Nachdem ein Troll sagte, ich wäre „zu hässlich“, postete ich ein Jahr lang täglich ein Selfie

In den letzten zwölf Monaten endete bei mir jeder Tag mit derselben Routine: Bevor ich das das Licht ausmachte, scrollte ich durch meine Fotos, entschied mich für ein Bild und postete es dann in den sozialen Medien. Es ist sozusagen zu einer Art Ritual für mich geworden – einem Ritual, das mir Mut, Trost und Glück bescherte und mir unzählige Lektionen erteilte.
Doch zu Beginn dieser Challenge sah die Sache ganz anders aus. Ich hatte nicht beschlossen, jeden Tag ein Bild von mir zu posten, weil ich so glücklich war und das mit der Welt teilen wollte; ich wollte es tun, um Online-Trolls die Stirn zu bieten.
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Alles begann im August 2019, kurz nachdem ich einen Anti-Trump-Artikel für CNN geschrieben hatte. Ein konservativer YouTuber erwähnte mich in einem Video und postete ein Foto von mir. Anschließend machten sich Leute in Hunderten von Kommentaren unter dem Video über mein Aussehen lustig. Als Autorin mit Freeman-Sheldon-Syndrom (einer genetischen Knochen- und Muskelkrankheit), die sehr aktiv im Internet ist, bin ich es gewöhnt, als „Blobfisch“ oder „Wal“ beschimpft zu werden; doch es gab einen Kommentar, der mir einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. Jemand sagte, es sollte verboten werden, dass ich Fotos von mir poste, weil ich zu hässlich bin.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, ich will in irgendeiner Form darauf reagieren. Aber nicht direkt. Nicht im Sinne einer Antwort an den Absender, sondern in Form eines Statements.
Die Idee des folgenden Tweets war geboren. Es war eine trotzige Antwort, die den Trolls zeigen sollte, ich lasse mich nicht von ihnen unterkriegen. Und sie ging schnell viral. Als ich den Tweet postete, hatte ich etwa 7.500 Follower*innen. Doch bald schon wuchs die Zahl auf 10.000, 25.000, 50.000 und schließlich 100.000. User*innen retweeteten und kommentierten, was mir zu mehr medialer Aufmerksamkeit verhalf. Ich gab Interviews für PEOPLEUSA TodayGood Morning America und den BBC
In den nächsten 366 Tagen (2020 ist ein Schaltjahr) postete ich täglich ein Selfie und trackte es mit dem Hashtag #MyBestSelfie. Manche Bilder waren ernst, wie die, bei denen ich in der Caption über Be_hinderungen sprach oder darüber, wie es mir an nicht-so-guten Tagen geht. Manche waren albern und witzig, wie die, in denen ich meine Liebe für Filter und The West Wing zeigte. Doch alle Selfies hatten etwas gemein: Sie spiegelten mich und meine Persönlichkeit wieder; sie zelebrierten und überbrachten eine Botschaft.
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Um ehrlich zu sein hätte ich nie gedacht, dass ich es wirklich ein komplettes Jahr durchziehe. Doch die Monate zogen ins Land und irgendwann fiel mir auf: Ich lernte Dinge an mir kennen, die ich noch nicht kannte. Mit jedem Selfie fühlte ich mich wohler in meiner eigenen Haut und ich entdeckte eine Freiheit, die ich als be_hinderte Frau bisher nie wirklich gefühlt hatte.
Ich bin es von klein auf gewöhnt, mich anders zu fühlen und anders auszusehen als andere Menschen und das hat sich definitiv auf mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbild ausgewirkt. Jedes Foto, das ich postete, fühlte sich wie eine Unterhaltung mit meinem jüngeren Ich an. Ich konnte ihr all die Dinge sage, die ich damals als Teenager gern gehört hätte.
Dennoch habe ich mir oft Sorgen darüber gemacht, wie die Menschen auf all diese Selfies reagieren. Schließlich hatte ich die Kommentare gesehen, für die ein einziges Foto von mir gesorgt hatte. Was würden die Leute denken, wenn sie jeden Tag ein Bild von mir sehen? Wäre das zu viel?
Es ging nie um Eitelkeit; das war nie mein Ziel. Ich postete Selfies, um Präsenz zu zeigen und als be_hinderte Frau gesehen zu werden.
Ein so großer Teil unserer Kultur wird durch Schönheitsideale geformt und bestimmt. Es wurde festgelegt, wer und was schön sind. Schönheit ist ein Gut, ob wir das nun gut finden oder nicht, und wir bezahlen einen gesellschaftlichen Preis an diejenigen, die in die Kategorie „schön“ fallen, die von strengen westlichen Standards kreiert wurde. Akzeptanz. Erfolg. Sogar Liebe. In meinen Augen scheint alles so viel einfacher zu sein für „schöne Menschen“.
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Unsere Gesellschaft macht ganz klar deutlich, Be_hinderungen werden nicht als schön oder wertvoll angesehen. Be_hinderungen sind etwas, wofür man sich schämen muss. Be_hinderte Menschen werden als minderwertig oder geringschätzig betrachtet. So scheint es zumindest die Mehrheit zu sehen. Oder was denkst du aus welchem Grund sich die Trolls sonst über mich lustig gemacht haben? Be_hinderte Menschen sind außerhalb der Grenzen des Schönheitsideals und natürlich macht es die Sache auch nicht gerade leichter, dass sie überall unterrepräsentiert werden – in den Medien, in der Popkultur, in der Politik. Wir sehen nur sehr wenige be_hinderte Menschen in Filmen und Serien oder in Führungspositionen.
Tatsächlich hat beispielsweise die Trump-Regierung die letzten vier Jahre damit verbracht, aktiv die be_hinderte Community zu verspotten und ihnen ihre Rechte zu nehmen – das geht beim sich lustig machen über einen be_hinderten Reporter los und hört bei den Vorschlägen zur Änderung der Erwerbsunfähigkeitsversicherung auf. Wir leben in einer ableistischen Welt. Und deswegen ist es auch sicher nicht überraschend, dass eine meiner größten Sorgen war, wie die Leute auf meine Selfies reagieren würden.
Auf der anderen Seite war genau das vielleicht der Grund dafür, warum ich immer weiter gepostet habe. Ich habe das Jahr vielleicht für mich begonnen, doch ich realisierte schnell, dass es dabei um mehr als nur um mich geht. Andere be_hinderte Menschen sagten zu mir, sie können meine Worte genau so unterschreiben und fingen damit an, ebenfalls Selfies zu posten. Sie begannen, ihre Geschichten zu teilen und der Welt zu zeigen, wer sie sind.
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Ich habe mich früher oft sehr allein gefühlt und jetzt hatte ich das erste Mal das Gefühl, die be_hinderte Community nimmt ihren ihr rechtmäßig zustehenden Platz am gesellschaftlichen Tisch ein. Endlich sah ich mehr Menschen wie mich – Menschen, die sich nicht dafür schämen, wer sie sind – und es war eine der wunderbarsten Dinge, die ich je erlebt habe.
Selfies zu posten würden wahrscheinlich die wenigsten von uns als revolutionären oder politischen Akt bezeichnen, besonders im Jahr 2020. Aber es ist eine Möglichkeit für mich, wieder die Zügel in die Hand zu nehmen und ein akkurateres Bild von der Wirklichkeit zu vermitteln. Denn das Bild das aktuell gezeigt wird ist mehr 1950 als 2020 – oft stellt es be_hinderte Menschen als Belastung für die Gesellschaft dar. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wir leben erfüllte Leben und ich bin so stolz, dass ich die Chance hatte, das für ein komplettes Jahr zu zeigen.
Ich bin nicht naiv was den Preis angeht, der mit der Aufmerksamkeit in sozialen Medien einhergeht. Es gibt viele Tage, an denen mich die Last der spöttischen und beleidigenden Bemerkungen fast erdrückt. Wie beispielsweise vor kurzem, als Menschen ein Foto von mir für die „New Teacher Challenge“ auf TikTok benutzten. Nach Vorfällen wie diesen habe ich den flüchtigen Gedanken, wie einfach es doch wäre, sich jetzt zurückzuziehen und alle Social-Media-Apps zu löschen. Und ich meine: Wer kann es mir verübeln?
Und trotzdem will ich, dass mich die Leute sehen – und zwar aus einem einfachen Grund: Die Gesellschaft wird ihre ableistischen Sichtweisen nie verändern, wenn wir Be_hinderungen nicht normalisieren. Und damit das passieren kann, müssen die Leute be_hinderte Menschen sehen. Allein in Deutschland leben übrigens 7,9 Millionen schwerbe_hinderte Menschen – das sind 9,5 Prozent. Weltweit haben etwa 15 Prozent aller Menschen eine Be_hinderung, also rund 1 Milliarde. Aktuell sehen wir davon nur einen verschwindend geringen Anteil. Doch je mehr Menschen wir sehen, desto mehr können wir von ihren Erfahrungen lernen und desto mehr Unterhaltungen kommen in Gang, die wir dringend brauchen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.
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Meine Hoffnung ist, dass diese dringend benötigten Gespräche anhalten. Auch wenn es natürlich schön gewesen wäre, wenn sie schon viel früher stattgefunden hätten. Wir hätten schon viel früher über Themen wie Be_hinderung und Sexualität oder Be_hinderung und Arbeit sprechen müssen; aber wenigstens finden sie jetzt statt. Besser als nichts.
Manchmal frage ich mich dennoch, ob ich aufhören sollte, Selfies zu posten. Doch dann erinnert mich die 2020er Realität: Be_hinderte Menschen müssen dafür kämpfen, gesehen und gehört zu werden. Diese Selfies poste ich für jede einzelne be_hinderte Person, die jeden einzelnen Tag kämpft. Wir denken oft, wir müssten eine einzige, riesengroße Aktion auf die Beine stellen, um etwas zu verändern, doch meine Selfies beweisen mir das Gegenteil. Wir können viele kleine Dinge tun, wie unsere Erfahrungen durch Fotos zu teilen, und dennoch einen großen Einfluss auf die Welt um uns haben. Meine Selfies sind meine Geschichte.
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Voices of Disability wird von Kelly Dawson herausgegeben, einer Aktivistin für Rechte von Be_hinderten. Sie selbst wurde mit Zerebralparese geboren. Sie hat über ihre Be_hinderung in dem beliebten Podcast Call Your Girlfriend gesprochen und zu diesem Thema für Vox, AFAR, Gay Mag und andere geschrieben. Ihre Arbeit findest du unter kellymdawson.com.

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