Wie es ist, mit Borderline zu leben und zu lieben

Foto: Eylul Aslan
Letztes Jahr beschloss ich, eine Dating-Pause einzulegen. Ich brauchte eine Auszeit nach der emotionalen Achterbahnfahrt meines letzten Liebesabenteuers. Als ich diesen Beschluss fasste, lag ich auf einem Hotelbett und weinte mir die Seele aus dem Leib. Die Bettwäsche roch nach einem Mann, den ich kaum kannte. Mir wurde klar, dass ich meine psychischen Probleme in den Griff bekommen musste, bevor ich wieder zu daten beginnen konnte. Ich war in ein anderes Land geflogen, um mich mit jemandem zu treffen, den ich erst einen Monat kannte. Ich brach zusammen, als er mir mitteilte, dass unsere Beziehung für ihn nicht mehr als bloß Sex war. Es war nicht das erste Mal, dass ich für eine andere Person, die ich kaum kannte, Hunderte Kilometer gereist war. Dieses Mal hoffte ich aber inständig, dass es nie wieder passieren würde.
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2015 wurde bei mir eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) diagnostiziert. Diese zeichnet sich durch emotionale Instabilität, Impulsivität und ein gestörtes Selbstbild aus. Betroffene leiden unter starken Stimmungsschwankungen, die vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen zu Problemen führen können. Sie können ihre Gefühle nur schwer einordnen oder kontrollieren. Das zeigt sich oft in heftigen Gefühlsausbrüchen und einer inneren Anspannung. Wenn es um das Thema Liebe geht, verhalte ich mich zwanghaft, verliebe mich schnell und unsterblich und räume den Bedürfnissen meiner besseren Hälfte eine höhere Priorität ein als meinen eigenen. Auf einmal rückt der Rest der Welt in den Hintergrund. So schnell, wie ich mich verknalle, kann meine Stimmung aber auch schlagartig umschlagen, meine Gefühle ändern sich plötzlich und ich beginne über mögliche Fluchtstrategien nachzudenken. Für mich sind Beziehungen alles oder nichts, voller Liebe oder hasserfüllt. Es gibt keinen Mittelweg und das kann ganz schön anstrengend sein.
Meine letzte ernsthafte Beziehung endete vor einem Jahrzehnt mit einer Scheidung. Dank professioneller Hilfe stellte sich heraus, dass mein Verhalten in dieser Ehe und während der Trennung Züge von BPS aufwies. Ich hatte einen Mann geheiratet, den ich vorher genau fünf Monate gekannt hatte. Acht Wochen nach unserer Hochzeit versuchte ich, mir das Leben zu nehmen, weil er es gewagt hatte, ohne mich auszugehen. Überzeugt davon, dass er mich nicht liebte, wollte ich zu diesem Zeitpunkt lieber sterben, als das Ende unserer Beziehung miterleben zu müssen. Ich wurde kurz ins Krankenhaus eingeliefert, mit einer schweren Depression diagnostiziert und wieder nach Hause geschickt. Mein Ex-Mann konnte nicht begreifen, warum die Frau, die er geheiratet hatte, sich scheinbar über Nacht verändert hatte.
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Die ersten Tage unserer Beziehung waren leidenschaftlich und spontan: Wir fuhren innerhalb weniger Wochen nach unserem ersten Date gemeinsam in Urlaub und zogen innerhalb von zwei Monaten zusammen. Mein Leben drehte sich nur noch um unsere Beziehung und ich suchte ständig seine Nähe. Wenn wir getrennt waren, wollte ich bis zu zehnmal am Tag mit ihm sprechen. Ich teilte ihm immer wieder mit, dass ich ihn liebte und wurde sichtlich wütend, wenn er diese Liebeserklärung nicht erwiderte. Anfangs genoss er meine Aufmerksamkeit. Mit der Zeit wurde sie ihm aber zu viel – vor allem dann, wenn ich darauf bestand, dass er die Badezimmertür im Falle eines Notfalls unverschlossen lassen solle. Mein Verhalten wurde unberechenbarer und meine Stimmungsschwankungen verschlimmerten sich so sehr, dass ich in einem Moment auf Streit aus war und im nächsten Sex mit ihm wollte.
Mein Verfolgungswahn artete völlig aus: Ich fühlte mich wie gelähmt und konnte nachts nur noch selten schlafen. Dann fing ich damit an, die E-Mails und Nachrichten meines Mannes zu lesen und nach einer Bestätigung dafür zu suchen, dass er mich verlassen würde. Ich war davon überzeugt, dass er mit jeder einzelnen Frau schlief, die ihm über den Weg lief. Jeden Tag beschuldigte ich ihn, fremdzugehen. Eine überwältigende Leere machte sich in mir breit. Da meine Beziehung zusammenzubrechen schien, tat ich alles, um vor der Realität zu flüchten und fing deshalb an, zu trinken – und zwar viel. Zudem flirtete ich mit jüngeren Männern und häufte Schulden an, indem ich Urlaube buchte und allerlei Dinge kaufte, um mich besser zu fühlen.
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Wir stritten ständig. Freund:innen ermutigten uns dazu, es mit einer Paar-Therapie zu versuchen, aber ich sah keinen Sinn darin. In meinen Augen war die Beziehung einfach nicht mehr zu retten. Wenn wir professionelle Hilfe in Anspruch genommen hätten, hätten wir uns öffnen und unsere Gefühle offenbaren müssen, um so ein starkes Selbstwertgefühl und Vertrauen in die Beziehung zu entwickeln. Das war das Letzte, das ich tun wollte. Psychologin Dr. Shani Ram du Sautoy erklärt, was für eine wichtige Rolle Kommunikation in Beziehungen spielt, in denen eine Person von BPS betroffen ist: „Setze mit deiner besseren Hälfte zusammen Grenzen. Wenn du die Verantwortung für deine Entscheidungen übernimmst, kannst du so damit aufhören, dich auf eine Art und Weise zu verhalten, die du selbst als inakzeptabel ansiehst. Das wiederum ermöglicht es, deine Beziehung zu festigen.“
Eines Tages hatte ich dann genug vom Streiten und teilte meinem Mann mit, dass ich ihn verlassen würde. Er wirkte erleichtert und erklärte, dass er nicht derjenige sein wollte, der sich trennte, da er Angst vor meinen Stimmungsschwankungen hatte und befürchtete, dass ich wieder probieren würde, Suizid zu begehen. Innerhalb einer Woche zog ich aus. Im Jahr darauf ließen wir uns schließlich scheiden.
Nach meiner Scheidung fiel es mir schwer, Beziehungen länger als ein paar Monate aufrechtzuerhalten. Ich verliebte mich in Narzisst:innen, die die Aufmerksamkeit, die ich ihnen schenkte, genossen, fühlte mich aber leer und wertlos, wenn sie diese nicht erwiderten. Wenn ein Anruf oder eine SMS unbeantwortet blieb, fing ich sofort damit an, mir Horror-Szenarien auszumalen, in denen etwas Schlimmes passiert war oder in denen ich abserviert worden war. Jede gelesene, aber unbeantwortete Nachricht auf WhatsApp verlieh mir das Gefühl, dass ich niemandes Zeit, Aufmerksamkeit oder Liebe wert sei. Ich beendete jede Beziehung. Ich fürchtete mich nämlich so sehr vor dem Verlassenwerden, dass ich eher dazu bereit war, mir selbst das Herz zu brechen, als diese Aufgabe einer anderen Person zu überlassen.
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Seit meiner Jugend hatte ich bereits mit Angstzuständen und Depressionen gekämpft, brach aber vor drei Jahren aufgrund eines Trauerfalls psychisch zusammen. Nach einem Suizidversuch wurde ich von einer Reihe von Fachleuten untersucht, die versuchten, zu verstehen, was in meinem Kopf vor sich ging. Nach mehreren Untersuchungen und unterschiedlichen Evaluierungen kam zum ersten Mal eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zur Sprache. Ich freute mich darüber, dass das, was ich durchmachte, eine Bezeichnung hatte und folglich behandelt werden konnte. Was für eine Erleichterung das für mich war! Ich zog sofort Dr. Google zu Rate. Ich entdeckte, dass die aktuellen Diagnosekriterien für BPS 256 verschiedene Kombinationen von Symptomen umfassen, wodurch keine zwei Fälle von BPS identisch sind.
Da jeder Fall einzigartig ist, kann es einige Zeit dauern, einen Ansatz zu finden, der zu der Person in Frage passt. Es gibt kein Patentrezept, keine magische Pille, die BPS „heilen“ kann. BPS-Patient:innen wird häufig eine dialektische Verhaltenstherapie empfohlen. Dabei handelt es sich um eine Art Psychotherapie – oder Gesprächstherapie – mit einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz. Sie hilft betroffenen Personen dabei, zu lernen, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen, wodurch sich auch ihre Lebensqualität erheblich verbessert. Da diese Therapieform in meinem Wohnort nicht angeboten wurde, nahm ich stattdessen für eine Weile professionelle Beratung in Anspruch. Dabei wurde mir zu Achtsamkeitsübungen geraten, weshalb ich mich zu einem achtwöchigen Kurs anmeldete, den eine örtliche Wohltätigkeitsorganisation organisierte. Dr. du Sautoy ist der Meinung, dass solche Übungen einen großen Nutzen für Patient:innen mit BPS haben können: „Sie können dabei helfen, intensive Emotionen durch reguliertes Atmen, Atemmeditation und Körper-Scans etwas abzustumpfen. Sie ermöglichen es, etwas Abstand zu gewinnen, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden und darüber nachdenken zu können, wie man letzten Endes reagieren will.“
Es hat mich drei Jahre voller harter Arbeit gekostet, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Lockerer Sex ohne Verpflichtungen ist immer noch ein heikles Thema für mich, weil ich nicht in der Lage bin, meine Emotionen abzustellen. Ich neige immer noch dazu, mich emotional zu binden – selbst bei einem One-Night-Stand. Ich habe aber gelernt, Dinge nicht mehr bloß in Schwarz und Weiß zu sehen. Das Leben und die Liebe sind nie nur gut oder schlecht. Jetzt bin ich bereit, mich auf eine Beziehung mit einer verständnisvollen Person einzulassen, die ebenfalls zu schätzen weiß, wie wichtig Geduld, Kommunikation und Vertrauen sein können.

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