Purple lettering that says "can we talk?"

Können Fernbeziehungen jemals funktionieren? 5 Frauen erzählen

Beziehungen sind immer kompliziert – vor allem, wenn man den Großteil der Zeit getrennt voneinander verbringt. Eine Fernbeziehung erfordert genaue Planung, Medien zur Kommunikation und eventuell auch ein besonders tiefes gegenseitiges Vertrauen. Kann so etwas jemals funktionieren? 
Vielleicht hast du selbst schon in einer Fernbeziehung gesteckt – oder tust es immer noch – und festgestellt, dass die räumliche Distanz für euch beide überhaupt kein Problem ist. Vielleicht bist du aber auch zu dem Schluss gekommen, dass das einfach nichts für dich ist, oder zweifelst prinzipiell daran, dass das für irgendwen funktionieren könnte. Fakt ist: Die Meinungen gehen da stark auseinander.
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Wir haben Refinery29-Leser:innen nach ihren eigenen Erfahrungen mit Fernbeziehungen gefragt. Was waren die größten Probleme – und wie haben sie das Ganze überstanden (oder eben nicht)? Ihre Antworten liest du hier.
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Lauren*
Lauren ist 23 Jahre alt und verknallte sich schon in der siebten Klasse in ihren zukünftigen Partner – aus der Ferne. Erst Jahre später entwickelte sich zwischen den beiden eine Freundschaft, und in der Oberstufe kamen die beiden schließlich zusammen. Als ihr Freund nach dem Abschluss zum Militär ging, beschlossen sie, ihre Beziehung weiterzuführen. Die Fernbeziehung verlangte ihnen aber viel Arbeit ab, vor allem, weil Laurens Partner oft den Standort wechselte. „Irgendwann hatten wir einen 16-Stunden-Zeitunterschied, und es gab nur ein kleines Zeitfenster, während dessen wir beide wach waren“, erzählt Lauren. „Es erforderte viel FaceTime, offene Kommunikation und Vertrauen, um unsere Beziehung aufrechtzuerhalten – und jede Menge Tagträume darüber, wie es wohl sein würde, uns endlich wiederzusehen.“
Dann, nach etwa vier Jahren Fernbeziehung, erzählte Laurens Freund, eine ihrer gemeinsamen Bekannten, die ihn gerade besuchte, habe mit ihm geflirtet. „Mein Bauchgefühl sagte mir, dass das nicht gut ausgehen würde“, erinnert sich Lauren. „Während jedes Tags [ihres Besuchs] hatten wir immer weniger Kontakt, und ich sah durch die Storys seiner Freund:innen, dass er immer in ihrer Nähe war. An einem Morgen hatte ich dann mehrere betrunkene Voicemails von ihm, in denen er mir gestand, mich betrogen zu haben. Ich hatte das Gefühl, als hätte sämtliche Luft meinen Körper verlassen. Ich wusste nicht, ob ich heulen, schreien oder erleichtert sein sollte, weil mein Instinkt richtig gewesen war.“
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Lauren beendete die Beziehung. „Das war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe“, sagt sie. Sie glaubt aber, dass es letztlich besser so war. Sie installierte TikTok, um sich von der Trennung abzulenken – und als kleinen Racheakt gegen ihren jetzigen Ex, der immer darauf bestanden hatte, sie sollte die App aus Cybersicherheitsgründen nicht runterladen. „Jetzt bin ich Mikro-Influencerin mit 170.000 Followern und erstelle in Vollzeit Content“, sagt sie. „Durch eine hasserfüllte Entscheidung habe ich meine Leidenschaft entdeckt.“
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Nach neun Ehejahren gingen Nancy, 58, und ihr Ehemann Joe in eine Fernbeziehung über: Sie zog ans andere Ende des Landes, um ein neues Business zu starten. „Mein Mann war erst total dagegen, weil er Angst hatte, es könnte nach außen hin wie eine Scheidung wirken“, erinnert sie sich. „Damals hatte ich es satt, mich seiner Karriere unterzuordnen und wollte meine zur Priorität machen. Die Wirtschaft machte gerade ein Tief durch, und ich sah es als tolle Chance, etwas Neues anzufangen.“
Nancy zufolge brauchte Joe etwa drei Monate, um sich an die Distanz zu gewöhnen und sicher zu sein, dass ihre Ehe das überleben würde. „Wir mussten uns schon sehr viel Mühe geben“, sagt sie. „Wir telefonierten jeden Morgen und Abend, um in Verbindung zu bleiben. Die Firma, für die er arbeitete, hatte außerdem ein Büro in meiner Stadt. Deswegen konnte er eine Woche im Monat von hier aus arbeiten. Ich war nicht so flexibel, konnte aber etwa alle zwei Monate zu ihm fliegen.“ Für die beiden war es hilfreich, diese regelmäßigen Termine im Kalender stehen zu haben.
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Nach acht Jahren Fernbeziehung wurde Joe Krebs diagnostiziert. Das am Telefon zu erfahren, fiel Nancy sehr schwer. „Wir waren beide so traurig, und ich konnte ihn weder anfassen noch umarmen“, sagt Nancy. „Das war schwierig.“
„Wir mussten unsere Ehe während der ganzen Fernbeziehung zur Priorität machen“, erzählt sie, doch war das besonders während dieser Zeit kritisch. Nancy stellte sicher, dass sie bei der Arbeit immer eine Vertretung hatte, um im Notfall alles stehen und liegen lassen und zu ihm fliegen zu können. Außerdem war sie bei jedem seiner Arzttermine per Telefon dabei, konnte alles mithören und up-to-date bleiben. „Wenn du mit so etwas konfrontiert wirst – insbesondere Krebs –, glaubst du erstmal, dass die Person daran sterben wird“, sagt sie. „Dadurch konzentrierst du dich nochmal ganz anders auf deine:n Partner:in und lernst ihn:sie neu zu schätzen. Wenn die Möglichkeit besteht, jemanden zu verlieren, verändert das außerdem deinen Blick auf die kleinen Dinge.“
Nach elf Jahren Fernbeziehung zogen die beiden wieder zusammen und fühlten sich durch alles gemeinsam Durchlebte gestärkt. Nancy beschreibt das so: „Zu wissen, dass wir all das zusammen durchgestanden hatten, war wie Kleber für unsere Beziehung.“
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Charlotte
Die 33-jährige Charlotte und ihre Freundin Natalie lernten sich in einer Dating-App kennen. Ihr Match lebte aber über 500 Kilometer von ihr entfernt. „Wir schwören beide, dass wir eingestellt hatten, nur Leute aus der Nähe angezeigt zu bekommen. Trotzdem hatten wir irgendwie ein Match“, sagt sie. „Es hört sich kitschig an, aber wir wussten irgendwie, dass uns irgendwas Besonderes verband, bevor wir uns überhaupt getroffen hatten. Es dauerte ein paar Monate, aber als wir uns dann tatsächlich gegenüberstanden, war mir klar, dass ich meine Seelenverwandte gefunden hatte. Die Vorstellung, voneinander getrennt zu sein, zerriss uns das Herz – aber wir wollten es unbedingt hinkriegen.“
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Von diesem Moment an versprachen sich Charlotte und Natalie (29), sich so oft wie möglich zu sehen. „Unsere Freund:innen hielten uns für verrückt, aber jedes Wochenende flog eine von uns zur anderen – selbst, wenn es nur für eine Nacht war. Wir konnten irgendwann gar nicht mehr mitzählen, wie oft wir uns an einem Montag ‚krank meldeten‘, um ein paar weitere gemeinsame Stunden zu haben.“
Es war eine Wirbelwind-Romanze. „Ich hatte nie zuvor solchen Liebeskummer gehabt wie während der Tage, während der wir uns nicht sagen“, erzählt Charlotte. „Das Schwierigste war der Gedanke, ob sie wohl eines Tages aufwachen und ihre Meinung ändern würde. Ich trieb mich mit dieser Sorge selbst in den Wahnsinn. Das war, als würden mich all meine Unsicherheiten auf einmal bombardieren.“
Es dauerte nicht lange, bis die beiden beschlossen, zusammen leben zu wollen. Nach nur sechs Monaten packte Natalie ihre Sachen und zog zu Charlotte. „Sie opferte so viel für unsere Beziehung, und alle hielten uns für irre, weil wir so schnell zusammenzogen“, sagt Charlotte. „Aber das ist ja auch ein lesbisches Klischee, haha.“ Charlotte und Natalie gingen schließlich gemeinsam auf Weltreise – und bloggten darüber –, bevor sie während der Pandemie in Natalies Heimatort landeten. „Sieben Jahre später sind wir immer noch zusammen und glücklicher denn je“, sagt Charlotte.
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Gracie*
An der Uni datete Gracie jemanden, der an einer anderen Uni studierte – etwa sechs Stunden von ihrer eigenen entfernt. Obwohl die Chemie zwischen den beiden einfach stimmte, hatten sie beide viele Verpflichtungen, und es war schwierig, zwischen Seminaren und Freizeitaktivitäten die Zeit zum Quatschen zu finden – geschweige denn, sich zu treffen.
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Nach etwa sechs Monaten Fernbeziehung beschlossen sie, die Beziehung zu beenden. Sie hatten viele Missverständnisse gehabt, und Gracie hatte den Eindruck, sie sei immer diejenige gewesen, die zu ihm gefahren war; er habe sie hingegen nur selten besucht. Dann hatte er ihr gestanden, bei einer Party betrunken jemanden geküsst zu haben. „Ich war nach unserer Skype-Trennung total fertig“, erinnert sich Gracie. „An diesem Abend saß ich mit meinen Freund:innen im Speisesaal und schüttete ihnen mein Herz aus. Sie ermutigten mich, feiern zu gehen und mir jemand anderen zu krallen, um über ihn hinwegzukommen. Ich hatte vorher noch nie einen One-Night-Stand gehabt, aber bei Samantha in Sex And The City hatte das immer ganz nett ausgesehen.“ Also zog sie am folgenden Wochenende ihre Lieblingsjeans aus, ging feiern und flirtete mit einem Footballspieler, den sie schon mal auf dem Campus gesehen hatte. Sie gingen zusammen zu ihm, und sie landete mit ihm im Bett. „Das war chaotischer, betrunkener Sex, durch den ich meinen Ex nur noch mehr vermisste“, erinnert sie sich.
Zwei Tage später versuchte sie noch immer, die Enttäuschung des One-Night-Stands und der Trennung abzuschütteln, als es an ihrer Tür klopfte. Es war ihr Ex, der sich entschuldigen und wieder mit ihr zusammenkommen wollte. Gracie sagt, dass sich die Entscheidung einfach anfühlte: Sie nahm seine Entschuldigung an, und kurz darauf hatten die beiden Versöhnungssex. Danach stellte er ihr aber eine Frage, die sich für sie anfühlte wie ein Schlag in die Magengrube: „Warum hast du Kratzer auf dem Rücken?“
Gracie vermutete, dass die Kratzspuren von ihrem One-Night-Stand stammten, sagte aber, das müsste während der Chorprobe passiert sein. „Ich erzählte ihm, dass wir einander alle während des Aufwärmens massiert hätten“, sagt sie und lacht nervös. „Ich meinte, die Person neben mir habe lange, manikürte Nägel gehabt. Es war eine furchtbare Lüge, aber er tat zumindest so, als würde er mir glauben.“
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Das Paar war daraufhin noch ein paar Monate zusammen. Die Entfernung und ihre Vertrauensschwierigkeiten machten ihnen aber weiter zu schaffen. „Ich guckte dauernd nach, wer auf Snapchat seine ‚besten Freund:innen‘ waren und wurde misstrauisch, wenn da ein Frauenname stand“, erzählt Gracie. „Das wurde toxisch, und obwohl ich mich bei unseren Treffen sehr von ihm unterstützt und geliebt fühlte, ließen sich diese Gefühle über Skype und Telefon nicht so gut vermitteln. Es war extrem schwer, das zu beenden, und ich brauchte den Großteil meiner Studienzeit, um darüber hinwegzukommen.“
Rückblickend betrachtet Gracie die Beziehung als Lernerfahrung. „Ich weiß jetzt, dass es bei Fernbeziehungen und Beziehungen generell gut ist, realistische Erwartungen zu formulieren“, sagt sie. „Ich hatte Angst davor, betrogen zu werden, schon vor dem Kuss, und wünsche mir, ich hätte das vor der Fernbeziehung angesprochen, damit wir einen Plan hätten entwickeln können“, meint sie. „Und nach dem Kuss hätte ich gerne mehr Fragen dazu gestellt. Wie war es dazu gekommen? Was hatte er währenddessen gedacht? Dann hätte ich vielleicht besser gewusst, ob ich ihm weiterhin vertrauen konnte. Ich schätze, offene Kommunikation ist hier echt das A und O.“
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Julie und ihr Mann sind seit 15 Jahren verheiratet und waren etwa drei Jahre davon in einer Fernbeziehung, weil er beim Militär war.
„Unser größtes Problem während der Fernbeziehung war das Gefühl, parallele Leben zu führen“, sagt sie. „Wenn du nicht körperlich bei der anderen Person bist, hast du nicht mehr die Möglichkeit, dieselben Leute zu treffen, an denselben Orten zu sein und dieselben Erfahrungen zu machen. Dabei verliert man schnell den Einblick in die Welt der anderen Person, und es ist schwierig, alle Tageserlebnisse abends in einem Gespräch zu vermitteln.“
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Die beiden fanden allerdings Möglichkeiten, sich gegenseitig im Alltag miteinzubeziehen. „Die kleinsten Dinge können eine große Wirkung haben“, sagt Julie. „Wir schrieben uns kurze E-Mails, Nachrichten, schickten uns Fotos und Videos, um im Laufe des Tages miteinander verbunden zu bleiben.“ Das half ihnen dabei, ein Gefühl des Zusammenseins und der emotionalen Intimität aufrechtzuerhalten.
„Eins meiner Lieblingsbeispiele ist die Zeit, in der mein Mann in Afghanistan war. Er schickte mir Fotos vom Schnee. Ich hätte nie gedacht, dass es dort schneien könnte“, sagt Julie. „Er schickte mir ein supersüßes Bild von sich selbst mit einem Mini-Schneemann.“
Außerdem schickten sie einander thematische Pakete – zum Beispiel ein Geburtstags-, ein Selfcare- und sogar ein Bananen-Paket mit Bananenpuddings, einer Bananarama-CD und einem kleinen Kuschel-Affen, einem der Lieblingsspielzeuge ihres Sohnes aus dessen Babyjahren. „Diese Kisten sind quasi eine 3D-Version eines tollen Liebesbriefs“, sagt Julie. „Dadurch kannst du täglich viele Gedanken in deine Beziehung stecken und deinem:deiner Partner:in auf handfeste Art zeigen, was du für ihn:sie empfindest. So entsteht außerdem eine Vorfreude, während die auf diese Pakete wartest.“
Die beiden sind immer noch zusammen und davon überzeugt, dass die Distanz eine „positive und langfristige“ Wirkung auf ihre Art der Kommunikation hatte. „Weil ich mich nicht auf Nonverbales verlassen konnte, musste ich mit meinen Worten deutlich direkter sein und besser zuhören“, sagt Julie. „Das mache ich in meiner Ehe bis heute.“
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Genesis lernte ihren jetzigen Partner kennen, weil er eines ihrer TikTok-Videos kommentiert hatte. Lustigerweise ging es in dem Video darum, Leute dazu zu ermuntern, ihre Trennungen hinter sich zu lassen und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Sie fand seinen Kommentar sehr nett und antwortete, und kurz darauf schickte er ihr eine DM. Aus den DMs wurden dann lange Nachrichten, schließlich tägliche FaceTime-Anrufe, und kurz darauf flog sie zu ihm, um ihn zu treffen.
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„Meine Mom hielt mich für verrückt und bestand darauf, ihn vorher auch mal zu FaceTimen, damit sie wusste, dass ich bei ihm sicher war“, sagt Genesis. „Als ich im Uber zu ihm saß, redete ich mit meinem Fahrer über ihn. Der sagte, er sei ganz nervös für mich.“ Zum Glück fühlte es sich aber direkt so an, „als hätten wir uns seit Ewigkeiten gekannt“. „Er meinte, ich sei viel kleiner als erwartet“, sagt sie.
Die beiden sind seit ein paar Monaten zusammen und bekommen es hin, ihre Beziehung trotz der Entfernung am Laufen zu halten. Sie schauen sich via Netflix Party gemeinsam Serien und Filme an und lasen sogar gemeinsam Die fünf Sprachen der Liebevon Gary Chapman.
„Das größte Problem in unserer Beziehung ist, dass wir beide sehr körperlich sind. Emotional gesehen ist es also schwierig – wir brauchen beide viel Nähe“, sagt sie. „Wir haben trotzdem noch nie darüber gesprochen, unsere Beziehung zu öffnen, weil wir uns gegenseitig sehr verpflichtet sind.“
Obwohl die beiden arbeiten und nebenbei studieren, achten Genesis und ihr Freund darauf, „am Ende des Tages immer miteinander zu reden. Außerdem ermutigen wir uns zum Sport, zum Lernen oder Arbeiten, wenn wir mal selbst keine Energie haben“, sagt sie. „Manchmal FaceTimen wir auch, ohne zu sprechen, während wir beide unsere Arbeit erledigen. Dadurch fühlen wir uns einander nah. Ich habe außerdem einige seiner Shirts und schlafe mit einer seiner Decken.“ Sie versuchen, sich monatlich zu besuchen, und planen, irgendwann in derselben Stadt zu leben.
Genesis weiß, dass Fernbeziehungen oft kein gutes Ende nehmen, hat aber Vertrauen in ihre eigene. „Es hört sich klischeehaft an, aber: Kommunikation macht echt einen Unterschied“, sagt sie. „Ich habe nie das Gefühl, hinterfragen zu müssen, was er wohl gerade macht, weil ich mich immer geliebt und abgesichert fühle – selbst, wenn er weit weg ist. Du musst jemandem nicht nah sein, um dich von dieser Person geschätzt zu fühlen.“
* Namen wurde von der Redaktion geändert.

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