Wir probierten eine Lockdown-Fernbeziehung – dann bekam er kalte Füße

Illustration: Naomi Blundell Meyer
Während des Lockdowns war meine Beziehung mein rettender Anker. Nach acht Monaten mit meinem Partner, während denen wir sechs davon getrennt waren, hatten wir endlich die Chance, zusammen zu sein – und zwar wirklich zusammen: am selben Ort, ohne jegliche Distanz zwischen uns. Mein Traum vom großen Liebesglück zerplatzte aber, als wir eines Abends im September Schluss machten.
Ich hatte Jean* Ende 2019 durch gemeinsame Freunde kennen gelernt. Er war groß, gutaussehend – und verheiratet. Ich war gerade dabei, meine letzte und sehr ernste Trennung zu verarbeiten. Deshalb fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt leer und traurig. Aus Spaß schrieb ich ihm eine Nachricht und wünscht ihm ein „frohes neues Jahr“. Ich war seit Kurzem wieder Single und er war frisch getrennt. Jean bat mich um ein Date. Nach einem abendlichen Spaziergang küssten wir uns zum allerersten Mal. Es fühlte sich an, als würde er mein zerrissenes Herz wieder zusammenflicken.
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Jean war leidenschaftlich, überschwänglich und romantisch: Eigenschaften, nach denen ich mich gesehnt hatte. Im Laufe der ersten Wochen dieses Jahres, als die Pandemie die Welt auf den Kopf zu stellen drohte, wurde mir klar, dass ich mich verliebt hatte. Ich wehrte mich dagegen und wusste, dass wir beide gerade erst traumatische Trennungen überstanden hatten. Nach und nach, als wir mehr und mehr Zeit miteinander verbrachten, verflüchtigte sich meine Entschlossenheit aber. Und dann kam der Lockdown.
So schnell kann es gehen: Ich fiel von „himmelhoch jauchzend“ zu „am Boden zerstört“, von einem Moment auf den anderen. Er beschloss nämlich, mit seiner Exfrau und Tochter nach Frankreich zurückzukehren, da ihm nur noch Stunden bis zur Schließung der Grenzen übrig blieben. Ich konnte seine Entscheidung nachvollziehen, war aber enttäuscht, ihn so früh schon wieder verlieren zu müssen. Wir verbrachten seine letzten 24 Stunden bei mir zusammen, die mir die Welt bedeuteten. Und dann war er weg
Bei einem unserer abendlichen Telefonate war ich es, die zum ersten Mal von Liebe sprach. Weil die Verbindung aber so schlecht war, hörte er mich nicht, als ich „Ich liebe dich“ sagte. Da in meinem sonst so geschäftigen Leben plötzlich furchtbar wenig los war, sah ich keinen Sinn mehr darin, auf Nummer sicher zu gehen. In den nächsten Monaten entwickelte sich unsere Beziehung trotz der Distanz noch weiter. Wir redeten stundenlang am Telefon, sprachen über unsere Träume und weihten einander in unsere Geheimnisse ein. Wir putzten uns für unsere gemeinsamen „Date-Abende“ heraus, tranken Wein und sahen uns zusammen Filme an. Wir schrieben Gedichte füreinander. Die Ungewissheit während der Pandemie, die in der Luft liegt, brachte uns einander nur näher.
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Als ich Depressionen bekam und anfing, an Angstzuständen zu leiden, blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf Jean zu verlassen. Er wurde zu meinem Fels in der Brandung und einzigen Hoffnungsschimmer. Ich dachte, er verstehe, was ich durchmachte, als er mich im Juli für zwei Wochen besuchen kam: zwei sehr intime Wochen, die mir neuen Auftrieb gaben und meine Seele mehr beflügelten, als es ein Medikament und eine psychologische Behandlung je könnten. Wir kochten zusammen, lagen im Bett und sahen uns Filme an. Vorübergehend fühlten wir uns wieder wie ein richtiges Paar.
„Lass uns zusammenziehen. Das ist ein großer Schritt,“ sagte er. Jean würde im September endgültig zurückkommen und wollte, dass ich dann so oft wie möglich in seiner neuen Wohnung blieb. Ich sagte nein; ich wollte meine eigene Wohnung behalten. Hätte ich doch damals bloß danach die Angst in seinen Augen erkannt.
Er fragte mich, ob es mir was ausmachen würde, wenn er in Frankreich mit anderen Frauen ausgehen würde. Ich wollte ihm nicht im Weg stehen und bemühte mich, seine Beweggründe nachzuvollziehen. Zu wissen, dass er mit anderen schlief, während wir räumlich getrennt waren, war für mich aber nur schwer zu ertragen. Nichtsdestotrotz freute ich mich auf September und konnte kaum glauben, dass wir uns bald in den Armen liegen würden – und das wochen- und monatelang.
Wieder vereint teilte er mir in unserer ersten gemeinsamen Nacht mit, dass er für die Woche bereits zwei Dates mit anderen Frauen geplant hätte. Mir wurde schwer ums Herz. Er beteuerte, dass ich die Einzige sei, die er liebte. Da das erst der Beginn unseres gemeinsamen Lebens war, versuchte ich mich zusammenzureißen und mir selbst gut zuzureden. Es schien aber, als wolle er das Tempo, in dem sich unsere Beziehung entwickelte, drosseln.
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Am selben Abend erwähnte ich, dass ich auf der Warteliste für kognitive Verhaltenstherapie sei. Er wurde ruhig und zog sich zurück. Am nächsten Tag erklärte er, dass er nicht gewusst habe, wie schlecht meine psychische Gesundheit tatsächlich sei und dass ihn das beunruhige. Bald verkündete er, dass er diese Art von Beziehung nicht länger aufrechterhalten könne. Dass er nicht meine einzige Glücksquelle sein wolle und etwas Unkomplizierteres suche.
Seine Worte brachen mir das Herz.
Während der Lockdown einen Schatten auf mein Leben geworfen hatte, war er zu meinen größten Lichtblick geworden. Das war offensichtlich eine Rolle, die er nicht übernehmen wollte. Natürlich frage ich mich, ob die Dinge zwischen uns ohne Corona anders gelaufen wären. Die Isolation im Lockdown intensivierte schließlich alles massiv. Jean bekam schließlich alle Probleme direkt ab, mit denen ich kämpfte – und das auch noch komprimiert, auf einen Schlag. Außerdem hätten wir uns ohne Corona beim Planen großer Lebensentscheidungen Zeit lassen können. Im Nachhinein betrachtet bereue ich es, dass ich mich so schnell so verletzlich gezeigt und meine dunklen Seiten nicht besser oder länger für mich behalten habe.
Drei Monate sind nun vergangen. Ich befinde mich wieder im Lockdown, bin Single und habe keine Liebe in Sicht. Ich habe meine Erfahrung mit Jean noch nicht ganz verarbeitet. Das ist ja auch nicht gerade einfach, solange die Pandemie noch da draußen wütet. Wenn sich die Welt aber wieder zu öffnen beginnt, schafft das vielleicht auch mein Herz.
*Name wurde von der Redaktion geändert.

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