Für den Traum meines Freundes gab ich meine Karriere auf und zog quer durchs Land – und bereute es sofort

Foto: Kara Birnbaum
Als mein Freund und ich unseren Flug nach Los Angeles antraten – eine Reise, die das Ende unseres Lebens in New York bedeutete und ihn seinem neuen Traumjob näher bringen sollte –, entzündeten sich seine Augen während des Fluges. Als wir landeten, waren seine Augäpfel rosa. Dass es sich dabei um eine Augenerkrankung namens Pink Eye oder Konjunktivitis handelte, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Eigentlich hatten wir geplant, unsere Koffer in unserer neuen Wohnung abzustellen und den Beginn unseres neuen gemeinsamen Lebens bei einem Abendessen irgendwo in unserer neuen Nachbarschaft zu feiern. Stattdessen verbrachte ich die erste Nacht unseres „nächsten Kapitels“ damit, verzweifelt Kliniken zu googeln, die noch nach 20 Uhr geöffnet waren, um einen Arzttermin für ihn zu vereinbaren zu können. Wir mussten uns beeilen, denn seine Versicherungspolizze würde um Mitternacht ablaufen.
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Dies war der unheilvolle Beginn dessen, was ich davor noch als den ultimativen, „romantischen“ Schritt schlechthin angesehen hatte: mein Leben in meine eigenen Hände zu nehmen und für die Person, die ich liebte, umzuziehen.

Dies war der unheilvolle Beginn dessen, was ich davor noch als den ultimativen, „romantischen“ Schritt schlechthin angesehen hatte: mein Leben in meine eigenen Hände zu nehmen und für die Person, die ich liebte, umzuziehen. Ich war völlig unvorbereitet darauf, mich so plötzlich so unwohl fühlen zu müssen. Allerdings hatte ich da noch keine Ahnung davon, dass eine kleine bakterielle Bindehautentzündung bald das geringste meiner Probleme sein würde.
Wir zogen um, weil er eine Arbeit an Land gezogen hatte, die zwei wichtige Kriterien erfüllte: Dieser Job war etwas, wovon er sein ganzes Leben geträumt hatte, und er würde uns beide zumindest für eine Weile über Wasser halten können. Sonst machte aber nichts davon wirklich Sinn. Wir hatten nur vier Wochen Zeit, um zu kündigen, unseren Mietvertrag zu beenden und eine neue Wohnung zu finden. Obwohl ich meinen Job bei einer großen Frauenzeitschrift liebte, wusste ich, dass das alte Klischee zutraf: Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte er sofort das Gleiche für mich getan. Und so saß ich mit meiner Chefin in einem fensterlosen Konferenzraum und beklagte mich bei ihr darüber, dass ich mich aufgrund meiner Entscheidung so fühlte, als hätte ich als Feministin versagt. Immerhin würde ich meinen eigenen Traumjob aufgeben, um meinen Partner bei der Umsetzung seines Traums zu unterstützen. Mit einem wissenden Lächeln versicherte sie mir, dass das nichts Ungewöhnliches sei, wenn man in einer ernsthaften Beziehung ist.
Mir nichts, dir nichts nahm meine jahrzehntelange Karriere ein plötzliches Ende. Von einer leitenden Redakteurin wurde ich im Handumdrehen zu einer Autorin, die zwar „irgendwie freiberuflich tätig war, aber sich immer noch in der Findungsphase befand“. In den Wochen vor unserem Umzug bereitete ich mich mental auf das Gespräch vor, vor dem ich mich am meisten fürchtete. In der Rolle imaginärer, sehr erfolgreicher Partygänger:innen fragte ich mein Gegenüber im Spiegel: „Und, was machst du so beruflich?“
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„Nichts“, entgegnete ich und blickte meinem Spiegelbild beschämt entgegen.
Eine gesunde Work-Life-Balance ist für viele eine Rarität. An meine langen Arbeitszeiten und die Tatsache, dass sich in den digitalen Medien ständig etwas tut und es unaufhörlich Neuigkeiten gibt, hatte ich mich im Laufe der Zeit gewöhnt – auch wenn ich manchmal etwas ausgebrannt fühlte. Insgeheim machte ich mir Sorgen, dass mein Job zu einem Platzhalter für meine Persönlichkeit geworden war. Obwohl ein Teil von mir eine Pause von all diesen Strapazen wollte, hatte ich Angst davor, wer ich ohne meine offizielle Berufsbezeichnung sein würde. Tief im Inneren wusste ich schon vor unserer Abreise, dass sich meinem Freund eine neue Welt eröffnen, während meine schrumpfen würde.
Alles schien nach Plan zu laufen: Wir organisierten Abschiedspartys, packten unsere Sachen und sprachen darüber, wie wir unsere neue finanzielle Situation handhaben würden (wir vereinbarten, dass er für meine Krankenversicherung aufkommen würde, solange ich keinen Job hatte). Wir führten Skype-Telefonate mit Freunden und trugen unsere Namen in den Mietvertrag für unsere neue Wohnung ein. Dennoch reichte all dieses Planen nicht aus, um uns auf die Ungewissheit einzustellen, die noch vor uns lag.
Tage nachdem wir in L.A. gelandet waren und die Augen meines Freundes immer noch rosa waren und juckten, widerfuhren uns zwei weitere schlimme Dinge: Ich entwickelte eine seltsame Form von Ekzem, das mehrere teure Arztbesuche, die nicht von der Versicherung abgedeckt wurden, erforderlich machte. Außerdem herrschte zu diesem Zeitpunkt die größte Hitzewelle der letzten Jahre.
Obwohl wir seit vier Jahren zusammen gewesen waren und so einiges miteinander erlebt hatten, schien es, als drohe unsere Beziehung an dieser enormen Hitze zu scheitern. Die extremen Temperaturen (47 Grad!) setzten uns wirklich zu und stellten unsere Liebe enorm auf die Probe.
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Während unserer ersten Woche nach dem Umzug hatten wir weder eine Matratze noch eine Klimaanlage. Damit wurden unsere ersten gemeinsamen Nächte in unserer neuen Wohnung zum absoluten Albtraum. Sie schienen endlos. Nicht einmal der Ventilator und ein Eimer voller Eis, der verhindern sollte, dass uns heiße Luft ums Gesicht blasen würde, konnte uns dabei helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren und unsere erhitzten Gemüter zu beruhigen. Zum ersten Mal überhaupt schrien wir uns gegenseitig an. Zu dem körperlichen Unbehagen kam seine Aufregung hinzu, da er in wenigen Tagen seinen neuen Job bei einer Fernsehshow beginnen würde. Ich hingegen hatte Heimweh. Außerdem halfen meine Zweifel nicht gerade dabei, mich aus dem depressiven Zustand rauszuholen, der mir ohnehin schon genug zu schaffen machte.
Wir hatten mit so vielen Herausforderungen zu kämpfen: der Hitze, seiner Augeninfektion, meinem Ekzem und einer kranken Katze. Diese Umstände stellten sich als eine echte Beziehungsprobe heraus, die letztendlich zeigen würde, ob wir nach vier vergleichsweise ruhigen gemeinsamen Jahren auch die Tiefen, die das Leben so mit sich bringt, überstehen könnten.
Während unseres ersten Monats in L.A. häuften sich die Unannehmlichkeiten unaufhörlich. Wir hatten zwei Wochen lang kein warmes Wasser. Außerdem mussten wir uns unsere Wohnung mit Kakerlaken teilen. Ich wurde von einer Biene gestochen, als ich den Müll rausbrachte, und der Stich infizierte sich. Die Umzugsfirma war spät dran. Alles, was theoretisch schief gehen könnte, ging auch tatsächlich schief. In diesen ersten Wochen verbrachte ich die meiste Zeit in unserem Schlafzimmer, dem einzigen Raum im Haus, wo wir die Temperatur endlich regulieren konnten, und spürte, wie ich mich allmählich zu verlieren schien.
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Ich wusste nichts mit mir anzufangen. Einerseits hatte ich die unglaubliche Chance, ein neues Abenteuer zu beginnen und andererseits hatte ich das Gefühl, nichts vorzuweisen zu haben. Ich weinte mich bei meinem Freund aus, war aber nicht in der Lage, zu erklären, warum ich mich so fühlte, als hätte ich uns beide enttäuscht. Es erfüllte mich mit riesigem Stolz, dass er in der Lage war, seine beruflichen Ziele zu erreichen. Meine inneren Konflikte quälten mich aber auf eine Art und Weise, die ich nicht hätte vorhersehen können. Und obwohl er ein pflichtbewusster und liebevoller Partner ist, gab es nichts, was er hätte sagen können, damit ich mich an diesem Ort, der sich immer noch so fremd anfühlte, zu Hause gefühlt hätte. Niemand sagt dir, dass Liebe nur ein kleiner Teil vom Glücklichsein ist. Wie es scheint, ist Liebe allein nicht genug.
Aber nach und nach und so langsam, dass ich es selbst zuerst gar nicht mitbekam, begann ich, das Haus immer öfter zu verlassen. Ich ging ins Fitnessstudio. Ich fing an, über Dinge zu schreiben, die mir wichtig waren, und begann, wieder mein eigenes Geld zu verdienen. Als ein paar andere Schriftsteller:innen in der Gegend, die ich noch nie getroffen hatte, mich dazu einluden, etwas trinken zu gehen, sagte ich zu, anstatt mich davor zu fürchten, ihnen sagen zu müssen, dass ich gerade nicht erwerbstätig war. Ich riss Witze und lachte über ihre. Allmählich wurde mir klar, dass mein Wert nicht an einen Job gebunden war. Diese Erkenntnis scheint auf den ersten Blick so selbstverständlich. Wenn man aber keine Arbeit hat, ist es sehr leicht, sich wertlos zu fühlen.
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Ich habe mir persönlich geschworen, zu versuchen, öfters hinauszugehen und mein Leben – wenn auch unvollkommen – jeden Tag ein bisschen zu genießen – egal wie verlockend es erschien, stattdessen zu Hause zu bleiben und ein Nickerchen zu machen. Jedes Mal, wenn ich aber wieder nach Hause zurückkam, begann sich unsere Wohnung, die anfänglich verflucht zu sein schien, mehr wie ein richtiges Zuhause anzufühlen.
Jetzt, sechs Monate später, begreife ich immer noch nicht alles, was passiert ist. Mir ist mit der Zeit begriff ich aber immer mehr, warum wir diese Entscheidung überhaupt getroffen hatten. Seitdem wir umgezogen sind, habe ich morgens Zeit, mich mit meinem Freund zusammenzusetzen und einen Kaffee zu trinken, bevor wir beide zur Arbeit gehen. Gemeinsam erkunden wir neue Restaurants, Museen und Strände. Außerdem wartet er geduldig auf mich, während ich Fotos von allem Neuen um mich herum mache.
Ich frage mich immer noch, ob es irgendetwas gibt, das ich hätte anders machen können. Hätte ich irgendwie vorausahnen können, dass dieses neue Kapitel so hart werden würde. Aber wie bereitet man sich auf die extremen Temperaturen während einer Hitzewelle vor? Kalte Kompressen und Ventilatoren helfen nur bedingt. Du musst darauf vertrauen, dass sich alles irgendwann wieder normalisieren wird. Du musst der Person an deiner Seite Vertrauen schenken. Du musst deinem ersten Instinkt vertrauen. Wer nämlich einen Sprung wagt, kann nicht immer vorhersagen, wo er letztendlich landen wird.

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