It’s over now ­– oder wieso auch eine Freundschaft eine faire Trennung verdient

Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie selbst sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Ich weiß nicht, ob es jeder kennt. Aber viele von uns bestimmt. Heute gibt es sogar einen Begriff für dieses plötzliche nicht mehr melden, Kontakt einstellen, sich in Luft auflösen: Ghosting. War und ist mir neu der Begriff, was er beschreibt aber dafür umso bekannter. Ich hatte mal eine Freundin, die hab ich im Studium kennengelernt. Wir sind sieben Jahre lang durch dick und dünn gegangen. Wir haben gemeinsam gelacht, gefeiert, Liebeskummer gehabt, geweint, Prüfungen hinter uns gebracht und uns auf die Semesterferien gefreut. Ich kannte ihre Familie und sie meine, sie meine Freunde, ich ihre. Nun ja, sind wir ehrlich: Das waren nicht sonderlich viele. Ich habe mich ein paar Mal gefragt, wieso eine so nette, so attraktive, so wunderbare Person wie meine Freundin nur so wenig enge Freunde hat. Den Gedanken dann aber wieder verworfen. Weil mit ihr ja alles in Ordnung war.
Heute bin ich älter und denke mir, auch das hatte Gründe. Ob es ihre überdominanten Eltern waren, die sie in ein Korsett gepresst haben in das sie leider Gottes versucht hat zu passen, oder ob es ihre offensichtliche Konfliktscheue war – vielleicht hat sie auch einfach schon viele Freunde von sich einfach abgesägt, so wie mich damals. Ich fand es schon seltsam, dass sie nach der Trennung von ihrem Freund alle seine Freunde bei Facebook gelöscht hat. So rigoros und kindisch. Weil das ja nun auch ihre Freunde waren. Aber da dachte ich noch, sie ist vielleicht verletzt. Kann das schwer ertragen. Bis ich diejenige war, die einfach aus ihrem Leben geschmissen wurde.
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Ohne ein Tschüss, ohne eine Erklärung. Dabei ist eine Freundschaft ebenso wie eine Liebesbeziehung eine zwischenmenschliche Beziehung. An der zwei Menschen beteiligt sind – emotional und geistig. Die natürlich mit unterschiedlichen Ansichten und Auffassungen verbunden ist und die man eben nicht wie bei Facebook mit einem Klick beenden kann. Schön, wenn es so einfach wäre.

Wir waren Studenten, haben unseren Weg gemeinsam gefunden, ernste Beziehungen erlebt, sind gemeinsam erwachsen geworden. Oder wären es vielleicht, wenn sie nicht auf einmal entschieden hätte, sich aus dem Konstrukt zu verabschieden. Ich bin ehrlich: Es hat mir das Herz gebrochen.

Es gab einen kleinen Konflikt vorher. Heute, mit 30, würde ich sagen, es war kindisch; ich habe vielleicht nicht nett und verständnisvoll genug reagiert, als es angesprochen wurde aber auch Stellung bezogen. Nichts wieso man eine langjährige Freundschaft beendet. Und es war nicht nur eine Freundschaft. Mit dem Eliminieren meiner Person aus ihrem Dunstkreis, ging auch der Kontaktabbruch mit all meinen Freunden einher. Menschen mit denen wir sieben lange Jahre unsere Zeit verbracht, Wochenendtrips unternommen, Nächte durchgetanzt, ernste Gespräche geführt und unser Leben geteilt haben. Und es war eine prägende Zeit: Wir waren Studenten, haben unseren Weg gemeinsam gefunden, ernste Beziehungen erlebt, sind gemeinsam erwachsen geworden. Oder wären es vielleicht, wenn sie nicht auf einmal entschieden hätte, sich aus dem Konstrukt zu verabschieden. Ich bin ehrlich: Es hat mir das Herz gebrochen. Ich habe die WhatsApp-Konversation bis heute gespeichert. Sieben Mal habe ich versucht den Kontakt aufzunehmen. Zu hinterfragen was passiert ist, dass sie nichts mehr mit mir und den anderen zu tun haben wollte. Wieso ich nicht mehr Teil ihres Lebens sein durfte. Es hat sich angefühlt als wenn der Partner einen einfach verlässt – und für kein Gespräch mehr zur Verfügung steht. Ein kleiner Tod, der unverhofft gekommen ist.
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Am Anfang habe ich noch versucht zu argumentieren. Sie hat nicht mal zugegeben, dass sie sich still und leise davon stiehlt, sondern Ausreden gesucht, sie habe viel zu tun. Das sei halt manchmal so. Bis sie irgendwann gar nicht mehr geantwortet hat. Dieser Bruch hat mir immer mal wieder Träume beschert, in denen sie eine Rolle gespielt hat. Gespräche mit Menschen, die das genau so krank finden wie ich. Ungläubige Reaktionen von Menschen, die sie kannten, bis sie ihre Nachrichten gelesen hatten und es dann doch glaubten. Noch heute ist sie mit allen von uns bei Facebook befreundet. Folgt uns bei Instagram – und das ist meiner Ansicht nach das eigentlich Kranke an der Sache. Ein stiller Beobachter einer Welt, in die er mal gehört hat. So als sei alles in Ordnung, auch für Leute, die weiter entfernt waren von dem emotionalen Konstrukt, und die so den Eindruck haben es sei alles wie eh und je.
Im Zusammenhang dieser Geschichte habe ich mir die Frage gestellt, ob man Freundschaften wie eine Beziehung beenden sollte. Und beantworte sie klar mit ja. Manchmal ist die Luft raus aus Freundschaften oder einer will plötzlich einfach nicht mehr. Weil der andere davon vielleicht gar nichts ahnt oder man selbst fair sein will, bleiben einem nur zwei Wege: Auslaufen lassen oder das Gespräch führen. Und das Gespräch ist einfach der fairere Weg. Basta. Natürlich kann man die kalte Schulter zeigen, Kontaktversuche abblocken, Anrufe ignorieren. Aber das ist schlichtweg unfair und moralisch nicht gerade vertretbar. Ein Schlussmachen ist weitaus erwachsener. Es hätte mir Zweifel erspart, Albträume, Tage, an denen ich mir den Kopf zermartert habe. Es wäre unserer Freundschaft gerecht geworden, denn auch wenn sie sie einfach weggeworfen hat, wie ein altes paar Schuhe, das man nicht mehr tragen will, hätte ich gewusst wieso. Vielleicht weil sie ein Loch hatten, oder vorne am Zeh mittlerweile so scheuerten, dass ihr andauernd die Füße weh taten. Vielleicht haben sie ihr auch einfach nicht mehr gefallen.
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Nur ein Arschloch lässt den anderen hängen, ohne Tschüss zu sagen. Das ist in etwa so wie per SMS Schluss machen.

So aber fragt sich der andere immer, wieso diese Freundschaft so wenig Wert hat, dass man sie einfach wegwerfen kann. Und zweifelt vielleicht auch unberechtigterweise an sich selbst. Ein paar Mal habe ich ihr geschrieben, dass ich sie unglaublich vermisse als Freundin. Ihre quirlige Art, ihre Unterstützung. Ihre Art zu feiern und blöde Anmachen galant mit einem alles aussagenden Blick abzuwehren. Ihre Mentalität, einfach alles mitzumachen. Zumindest das, was man ihr von Zuhause aus zugestanden hat. Heute denke ich manchmal, eigentlich ist sie ein Opfer ihres Umfelds gewesen. Musste es allen Recht machen, immer funktionieren, Aufgaben und Rollen übernehmen, die ihre Eltern bestimmt haben, dabei waren es deren Aufgaben und Entscheidungen, die sie im Endeffekt mittragen musste.
Ich vermisse sie nicht mehr. Und ich betrauere auch das Ende unserer Freundschaft nicht mehr. Nur das Wie, das finde ich sehr schade. Feige.
Ihre Reaktion hat mir im Prinzip nur eine Sache vermittelt: Wir haben zwar sieben Jahre alles miteinander geteilt. Aber jetzt habe ich so wenig Lust darauf, dass die verbleibende nicht mal dafür ausreicht, dir davon zu berichten.
Eine echte Freundschaft hat ein echtes Ende verdient. Vielleicht war es einfach keine echte. #byebyebaby
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