Die Diät-Kultur macht uns kaputt – so ernährst du dich intuitiv

Foto: Alexandra Gavillet.
Diäten gibt es ungefähr schon so lange, wie es Menschen gibt – und seit Anbeginn der Zeit haut uns die Diät-Branche ihre Messages auf verschiedene, mehr oder weniger kreative Arten um die Ohren. Sie hat’s auf die radikale Art versucht: „Der ultimative Fettkiller!“ Oder auf die sexuell objektifizierende: „Willst du lieber im Fitnessstudio schwitzen oder in deinen Klamotten am Strand?“ Oder eben direkt beschämend: „Was du im Geheimen isst, trägst du danach öffentlich an der Hüfte.“
Durch den Aufstieg von Body Positivity und den verlagerten Fokus auf Gesundheit und ausgewogene Ernährung rücken Diäten ein bisschen in den Hintergrund – oder eher in den Untergrund. Sie haben neue Formen angenommen und verkaufen sich jetzt als „Wellness“, „Lifestyle“, „Detox“ oder „Cleanse“. Sie entstehen in den Konferenzräumen unserer kapitalistischen Welt und werden uns in vermeintliche „Selbstliebe“ verpackt untergemogelt.
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Das ist natürlich keine neue Entwicklung, sondern nur eine neue Form einer Lüge, die insbesondere Frauen seit Jahrhunderten aufgedrückt wird – dass unser Selbstwert mit unserem körperlichen Aussehen zusammenhänge. Dass wir, um cooler/hübscher/liebenswürdiger/respektabler zu werden, unsere Körper verkleinern müssen, um weniger Platz einzunehmen.

Anstatt uns klarzumachen: „Hey, du bist ziemlich toll, wie du bist – lass uns darauf aufbauen!“, redet uns die Diät-Kultur ein: „Du wirst eines Tages toll sein – sobald du so-und-so aussiehst.“

Aber mal ehrlich: Die Größe und Form deiner Figur ist ein ziemlich wackeliger Grundstein für eine gesunde Beziehung zu dir selbst. Unsere Körper entsprechen schließlich keinen statischen „Nachher“-Fotos, sondern sind dynamisch – sie entwickeln sich im Laufe unseres Lebens ewig weiter. Wenn unser Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein so untrennbar mit einer willkürlichen Klamottengröße oder einer Zahl auf einer Waage verknüpft sind – was sollen wir dann tun, wenn sich unsere Körper zwangsläufig verändern?
Besonders fatal daran, dass sich die Diät-Kultur selbst mit Messages der „Selbstverbesserung“ anpreist, ist, dass sie einen riesigen Keil zwischen dein wahres Ich und eine idealisierte Version – dünner, strahlender, selbstbewusster, glücklicher – deiner selbst treibt. Dabei existiert diese Person nur in der abstrakten Welt von Photoshop und Instagram-Filtern. Sie ist eine unerreichbare Fantasie.
„Persönliches Wachstum ist ein innerer Vorgang, der Selbstreflexion und Introspektion voraussetzt“, betont die Psychotherapeutin Jenna Daku, die sich auf Körperbildprobleme und Essstörungen spezialisiert hat. „Wenn ich wirklich persönlich gewachsen bin, fühle ich mich anders, spreche anders mit mir selbst oder betrachte meine Welt in einem anderen Licht. In der Diät-Kultur und ihrer vermeintlichen Selbstverbesserung geht es hingegen nur um das äußere Selbst. Alles dreht sich um externe Anerkennung, ganz nach dem Motto: ‚Ich bin persönlich gewachsen, wenn ich bestimmten Standards entspreche, die in meinem soziokulturellen Umfeld als normal gelten.‘“
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Anstatt uns klarzumachen: „Hey, du bist ziemlich toll, wie du bist – lass uns darauf aufbauen!“, redet uns die Diät-Kultur ein: „Du wirst eines Tages toll sein – sobald du so-und-so aussiehst.“ Dadurch entsteht eine Kluft zwischen unserem echten Ich und der Person, von der uns vermittelt wird, wir müssten sie sein, um mit uns selbst zufrieden zu sein. Die ständigen Bemühungen und Anstrengungen, diese Kluft zu überbrücken, sind die perfekte Ausgangslage für Depressionen, Angststörungen, Scham sowie das Gefühl, versagt zu haben und nicht „gut genug“ zu sein. Besonders tragisch: Studien haben eindeutig bewiesen, dass Diäten nicht funktionieren – auch nicht, wenn sie als „Lifestyle“ vermarktet werden. Also hängen wir irgendwann in diesem Teufelskreis fest: Wir wollen uns wohler in unserer Haut fühlen und stürzen uns dafür auf eine Diät oder einen „Lifestyle“, die bzw. der uns für genau diesen Zweck beworben wird. Wenn das zwangsläufig nicht funktioniert, machen wir uns auf die Suche nach dem nächsten Hoffnungsträger – und obwohl wir jedes Mal enttäuscht werden, beginnen wir den Teufelskreis doch immer wieder von vorn. Und mit jedem vergangenen Kreislauf werden die Diät-Regeln strenger, die Ernährungseinschränkungen drastischer, unsere Ängste stärker. Den daraus resultierenden Frust lassen wir dann an unseren Körpern aus und bestrafen sie dafür, nicht „gut genug“ zu sein, indem wir uns beim Sport auslaugen und/oder zu wenig essen. Und genau das ist es, was sich Diät- und Wellness-Brands von uns erhoffen. Wenn wir uns nicht so unsicher, so verletzlich fühlen würden, bräuchten wir ihre Produkte nicht mehr. 
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Ich habe die Körperbild-Forscherin Nadia Craddock um ihre Meinung gebeten. „Ganz egal, wie die Diät-Kultur verpackt wird: Die Message, dass manche Körper ‚besser‘ oder ‚mehr wert‘ seien als andere und du daher an deinem Körper arbeiten solltest, ist absolut toxisch für das Selbstbild“, sagt sie. „Was mich daran mitunter am meisten frustriert, ist die Lüge, dass ‚Body Positivity‘ nur dadurch zu erreichen sei, dass wir an unseren Körpern arbeiten und sie verändern. Meist bedeutet das, sie zu reduzieren. Dabei definiert sich ein positives Körperbild aus Forschungssicht eigentlich durch Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung für den eigenen Körper – ganz egal, inwiefern er den verzerrten Schönheitsstandards der Gesellschaft entspricht.“

Ich finde es sehr wichtig, sich gezielt Zeit dafür zu nehmen, darüber nachzudenken, wie sich unsere Leben (unsere Jobs, Beziehungen, Gesundheit, und so weiter) leichter, glücklicher und weniger stressig gestalten ließen.

Wenn ein positives Körperbild also eigentlich auf Akzeptanz, nicht auf Veränderung fußt, müssen diese Körpermanipulation und das Mikromanagement der Diät-Industrie einen anderen Zweck verfolgen. Ich selbst habe die Theorie, dass die Diät-Kultur nur eine weitere Ausprägung der patriarchalischen Unterdrückung ist, die Frauen davon abzuhalten versucht, ihre eigenen Leben wirklich auszuschöpfen. Überleg doch nur mal, wie viel Zeit, Energie, Geld und Mühe wir darin investieren, unsere Körper zu „verbessern“. Die neueste Workout-Leggings, deine Fitnessstudio-Mitgliedschaft, die ganzen Kochbücher, die Apps, die Fitnessgeräte – von den ganzen „Superfoods“ mal zu schweigen. Was könnten wir stattdessen mit all der Zeit, all dem Geld, all dem Aufwand anfangen? 
Das heißt natürlich nicht, dass wir uns niemals vornehmen sollten, uns in irgendeiner Hinsicht selbst zu verbessern. „Ich bin überhaupt keine Gegnerin von Überlegungen, wie sich das eigene Leben optimieren ließe“, betont Nadia. „Im Gegenteil: Ich finde es sehr wichtig, sich gezielt Zeit dafür zu nehmen, darüber nachzudenken, wie sich unsere Leben (unsere Jobs, Beziehungen, Gesundheit, und so weiter) leichter, glücklicher und weniger stressig gestalten ließen. Es ist aber wichtig, dass diese Überlegungen von positiven Gefühlen angetrieben werden und dir selbst dienen (nicht irgendeiner Firma). Gesundheit und Selfcare sind unter dem Vorwand der ‚Selbstverbesserung‘ ganz schnell kommerzialisiert worden. Ich finde es immer hilfreich, mal eine kurze Kosten-Nutzen-Analyse zu machen, bevor du dich irgendeinem Selbstverbesserungs-Plan verpflichtest. Wenn die Möglichkeit besteht, dass du nicht die Person mit dem größten Nutzen daran sein könntest, solltest du diesen Plan auf jeden Fall nochmal überdenken.“
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Wie können wir uns also selbst vor den Messages der Diät-Kultur schützen, die sich als „Selbstverbesserung“ tarnen? 
„Die Forschung zeigt, dass Zeit an der frischen Luft oder andere körperbezogene Aktivitäten wie Tanzen, Zeichnen und Meditation dabei helfen können, uns unserem Innenleben bewusster zu bleiben und uns somit vor schädlichen externen Einflüssen zu schützen“, meint Jenna. 
Nadia ergänzt: „Entfolge oder stelle jeden Social-Media-Account stumm, der dir Diät-Bullshit aufdrücken will. Und geh ganz offen damit um, dich von der Diät-Kultur distanzieren zu wollen. Genauso, wie wir dazu ermutigt werden, unsere Gewichtsverlust-Ziele laut auszusprechen, um uns selbst gegenüber anderen zur Verantwortung zu ziehen, solltest du ganz ehrlich darüber sprechen, dass du die Diät-Kultur ablehnst.“
Ein weiterer Tipp, der vielen Menschen zuverlässig dabei hilft, die Erwartungen der Diät-Kultur abzuschütteln, ist Selbstmitgefühl. Es klingt ein bisschen esoterisch, ich weiß, aber glaub mir: Studien haben erwiesen, dass Selbstmitgefühlspraktiken gegen Ängste, Depressionen und Essstörungen helfen und zu einem stärkeren Gefühl der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper, zu mehr Optimismus und Motivation führen können.
Wenn du selbst bemerkst, dass du dich gerade von den falschen Versprechungen der Diät-Branche um den Finger wickeln lässt und „nur noch diese eine Diät!“ ausprobieren möchtest, versuch’s stattdessen hiermit: Mach dir bewusst, dass du gerade leidest oder dich mit etwas schwertust. Erinnere dich daran, dass auch andere Leute schwierige Beziehungen zu Essen und ihren eigenen Körpern haben. Das verleiht dir ein Gefühl der Gemeinschaft und sorgt dafür, dass du dir mit deinen Sorgen weniger einsam vorkommst.
Zu guter Letzt: Sei lieb zu dir selbst. Formuliere ein positives Mantra, das für dich funktioniert. „Ich möchte gut zu mir selbst sein“, „Es geht mir gut“, oder einfach: „Ich schaffe das.“ Finde etwas, das sich für dich gut anfühlt. 

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