Wie eine Brustverkleinerung meine Gender-Identität rettete

Foto: bereitgestellt von Yassine Senghor.
Während ich das schreibe, erhole ich mich gerade vom teuersten, anstrengendsten Geburtstagsgeschenk, das ich mir je selbst gemacht habe: einer genderangleichenden Brustverkleinerung. Ganz recht: Ich habe mir die Brüste nicht entfernen, sondern verkleinern lassen, um meiner Gender-Identität zu entsprechen. Im Englischen nennt sich das „non-flat top surgery“, also „nicht-flache Brust-OP“. 
Es gibt tatsächlich immer mehr genderangleichende Operationen, die nicht ganz dem binären Gender-Verständnis entsprechen. Dazu gehört eine solche Brustverkleinerung. Die fällt zwischen die bekannteren Eingriffe der Standard-Mastektomie (also der Entfernung des Brustgewebes, um eine „maskulinere“ Brust zu gestalten) und einer „normalen“ Brustverkleinerung (bei der es typischerweise darum geht, eine kleinere Brust zu formen, die aber immer noch als solche erkennbar ist). Der Zweck einer non-flat top surgery unterscheidet sich von Person zu Person, sowohl hinsichtlich des Resultats als auch in der Absicht dahinter. Mir persönlich geht es darum, an Stelle meiner ehemaligen Brüste brustmuskelähnliche „Hügel“ zu bekommen, die etwas größer sind als eine durchschnittliche Männerbrust.
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Eine Brustentfernung oder -verkleinerung gilt immer noch als freiwilliger, oft kosmetischer Eingriff, obwohl er in manchen Fällen sogar Leben retten (oder zumindest verändern) kann. Das gilt beispielsweise für Betroffene von Genderdysphorie, mentalem oder sogar körperlichem Leiden im Zusammenhang mit der Brust.
Aber was genau passiert bei einer non-flat top surgery? Die unterscheidet sich insofern von der Brustentfernung, als dass dabei nicht zwangsläufig sämtliches Brustgewebe entfernt wird; die Brust ist danach nicht komplett flach. Ich wünschte mir diesen Eingriff, weil er mir die Freiheit schenkte, meine Brüste abzubinden und sie flach aussehen zu lassen, gleichzeitig aber Brüste zu behalten, die (um mich mal bei Shakira zu bedienen) so „klein und bescheiden [sind], dass du sie nicht mit Bergen verwechselst“. Ich wollte sie so klein wie möglich haben, ohne dass meine Nippel während der Operation entfernt werden mussten. Dadurch besteht eine höhere Chance darauf, ihre Empfindlichkeit zu erhalten.
Diese Operation wünsche ich mir schon seit dem Moment, in dem die Pubertät mein bis dahin sorgenfreies, jungenhaftes Leben auf den Kopf stellte. Ich war plötzlich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen, dass mich meine immer weiter wachsende Brust zum Objekt der Faszination, der Lust und Verachtung machte. Ich war auf einmal nicht mehr „einer von den Jungs“. Und das war nur der Anfang dessen, wie sich meine Brüste auf mein Leben auswirkten. Ich wurde gehänselt und hypersexualisiert, meine Privatsphäre missachtet. Mein Körper schien mir nicht mehr selbst zu gehören. Und von den körperlichen Schmerzen und Problemen, die mit einer großen Brust einhergehen, will ich gar nicht erst anfangen.
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Trotzdem fühlte ich mich mit der Vorstellung, eine komplett flache Brust zu haben, nie so richtig wohl – und ich wollte sie mir auch nicht einfach „nur“ verkleinern lassen.
Foto: bereitgestellt von Yassine Senghor.
Dann stieß ich auf Dr. Sidhbh Gallagher, eine Chirurgin aus Miami, USA – und dieser Fund veränderte mein Leben. Ich stolperte über einen ihrer Posts zu einer non-flat top surgery, die sie in Zusammenarbeit mit einem:einer Patient:in entwickelt hatte. Als ich das Bild dazu sah, saß ich erstmal da und heulte mir 20 Minuten lang die Augen aus. Ich war so erleichtert, dass das, was ich mir so lange ausgemalt hatte, tatsächlich möglich war.
Diesen Traum in die Realität umzusetzen, war dann aber weder leicht noch günstig. Die Vorstellung, für eine OP in die USA zu reisen, machte mir Angst und verlängerte eine ohnehin schon lange Rechnung zusätzlich um etwa 3.500 Euro. Ich hatte das riesige Glück, von meiner unfassbar großzügigen Community, meinen Freund:innen und Verwandten unterstützt zu werden, die durch Crowdfunding etwa die Hälfte meiner Reise bezahlten – aber dennoch musste ich einige schwierige Entscheidungen treffen.  
Als dicke, Schwarze Frau habe ich nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht. Mir war wichtig, eine:n Chirurg:in zu finden, der:die sich mit dickeren Körpern auskannte und verstand, wie Schwarze bzw. dunklere Haut verheilt. Ich musste offen über meine Sorgen sprechen können – sowohl rund um die OP als auch den Heilungsprozess. 
Letztlich bestätigte mich Dr. G aber darin, dass sie die richtige Wahl gewesen war. Sie war aufmerksam und kannte sich eindeutig richtig gut aus; sie postete online regelmäßig über OP-Optionen und -Erfahrungen, führte eine ganze Liste an nicht-binären OP-Varianten auf ihrer Website und ging in einem eigenen Buch sogar noch weiter ins Detail. Sie entsprach sogar den hohen Ansprüchen vom Top-Surgery-Subreddit, dessen Community brutal ehrlich ist. Als sie das Beratungsgespräch mit mir mit der Frage nach meinen Pronomen eröffnete, fühlte ich mich in meiner Entscheidung für sie bestätigt.
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Foto: bereitgestellt von Yassine Senghor.
Gender ist eine chaotische Sache. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mein eigenes Verständnis für Gender und Identität zu hinterfragen; das hat sich im Lockdown nur noch verstärkt. Im Homeoffice spielten viele Gender-Eigenschaften zum Glück überhaupt keine Rolle, mit denen wir sonst im Alltag konfrontiert würden. Wenn du es selbst noch nie ausprobiert hast, würde ich dir empfehlen, einfach mal selbst dein Gender zu erkunden – selbst, wenn du am Ende „nur“ bestätigt bekommst, dass du cis bist. Du lernst dich selbst besser kennen, indem du dich fragst, was zu dir gehört, und was nur gesellschaftlich bestimmt ist. Welche deiner Eigenschaften sind nur das Ergebnis dessen, was dir die Welt um dich herum aufgezwungen hat?
Ich bin schon immer unkonventionell, maskulin, „butch“ gewesen, wie auch immer du es nennen willst. Ich fühle mich momentan ganz wohl mit der Bezeichnung „gender non-conforming“ (z. Dt.: „nicht dem (binären) Gender entsprechend“). Dieser Begriff passt in keine exakte Identitätskategorie und gibt mir den Freiraum, um selbst ein bisschen rumzuprobieren. Ich merke, dass ich immer weniger daran interessiert bin, anderen Leuten alles recht zu machen, indem ich mich von ihnen in eindeutig gekennzeichnete Gender-Schubladen stecken lasse.
Gleichzeitig erschöpft mich das aber extrem. Mich als dicke, dunkelhäutige, Schwarze, maskulin wirkende Frau der Welt auszusetzen, stellt mich vor viele Hürden, die ich gewohnt bin – aber ich kenne es eben auch nicht anders. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, wenn sich der Blick anderer Leute auf mich verändert. Wenn ich als männlich empfunden werde (was seit der OP einige Male passiert ist), betrachten mich viele als dicker Schwarzer Mann. Ich mache mir nichts vor: Ich weiß, dass das gewisse unvertraute Gefahren mit sich bringt. Dasselbe gilt, wenn die Leute dann feststellen, dass ich eben kein dicker, Schwarzer Mann bin.
Letztlich fühle ich mich in meinem Körper heute aber wohler denn je. Anstatt der OP voller Selbsthass oder Selbstverfremdung entgegenzublicken, empfand ich Liebe und Akzeptanz. Ich empfand meinen Körper als alten Freund, von dem ich mich verabschiedete, anstatt ihn anzufeinden. Wir hatten unsere Höhe- und Tiefpunkte, waren aber doch immer füreinander da. Und jetzt ist es an der Zeit, eine neue Beziehung mit einem Körper einzugehen, den ich selbst formen kann – zu dem Menschen, der ich immer sein sollte. Selbst, wenn sich diese Person für immer weiterentwickelt.

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