Wenn’s mir schlecht geht, gebe ich Geld aus. Wie höre ich damit auf?

Foto: Kieran Boswell
Glück kann man nicht kaufen, heißt es immer wieder. Und dennoch: So ganz ohne Geld geht’s eben auch nicht. „Finanzielles Wohlbefinden ist absolut entscheidend für generelles Wohlbefinden! Ohne eine grundlegende finanzielle Sicherheit können wir schließlich nicht einmal unsere Grundbedürfnisse erfüllen“, meint die Psychologin Dr. Eleanor Seddon. Sie kennt sich mit dem komplexen und wechselseitigen Zusammenhang zwischen unserem Bankkonto und unserer geistigen Gesundheit aus. „Studien haben bewiesen“, fügt sie hinzu, „dass finanzielle Schwierigkeiten sowohl mentale Probleme bewirken kann – zum Beispiel durch den daraus hervorgehenden Stress –, aber auch genau daraus entstehen können, wenn man beispielsweise wegen einer Depression arbeitsunfähig ist.“ Was folgt, ist ein echter Teufelskreis: Geldsorgen können psychische Probleme verschlimmern – und schlechte geistige Gesundheit sorgt wiederum dafür, dass der vernünftige Umgang mit Geld immer schwieriger fällt. 
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Und dennoch: Obwohl dieser wichtige Aspekt des Erwachsenenlebens so entscheidend über unser ganz persönliches (Un-)Glück bestimmen kann, spuckt uns unser Schulsystem in die große, weite Welt aus, ohne uns groß auf die ernste finanzielle Realität vorzubereiten. Das böse Erwachen kommt häufig einige Jahre später, in den Zwanzigern, wenn viele junge Leute damit beschäftigt sind, von Monat zu Monat zu leben, ohne von einem prall gefüllten Sparkonto überhaupt träumen zu können. Beweisstück A: ich selbst. 
Meine Zwanziger verbrachte ich am Rande des finanziellen Abgrunds – mal nur bedenklich nah an der Klippe taumelnd, mal im katastrophalen freien Fall. Im März 2019 hatte ich rund 30.000 Euro Schulden angesammelt, durch eine Kombination aus schlechten Entscheidungen, großen Meilensteinen wie einer Hochzeit und Kindern, und einer Abwärtsspirale des emotional bedingten Geldausgebens, wie ich heute weiß. Ich glaube, damals verging kein Tag, ohne dass ich mich nachts mit Geldsorgen im Bett wälzte. Glücklich war ich damals nicht, tatsächlich weit davon entfernt: Entweder war ich damit beschäftigt, kleine Summen von einem Konto aufs andere zu überweisen, die klaffenden Lücken in meinem Budget zu stopfen, meinen Job still und heimlich dafür zu hassen, dass er nicht besser entlohnt wurde, oder mich durchs Netz zu klicken, auf der verzweifelten Suche nach etwas, das mich kurzfristig ein bisschen glücklicher machen würde. Anfangs beschränkten sich meine Sorgen nur auf mein Bankkonto, sickerten aber mit der Zeit in den Rest meines Lebens durch, bis ich rund um die Uhr unruhig, beschämt und einfach wahnsinnig unzufrieden war. 

Die Konsequenzen unserer Ausgaben können eine Situation schaffen, in der wir uns umso mehr nach weiteren emotionalen Ausgaben sehnen.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, warum ich Geld ausgab, um meine Gefühle irgendwie in den Griff zu bekommen – obwohl das Geld ja die Quelle meiner Sorgen war. Dieses emotionale Geldausgeben definiert Dr. Seddon übrigens folgendermaßen: „Wir geben Geld für etwas aus, das wir nicht brauchen, um uns aufzumuntern.“
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Ich musste es auf die harte Tour lernen: Alle Selfcare dieser Welt wird dir nichts nützen, wenn du nicht auf deine Finanzen Acht gibst. Gesundheit, Glück, Sicherheit – unmöglich, wenn das Geld nicht stimmt.
Und gerade jetzt, in der Corona-Ära, kommen viele von uns (vielleicht zum ersten Mal) in die Situation finanzieller Unsicherheit, ohne ein Licht am Ende des Tunnels erkennen zu können. Ganze Industrien haben schon jetzt durch monatelange Einbußen womöglich irreparable Schäden davongetragen; viele Angestellten sehen sich gezwungen, ihre Einkünfte, Ersparnisse und ihr Finanzmanagement generell zu hinterfragen. Einige von ihnen sind nun sogar auf Hilfe von oben angewiesen – beantragen einen Kredit, die Grundsicherung, vielleicht Arbeitslosengeld. Das sorgt nicht nur für Zukunftsängste, sondern auch ein vermindertes Selbstwertgefühl, meint Dr. Seddon. Und all diese Sorgen sind es, die einige zu als unvernünftig empfundenem finanziellen Verhalten bringen.
„In unserer Kindheit entwickeln unsere Gehirne ein ‚Trostsystem‘, das uns dabei hilft, schwierige Gefühle zu verarbeiten und uns sicher und ruhig zu fühlen. Das Problem dabei ist aber, dass unser Hirn immer versucht, Entscheidungen zu treffen, die uns kurzfristig gut tun – uns langfristig aber womöglich Steine in den Weg legen“, erklärt Dr. Seddon. 
Und genau da tut sich ein weiterer Teufelskreis auf: Die Konsequenzen unserer Ausgaben können wiederum eine Situation schaffen, in der wir uns umso mehr nach weiteren emotionalen Ausgaben sehnen. Wenn unsere Impulskäufe nämlich an unserem Ersparten kratzen oder uns sogar in Schulden stürzen, schlägt das auf die Stimmung – und wir wollen uns durch weitere Ausgaben trösten. Dazu kommt, dass andere „Trostmethoden“ zu Pandemie-Zeiten womöglich wegfallen: Treffen mit Freund:innen, Besuche im Fitnessstudio, selbst Umarmungen sind plötzlich tabu, und zu möglichen finanziellen Sorgen gesellen sich jetzt außerdem Langeweile, Einsamkeit und Angstzustände. Wenn die Ankunft eines Shopping-Pakets plötzlich inmitten einer Flut aus Zoom-Calls und deprimierenden Nachrichten der einzige Dopamin-Kick deines Alltags geworden ist, braucht es kein Genie, um zu verstehen, wieso dein Bankkonto allmählich schrumpft.
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Vor allem, weil es durch das Internet so leicht geworden und ganz easy auch vom heimischen Sofa aus machbar ist. Und das weiß (leider) auch die Industrie: Nie zuvor wurdest du so mit Werbe-Mails, Angeboten und Sales bombardiert wie jetzt. In meiner eigenen Instagram-Community hörte ich zu Beginn der Pandemie noch, hier und da hätten es einige geschafft, durch den eingeschränkten Alltag plötzlich alte Schulden abzuzahlen – doch hat auch diese Motivation mit den Monaten nachgelassen. 

Limitierte Produkte, Sale-Countdowns, die Option zum späteren Bezahlen: Lass dich von alldem nicht stressen, sondern höre auf die alte Bauernweisheit – und schlaf eine Nacht drüber.

„Anfangs habe ich kaum Geld ausgegeben. Heute habe ich das Gefühl, ich kann gar nicht damit aufhören“, schreibt mir eine Frau. „Ich finde, wir haben jetzt so viel durchgemacht, dass ich es verdiene, mich für diese verlorene Zeit zu entschädigen. Gleichzeitig mache ich mir aber auch große Sorgen um meine berufliche Sicherheit – und fühle mich deswegen auch wiederum schuldig dabei, Geld auszugeben.“
„Ich hatte meine Kreditkartenrechnung gerade abbezahlt – und habe jetzt doch wieder angefangen, damit zu shoppen. Ich bin echt genervt von mir selbst“, erzählt eine andere.
Wieder andere geben sich alle Mühe, jeden Cent zu sparen, um sich gegen mögliche Einkommensverluste abzusichern, haben aber andererseits auch den Eindruck, damit viel zu spät angefangen zu haben – und auch dieses Gefühl kann aufs Wohlbefinden drücken. So oder so scheint man es falsch zu machen, vermittelt uns das Chaos dieser Pandemie. Doch eines können wir durchaus beeinflussen: unser eigenes Verhalten, und wie wir auf gewisse Trigger reagieren.
„Emotional bedingte Ausgaben kannst du unter Kontrolle bringen, indem du dir alternative Methoden zur Stressbewältigung suchst. So ist das Shoppen nicht (mehr) deine einzige Reaktion auf schwierige Gefühle“, rät Dr. Seddon. „Schreibe dir eine Liste mit Bewältigungsstrategien, die dir in solchen Situationen quasi als Werkzeugkasten dient: Sport, Podcasts, Yoga, Meditation – das sind alles tolle Alternativen fürs Geldausgeben.“
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Und natürlich sollten wir unsere Finanzen nicht nur zugunsten unserer Gefühlswelt im Auge behalten. Ein achtsamer Umgang mit Geld ist für eine gesunde Beziehung zu unseren Finanzen nämlich entscheidend – und die wiederum ist wichtig, weil wir schließlich nicht ganz aufs Geldausgeben verzichten können. Geld ist ein unverzichtbarer Teil unseres Alltag, und um den vernünftigen Umgang damit zu erlernen, brauchst du vor allem Zeit: Zeit für Entscheidungen, Zeit zum Überlegen, Zeit zum Sparen, damit du dir irgendwann leisten kannst, was du dir wirklich wünschst. Nimm dir diese Zeit – und ignoriere die Bemühungen der Werbebranche, dich zu blitzschnellen Entscheidungen zu überreden. Limitierte Produkte, Sale-Countdowns, die Option zum späteren Bezahlen: Lass dich von alldem nicht stressen, sondern höre auf die alte Bauernweisheit – und schlaf eine Nacht drüber. Und wenn du dir doch ganz sicher bist, dies oder jenes jetzt sofort habenzu wollen, kannst du deine Impulsgedanken mit ein paar Fragen durchbrechen. Brauche oder will ich das wirklich? Habe ich schon etwas Ähnliches? Kann ich mir das leisten? Fragen wie diese können deinen Teufelskreis des emotionalen Shoppings zumindest für ein paar Sekunden pausieren und deiner Psyche eine kleine Verschnaufpause bieten.
Schäme dich nicht für vergangene Fehler oder deinen Kontostand. Rede offen mit anderen darüber. Hole dir Rat und Hilfe, und setze dir selbst ein klares Budget. Dein Geist wird es dir danken!
Wenn du selbst einmal finanziell nicht weiter weißt oder eine Person kennst, die eventuell Hilfe brauchen könnte, kannst du die Hotline der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 anrufen oder den Chat der TelefonSeelsorge nutzen.

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