Ich zog nach der Trennung mit meinem Ex zusammen

Foto: Meg O'Donnell.
Die 23-jährige Sara* lebt seit mittlerweile fast zwei Jahren mit ihrem Exfreund zusammen. Das Paar zog nach acht Monaten Beziehung in eine gemeinsame Wohnung – und trennte sich nach einer Woche Zusammenleben, nachdem er „beschloss, dass er nicht wusste, was er wollte“, erzählt Sara. Weil im Mietvertrag aber ein Jahr Mindestmietdauer festgelegt worden war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als erstmal weiter zusammen zu wohnen.
Sara und ihr Ex hatten sich schon mit elf Jahren kennengelernt. Sie erzählt uns, dass es demnach halbwegs angenehm war, sich nach der Trennung weiterhin eine Wohnung zu teilen – zumindest anfangs. „Wir waren vor unserer Beziehung schon so lange befreundet, dass es sich normal anfühlte, sobald ich den ersten Schock überwunden hatte“, sagt sie. Daher kam es ihnen auch ganz natürlich vor, nach dem Ablauf des Mietvertrags auch eine weitere gemeinsame Wohnung zu suchen – und weiterhin als Ex-Partner:innen zusammen zu wohnen. „Wir wollten beide nicht zu unseren Eltern zurückziehen, und es war finanziell einfach nicht machbar, alleine zu wohnen“, erklärt Sara.
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Unter diesen Umständen fühlte es sich demnach für beide total okay an, erstmal in diesem vertrauten Umfeld zu bleiben. Mit der Zeit wurde das Ganze aber deutlich komplizierter, als ihr Ex anfing, neue Frauen zu daten. 
Damals war Sara immer wieder zu Besuch im Krankenhaus, nachdem jemand aus ihrer Familie einen medizinischen Notfall durchlitten hatte. Das machte alles nur noch schwieriger. „Ich verbrachte quasi den ganzen Tag im Krankenhaus und hatte dauernd irgendwelche Gespräche mit den Ärzt:innen. Als ich abends nach Hause kam, kriegte ich dann mit, wie er einer anderen Frau schrieb oder sich die Playlists anhörte, die sie füreinander erstellt hatten“, erinnert sie sich. „Alles, was ich mir damals wünschte, war, am Ende des Tages zu ihm nach Hause zu kommen und ihm alles zu erzählen. Er war einfach der Mensch, in dem ich Trost suchte.“

Es fällt mir weiterhin schwer, seine zwei Hälften im Kopf auseinander zu halten – den Typen, mit dem ich seit Ewigkeiten befreundet bin, und meinen Ex.

Sara, 23
Das hatte negative Konsequenzen für Saras geistige Gesundheit. „Ich litt eine Weile unter Depressionen. Das geht bis heute“, sagt sie. „Obwohl ich mich heute deutlich besser fühle, tut es mir immer noch total weh, dass ich damals so eine dunkle Zeit durchleben musste. Es macht mich heute nicht mehr so fertig, aber es fällt mir weiterhin schwer, seine zwei Hälften im Kopf auseinander zu halten – den Typen, mit dem ich seit Ewigkeiten befreundet bin, und meinen Ex. Das sorgte für jede Menge unnötigen Herzschmerz.“
Helen Ferguson ist eine Psychotherapeutin, die sich auf Traumata spezialisiert hat. Sie erklärt, dass es sich enorm auf deine geistige Gesundheit auswirken kann, dabei zuzusehen, wie dein:e Ex wieder mit dem Dating anfängt. „Das Selbstwertgefühl hängt mit der emotionalen Gesundheit und dem emotionalen Bewusstsein zusammen, sowie auch mit unserer Fähigkeit, uns selbst zu verstehen und zu schätzen“, sagt sie. „Wenn du nicht mehr mit deinem:deiner Ex zusammen bist, aber noch mit ihm:ihr zusammen wohnst und er:sie neue Leute datet, wird sich das zwangsläufig auf deinen Selbstwert und deine mentale Gesundheit auswirken.“
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Sie ergänzt, dass es tatsächlich sogar „traumatisch“ sein kann, mit einem:einer Ex zusammen zu wohnen, weil es dich davon abhält, die Gefühle rund um die Trennung zu verarbeiten. Das liegt daran, dass diese Emotionen immer und immer wieder getriggert werden. „Wenn du eine Trennung durchmachst, ist es schon schwer genug, diese emotionale Belastung durchzustehen“, sagt Helen. „Wenn du aber zumindest räumlich von dieser Person getrennt bist, kannst du dich unabhängig mit den Gefühlen auseinandersetzen, die sich auftun.“
Ohne eine tägliche Erinnerung an eure Trennung ist es vermutlich leichter, diese Gefühle zu verarbeiten, wann immer sie aufkochen – zum Beispiel, wenn du deine:n Ex in einer Instagram-Story von Bekannten entdeckst. Wenn du aber mit deinem:deiner Ex zusammen wohnst, erlebst du diese Gefühle wieder und wieder. „Wenn du nie diesen eindeutigen Schlussstrich bekommst, werden die daraus entstehenden unangenehmen Gefühle nie freigesetzt und können nicht angemessen verarbeitet werden“, erklärt Helen.
Diese Emotionen können umso intensiver – und sogar gefährlich – sein, wenn jemand gezwungen ist, mit einem:einer missbräuchlichen Ex-Partner:in weiterhin zusammen zu wohnen. Die 26-jährige Laura* zog nach nur vier Monaten Beziehung mit ihrem Partner zusammen, um ihm finanziell zu helfen. Doch dann änderte sich alles schlagartig.
Lauras Partner begann, sich emotional von ihr zu distanzieren und wurde emotional missbräuchlich. Schließlich trennten sich die beiden. „Es fiel mir unheimlich schwer, das zu verarbeiten. Ich hatte so viel Geld in dieses Zuhause gesteckt“, sagt sie. Sie hatte nicht bloß Tausende Euros für neue Möbel und andere Kosten hingeblättert, sondern auch noch ihren Bruder als Bürgen ins Boot geholt. Gleichzeitig hatte sie sich während der Beziehung immer weiter von ihren Freund:innen und Verwandten entfernt. „Ich hatte niemanden, bei dem ich hätte unterkommen können, und der Wohnungsmarkt war so schlimm, dass ich wusste, ich würde so schnell nichts Neues für mich alleine finden“, sagt sie. „Vor allem, weil Vermieter:innen Paare bevorzugen.“
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Sie und ihr Ex begannen schließlich eine On-Off-Beziehung, wodurch sich das Gaslighting und die emotionale Manipulation noch in die Länge zogen. „Das ist eine enorm verletzliche, unsichere Position“, meint Helen dazu. „Das Trauma aus solchen Situationen kann lange andauern und sogar zu einer K-PTSD (einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung) führen.“ Sie rät Betroffenen dazu, sich schnellstmöglich einen Ausweg aus dieser Situation zu suchen.
Für Laura hatte das Ganze enorme negative Konsequenzen für ihre mentale Gesundheit. Weil sie unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, muss sie stark darauf achten, ihre zwanghaften Bewältigungsmechanismen unter Kontrolle zu behalten. „Das war ein echter Rückschlag“, erzählt sie. „Ich fing an, wieder viel zu trinken. Ich aß kaum noch und kündigte spontan meinen Job. Es war wirklich schlimm.“
Natürlich ist jede Situation eine andere, und abhängig von der jeweiligen Trennung und natürlich der Beziehung kann das Zusammenleben mit einem:einer Ex auch durchaus funktionieren. Helen betont dabei aber, wie wichtig es ist, Grenzen zu ziehen. „Führt ein offenes Gespräch darüber, wie euer Zusammenleben tatsächlich funktionieren soll, und seid ganz ehrlich, wenn ihr über eure emotionalen Bedürfnisse redet“, sagt sie. „Das ist der Grundstein, um darauf eine platonische Beziehung aufzubauen.“
Helen ergänzt außerdem, zusammenlebende Ex-Partner:innen sollten sich unbedingt den Freiraum nehmen, um die Trennung zu verarbeiten und sich voneinander zu lösen, nachdem sie so lange mit dem Leben der jeweils anderen Person verwoben waren. „Es geht darum, eure Identitäten neu aufzubauen und euch so auszuleben, wie es sich für euch richtig anfühlt“, sagt sie. „Erschafft euch also eure eigenen Routinen, übt eigene Hobbys aus, trefft euch mit Freund:innen – all sowas.“
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Zu guter Letzt ist es wichtig, euch nicht von euren Gefühlen leiten zu lassen, betont sie – vor allem, wenn es darum geht, die Romantik neu aufleben zu lassen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. „Es ist schwierig, mit ihm zusammen zu wohnen“, meint Sara. „Wenn nämlich eine:r von euch irgendwann (und das lässt sich nicht verhindern) die andere Person vermisst und die Gründe für eure Trennung vergisst, sitzt diese Person eben direkt da auf der anderen Seite des Tisches.“
*Name wurde von der Redaktion geändert.
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