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So hilft TikTok jungen Frauen dabei, mit dem Trinken aufzuhören

Foto: Flora Scott
Als Rachel Brady vor einem halben Jahrzehnt mit ihren Freund:innen trinken ging, wusste sie nicht, ob sie nach einem Drink aufhören würde oder ob „der Abend mit einem Filmriss enden würde“. Häufiger, als ihr lieb war, erlebte Rachel Letzteres: Sie trank erhebliche Mengen, um den Schmerz vergangener Traumata zu „betäuben“ und ihre sozialen Ängste zu lindern. „Obwohl ich wusste, dass Alkohol nicht gut für meine Gesundheit war, dachte ich lange Zeit, dass er die einzige Möglichkeit sei, um mich zu entspannen oder meinen Sorgen für eine Weile zu entkommen“, sagt die 29-jährige Schriftstellerin am Telefon. Am Ende empfand sie Trinken nicht einmal mehr als etwas Unterhaltsames. „Ich genoss es nicht mehr. Es fühlte sich fast so an, als ich hätte ich keine andere Wahl, als zu trinken.“
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Rachel trinkt jetzt seit dreieinhalb Jahren nicht mehr und teilt seit 2016 ihre Genesungsgeschichte auf Instagram unter ShotsToShakes. Im November 2019 erstellte sie aus einer „mitternächtlichen Laune heraus“ einen TikTok-Account. „Zu diesem seltsamen Zeitpunkt war es immer noch ein bisschen peinlich.“ Seitdem hat sie mehr als 95.000 Follower und 3,2 Millionen Likes auf ihrem Account gesammelt (ebenfalls ShotsToShakes). Während auf Instagram bunte Infografiken mit Titeln wie „kleine Erinnerung“ zu sehen sind, nutzt Rachel TikTok, um Sketche über Nüchternheit zu teilen, die mit SpongeBob-Clips oder Kesha-Songs unterlegt sind.
Die Hashtags #sober (zu Deutsch: nüchtern oder abstinent) und #sobriety (zu Deutsch: Nüchternheit oder Abstinenz) haben 2,2 Milliarden bzw. 886 Millionen Views auf TikTok. Die beliebtesten Videos reichen von ehrlichen Rückblicken auf die schwierigste Zeit im Leben einer alhoholsüchtigen Person bis hin zu Sketchen, Tänzen und Lip-Sync-Clips, die unter jedem Hashtag auf der App beliebt sind. Die Kommentare dazu zeigen, dass TikTok eine wichtige Plattform ist, um über Abstinenz, Alkoholismus und Entzug zu sprechen und an dem sich die Menschen austauschen und Unterstützung suchen können.
„Ich stieß auf einen TikTok-Beitrag zu Rückfallsträumen. Die Kommentare darunter lauteten alle mehr oder weniger folgendermaßen: ‚Oh mein Gott, ich dachte, ich wäre die einzige Person, die solche Träume hat. Danke dafür, dass du dieses Thema normalisierst‘“, sagt Rachel.
Im Vergleich zu Instagram, sagt Rachel, ermögliche TikTok es ihr, „spontaner“ zu sein und „mehr Humor und einen größeren Teil ihrer Persönlichkeit“ in ihren Content rund um Abstinenz einzubauen. „Es ist wirklich wichtig, die Sache mit Humor anzugehen, denn der Weg zur Genesung kann sehr ernst und schwierig sein… Über sich selbst lachen zu können, ist superwichtig, wenn du auf Langlebigkeit aus bist.“ Da Videos auf TikTok schnell viral gehen können, kann es sein, dass Leute, die gar nicht nach Videos zu Abstinenz suchen, auf Rachels Content stoßen. Weil das passieren kann, hat die App das Potenzial, die Einstellung zum Alkohol im Allgemeinen zu ändern. „Ich denke, dass viele Menschen – vor allem junge Leute – gerade anfangen zu erkennen, dass sie die freie Wahl haben, ob sie sich für ein alkoholfreies Leben entscheiden wollen oder nicht“, fügt sie hinzu.
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Es ist sehr wichtig, die Sache mit Humor anzugehen, denn der Weg zur Genesung kann sehr ernst und schwierig sein.

Rachel Brady
Zahlen aus 2019 zeigen, dass die Zahl der Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 Jahren, die regelmäßig Alkohol trinken, in den letzten 14 Jahren zurückgegangen ist. Bei jungen Erwachsenen sind es derzeit 32,4 Prozent (im Vergleich zu 43,6 Prozent in 2004). Eine Umfrage, die 2018 durch Berenberg Research ausgeführt wurde, ergab, dass die Generation Z in den USA weniger trinkt als die Generationen vor ihr. TikTok ist vielleicht nicht für diese Entwicklung – vom Alkohol weg zu einem alkoholfreien Leben hin – verantwortlich, die Social-Media-Plattform verstärkt diesen Trend aber sehr wohl. Sie normalisiert nämlich das Nichttrinken und baut Stereotypen darüber, wie Alkoholismus aussieht, ab. Die 32-jährige Crissy Rodriguez, die im Vertrieb tätig ist, hat einen Account mit 75.000 TikTok-Followern, der ebenfalls dem Thema Abstinenz gewidmet ist. „Wenn es um Sucht geht, denken wir immer in Schwarz-oder-Weiß-Kategorien“, sagt Crissy, deren Großvater an Alkoholismus starb. TikTok, sagt sie, hilft dabei, zu zeigen, dass Abhängigkeit weitaus komplexer ist.
Crissy ist seit etwas mehr als einem Jahr auf Alkoholentzug. 2021 versuchte sie, den gesamten Januar auf Alkohol zu verzichten, da sie gemerkt hatte, dass sie jede Nacht „eine oder zwei Flaschen“ Wein getrunken hatte, um mit dem Stress bei der Arbeit zurechtzukommen. „Meine Beziehung zum Alkohol fühlte sich so an, als hätte ich Schulden, die ich nicht zurückzahlen konnte. Ich war ständig ängstlich und deprimiert, also betrank ich mich. Durch meinen Kater am nächsten Tag nahmen meine Ängste und meine Niedergeschlagenheit nur noch mehr zu“, sagt sie. Wie viele andere hoffte auch sie, „einen Ausweg zu finden, ohne mit dem Trinken aufhören zu müssen“. Als der Januar dann vorbei war, wollte sie sehen, wie lange sie es ohne Alkohol aushalten würde. Sie war sich aber nicht sicher, ob sie für immer abstinent bleiben würde. Dann begann sie im Sommer, TikTok-Content über ein Leben ohne Alkohol zu teilen. Das bestärkte sie in ihrem Entschluss, alkoholfrei zu leben.
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„Sobald die Posts viral gingen, entstand daraus sofort eine Community“, sagt Crissy. Als sie in ihrem Alltag versuchte, anderen von ihrem Alkoholproblem zu erzählen, stieß sie auf Unverständnis. Online war sie plötzlich von gleichgesinnten Menschen umgeben. Sie beschreibt TikTok als „interaktiv“, da sie auf Kommentare zu ihren Videos antworten kann. Ihr Content ist unterhaltsam, aber auch lehrreich. In einem Video, das im Juni eine Million Mal angesehen wurde, erklärt sie in 59 Sekunden, wie unsere Leber funktioniert. Der Kommentarbereich dazu ist voll von Anfragen nach weiteren Videos und Kommentaren wie: „In letzter Zeit plagen mich nach dem Trinken immer solche Ängste. Könntest du vielleicht ein Video darüber machen?“, und: „Kannst du erklären, wie Alkohol das Gehirn beeinflusst, wenn jemand langfristig zu viel trinkt?“
In weniger als einem halben Jahr stieg die Zahl von Crissys TikTok-Followern von ein paar tausend auf fast 100.000. „Die meisten von uns trinken. Wenn du also über Abstinenz sprechen willst, denkst du vielleicht zuerst, dass niemand zuhören will“, sagt sie. Ihre schnell wachsende Popularität auf der Social-Media-Plattform zeigte aber, dass ein alkhoholfreies Leben „ganz klar etwas ist, an dem Leute interessiert sind“.
Dennoch ist nicht jede:r bereit für diese Art von Content. Eine Person hinterließ folgenden Kommentar unter dem oben erwähnten Leber-Video: „Danke, jetzt fühle ich mich wie ein:e Alkoholiker:in“. Während #sober 2,2 Milliarden Views auf TikTok hat, sind es im Falle von #alcohol 6,2 Milliarden. Das zeigt, dass es nicht nur nicht so einfach ist, Videos in „für“ oder „wider Alkohol“ aufzuteilen (schließlich gibt es Content, in dem der Hashtag #sober ironisch gemeint ist), sondern auch, dass wir immer noch in einer Kultur leben, in der der Konsum von Alkohol gefeiert wird.
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Sowohl Rachel als auch Crissy berichten davon, dass sie auch hasserfüllte Kommentaren erhalten haben. Leute sagen so etwas wie: „Weil du nicht mehr trinkst, willst du jetzt das Leben von Menschen, die trinken, zerstören“, erzählt Crissy. Es gab sogar Personen, die ihr vorwarfen, einige der Informationen, die sie über die Auswirkungen von Alkohol auf den Körper geteilt hatte, seien an den Haaren herbeigezogen. Rachel sagt, sie musste sich eine dicke Haut wachsen lassen und viele Leute blockieren, um sich selbst und ihre Follower vor diesen Personen zu schützen, die behaupten, dass Sucht eine Wahl sei oder der Meinung sind, dass nicht öffentlich über Abstinenz gesprochen werden sollte.
Trotz dieser Negativität glauben Rachel und Crissy, dass sich das Stigma, mit dem Abstinenz und Alkoholismus behaftet sind, dank TikTok verändert. „Auf dieser Plattform ist es sehr einfach, mit anderen Menschen zu interagieren, und wenn es mir schlecht geht, schäme ich mich nicht, das [auf TikTok] mitzuteilen“, sagt Crissy. Rachel sagt, dass sie weniger nervös war, mit Fremden über ihren Entschluss, ein alkoholfreies Leben zu führen, zu reden, als mit Menschen, die sie aus ihrem echten Leben kennt. „Es hat etwas Heilendes, sich online verletzlich zu zeigen und darauf zu vertrauen, dass das jene Menschen erreicht, bei denen dieses Thema Widerhall findet… Eine wichtige Lektion, die ich während meiner Genesung gelernt habe, ist, dass Authentizität das Heilmittel gegen Scham ist.“
Victoria Burns ist Assistenzprofessorin für Sozialarbeit an der Universität von Calgary, die aufgrund ihrer Forschungsarbeit auf diesem Gebiet und der Tatsache, dass sie seit neun Jahren alkoholfrei lebt, den Spitznamen „The Sober Professor“ (zu Deutsch: die nüchterne Professorin) hat. Victoria sagt, dass Abstinenz durch das Internet viel weniger stigmatisiert wird. Vor zehn Jahren waren „Influencer“, die sich für ein Leben ohne Alkohol aussprachen, „größtenteils Leute, die wir im echten Leben trafen und mit denen wir von Angesicht zu Angesicht sprachen. Bücher zum Thema Sucht wurden damals in unseren Bücherregalen versteckt“.
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Victoria sagt, dass neue Konzepte wie „neugierig auf ein alkoholfreies Leben zu sein“ auch dazu geführt haben, dass mehr über Sucht gesprochen wird. Außerdem haben Menschen so die „Erlaubnis“ bekommen, die „Grauzone“ beim Trinken zu erkunden. Sie merkt auch an, dass das Internet einen gerechteren Zugang zu Ressourcen ermöglicht hat: Abgesehen von den Kosten fürs Internet ist vieles, das es zum Thema gibt, kostenlos.

Wir leben in einer Kultur des Trinkens, die uns zum Scheitern verurteilt. Meiner Meinung nach sollten wir anderen die Freiheit und den Raum geben, zu entscheiden, ob sie Alkohol trinken oder lieber ein alkoholfreies Leben führen wollen.

Crissy Rodriguez
„Aus der Forschung wissen wir, dass Personen mit Vorbildfunktion, die ein alkoholfreies Leben führen, dazu beitragen, das Stigma rund ums Thema Abstinenz abzubauen“, sagt Victoria. „Dadurch, dass sich immer mehr Menschen ‚outen‘ und offen darüber sprechen, hat sich ein Umfeld gebildet, das Sicherheit bietet und vielen die Möglichkeit gibt, sich zu öffnen, sich zu Wort zu melden und Hilfe zu suchen.“
Natürlich ist TikTok kein Allheilmittel gegen Alkoholismus. Victoria merkt an, dass Influencer, die ihre Entziehungs- und Genesungsgeschichte teilen, überwiegend weiß sind. Deshalb kann es für marginalisierte Menschen schwierig sein, Vorbilder zu finden, mit denen sie sich identifizieren können. Sie sagt auch, dass Clickbait-Posts mit extremen Vorher-Nachher-Fotos den Genesungsprozess behindern können. „Eine Studie der Universität von Illinois aus dem Jahr 2011 ergab, dass Shows wie Celebrity Rehab, die extreme Fälle zeigen, einige Zuschauer:innen davon abhalten können, Hilfe zu suchen“, erklärt sie. „Durch solche Beispiele können wir uns selbst beruhigen und uns sagen: ‚So ernst ist es bei mir nicht. Ich sehe nicht so schlimm aus wie diese Person, also kann ich kein Problem mit dem Trinken haben.‘“ Sie weist darauf hin, dass Betroffene mehrere Informationsquellen aufsuchen können und sollten, denn neben TikTok-Videos können auch Podcasts längerfristige, nuancierte Informationen über Sucht, Entzug und Genesung liefern.
Es gibt aber auch einige beunruhigende Trends, die auch TikToker-User, die sich für ein alkoholfreies Leben aussprechen, bemerkt haben. Crissy macht sich Sorgen, wenn Leute ihre Meinung als Tatsache darstellen oder so tun, als würde ein Leben ohne Alkohol für alle gleich aussehen. Rachel muss sich manchmal selbst davon abhalten, ein Video zu erstellen und zwingt sich ab und zu, Teile ihrer Genesung für sich zu behalten. Nichtsdestotrotz fühlt sie sich aber „unter Druck gesetzt, alles zu teilen“. Sie macht sich Sorgen über jene User, die das Bedürfnis haben, so viel wie möglich zu teilen, um relevant zu bleiben. Außerdem ist sie besorgt darüber, dass einige Influencer auf ein Podest gestellt werden und ihre Follower dabei vergessen, dass sie auch bloß Menschen mit Fehlern sind.
„Es ist nicht so einfach wie mit Vorher- und Nachher-Fotos, denn auf dem nicht geradlinigen Weg zur Genesung gibt so viele Nuancen dazwischen“, sagt Rachel. Zumindest ist das etwas, was TikTok in jedem einzelnen Video immer wieder vor Augen führt. Crissy ist dazu motiviert, weiterhin Videos zu erstellen und zu posten, um die Scham, die mit Alkoholismus zusammenhängt, zu verringern und die Einstellung zum Trinken im Allgemeinen zu ändern. „Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen langsam merken, dass wir in einer Kultur des Trinkens leben, die uns zum Scheitern verurteilt“, sagt sie. „Meiner Meinung nach sollten wir anderen die Freiheit und den Raum geben, zu entscheiden, ob sie Alkohol trinken oder lieber ein alkoholfreies Leben führen wollen.“

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