Wie eine Trennung dein Sozialleben zerstören kann

Foto: ZAINEB ABELQUE.
Bei beinahe jeder Trennung steht sehr viel auf dem Spiel. Ganz egal, wie kurz oder lange ihr zusammen wart – jede gemeinsame Erfahrung hinterlässt ein Echo, das beeinflusst, wie wir nach einer Trennung weiterleben. Für viele von uns sind es daher nicht einmal die Gefühle, die die Trennung so schwierig machen, sondern der Ausblick auf die Veränderungen, die uns danach bevorstehen.
Und obwohl Herzschmerz natürlich zum Leben dazugehört, trifft uns die Trennung selbst vielleicht weniger hart als das Zerbrechen eines Lebens, das wir uns mit jemand anderem aufgebaut haben. Wenn zwei stark miteinander verflochtene Leben plötzlich auseinanderbrechen, kann es sich beängstigend anfühlen, aus den Bruchstücken wieder ein ganz eigenes zusammenzubasteln.
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Natürlich ist es wichtig, sich auch in den Familien- und Freundeskreis des Partners oder der Partnerin einzufügen. Aber was, wenn sein:ihr Kreis plötzlich zu deinem wird – oder umgekehrt? Was, wenn ihr euch trennt und du plötzlich keinen Zugang mehr zu dem Support hast, auf den du dich bis dahin verlassen konntest? Der 32-jährigen Sarah war vor ihrer Trennung nie in den Sinn gekommen, dass das passieren könnte.
„Ich freundete mich während der vierjährigen Beziehung mit meinem Ex total eng mit seinen Freund:innen an, bis er mir eines Tages mitteilte, dass er mich für eine dieser Frauen verlassen wollte“, erzählt sie. „Das tat weh. Noch schlimmer war aber, dass ich zu dem Zeitpunkt schon so tief in seinen Freundeskreis eingetaucht war – ich traf sie andauernd und schrieb den ganzen Tag über mit ihnen –, dass ich davon überzeugt war, sie seien inzwischen auch meine Freund:innen geworden. Dabei half mir nicht, dass ich gerade für die Arbeit in eine neue Stadt gezogen war und dort bisher keine anderen Freund:innen gefunden hatte.“
„Nach der Trennung wartete ich eine Weile ab, um zu sehen, was passieren würde. Dann wurde mir klar, dass diese Freundschaften von meiner Beziehung abhängig gewesen waren – und ich somit offiziell abserviert war. Mein Handy hörte einfach auf zu klingeln, und ich hörte nie wieder wirklich was von ihnen. Heute sehe ich ab und zu online ihre Posts; sie hängen immer noch zusammen rum, so wie wir früher. Ich zog daraufhin wieder in meine Heimatstadt, um meinem eigenen Supportnetzwerk wieder näher zu sein.“
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Aber es kann genauso schwierig sein, sich nach einer Trennung weiterhin Freund:innen zu teilen.
„Meine ziemlich ernste Beziehung nahm kein gutes Ende. Wir hatten/haben aber einige gemeinsame Freund:innen“, erzählt Alicia, 28. „Eine Zeit lang sagten mir diese Leute dann immer Bescheid, wenn er ebenfalls zu diesen oder jenen Treffen eingeladen war, damit ich mich emotional darauf einstellen konnte – oder gleich absagen konnte. Das fand ich total rücksichtsvoll.“
„Eine Weile lang war das alles sehr unangenehm, weil ich mir Sorgen machte, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen. Irgendwann kam es aber immer seltener zu diesen großen Gruppentreffen, und dann zog er in eine andere Stadt.“
„Ich glaube, es ist ein echter Balanceakt dazwischen, ‚Drama‘ aus dem Freundeskreis rauszuhalten, und höflich miteinander umzugehen. Gleichzeitig musst du dich aber natürlich auch selbst schützen und Grenzen ziehen. Wie viel möchtest du dir zumuten? In meinem Fall waren es Treffen mit meinen engsten Freund:innen, aber immer nur zu zweit.“

Wenn du mit jemandem lange genug zusammen bist, ist es ganz normal, dass euch andere irgendwann als eine Einheit betrachten. Dadurch wird eine Trennung aber umso komplizierter.

Obwohl es natürlich wichtig ist, deine Freund:innen zu priorisieren, ist es der Psychologin Nancy Sokarno zufolge ziemlich normal, wenn diese in einer Beziehung ein bisschen in den Hintergrund rücken. „Wenn du in einer Beziehung bist, verlierst du dich schnell in deiner kleinen Liebes-Bubble, wenn du den Großteil deiner Zeit mit deinem:deiner Partner:in verbringst“, sagt sie. „Die Wochenenden, die du vorher vielleicht vorrangig mit deinen Freund:innen verbracht hast, widmest du jetzt eventuell eher Netflix und Kuscheln auf der Couch!“
Für die 29-jährige Enid lief es genau so – und es ging sogar so weit, dass sie nach Beginn einer neuen Beziehung den Kontakt zu vielen ihrer Freund:innen verlor. Schnell wurde ihr aber klar, dass es vergeblich war, darauf zu hoffen, dass sich diese Freundschaften schon wieder erholen würden.
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„Meine Gruppe aus Single-Freund:innen und ich waren lange quasi unzertrennlich. Ich dachte, uns verband eine tiefe Freundschaft, die ewig halten würde“, sagt sie. „Als ich aber eine ernste Beziehung anfing, wurde ich von ihnen immer seltener zu Treffen eingeladen, irgendwann dann gar nicht mehr.“
„Ich fragte häufig, ob wir was unternehmen wollten – aber das war wie Zähneziehen. Dann sah ich online, dass sie zusammen kleine Wochenendtrips unternahmen und sich dauernd ohne mich trafen. Da dachte ich mir, dass ich sie am besten einfach machen ließ. Ein Jahr später endete dann meine Beziehung – und plötzlich tauchten sie alle wieder in meinen DMs auf und schrieben mir Sachen wie: ‚Du bist viel lustiger, wenn du Single bist.‘ Mir wurde klar, dass unsere Freundschaft ziemlich zweidimensional war. Heute habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Zwar fehlen mir unsere Treffen von früher, aber ich bin froh, jetzt zu wissen, wie sie wirklich denken.“
Wenn du mit jemandem lange genug zusammen bist, ist es ganz normal, dass euch andere irgendwann als eine Einheit betrachten. Dadurch wird eine Trennung aber umso komplizierter. Je stärker ihr miteinander verknüpft seid, desto leichter kann es sein, einfach zusammenzubleiben. Das kennt auch Hailey (29) – die daraus gelernt hat, dass dieses zwanghafte Zusammenbleiben das unvermeidliche Chaos nur rauszögert.
„Wir kamen schon in der Schule zusammen. Wir waren also immer dieses ‚Wir‘“, erzählt sie. „Nach mehr als einem gemeinsamen Jahrzehnt – von dem wir vier Jahre quasi nur im Autopilot-Modus zusammen waren – trennten wir uns ganz harmonisch und einvernehmlich. Was danach kam, war aber alles andere als harmonisch.“
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„Unser gemeinsamer Freundeskreis war der Meinung, Partei ergreifen zu müssen – und sie stellten sich alle extrem auf seine Seite. Einige waren empört darüber, wie schnell ich mit der Beziehung abgeschlossen hatte. Das alles ging aber überhaupt nicht von ihm aus. Unsere ganze Gruppe zerbrach an diesen Spannungen.“
„Mein Ex und ich sind immer noch befreundet, aber ich glaube nicht, dass unsere Freund:innen mir je für das verzeihen werden, von dem sie glaubten, ich hätte es getan. Plötzlich musste ich mit 28 Jahren völlig neue Freund:innen finden.“
Laut Sokarno ist das eine ziemlich typische Situation. „Das ist relativ normal und nicht zwangsläufig persönlich zu nehmen“, meint sie. „Obwohl es sich so anfühlen kann, als sei das alles persönlich gemeint, hat [das Verhalten deiner ‚Freund:innen] eigentlich mehr mit den Umständen zu tun – und verrät dir viel über diese Leute.“
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Trennungen von Freund:innen passieren – ob du nun vergeben, Single oder frisch getrennt bist. Es kann sich erfüllend anfühlen, dein Leben mit jemandem zu teilen; wenn es dann aber zur Trennung kommt, fühlst du dich durch die Kombi aus Schmerz und Veränderung sehr verletzlich. Wenn dir dann auch noch das Support-Netzwerk deiner Freund:innen verloren geht, bleibt dir eigentlich nichts anderes übrig, als neu anzufangen.
Es ist sicher nicht immer leicht, als Erwachsene:r neue Freund:innen zu finden. Laut Sokarno geht es dabei darum, deine Komfortzone auch mal zu verlassen. „Begib dich in Szenarien, in denen du ganz natürlich neue Leute kennenlernst“, empfiehlt sie. „Wir wissen, wie schwer es sein kann, mit jemandem auf der Straße oder in einer Bar ein Gespräch zu beginnen. Probier doch also mal was Neues aus, vielleicht durch ein Hobby – und guck, wen du so kennenlernst.“
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