Dermatologin Dr. Emma Wedgeworth erklärt mir: „Kurzfristig sorgt Alkohol für Vasodilatation, also eine Gefäßerweiterung. Die Blutgefäße kommen der Hautoberfläche dadurch näher, was für Rötungen sorgen kann. Alkoholische Getränke, insbesondere Rotwein, können außerdem Histamin freisetzen, was für Juckreiz und Hautirritationen sorgen kann.“ Der Konsum kann sich auch indirekt auf die Haut auswirken, zum Beispiel durch seinen dehydrierenden Effekt. „Viele meiner Patient:innen, die unter entzündlichen Hauterkrankungen wie Akne, Rosacea und Ekzemen leiden, stellen nach dem Alkoholkonsum eine Verschlimmerung ihrer Beschwerden fest.“ Dr. Wedgeworth ergänzt, dass es deutliche Hinweise dafür gibt, die vermuten lassen, dass das Trinken über die empfohlene Menge hinaus auch mit entzündlichen Hautkrankheiten wie Psoriasis und einem gesteigerten Hautkrebsrisiko in Zusammenhang steht. Wie auch Marie betont Dr. Wedgeworth, dass sich ein höherer Alkoholkonsum ernsthaft auf die Leber und somit auf die Haut auswirken kann. „Eine Fehlernährung kann auch negative Konsequenzen für die Haare und Nägel haben“, fügt sie hinzu. Um da wirkliche Verbesserungen zu sehen, müsstest du aber schon mehrere Monate lang auf Alkohol verzichten, erklärt Dr. Wedgeworth.
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Wenn ich regelmäßig trinke, fällt mir auf, dass sich meine Pigmentflecken verschlimmern, meine dunklen Augenringe sichtbarer werden, Hautunreinheiten stärker ausfallen und ich generell weniger „frisch“ aussehe. Könnte es da wirklich helfen, komplett auf Alkohol zu verzichten? „Eine Reduzierung des Konsums könnte die Augenringe und Hautunreinheiten verbessern“, meint Dr. Wedgeworth. Das hängt mit der Hautanatomie zusammen. „Die Haut in der Augenpartie ist sehr dünn, wodurch sie anfällig für feuchtigkeits- und schlafbedingte Veränderungen ist. Alkohol kann entzündungsfördernd wirken und enthält viel Zucker. Das heißt, dass er Hautunreinheiten und Akne verstärken könnte. Nicht mehr zu trinken, könnte beides recht schnell verbessern“, erklärt sie. Ich fragte mich, ob vier alkoholfreie Wochen schon reichen würden, um einen Unterschied erkennen zu können; Marie war sich da ziemlich sicher und ermutigte mich dazu, mich zusätzlich gesünder zu ernähren, um dem Fortschritt zu helfen. Davon würde mein Körper im nüchternen Zustand auch deutlich stärker profitieren. Gleichzeitig konnte ich mich ihr zufolge auf mehr Energie und besseren Schlaf einstellen – was auch langfristig positive Konsequenzen für die Haut haben kann.
Bevor ich aber irgendwelche Hautveränderungen bemerkte, fiel mir schon nach fünf Tagen ohne Alkohol auf, wie viel Energie und geistige Klarheit ich plötzlich hatte. Erst nach zwei Wochen bemerkte ich im Spiegel eine Verbesserung meines Teints. Als ich mir meine Haut genauer ansah, war ich überrascht, als mir ein CC-Creme-ähnlicher Glow auffiel. Meine Haut wirkte ein bisschen verschwommen, obwohl ich überhaupt kein Make-up trug. Mein Teint war gleichmäßiger, doch bemerkte ich keine Veränderung an den Mitessern auf meiner Nase oder den vergrößerten Poren auf meinen Wangen. Die größte Veränderung ergab sich aber unterhalb meiner Augen, wo die Haut jetzt weniger violett und eingefallen war; ich sah viel wacher und strahlender aus. Ich habe ansonsten keine Hautrötungen – da tat sich demnach auch nichts –, doch muss ich sagen, dass meine gelegentlichen Pickel schneller zu verheilen schienen. Obwohl die trockene Haut rund um meine Mundwinkel etwas nachließ, ist sie noch nicht ganz verschwunden. Da muss ich also nochmal mit meinen Ärzt:innen reden.
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Diese positiven Ergebnisse – das Ergebnis meines selbsternannten „No Wine November“ – könnten aber auch damit zusammenhängen, dass ich jetzt besser schlafe. Erstaunlich ist das nicht: Laut Drinkaware kann das regelmäßige Trinken den Schlafrhythmus stören. „Eine exzessive Trink-Session […] kann dafür sorgen, dass wir mehr Zeit im Tiefschlaf und weniger in der wichtigen REM-Phase (Rapid Eye Movement) verbringen.“ REM-Schlaf ist wichtig für deinen Körper; wenn du davon weniger bekommst, fühlst du dich also womöglich besonders müde – und siehst auch so aus.
Jennys Haare und Haut nach einem Monat
Obwohl meine Haut also von meinem Experiment zu profitieren schien, stellte ich nach vier Wochen Alkoholverzicht kaum eine Veränderung meiner Haare fest. Die sind so fein und fettig wie eh und je, obwohl sie sich generell glatter anfühlen. Ich bat den Promi-Haar- und Beauty-Experten David Lopez um seine Meinung. „Meiner Erfahrung nach gibt es keinen Zusammenhang zwischen feinem, fettigem Haar und Alkohol“, erzählt er mir. „Wenn du lange Haare hast, wird sich der Zustand der Spitzen nicht durch den Verzicht ändern“ – schlechte Nachrichten für Spliss also! „Nachwachsendes Haar wäre womöglich stärker und gesünder. Das würde sich aber nur am Ansatz abzeichnen.“ Wer könnte also einen Unterschied feststellen? „Vielleicht jemand mit starkem Alkoholkonsum oder jemand, der:die über lange Zeit hinweg alkoholsüchtig war.“ Meine Hoffnungen, nach vier Wochen eine traumhafte, voluminöse Mähne zu haben, waren also direkt zerschlagen.
Enttäuschenderweise stellte ich bei meinen Nägeln aber die geringste Veränderung fest; ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass die von meinem Experiment überhaupt nicht profitiert haben, sondern weiterhin so zerbrechlich sind wie vorher. Vielleicht habe ich heute ein paar Rillen weniger (die oft als Symptom von fehlender Feuchtigkeit gedeutet werden), obwohl ich schon vorher kaum welche hatte. Wenn deine Nägel prinzipiell trocken und zerbrechlich sind, lohnt es sich also eher, in eine gezielte Behandlung zu investieren – wie in ein pflegendes Nagelöl oder eine Creme – und die konsequent durchzuziehen.
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Der größte Gewinner des Ganzen war also meine Haut – und die hat sich genug verbessert, um mich davon zu überzeugen, meinen Alkoholkonsum langfristig zu ändern. Wenn du unter Rötungen, Unreinheiten, Aufgedunsenheit oder einem glanzlosen Teint leidest (so wie ich), wird deine Haut den Entzug sicher lieben. Ich habe Dr. Wedgeworth gefragt, ob es wichtig ist, für immer auf Alkohol zu verzichten, um weiterhin positive Ergebnisse zu sehen. Gibt es denn für die Haut irgendwas zwischen „Komasaufen“ und „Ein Leitungswasser, bitte“? „Letztlich hat Alkohol keine gesundheitlichen Vorteile. Das gilt auch für die Haut“, meint sie. „Ob geringer bis moderater Alkoholkonsum langfristige Schäden für die Haut bedeutet, ist noch nicht klar. Wenn du aber deine Hautgesundheit optimieren möchtest, solltest du deinen Alkoholkonsum gering halten.“ Marie stimmt zu: „Ein bisschen Genuss tut dir gut, aber eben in Maßen – also nicht tägliches Trinken oder gar Exzess.“ Prinzipiell empfiehlt Marie, dreimal pro Jahr vier bis sechs Wochen lang keinen Alkohol zu trinken, wenn du die Wirkung auf deine Haut und deinen Körper ausprobieren möchtest. Zusätzlich kannst du deinen Körper durch Nahrungsergänzungsmittel für die Leber unterstützen.
Jennys Haut und Haare nach einem Monat
Ich bin so zufrieden mit meiner strahlenden Haut, dass ich beschlossen habe, so lange keinen Alkohol zu trinken, wie ich eben Lust habe. In Zukunft tausche ich dann zuckerhaltigen Wein gegen Gin ein und trinke zwischen den Drinks immer mal wieder Wasser, um meinen Körper zu hydrieren. Und hey: Alkoholfreie Cocktails schmecken schließlich auch richtig gut.

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