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Ich habe Herpes & so hat er mein Liebesleben beeinflusst

Nur wenige meiner Erzählungen fangen so an: „Also, ich lag breitbeinig auf dem Rücken vor einem Typen, den ich gerade erst kennengelernt hatte…“ – und doch fing eine der wichtigsten Erfahrungen meines Erwachsenenlebens genau so an. Nach einer kurzen, aber gründlichen Untersuchung lehnte sich der Arzt zurück und sagte schlicht: „Yep, es ist Herpes.“
Die Geschichte davon, wie ich mir HSV-1 einfing (die häufigste Form von Herpes), ist ziemlich kompliziert. Kurz nach einer Trennung im Herbst 2019, während ich noch versuchte, mich daran zu gewöhnen, nicht mehr mit meinem Ex zusammenzuwohnen, fielen mir zum ersten Mal die Symptome auf. Meine Vulva juckte, war gereizt und tat so weh, als würde sie an manchen Stellen aufreißen. Der Schmerz wurde schließlich so unerträglich, dass ich mir einen Termin beim Gynäkologen buchte und dort schließlich meine Diagnose bekam.
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Das Herpes-simplex-Virus (kurz HSV) ist eine sexuell übertragbare Krankheit, die nicht immer zwangsläufig beim Sex weitergegeben wird – manche Leute fangen sich das Virus schon bei der Geburt oder durch den Austausch von Spucke in der Jugend ein. Es gibt zwei verschiedene Typen: HSV-1 und HSV-2. Ich selbst habe HSV-1, der typischerweise am Mund auftritt und dort Fieberbläschen entstehen lässt; ich bin aber eine der wenigen Betroffenen, bei denen die Krankheit stattdessen an den Genitalien ausbrach. Ich habe allerdings das große Glück, dass ich bisher nur diesen einen Ausbruch erlebt habe, weswegen ich momentan keine antiviralen Medikamente einnehmen muss. Für Genitalherpes ist meistens HSV-2 verantwortlich, dessen Symptome meinen sehr ähnlich sind: wunde Stellen, Entzündungen, Juckreiz, Ausfluss, manchmal auch vorhergehende erkältungs- oder grippeähnliche Symptome. Für Herpes gibt es derzeit noch kein Heilmittel. Antivirale Medikamente können aber dabei helfen, die Ausbrüche zu unterdrücken oder zu verkürzen sowie die Übertragungsrate zu senken.
Obwohl all meine Symptome auf Herpes hindeuteten, war die Diagnose für mich doch eine große Überraschung – weil mir mein Ex nie erzählt hatte, dass er Herpes hatte. Es stellte sich heraus, dass er zu dem Zeitpunkt schon seit Jahren davon gewusst hatte, es mir aber… einfach nie gesagt hatte. Ich kann mich zwar schwach daran erinnern, dass er einmal meinte, er könne mich nicht küssen, weil er ein Fieberbläschen am Mund habe, doch wusste ich damals – wie viele andere auch – nicht, dass diese Bläschen am Mund immer ein Symptom von Herpes sind (daher auch der Begriff „Lippenherpes“). Um mit diesem Schock klarzukommen, versuchte ich eine Weile lang, es mit Humor zu nehmen (so à la: „Wow! Er hat Schluss gemacht und mir ein Abschiedsgeschenk mitgegeben!“), aber im Laufe der Zeit wuchs meine Wut wegen seiner Täuschung. Vor allem, als ich dann selbst wieder mit dem Dating anfing.
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Dass mich dieses Virus bis ans Ende meiner Tage begleiten würde und ich jeder einzelnen Person, mit der ich je Sex haben wollte, davon würde erzählen müssen, regte mich enorm auf. Es fiel mir schwer, all das zu akzeptieren. Mein Ex hätte mir von seiner Diagnose erzählen sollen, damit ich die Chance gehabt hätte, mich vor der Infektion zu schützen. Stattdessen muss ich jetzt in meinem Liebesleben viel mehr Vorsicht walten lassen – und mich auf ein höheres Risiko einer Abfuhr einstellen.
Während der drei Jahre, seit mein Ex und ich uns getrennt haben, habe ich vor allem locker gedatet. Größtenteils hatte ich dabei echt Glück. Die meisten Leute, denen ich von meiner Diagnose erzählt habe, waren sehr verständnisvoll und trotzdem noch daran interessiert, mich zu daten und mit mir zu schlafen. Dieses Glück blieb mir eine ganze Weile erhalten – bis letzten Frühling, als ich einen Typen kennenlernte, mit dem ich direkt eine total tiefe Bindung hatte. Als es dann in Richtung Sex ging, erzählte ich ihm von meinem Herpes. Er wirkte erst verständnisvoll… und ghostete mich dann. Als ich ihn schließlich doch dazu brachte, mich zu treffen und mit mir darüber zu sprechen, erklärte er mir, dass er vermeiden wollte, sich die Krankheit einzufangen und zukünftigen Partner:innen davon erzählen zu müssen. Klar, dass mich die Abfuhr von dem ersten Typen, der mich seit Jahren so richtig begeistert hatte, ziemlich aus der Bahn warf.
Einen so tollen Mann kennenzulernen, der meinen Herpes als K.O.-Kriterium betrachtete, tat vor allem deswegen weh, weil ich eigentlich ziemlich stolz darauf war, wie selbstbewusst und informiert ich potenziellen Partner:innen von meiner Diagnose erzählt hatte. Nach der Diagnose hatte ich mich nämlich mit sämtlichen Fakten und Statistiken bewaffnet, die ich hatte finden können. Ich hatte außerdem darauf geachtet, das Gespräch nicht so aufzubauen, dass sich der Herpes wie eine große, furchteinflößende Sache anhörte – denn das ist er nicht. Alleine die Tatsache, dass 80 Prozent der Weltbevölkerung unter 50 Jahren entweder HSV-1 oder HSV-2 in sich tragen (und viele nie etwas davon erfahren werden), beweist: Herpes ist viel alltäglicher, als wir denken. Trotzdem gibt es aber auch noch viele Menschen, die nur die Mythen und Irrglauben rund um Herpes kennen und glauben, die Krankheit sei sehr selten, nur bei vielen wechselnden Sexualpartner:innen ein Risiko, immer beim Sex mit Infizierten übertragbar, und so weiter. Für diejenigen von uns, die mit einer Herpes-Infektion leben, befeuern diese Unwahrheiten weiter das damit einhergehende Stigma – und sorgen dafür, dass uns offene Gespräche dazu sehr schwer fallen.
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Ich brauchte eine Weile, um die Abfuhr zu verdauen. Heute gehe ich aber offener denn je mit meiner Diagnose um. Ich poste darüber in sozialen Netzwerken und gebe mir Mühe, andere aufzuklären. Sogar gegenüber meiner Familie und meinen Freund:innen war ich dahingehend ehrlich – und sie unterstützen mich alle total. Das Wissen, dass ich meine Sexualität trotz meiner HSV-Infektion ausleben kann, war für mich ein riesiger Schritt und hat es mir deutlich erleichtert, mit neuen Leuten darüber zu sprechen. Heute erwähne ich meinen Herpes meist schon beim ersten Date – vor allem, wenn ich vermute, dass es zu einem zweiten Date kommen könnte. Das hilft mir dabei, schon im Voraus abzutasten, wie wohl sich mein Gegenüber damit wohl fühlen könnte, damit keine:r von uns beiden die eigene Zeit verschwendet, sollte meine Diagnose ein No-Go sein. Dadurch schütze ich auch mich selbst.
Obwohl ich seit meiner Abfuhr keine anderen negativen Reaktionen auf meine Diagnose bekommen habe, ist damit natürlich nicht gesagt, dass es nicht in Zukunft nochmal passieren könnte. Ich musste lernen, mich damit abzufinden und einzusehen: Was andere über meine Krankheit denken, spiegelt weder mich noch meinen eigenen Wert wider. Ich bin außerdem dankbar für jede Chance, andere über Herpes aufzuklären. Durch das Wissen, dass ich eine von mehreren Milliarden Betroffenen bin, fühle ich mich damit weniger allein. Ich bin fest entschlossen, mein bestes Leben zu leben, komme, was wolle. Und genau das tue ich gerade.
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