Trennung in der Corona-Zeit: So ist es, in einer globalen Krise verlassen zu werden

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Als ich das Wort Corona zum ersten Mal hörte, feierten mein Freund und ich gerade unser Einjähriges in Mexico City. Wir führten eine Fernbeziehung, weil er in Amerika lebt und ich in Kanada. Es war Mitte Januar und wir hatten beschlossen, auf Geschenke zu verzichten und stattdessen ein kleines Abenteuer zu wagen und gemeinsam zu verreisen. Zwischen Markt- und Museumsbesuchs schrieb ich meiner Mutter eine Whatsapp und erwähnte beiläufig, dass ich gerade etwas schlechter atmen kann, was sicher an der Luftverschmutzung der Stadt liegt. Sie antwortet und erzählte mir von dieser neuen Krankheit, die die Atemwege der Betroffenen angreift. Sie hatte sofort Angst, ich könnte mich angesteckt haben. Ich rollte nur mit den Augen und sagte zu ihr, sie würde überreagieren.
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Doch etwa Monate später war COVID-19 plötzlich kein Problem mehr, das in weiter Ferne lag. Auch ich begann jetzt, mir Sorgen zu machen – und zwar darüber, dass sie die kanadisch-amerikanische Grenze schließen könnten (was sie mittlerweile ja gemacht haben) und ich meinen Freund wochen- oder sogar monatelang nicht sehen würde. Er teilte meine Ängste nicht und wir fingen an, uns immer mehr zu streiten – per Whatsapp, Telefon und FaceTime. Ich wünschte mir, er würde zeigen, wie sehr er mich liebt, indem er sofort zu mir kommen würde. Er wollte, dass ich aufhöre, Panik zu schieben und abwarte, was passiert. Wir stritten wegen unserer unterschiedlichen Bedürfnisse: mein Bedürfnis nach Nähe, seins nach Unabhängigkeit. Und irgendwann sagte er zu mir, er brauche Abstand von mir. Für immer. Mein ganzer Körper fühlte sich taub an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gedacht, wie würden irgendwann heiraten. Nur wenige Wochen bevor er mich verlassen hat, tanzten wir noch neben dem Bücherregal, das wir während einer seiner vielen Besuche in Toronto zusammen aufgebaut hatten, und ich dachte: Das wird unser Hochzeitssong!

Während der Pandemie werde ich niemanden haben, den ich umarmen kann, niemanden, mit dem ich meine finanziellen Sorgen teilen kann, niemanden, der sich um mich kümmert, falls ich krank werden sollte.

An dem Wochenende, an dem unsere Beziehung in die Brüche ging, wurde in Kanada Social Distancing zur neuen Norm. Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte mussten schließen und all meine Freundinnen zogen sich in ihre Wohnungen zurück, die sie mit ihren Ehemännern, Partnern und Kindern teilten. Aber als eine der 4 Millionen Kanadier*innen, die alleine wohnen, bedeutete Selbst-Isolation, dass ich ab dem Moment wirklich komplett auf mich allein gestellt war. Während der Pandemie werde ich niemanden haben, den ich umarmen kann, niemanden, mit dem ich meine finanziellen Sorgen teilen kann, niemanden, der sich um mich kümmert, falls ich krank werden sollte. Seit der Pubertät leide ich an Depressionen und einer Angststörung. Deswegen befürchtete ich, die Isolation und die Trennung könnten mich in das tiefe Loch stürzen, aus dem ich – nach zwei Jahren harter Arbeit – gerade erst rausgeklettert war.
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Aber zu meiner Überraschung passierte das nicht. Ja, ich bin oft mit geschwollenen Augen aufgewacht. Und ja, es gab Zeiten, in denen ich mir selbst die Schuld gab. Ich machte mir Sorgen, dass die guten Jahre schon hinter mir lagen – immerhin bin ich 32 – und ich nie wieder Liebe finden würde. Ich war traurig. Aber die Gefühle überwältigten mich nicht. Als ich depressiv war, dachte ich ständig über den Tod nach und schaffte es fast nie, mein Bett zu verlassen. Dieses Mal fühlte ich mich jedoch nicht so hoffnungslos.
Da stellt sich natürlich die Frage: Was ist jetzt anders?
Auf der einen Seite bin ich es. Nach Jahren der Therapie und Selbstreflexion – plus regelmäßige Stress abbauende Box-Trainings sowie Antidepressiva – habe ich endlich Selbstmitgefühl entwickelt. Ja, ich war dazu verleitet, meine Emotionen herunterzuspielen und zu denken: Jetzt reiß dich mal zusammen! Im Vergleich zu dem, was gerade in der Welt abgeht ist deine kleine Trennung ja wohl ein Witz! Aber ich beschloss, keine Schuldgefühle zu haben und mir selbst zu erlauben, zu trauern. Das ist nämlich extrem wichtig, wenn du eine Trennung verarbeiten willst – sagt auch Jennifer Hollinshead, die Gründerin und klinische Leiterin der Beratungsstelle Peak Resilience in Vancouver. Sie sagt, der erste Schritt ist, sich nicht auch noch dafür fertig zu machen, dass man traurig ist, keine Liebe zu haben. „Stelle fest: Ich wünsche mir Liebe. Das ist ein Bedürfnis, dass ich habe und das gerade nicht erfüllt wird. Also bin ich natürlich traurig.“ Und das ist auch vollkommen okay.
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Ich beschloss, keine Schuldgefühle zu haben und mir selbst zu erlauben, zu trauern.

Weil mein Freund die Beziehung während einer globalen Krise beendete wurde mir mal wieder bewusst, dass Kontrolle eine Illusion ist. Das einzige, worüber ich Kontrolle habe, bin ich selbst und mein Handeln. Alles andere – von den Gefühlen meines Ex bis hin zum Aktienmarkt – liegt nicht in meiner Hand. Diese wichtige Lektion lerne ich, genau wie der Rest der Welt, gerade noch mal. Und dadurch fühle ich mich weniger allein. Sich bewusst zu machen, dass alle Menschen auf der Welt ähnliche Erfahrungen machen wie du, kann dir dabei helfen, besser mit der ganzen Situation umzugehen, so Hollinshead.
Es kann natürlich auch noch andere Gründe geben, warum meine mentale Gesundheit in den letzten Wochen stabil geblieben ist. Zum Beispiel erleben manche Menschen mit Angststörungen ihre Symptome aktuell vielleicht als weniger stark, weil sie ohnehin schon auf das Schlimmste gefasst sind – selbst unwahrscheinliche Worst-Case-Szenarios haben sie bereits öfter im Kopf durchgespielt. Der Fakt, dass einige unserer größten Ängste während der Pandemie zur Realität werden, bedeutet, wir können endlich wieder durchatmen, denn das Schlimmste ist bereits passiert und es geht uns immer noch okay. „Untersuchungen zeigen, dass Menschen dazu tendieren, sich unter traumatischen Umständen auf die Dinge zu fokussieren, auf die sie sich wirklich fokussieren müssen“, sagt Hollinshead. Nicht-essentielle Dinge – wie eine beschissene Trennung – rücken dann automatisch in den Hintergrund.

Ich will diese Trennung als Chance nutzen, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Ich versuche, selbstbewusster, stärker und unabhängiger auf der anderen Seite der Pandemie rauszukommen.

Was auch immer mein persönlicher Grund ist, ich befinde mich mittlerweile in der fünften Woche der Selbst-Isolation und es geht mir überraschend gut. Ich arbeite freiberuflich als Autorin und liebe meinen Job. Ich habe zwei kleine Hunde und eine Wohnung, die zu meiner Oase geworden ist. Meine Therapeutin, Freund*innen und meine Eltern geben mir Kraft; wir unterhalten uns fast täglich via FaceTime und Zoom – häufiger als vor der Social-Distancing-Zeit.
Obwohl ich mir zwar wünsche, wir wären noch zusammen, nutze ich diese Zeit auch, um zu verstehen, dass ich die ganze Sache auch ohne ihn überleben und vielleicht sogar daran wachsen werde. Ich gebe zu, dass ich es schon verlockend finde, Zoom-Dates mit irgendwelchen Tinder-Matches auszumachen, aber ich versuche, mich zu beherrschen. Ich will diese Trennung als Chance nutzen, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Ich versuche, selbstbewusster, stärker und unabhängiger auf der anderen Seite der Pandemie rauszukommen.
Hilfreiche Tipps sowie tagesaktuelle Informationen zum Thema Coronavirus findest du auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit. Solltest du Angst haben, möglicherweise selbst betroffen zu sein, kannst du dich unter 116117 an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden. Gehörlose und Hörgeschädigte können eine Mail an info.gehoerlos@bmg.bund.de schicken oder das Gebärdentelefon (Videotelefonie) via https://www.gebaerdentelefon.de/bmg/ verwenden.

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