Wie sich das Internet für mich als Frau mit Be_hinderung anfühlt

Foto: Steve Biddle.
Als Frau mit Be_hinderung kann das Internet ein gefährlicher Ort sein. Wir müssen aufdringliche Kommentare, Hohn, spöttische Komplimente und Beleidigungen über uns ergehen lassen. Unsere Fotos werden für clickbaitige Social-Media-Posts über „Freaks“ missbraucht. Über uns geschriebene Artikel sind meistens übertrieben „inspirierend“ und „motivierend“. Manchmal werden unsere Fotos sogar von Social-Media-Plattformen zensiert oder gelöscht.
2019 berichtete die britische Journalistin Dr. Frances Ryan, dass das Online-Mobbing von Menschen mit Be_hinderung immer weiter zunehme und überhaupt nicht ernst genommen werde. „Mir hat der Begriff ‚reale Welt‘ noch nie als Synonym für ‚nicht online‘ gefallen“, schrieb sie. „In einem Zeitalter, in dem die sozialen Medien einen großen Teil menschlicher Interaktion ausmachen und dir mit einem Handy die ganze Welt in der Handfläche liegt, kommt es mir falsch vor, das Internet demnach als ‚weniger real‘ zu bezeichnen. Das gilt nicht zuletzt für die Opfer von Cybermobbing: Seiten wie Facebook und Twitter sind zu Nährböden für sehr realen Hass geworden.“
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Da stimme ich absolut zu: Die Online-Welt ist die reale Welt. Für mich gehören Social Media zu meinem Arbeitsplatz, und der kann sich ganz schön gefährlich anfühlen. 
Ich persönlich bekomme gar nicht so viel Hass online, wenn man bedenkt, dass ich von einer seltenen Hauterkrankung namens Ichthyosis betroffen (die meine Haut rot, schuppig und schmerzhaft macht) und sehr aktiv in den sozialen Netzwerken unterwegs bin. Vor nicht allzu langer Zeit bekam ich trotzdem ein paar furchtbare E-Mails über mein Gesicht und meine Hauterkrankung, die mich hart trafen.
Ich finde es wichtig, diese Hate Speechganz offen anzusprechen und zu outen – allein schon, um mir die Last von den Schultern zu nehmen. Ich will so etwas nicht alleine durchmachen müssen. Ich nehme mir immer die Zeit, um E-Mail-Adressen und Telefonnummern zu blockieren, bin mir aber gar nicht sicher, ob es die Mühe wert ist.
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Es begann damit, dass mir Rudrendra einen „Liebesbrief“ von seinem Freund schickte. 
Seine erste E-Mail lautete:
Hi, ich bin Rudrendra und habe mir deine Posts auf Instagram angeschaut. Mein Freund hat mir von dir erzählt. Ihm gefällt dein Aussehen. Er mag, dass deine Haut so rot ist wie eine wunderschöne Rose (er liebt Rosen). Er findet auch dein schönes, strahlendes Lächeln toll. Er liebt, wie intelligent du bist. Ich liebe auch intelligente Frauen. Also sei mutig, du Schöne, denn wir haben alle nur das eine Leben. 
Denk daran, Böses einfach an dir vorbeiziehen zu lassen. Behalte dein Lächeln, denn du bist auf wunderschöne Art einzigartig! Ich bin selbst einzigartig und liebe es, denn normal zu sein, ist langweilig. Wenn du möchtest, können wir auf Instagram reden.“
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Darauf folgte kurz später:
„Ich wollte dir auch Bescheid sagen, dass ich eine Partnerin habe. Mein Freund ist der, der an dir interessiert ist. Seine Nummer ist: [zensiert] Schreib ihm auf WhatsApp, wenn du möchtest! Hab einen tollen Tag, Sonnenschein!“
Ich hatte Screenshots von den Nachrichten gemacht und sie in meiner Instagram-Story geteilt, versehen mit dem Kommentar „gruseliger Typ“. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, warteten mehrere neue E-Mails auf mich – von Rudrendra, der wütend auf mich war (er hatte ja nur nett sein wollen!). 
In einer davon stand:
„Mein Freund und ih wollten bloß nett sein. Von jetzt an sind wir gemein. Du bist die hässlichste Frau, die ich je gesehen habe, und meine Freundin lachte im Hintergrund, während wir Fake-Liebesbriefe an dich geschrieben haben. Einen schönen Tag noch, hässliches, fettes Mädchen.“
Und dann schrieb mir Maya, scheinbar Rudrendras Mutter, und entschuldigte sich. Später behauptete sie, ihr Sohn sei Autist – eine Be_hinderung ist aber keine Rechtfertigung für schlechtes Verhalten.
Alle E-Mails stammten von derselben E-Mail-Adresse und IP-Adresse in einem anderen Land. Ich schätze, diese Leute wollten bloß ein bisschen Aufmerksamkeit haben – die sie jetzt bekommen, weil ich ihre E-Mails mit euch teile. Aber ich mache bloß darauf aufmerksam, wie übel diese Leute sind.
Um es klar zu machen: Ich nehme mir nicht zu Herzen, was sie über mein Aussehen zu sagen haben. „Hässlich“ wurde ich auch früher schon genannt. 
Die Fake-Komplimente und die darauffolgende Eskalation nach meiner öffentlichen Bloßstellung sind ein Zeichen ihrer privilegierten Arroganz. Mich widert vor allem die E-Mail an, in der steht, ich sollte dankbar dafür sein, hässlich geboren, nicht sexuell missbraucht worden zu sein und laufen zu können (sprich: Wegen meiner Be_hinderung bin ich offenbar nicht attraktiv genug, um sexuellem Missbrauch zum Opfer zu fallen). Das ist eine wirklich verstörende Einstellung – und einfach nicht wahr.
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Frauen mit Be_hinderungen erleben sexuellen Missbrauch tatsächlich sogar häufiger. Außerdem sind sie anfälliger für Gewalt – oft wegen Einstellungen wie dieser, die unser Freund Rudrendra hier bewiesen hat. 
Rudrendra und Maya dachten vermutlich, sich einen Witz auf Kosten einer Fremden erlauben zu können. Dadurch haben sie aber tatsächlich ein deprimierendes Licht darauf geworfen, wie Menschen mit Be_hinderungen manchmal betrachtet werden. Ich hoffe sehr, dass sich die beiden ein paar bessere Hobbys zulegen – am besten welche, bei denen sie Frauen respektieren. 
Mit meiner Erfahrung bin ich längst nicht allein. So viele meiner Freund:innen mit Be_hinderungen – insbesondere Frauen – haben mit Cybermobbing zu kämpfen.
Melissa Blake, die im US-amerikanischen Bundesstaat Illinois lebt, hat eine genetische Knochen- und Muskelerkrankung namens Freeman-Sheldon-Syndrom; eine seltene Krankheit, die sich auf den Mund, das Gesicht, die Hände und Füße auswirkt. Sie sitzt im Rollstuhl und bloggt seit 2008. Wie in meinem Fall hat dieser Blog dazu geführt, dass sie inzwischen beruflich in den Medien schreibt – über ihre Be_hinderung, über Popkultur und Dating. 
Internettrolle machen sich regelmäßig über ihr Aussehen lustig, nennen sie „hässlich“ und „Kugelfisch“ und sagen ihr, „niemand wird dich jemals daten wollen“. „Ich sage immer, dass Selfies mein Leben für immer verändert haben“, meint sie heute. „2019 ging einer meiner Tweets viral, nachdem ich drei Selfies als Antwort auf die Online-Trolle veröffentlicht hatte, die behauptet hatten, ich sei zu hässlich, um Selfies zu posten. Es war eine Trotzhandlung, die gleichzeitig ein Statement zu Be_hinderungen und unseren unrealistischen Schönheitsstandards setzte.“
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„Meine Story berührte viele Leute. Das Posten der Selfies hat mir jede Menge Selbstbewusstsein verliehen und meiner Karriere wichtige Türen geöffnet! Ich arbeite jetzt an meinem ersten Buch darüber, was Menschen meiner Meinung nach über Be_hinderungen wissen sollten.“ Melissas Tweet hat inzwischen über 300.000 Likes und wurde mehr als 30.000-mal retweetet.
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Vor Kurzem schrieb mir jemand auf Twitter, ich sollte auf jedem meiner Fotos eine Maske tragen. Das war ein Kommentar zu einem meiner Fotos, auf dem ich in einem farbenfrohen Outfit auf meinem Balkon stand, allerdings ohne Maske.
Der Tweet kam am selben Tag, an dem eine Demonstration gegen den Corona-Lockdown Schlagzeilen machte. Ich hatte Vorkehrungen getroffen, um Trolle aus meinen Accounts auszuschließen, indem ich alle Kommentare unter meinen Pro-Impfung-Tweets verbot. Stattdessen stürzten sich die Trolle aber eben auf andere Tweets. 
Als ich nachfragte, wieso ich denn auf meinem Balkon eine Maske tragen sollte, bekam ich die Antwort, ich sei ja ein Rollenvorbild und solle das Masketragen ermutigen.
Auf den ersten Blick klang dieser Kommentar vernünftig: Schließlich steckten wir mitten im Lockdown, und es hätte ja durchaus sein können, dass er:sie versuchen wollte, mich zu einem anständigeren Verhalten aufzufordern. Tatsächlich ging es dieser Person aber nur darum, hilfsbereit und besorgt zu wirken, und dabei gleichzeitig anzudeuten, mein Gesicht sei unansehnlich und müsse bedeckt werden. (Es gibt jede Menge Fotos von mir online, auf denen ich eine Maske trage). Mir fiel auf, dass der Account noch ganz neu bei Twitter war, in jedem Tweet Frauen aus Randgruppen anstachelte und Anti-Lockdown-Messages verbreitete. Einige meiner Follower meldeten die Person, ich auch. Twitter hatte nichts an ihren Posts auszusetzen, und so kam ein weiterer Troll mit alldem durch.
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Ich bin dankbar dafür, meine Feeds selbst gestalten zu können, indem ich diversen Menschen und jenen mit Be_hinderungen folgen kann – all das hätte ich schon gebraucht, als ich selbst noch jung war.

Ich habe mich schon oft gefragt, wer diese Leute sind, die Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram moderieren – vor allem, weil so viel der Hate Speechgegen Menschen mit Be_hinderungen, die ich melde, nicht gegen die Community-Standards zu verstoßen scheint. 
Manchmal sind es hingegen die Körper und Gesichter dieser Menschen mit Be_hinderungen, die angeblich gegen diese Standards verstoßen. Dann taucht beispielsweise eine Warnung vor potenziell verstörendem Content über unseren Bildern auf, oder sie werden gleich ganz entfernt. Der Instagram-Account „Special Books by Special Kids“ hat sich explizit den Fotos und Interviews von und mit Menschen mit Be_hinderungen gewidmet, wird aber oft mit einer Content-Warnung über seinen Fotos abgestraft. 
Chris Ulmer, der Gründer von SBSK, postete vor Kurzem ein Foto von sich mit einem jungen Mann namens Zaid, dessen Be_hinderung in seinem Gesicht erkennbar ist. Ein Video von Zaid war zuvor von Instagram als heikel eingestuft worden.
„Es macht mich wahnsinnig, eine ‚sensitive content‘-Warnung über Zaids Video zu sehen“, schrieb Ulmer dazu. „Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, in der es gefeiert wird, wenn sich die Leute bis zur Unkenntlichkeit filtern und bearbeiten und dadurch einen unerreichbaren Schönheitsstandard kreieren – und dann bekommt ein anderer Mensch einfach eine Warnung übers Gesicht geklatscht, bloß weil er oder sie eine Be_hinderung hat. Das ist ein riesiges Problem und wirkt sich in so vielerlei Hinsicht negativ auf die Gesellschaft aus. Du bist perfekt, wie du bist, Zaid. Und abgesehen von diesen verdammten Algorithmen sind alle anderen derselben Meinung.“
Mir ist klar, wie stark sich die Content-Moderation in sozialen Netzwerken auf die Psyche der dafür Angestellten auswirken kann. Berichten zufolge leiden Moderator:innen für Facebook unter Angststörungen, Burnout und Traumata, weil sie jede Menge traumatischen Content zu sehen bekommen. Trotzdem muss sich etwas ändern.
Insgesamt ist meine Erfahrung mit den sozialen Medien bisher eher positiv gewesen. Diese Netzwerke haben mir grandiose Möglichkeiten und Freundschaften eröffnet, und ich bin dankbar dafür, meine Feeds selbst gestalten zu können, indem ich diversen Menschen und jenen mit Be_hinderungen folgen kann – all das hätte ich schon gebraucht, als ich selbst noch jung war.
Manchmal verlässt mich natürlich trotzdem der Mut. Zum Beispiel, wenn mir wieder jemand schreibt, wie hässlich ich sei, oder dass man mich „mit Feuer töten“ sollte (was passierte, als mein Foto 2013 auf Reddit gepostet wurde). Es scheint einfach keine Konsequenzen für diese Internettrolle zu geben. Die Online-Welt ist die echte Welt, und Hate Speech gegen uns fühlt sich sehr real an – ob off- oder online. 

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