Wie ich lernte, mit meiner Herpes-Infektion zu leben

Illustration: Maïté Marque.
In meinem letzten Studienjahr bekam ich die Diagnose: Genitalherpes. Ich hatte mich vorher schon mindestens einmal mit einer extrem schmerzhaften, wunden Stelle an der Vulva rumgequält – was echt niemand erleben will –, und hielt das für ein Ekzem, bevor mich eine plötzliche Panik packte: Was, wenn ich eine Geschlechtskrankheit hatte? Wie jede:r, der:die im 21. Jahrhundert unerklärliche Symptome bemerkt, wandte ich mich erstmal an Google. Ich verglich meine Symptome mit Beschreibungen und Fotos von Herpes und schrieb meinen Freund:innen ängstlich, was so alles für meine Beschwerden verantwortlich sein könnte, bevor ich einen Termin zur Untersuchung ausmachte. 
Während ich im Wartezimmer saß, redete ich mir gut zu: Die wunde Stelle stammte bestimmt nur von meinem Vibrator, und ich machte mir sicher viel zu viele Sorgen. Doch nur wenige Momente später teilte mir die Praxishelferin mit, anhand meiner Schmerzen beim Abstrich sei das ziemlich sicher Herpes – ich müsse aber eine Woche auf die offiziellen Ergebnisse warten.
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Die nächste Woche war die pure Qual. Ich gab mein Bestes, mir einzureden, dass das Ergebnis sicher negativ war, bereitete mich aber mental auf den besten und schlimmsten Fall vor – wie immer, wenn ich in einer Situation stecke, die außerhalb meiner Kontrolle liegt. Meine Gefühle waren das reinste Chaos: Ich hatte Angst vor einem positiven Testergebnis. Mir war schon die Vorstellung peinlich, anderen von meiner Herpeserkrankung erzählen und selbst damit leben zu müssen. Ich war wütend auf die mir unbekannte Person, die mich angesteckt hatte. Ich schämte mich dafür, dass ich unvorsichtig genug gewesen war, um überhaupt in dieser Situation zu landen. Und ich war enttäuscht von mir selbst, dass ich mir so darüber den Kopf zerbrach. 
Obwohl ich ein grandioses Support-Netzwerk aus Leuten hatte, die mir versicherten, dass Herpes total weit verbreitet sei, ließen meine Gefühle einfach nicht nach. Ihr gutes Zureden konnte nicht meine Scham besänftigen, mir womöglich eine Geschlechtskrankheit eingefangen zu haben, von der ich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Ahnung gehabt hatte. Ich halte mich selbst für sexpositiv (und habe sogar einen Podcast, der sich für Sexpositivität einsetzt); die Erkenntnis, dass ich mich so schlecht damit fühlte, eventuell eine Geschlechtskrankheit zu haben, stürzte mich, mein Selbstbild und meine Gefühle nur noch weiter ins Chaos.
Und dann bekam ich die Bestätigung: Der Test war positiv. War das jetzt das Todesurteil für mein Sexleben? Ich hatte absolut keine Ahnung. Die einzige Information, die mir in der Praxis über das Leben mit Herpes mitgegeben wurde, war, dass ich jetzt unbedingt jedes Mal beim Sex ein Kondom benutzen sollte. Nachdem ich mir eine ganze Zeit lang die Wunden geleckt hatte und meine Mum und meine Freund:innen versucht hatten, mich aus meinem Elend zu zerren, beschloss ich, dass ich mein Leben wirklich nicht dieser Krankheit unterwerfen wollte. Angespornt durch die Erinnerung daran, dass ich Sex tatsächlich ziemlich mag (und seit sechs Monaten keinen mehr gehabt hatte), entschied ich, so viel wie möglich über Herpes herauszufinden, um mein Leben wieder in seine ganz normalen Bahnen zurückzulenken.
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In meinem Kopf und meiner leeren Wohnung übte ich die Formulierung, in der Hoffnung, sie dann auch selbstbewusst gegenüber anderen über die Lippen zu bringen – und eine potenzielle Ablehnung verkraften zu können.

Zuerst las ich mir alles über die körperlichen Auswirkungen der Erkrankung durch, bevor ich mich mit persönlichen Erfahrungen und Ratschlägen auseinandersetzte. Mithilfe von Podcasts und dem Subreddit r/Herpes wurde mir langsam bewusst, dass Herpes gar nicht so dramatisch war, wie ich vorher gedacht hatte. Ich tröstete mich mit dem Wissen, dass Tausende Menschen dasselbe durchmachten wie ich – selbst wenn wir unsere Erfahrungen über einen Bildschirm miteinander teilten. (Ich war – und bin immer noch – enttäuscht, bisher niemanden im Offline-Leben getroffen zu haben, der:die ganz offen darüber spricht, ebenfalls Genitalherpes zu haben.) Gleichzeitig konnte ich gar nicht fassen, wie vielen Leuten es aus emotionaler Sicht genauso ging wie mir, obwohl Herpes so weit verbreitet ist. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leben weltweit etwa eine halbe Milliarde Menschen mit Genitalherpes, und mehrere Milliarden mit Lippenherpes. Doch das gesellschaftliche Stigma hält uns davon ab, das so offen anzusprechen, wie wir sollten, um es verarbeiten, das Wissen darüber verbreiten und einander unterstützen zu können.
Dieses Stigma machte mir tatsächlich die größten Sorgen. Ich glaubte zu wissen, wie die Leute reagieren würden, wenn ich ihnen von meinem Herpes erzählte. Reddit ist dennoch voller Geschichten von Betroffenen, die ein erfülltes Sexleben führen. Durch sie lernte ich, wie ein offenes Gespräch darüber im ethischen Idealfall aussehen sollte – und auch, wie schief es laufen kann. Die meisten Leute sind sich darin einig, dass du moralisch dazu verpflichtet bist, deinen Herpes-Status gegenüber potenziellen Sexualpartner:innen zu erwähnen – auch, wenn du vielleicht nicht gesetzlich dazu verpflichtet bist. Ich war mir direkt sicher, dass ich das auch so sah. Als ich mir dann aber vorstellte, ich hätte das Thema gegenüber meiner bisherigen Sexualpartner:innen angesprochen, war ich mir ziemlich sicher, sie hätten mich daraufhin abgelehnt. Noch dazu traute ich es mir einfach nicht zu, die Worte „Ich habe Herpes“ tatsächlich laut auszusprechen, wenn ich gerade kurz davor stand, mit jemandem Sex zu haben – obwohl ich inzwischen das Gefühl hatte, meinen Körper und meine Gefühle besser im Griff zu haben als noch direkt nach der Diagnose. Ich glaubte, dabei garantiert in Tränen ausbrechen zu müssen. In meinem Kopf und meiner leeren Wohnung übte ich die Formulierung, in der Hoffnung, sie dann auch selbstbewusst gegenüber anderen über die Lippen zu bringen – und eine potenzielle Ablehnung verkraften zu können.
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Die Gelegenheit dazu bot sich mir schon nach kurzer Zeit. Nach all dem Drama, das ich von diesem Moment erwartet hatte, war die tatsächliche Situation irgendwie enttäuschend harmlos. Kurz bevor wir anfingen rumzumachen, drückte ich ihn von mir und sagte: „Warte! Ich habe Herpes.“ Er guckte erstmal ziemlich erschrocken, reagierte aber ganz gelassen, nachdem ich ihm erklärte, dass es normalerweise sicher ist, in symptomfreien Phasen mit einem Kondom Sex zu haben. Und obwohl ich glaube, dass ich letztlich der einzige Mensch bin, der mich davon überzeugen kann, dass diese Krankheit nicht mein Sexleben ruinieren wird, gab es mir doch irgendwie ein starkes Gefühl der Bestätigung, dass auch jemand außer mir meine Krankheit akzeptierte und immer noch mit mir schlafen wollte.
Seitdem haben die meisten Leute, denen ich von der Krankheit erzählt habe, ähnlich reagiert. Letztens bekam ich meine erste Ablehnung, nachdem ich den Herpes erwähnte – und selbst die war ganz respektvoll und viel weniger unangenehm, als ich erwartet hatte. Die meisten Leute wissen wenig bis gar nichts über Herpes. Wenn sie aber offen sind, darüber zu sprechen und Fragen zu stellen, stellen sie normalerweise fest, dass die Krankheit kein K.O.-Kriterium sein muss (der Mann, der mich ablehnte, wollte einfach nicht darüber sprechen). Noch dazu hat all das dazu geführt, dass ich mit potenziellen Partner:innen ganz direkt über sexuelle Gesundheit und unsere Vorlieben im Bett sprach; das war vorher fast nie ein Thema gewesen. Ein Mann, dem ich vom Herpes erzählte, wusste schon ein bisschen etwas über die Krankheit, und das fand ich superheiß.
Natürlich gibt es immer noch Tage, an denen ich es hasse, Herpes zu haben. Das passiert normalerweise während Phasen, wenn die Krankheit gerade wieder mal symptomatisch ausbricht, oder wenn ich so geil bin, dass ich mir nicht darüber den Kopf zerbrechen will, was andere deswegen von mir halten. In gewisser Hinsicht bin ich immer noch enttäuscht, nicht so oft Sex haben zu können, wie ich gern hätte – oder zumindest die Option zu haben, mit mehr Leuten zu schlafen –, aber ich überrasche mich regelmäßig selbst mit der Erkenntnis, dass es mir diese Leute und Situationen einfach nicht mehr wert sind. Die wären nämlich nicht bloß sexuell unbefriedigend, sondern würden mir auch noch das Gefühl vermitteln, verurteilt, bloßgestellt oder nicht respektiert zu werden – und das brauche ich von niemandem. Vor allem nicht von jemandem, mit dem:der ich gern schlafen würde. Ich habe mich während der ersten Wochen nach der Diagnose schon selbst genug gequält. Danke, sowas brauche ich nicht mehr.
Ich werde vielleicht für immer gemischte Gefühle gegenüber meiner Krankheit haben – aber solange ich mich selbst daran erinnere, dass ich trotzdem Respekt, offene Kommunikation und ein befriedigendes Sexleben verdiene, kann ich damit leben. Ich weiß jetzt, dass ich gleichzeitig sexpositiv sein und komplizierte Gefühle für meinen Körper und meine Sexualität empfinden kann – und dass ich keinen Sex mit Menschen haben möchte, die nicht zumindest bereit sind, über Herpes (oder andere Themen der sexuellen Gesundheit) zu sprechen. Ich bin dankbar für diese Erkenntnis und dafür, dass ich gezwungen wurde, mich selbst liebevoller zu behandeln. Selbst wenn ich dafür für den Rest meines Lebens mit Herpes klarkommen muss. 

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