The Single Files

Mein Trennungs-TikTok ging viral & änderte mein Leben

Ich habe mich nie für jemanden gehalten, die ihr Glück in die Hände einer anderen Person legen würde. Ich war schon immer sehr unabhängig; ich brauche meinen Freiraum, und es ist mir wichtig, auch außerhalb einer romantischen Beziehung noch ein eigener, vollständiger Mensch zu sein.
Als meine acht Jahre lange Beziehung also 2020 endete, war ich schockiert darüber, wie unvollständig ich mich plötzlich fühlte. Obwohl ich vorher geglaubt hatte, gut auf die Trennung vorbereitet zu sein – zu der es vermutlich schon zwei Jahre vorher hätte kommen sollen –, warfen mich die Trauer, Wut und Verwirrung, die darauf folgten, dann doch völlig aus der Bahn, nachdem ich den Schlussmach-Brief bekam. Oder die E-Mail, sollte ich sagen – die kurze, kalte E-Mail. Mein Ex und ich waren zusammengekommen, als wir beide 18 Jahre alt waren. Ich war noch nie ohne ihn erwachsen gewesen, und ich war mir nicht sicher, ob ich wusste, wie das gehen sollte. Und obwohl ich ihm vielleicht nicht mein ganzes Glück in die Hände gelegt hatte, hatte ich ihm doch im Laufe der Jahre scheinbar irgendwann mein Selbstwertgefühl überlassen. Jetzt hallte immer dieselbe Frage in meinem Kopf wider: Wie kann mich jemand so sehr lieben – und dann plötzlich… gar nicht mehr?
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Kurz nach der Trennung lag ich auf meinem Boden, blinzelte die Tränen weg und versuchte mich auf TikTok abzulenken, auf der Suche nach den Trennungsgeschichten anderer Leute. Ich dachte, es könne womöglich hilfreich sein, mir anzuhören, wie andere so eine Trennung verdaut hatten, um mir zu versichern: Irgendwann würde es auch mir nicht mehr so wehtun wie jetzt gerade.
Nach stundenlangem, ergebnislosem Scrollen und ein paar ignorierten „Mach mal eine Pause, du scrollst schon seit einer Weile“-Pop-ups von TikTok sagte ich laut: „Scheiß drauf“, und beschloss, den Content zu erstellen, den ich selbst zu finden gehofft hatte: ein „Day One of Healing“-Video. Ich öffnete die Kamera von meinem Handy und erzählte ihr weinend: „Ich habe lange überlegt, ob ich das hier machen soll – aber wenn ich damit jemandem helfen kann, ist es das wert.“
Dann erzählte ich in rund einer Minute mit zitternder Stimme meine Version der Trennung. Ich schloss das Ganze ab mit: „Ich habe mich im letzten Jahr total selbst verloren, und wollte meine… Heilung dokumentieren. Das hier bin also ich, an Tag 1.“
Ich sah mir das Video einmal an, lachte beim Anblick meines hässlichen Heul-Gesichts zum ersten Mal seit 24 Stunden und postete es, bevor ich ins Bett ging. Ich dachte, dass vielleicht irgendjemand meiner 300 Follower Mitgefühl für meine Erfahrung haben würde – und selbst wenn nicht, hätte ich zumindest ein Video-Tagebuch, eine Art Souvenir von meiner Reise durchs Trennungsland.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich Hunderte Benachrichtigungen auf TikTok. Leute, von denen ich noch nie gehört hatte, hatten mein Video kommentier oder mit TikToks Duett-Funktion eigene Videos dazu erstellt. Jede Minute folgten mir Dutzende weitere Leute. Ich konnte dabei zusehen, wie jede Sekunde rund 20 Views dazukamen – und die Reaktionen waren ausschließlich positiv.
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„Oh mein Gott. Süße, ich habe auch acht Jahre meines Lebens an jemanden verschwendet. Es hört sich so blöd und leer an, aber: Sowas verändert dich zum Besseren. Ich bin für dich da.“
„Ich war schon in derselben Situation. Dich selbst zu finden, außerhalb der Beziehung zu einem anderen Menschen, ist das beste Gefühl der Welt. Du wirst deine Liebe finden!“
Mitzuerleben, wie mein TikTok viral ging, war stark (und überraschend und verwirrend), aber es lenkte mich nicht von meinem Herzschmerz ab. Obwohl ich von so vielen Leute Liebe zugesprochen bekam, fühlte ich mich immer noch zutiefst einsam und verletzt. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, und konnte mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Ich zerbrach mir nicht den Kopf über meine ganzen neuen Follower, sondern darüber, ob ich auf die Schlussmach-E-Mail antworten sollte – und, wenn ja, wie.
Während ich diese Debatte mit mir selbst weiterführte, wusste ich trotzdem eines mit Sicherheit: Ich würde weiterhin über meine Erfahrungen auf TikTok posten. Jede Menge Blicke waren auf mich gerichtet – die von 10.000 Menschen, die mich vor zehn Stunden noch gar nicht gekannt hatten, und mich jetzt trotzdem so unterstützten. Ich konnte jetzt keinen Rückzieher machen, also redete ich weiter mit der Kamera.
Anderthalb Monate lang postete ich jeden Tag TikToks, die meinen Heilungsprozess dokumentierten. Ich fragte meine Follower, was ich mit den ganzen Fotos von mir und meinem Ex tun sollte. Ich erzählte, dass ich ihn gerne anrufen und verfluchen würde. Ich sprach von den neuen Erkenntnissen, die jeden Tag über die Beziehung dazukamen – und von meiner eigenen Stärke. Ich gestand jede Heulattacke, jeden Herzschmerz, jeden Hoffnungsschimmer, jeden Moment der Verzweiflung. Bei vielen der Videos hatte ich das Gefühl, mich selbst zu wiederholen. Aber das gehört zu einer Trennung nun mal dazu; darauf folgt immer ein Auf und Ab. Das Verarbeiten eines gebrochenen Herzen ist kein linearer Prozess.
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Trotzdem zog ich es weiter durch und wurde zu meinem eigenen Heilungs-Vorbild. Ich lernte aus meinen Emotionen und vergab mir dafür, wenn ich zwangsläufig irgendwann auch mal kleine Rückschritte machte. Auf meine eigene Entwicklung von Tag zu Tag zurückblicken zu können, zeigte mir, dass mich selbst ein schlechter Tag – oder mehrere schlechte Tage hintereinander – nicht wieder komplett zurückwarf. Ich wurde mit jedem Video stärker und verliebte mich zum ersten Mal in meinem Leben in mich selbst. Es fühlte sich an wie ein Akt des Widerstands, mich der Trauer zu beugen und zuzulassen, dass sie mich antrieb. Irgendwie überstand ich hier gerade etwas, von dem ich nicht geglaubt hatte, es jemals zu verdauen.
Meine Video-Tagebücher bekamen mit der Zeit immer mehr Aufmerksamkeit; Podcasts und Magazine wollten mich sogar dazu interviewen. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, mein Schmerz sei nicht umsonst; selbst meine schlimmsten Momente waren produktiv. Es war ein komischer kleiner Kreislauf: Andere Leute fanden es hilfreich, mir dabei zuzusehen, wie ich mich selbst aus diesem Loch zog. Dabei war es genau das Wissen, dass es anderen Leuten half, das mir dafür die Kraft gab.
Wenn dir schon mal das Herz gebrochen wurde, weißt du, wie emotional isolierend sich das anfühlen kann. Während dir dein Hirn natürlich sagt, dass andere Leute das auch schon durchgemacht haben, kommt es dir vielleicht trotzdem so vor, niemandem sei es je so gegangen wie dir – und deswegen könne das auch niemand wirklich nachvollziehen. Wenn dir schon mal mitten in einer Pandemie das Herz gebrochen wurde, weißt du außerdem, wie sich die zusätzliche räumliche Isolation anfühlt. Von Anfang an gewann ich ein bisschen Trost aus den Kommentaren unter meinen Videos. Ich scrollte mich fast jedes Mal komplett durch, las und likte und antwortete. So fiel mir mit der Zeit auf, dass sich die Leute in den Kommentaren auch gegenseitig Ratschläge gaben. Einige fragten, wie sie bestimmte Situationen meistern sollten – einen wichtigen Jahrestag, oder eine zufällige Begegnung mit dem:der Ex –, und andere antworteten darauf mit ihren eigenen Erfahrungen oder eben einfach mit jeder Menge Mitgefühl. Wann immer ich miterlebte, wie sich diese Menschen gegenseitig unterstützten, fühlte ich mich weniger einsam, als wenn die Leute direkt mit mir sprachen (oder mir schrieben). 
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Irgendwann kam mir der Gedanke, dass es hilfreich sein könnte, diesen Leuten einen speziellen Raum zum Chatten zu bieten – vor allem, weil ich vorhatte, irgendwann mit meinen Trennungs-TikToks aufzuhören, oder zumindest nicht mehr ganz so oft zu posten. Ich wollte nicht, dass diese Community verschwand, wenn ich es tat. Also gründete ich die Facebook-Gruppe a garden of flowers picking themselves (z. Dt.: „Ein Garten voller Blumen, die sich selbst pflücken“), eine Support-Gruppe für Leute, die gerade eine Trennung durchmachen oder schon eine erlebt haben und anderen dabei helfen wollen. Inzwischen hat die Gruppe über 1.200 Mitglieder und ist ein stärkender, Mut machender Ort, an dem sich die Leute emotionalen Zuspruch holen können und sich selbst während der einsamsten Zeiten in ihrem Leben nie wirklich einsam fühlen müssen.
Anfangs verbrachte ich jeden Tag mehrere Stunden in dieser Facebook-Gruppe und arbeitete daran, die Community aufzubauen, die ich mir in den Minuten und Stunden nach meiner Trennung selbst so dringend gewünscht hatte. Die Gruppe wuchs schnell und wurde zum Selbstläufer. Inzwischen bin ich dort etwas in den Hintergrund getreten. Wenn ich dann doch vorbeischaue, erinnern mich die dortigen Posts an die ersten Tage nach meiner Trennung, und das wiederum macht mir so viel Hoffnung für all diejenigen, die dort ihren Kummer niederschreiben. Ich weiß selbst, wie gut es gegen Trauer helfen kann, von dieser Art von Liebe umgeben zu sein.
Diesen Monat ist meine Trennung schon ein Jahr her. Ich poste nicht mehr tägliche Videos zu meiner Heilung; stattdessen nutze ich meinen TikTok-Account – und meinen sexpositiven Podcast The Hoely Hour – dafür, darüber zu sprechen, wie sich das Dating heute für mich anfühlt (und um mich über peinliche Datingprofile lustig zu machen). Jeden Tag fühle ich mich dankbar dafür, damals dieses erste Video gepostet zu haben. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie anders meine Heilung ausgesehen hätte, wenn ich dem Schmerz nicht irgendeinen Sinn verliehen hätte. Ich freue mich so sehr darüber, dass ich jemandem auch nur das kleinste bisschen Trost spenden konnte. Dann und wann scrolle ich mich noch durch meine alten Videos, um mich daran zu erinnern, wie weit ich gekommen bin; über mein verheultes Gesicht lache ich heute noch.
Es kann sich wie der Weltuntergang anfühlen, wenn dir das Herz gebrochen wird – oder zumindest wie der Untergang deiner Welt. Und es ist auch in vieler Hinsicht so. Wenn du aber mal ganz unten angelangt bist, ist es da eigentlich ganz schön; schließlich kann es von dort nur noch bergauf gehen. Selbst vor der Trennung sagte ich oft: „Wenn du etwas Schweres überstanden hast, fühlt sich alles danach nicht mehr so schwer an.“ Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie wahr diese Worte sind. Mich selbst durch eine Situation zu bringen, von der ich nicht gedacht hätte, sie überstehen zu können, hat meine Perspektive auf unerwartete Weise verändert. Ich habe keine Angst mehr – vor nichts und niemandem.
Ich weiß, dass mir eines Tages wieder jemand wehtun wird. Aber ich weiß auch, dass ich es überleben werde. Und jetzt gerade liegt mein Selbstwertgefühl nur in zwei Händen – meinen eigenen. Genau dort, wo es hingehört.

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