Wie ich dank meiner verstorbenen Mutter eine Fehlgeburt während Corona überstand

Nach dem Tod meiner Mutter war es meine größte Angst, ohne sie in die Mutterrolle zu schlüpfen. Wie sollte ich bloß ohne meine Mutter zur Mutter werden?

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Als meine Ärztin unsere strahlenden Gesichter sah, sagte sie: „Dann sind wohl Glückwünsche angebracht.“ „Ich denke schon“, gab ich zögerlich von mir. Mein Mann und ich hatten davor sieben Monate lang versucht, unser erstes Baby zu bekommen, und waren gerade an einen Fruchtbarkeitsspezialisten in einer anderen Stadt überwiesen worden. Für uns fühlte sich der positive Schwangerschaftstest wie ein kleines Wunder an.
Nach diesem Arzttermin wurde ich zur Blutuntersuchung geschickt. „Ich bin schwanger. Ich habe es gerade erst erfahren“, teilte ich der Krankenschwester mit, als ich ihr die Laborscheine übergab. Eigentlich hätte ich diese Neuigkeit viel lieber mit einer anderen Person geteilt: meiner Mutter, die ich vor etwas mehr als einem Jahr an Krebs verloren hatte. Ich fand das Timing meiner Schwangerschaft so ungerecht, dass ich meine Tränen zurückhalten musste. Die warmen Worte der Krankenschwester erinnerten mich an Mutter: „So, meine Liebe, jetzt kannst du dich ruhig entspannen.“
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In der darauffolgenden Woche hatte ich meine erste Ultraschalluntersuchung. Dank der Schwangerschaftsapps, die ich eifrig heruntergeladen hatte, wusste ich, dass mein Baby fast so groß wie eine Blaubeere war. Als ich meine Befunde bekam und meine Blutwerte und Ultraschallergebnisse gut aussahen, waren mein Mann und ich voller Hoffnung. Da wir auf Nummer sicher gehen wollten, hatten wir auf diesen Moment gewartet, um die guten Neuigkeiten mit unserer Familie zu teilen. Es war der 60. Geburtstag meiner Schwiegermutter. Ich konnte mir kein schöneres Geschenk für sie vorstellen, als meine Schwangerschaft zu verkünden. Als Geschenk gab es einen in Geschenkpapier gewickelten Strampler mit der Aufschrift „Überraschung!“. Ihr Gesicht leuchtete vor Freude, was unbeschreiblich rührend war.
Mitte März, kurz bevor Corona auch hierzulande so richtig zu wüten begann, war ich in meiner achten Schwangerschaftswoche. Ich hatte einen Termin für einen zweiten Ultraschall. Während des Scans versuchte ich den Gesichtsausdruck des medizinischen Personals zu lesen. Ihre Pokerfaces verrieten jedoch nichts. Als die Behandlung, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, endlich vorbei war, konnte ich nicht anders und fragte: „Darf ich einen Blick auf den Bildschirm werfen?“ und hielt den Atem an. „Leider ist nichts eindeutig Klares zu sehen“, kam die Antwort.
Am nächsten Morgen war ich gerade auf dem Weg nach draußen, als ein Anruf von meiner Ärztin kam. Sie bat mich darum, mich zu setzen. „Das Baby ist in der siebten Woche gestorben. Es hatte keinen Herzschlag. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir eine Fehlgeburt einleiten müssen. Die gute Nachricht aber ist, dass Sie wieder schwanger werden können“, fügte sie hinzu. Ich dankte ihr, legte den Hörer auf und brach in Tränen aus.
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Als in Ontario der Ausnahmezustand verhängt wurde, versuchte ich, mit meiner eigenen Notsituation zurechtzukommen.

Ich war immer davon ausgegangen, dass diese Sache immer mit Blut verbunden war. Das war bei mir aber nicht der Fall. Obwohl ich theoretisch noch schwanger war, war der Fötus in mir aber bereits tot. Nun musste ich auf die Fehlgeburt warten.
Als in Ontario der Ausnahmezustand verhängt wurde, versuchte ich, mit meiner eigenen Notsituation zurechtzukommen. Ich warte eine Woche auf einen Termin bei einer Klinik, die sich auf Fehlgeburten spezialisiert. Ich durchforstete das Internet nach Informationen zu diesem Thema und suchte Rat bei Freund:innen und Verwandten, die dasselbe schon erlebt hatten. Als der Tag dann gekommen war, wollte ich den Fötus unter Vollnarkose chirurgisch entfernen lassen. Mir schien diese Lösung am wenigsten traumatisch. Leider war dieser Eingriff aber nicht möglich, da sie als „nicht lebensnotwendig“ galt. Es sollte schließlich ausreichend Kapazitäten für COVID-19-Patient:innen geben. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich könnte darauf warten, bis die Fehlgeburt von selbst beginnt (ein Prozess, der Wochen dauern und jederzeit eintreten kann), oder ich könnte sie mithilfe von Pillen, die in die Vagina eingeführt werden, einleiten. Die Krankenschwester war einfühlsam und ehrlich: „Es ist egal, wie Sie sich entscheiden. Die Erfahrung ist so oder so schrecklich. Mit den Pillen haben Sie zumindest etwas Kontrolle.“
Eine Entscheidung zu treffen, war die Hölle. Ich hatte gehört, dass die Pillen die Schmerzen verschlimmern könnten, wovor ich schreckliche Angst hatte. Gleichzeitig wusste ich nicht, wie viel länger ich den Gedanken noch ertragen konnte, mein totes Baby mit mir herumzutragen. Ich fühlte mich wie in einem verrückten Albtraum, gefangen zwischen Schwangerschaft und Fehlgeburt.
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Nach dem Tod meiner Mutter war es meine größte Angst, ohne sie in die Mutterrolle zu schlüpfen. Wie sollte ich bloß ohne meine Mutter zur Mutter werden? Jetzt aber habe ich in ihrer Abwesenheit eins verloren. Ich erinnerte mich daran, dass sie täglich von mir geschminkt werden wollte, als sie sich im Krankenhaus von einer Notoperation am Hirn erholte und sich einer aggressiven Strahlen- und Chemotherapie unterziehen musste. Das Schminken wurde zu unserem Ritual, einer Lektion in Unverwüstlichkeit. Mir wurde klar, dass ich diese Tortur nur mit der Stärke, die meine Mutter ihr ganzes Leben an den Tag gelegt hat, überstehen würde. Schließlich hatte diese Frau im jungen Alter von 21 ihre Familie in Pakistan zurückgelassen, um mit ihrem Mann ein Leben in der Fremde, im ländlichen Kanada, zu beginnen. Es war dieselbe Frau, die, nachdem sie jung Witwe geworden war, drei Kinder erfolgreich großgezogen hatte – und das mit viel Liebe, trotz der finanziell schwierigen Umstände. Diese Frau war es auch gewesen, die, nachdem bei ihr Krebs im Endstadium diagnostiziert worden war, nie „Warum ich?“, sondern „Warum nicht ich?“ fragte und dann mit einem Augenzwinkern vom Krankenhausbett aus Stand-Up-Comedy Show vom Feinsten ablieferte: „Ich habe keinen Hirntumor... Ich habe Hirnhumor!“ Die Erinnerung an meine Mutter und ihre unglaubliche Stärke half mir dabei, Mut zu fassen, meine eigene Fehlgeburt einzuleiten. Und so trug ich etwas Lippenstift auf und nahm die Pillen ein.

Mir wurde klar, dass ich diese Tortur nur mit der Stärke, die meine Mutter ihr ganzes Leben an den Tag gelegt hat, überstehen würde.

Sechs Stunden später sah ich rot – wortwörtlich. Blut floss. Ich warf so viele Schmerzmittel wie möglich ein, um die Krämpfe, vor denen ich mich doch so fürchtete, durchzustehen. Ich legte mich mit einem Wärmekissen ins Bett. Ich hatte Hitzewallungen und Krämpfe im Unterleib. Als ich aufstand, um auf die Toilette zu gehen, war mir extrem schwindelig. Ich erbrach mich. Von da an bis zum nächsten Morgen lief ich zwischen meinem Bett und dem Badezimmer hin und her. Dabei schied mein Körper große Klumpen aus, die, wie ich annahm, Teile des Fötus waren. Als ich am nächsten Tag aufwachte, atmete ich erleichtert auf und dachte, ich hätte diese Tortur überstanden. Völlig unerwartet hatte ich zwei Tage später aber wieder Krämpfe. Sie waren so schlimm, dass ich mich auf der Toilette vor Schmerz krümmte und ein Wärmekissen brauchte. Ich musste mitansehen, wie ich noch mehr fetales Gewebe verlor – meine Blaubeere. Ich war fix und fertig.
Als sich mein Körper zu erholen begann und sich das Virus weiter verbreitete, erhielt ich eine Nachricht von einer Freundin aus dem Ausland. Sie war im neunten Monat schwanger und musste ihr Baby wegen der Pandemie allein zur Welt bringen. Sie geriet in Panik und erinnerte sich an die Geschichte meiner Mutter, die ich mit ihr geteilt hatte: Wie sie ganz allein drei Kindern Leben geschenkt hatte – und das am anderen Ende der Welt, getrennt von ihrer eigenen Mutter und ohne die Unterstützung ihres Mannes, der nicht an der Geburt teilnehmen konnte, wie es früher die Norm war. Und selbst das tat sie mit einem Achselzucken ab, als sei das alles nichts Besonderes. Meine Freundin erzählte mir, diese Geschichte hätte sie etwas getröstet. Das berührte mich sehr. Es beunruhigte mich aber auch, weil es zeigte, wie sehr und wie unverhältnismäßig Frauen von der Pandemie betroffen sind. In den meisten Fällen sind wir auf uns selbst gestellt und deshalb auf andere Frauen und deren Unterstützung angewiesen. Tatsächlich waren es immer schon die Frauen in meinem Leben, die mir dabei geholfen haben, schwierige Zeiten zu überstehen. Dadurch, dass sie ihre verheerenden Erfahrungen mit mir teilten, war ich in der Lage, mit meinen zurechtzukommen.
Als klar war, dass meine Kinder meine Mutter nie kennenlernen würden, fragte ich sie nach dem besten elterlichen Rat, den sie mir geben konnte. Ihre Antwort war simpel und wahr: „Sei für deine Kinder da.“ Bemerkenswert ist, dass meine Mutter auch nach ihrem Tod immer noch für mich da war, als ich sie am meisten brauchte. Sie half mir, diese extrem schmerzhafte Erfahrung zu überstehen – ein Beweis für ihre Unerschütterlichkeit. Durch den Verlust meines Babys erkannte ich die wahre Kraft der Mutterliebe. Nichts kann sie aufhalten: weder dein Körper, noch Zeit, noch der Tod selbst.

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