Seit Corona habe ich panische Angst vor Bakterien – auch beim Sex

Foto: Savanna Reudy.
Ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals nicht für Sex interessiert zu haben. Als Kind war ich total neugierig darauf und hielt Sex für die „ultimative Sünde“, die mich direkt in die Hölle katapultieren würde. Während die Jahre vergingen, nahm diese Neugier aber neue Formen an. Ich hatte keine Angst mehr vorm Sex, war aber fasziniert davon – und freute mich darauf.
Als queere nigerianische Frau weiß ich genau, wie viel Trotz manchmal darin mitschwingt, die eigene Sexualität zu erforschen. Das liegt nicht nur an der Frauenfeindlichkeit, mit der ich mich bis heute rumschlagen muss, sondern auch schlicht und ergreifend daran, wie schwer es sein kann, die Gelegenheiten und Partner:innen für Sex zu finden. Ich blieb aber hartnäckig dabei, und schon bald war Sex eins meiner liebsten Hobbys. Harter Sex, langsamer Sex, Bondage – ich probierte alles aus. 
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Dann kam Corona, und wie so viele andere musste ich mich plötzlich einer neuen Realität unterwerfen, zu der für mich auch aufdringliche und anstrengende Familienmitglieder zählten. Dieses neue Leben gefiel mir nicht, und gewünscht hatte ich es mir sicher nicht. Ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand das Leben aus der Vagina gesaugt. Damals dachte ich aber noch, es würde schon nicht so schlimm werden. Klar, ich konnte gerade nicht mit meinen Sexualpartner:innen zusammen sein – aber ich hatte schließlich immer noch meine Finger und kümmerte mich ganz gut um mich selbst. Mir wurde allerdings schnell klar, dass Masturbation nicht so einfach sein würde.
In Sachen Orgasmen bin ich ein bisschen perfektionistisch veranlagt. Wenn ich zum Höhepunkt kommen will, muss vieles stimmen. Das Wichtigste ist die richtige Ruhe: Ich kann nicht kommen, wenn ich Leute reden höre. In einem fünfköpfigen Familienhaushalt ist es aber quasi unmöglich, ein bisschen Zeit für mich zu bekommen. Mir fiel es erst gar nicht auf, als ich einen Monat lang keinen Orgasmus hatte. Das war total untypisch für mich, aber ich zerbrach mir darüber nicht den Kopf – schließlich hatte ich ganz andere Sorgen.
Meine Mutter hatte wieder angefangen zu arbeiten, weil wir das Geld brauchten. Jedes Mal, wenn sie im Feierabend nach Hause kam, verbrachte sie fast 30 Minuten damit, sich zu desinfizieren. Ihre Paranoia war ansteckend, und ich konnte nicht anders, als ihre Angst auf mich zu übertragen. Also half ich ihr dabei, sämtliche Türklinken abzuwischen, immer fleißig neues Desinfektionsmittel zu kaufen und meinem Bruder ins Ohr zu kneifen, wenn er mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielen wollte.
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Währenddessen hatte ich einfach nicht die Energie, um mich selbst zu befriedigen. Das Ganze wurde umso schlimmer, als meine Familie – trotz aller Bemühungen – Corona bekam. Diese Erfahrung war wie ein Schlag ins Gesicht: Wir hatten alles „richtig gemacht“, und dennoch musste ich jetzt der Tatsache ins Auge blicken, dass das womöglich meine letzten Wochen mit meinen hochgefährdeten Eltern sein könnten. Ich verdoppelte also meine Hygienebemühungen – bis hin zur unnötigen, anstrengenden Besessenheit.
Klar, Corona hat unser aller Lifestyle verändert. Während der letzten zwei Jahre haben wir aktiv einen großen Bogen um Keime aller Art gemacht, und ich bin mir sicher, dass viele von uns inzwischen eine ängstliche Einstellung gegenüber Bakterien entwickelt haben. Mir geht es eindeutig so – und diese Obsession hat sich leider auch auf mein Sexleben ausgewirkt.
Meine Libido, die vor der Pandemie sehr aktiv gewesen war, war plötzlich… weg. Ich wünschte sie mir aber verzweifelt zurück; ich wollte das Gefühl haben, zumindest einen Aspekt meiner bizarren Realität kontrollieren zu können. Also zwang ich mich zur Selbstbefriedigung. Mein erster Orgasmus nach vier Monaten war absolut atemberaubend, und ich hatte ein riesiges Grinsen im Gesicht, als ich danach langsam wieder runterkam.
Es hatte sich gut angefühlt, so gut. Demnach war ich überrascht, als ich feststellte, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Wieso weinte ich? Ich hatte mir das doch so sehr gewünscht. Da war allerdings diese furchtbare Stimme in meinem Kopf, die mich immer wieder fragte, ob ich mir denn auch vorher die Hände gewaschen hätte. Ich wusste, dass ich sie mir gewaschen hatte, doch der Gedanke klammerte sich in mir fest. Ich schnappte nach Luft, und mein panisches Hirn malte sich aus, wie meine Vagina verfaulte, weil ich mir nicht genug Mühe gegeben hatte, sie keimfrei zu halten. Ein paar Minuten später beruhigte ich mich zwar wieder, doch hatte mir diese Panikattacke wirklich Angst gemacht – und ich beschloss, eine Weile lang nicht zu masturbieren. Natürlich ging es mir mit dieser Entscheidung aber nicht besser.
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„Wenn wir uns auf Verzicht und Vermeidung verlassen, um unsere Ängste zu besänftigen, geben wir uns gar nicht die Chance, unsere Angst ertragen zu lernen. Außerdem reden wir uns dadurch weiter ein, dass die Dinge, die wir vermeiden, in irgendeiner Art gefährlich oder unsicher seien“, erklärt die Psychologin Dr. Alissa Jerud, Moderatorin vom Anxiety Savvy Podcast. „Je häufiger wir uns vor etwas drücken, desto stärker wird diese Angewohnheit. Im Laufe der Zeit vermeiden wir den Angstauslöser dann womöglich immer mehr. Das verleiht unserer Angst weitere Kraft und sorgt dafür, dass unsere Welt kleiner und kleiner wird.“
Meine Entscheidung, mich eine Weile nicht selbst zu befriedigen, ist inzwischen ein Jahr her. Seitdem habe ich wieder masturbiert und hatte auch einige Orgasmen. Die waren allerdings überhaupt nicht so toll wie früher; meine Sexualität ist immer noch nicht die, die sie mal war, und ich bezweifle, dass sie es je wieder sein wird. Ich hatte seit etwa sechs Monaten keinen Sex mehr, und guten Sex sogar noch länger. Das letzte Mal, als ich es probierte, heulte ich mir daraufhin im Schlafzimmer des Typen eine Stunde lang die Augen aus. Mein Hirn fragte mich: Was, wenn sein Penis dreckig ist? Das war total irrational – nicht zuletzt, weil wir vorher zusammen gebadet hatten –, reichte aber aus, um den Sex für mich unmöglich zu machen. Eine Panikattacke und ein schockierter Typ sind ziemlich gute Libido-Killer.
Mir ist inzwischen klar, dass es mich nicht gleich in eine Identitätskrise stürzen sollte, eine Weile lang keinen Sex haben zu können. Warum hatte ich das Gefühl, damit direkt wieder loslegen zu müssen, als der Lockdown endete? Meine Besessenheit von der „Rückkehr ins normale Leben“ war nicht gesund, und damit musste ich mich auseinandersetzen. Ich fühlte mich wieder wie ein Kind: Ich wagte mich mit kleinen Schritten voran, in der Hoffnung, die Intimität neu zu erlernen.
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Meine Hypersexualität hatte mir eingeredet, ich müsse der wilde, sexuelle Mensch sein, der ich auch vor der Pandemie gewesen war. Dabei muss ich diese Frau ja gar nicht mehr sein. Ich kann auch die Person sein, die nicht mehr weiß, wie sie andere Leute küssen oder sich selbst berühren soll. Die Person, die herauszufinden versucht, ob sie immer noch auf dasselbe steht wie früher. Es kann Spaß machen, mich selbst neu zu entdecken – das weiß ich jetzt.
Sexuelle Chemie war (und ist) so ein wichtiger Teil davon, ob und wie ich mich zu einem anderen Menschen hingezogen fühle. Aber ich habe verstanden, dass es auch andere Formen der Intimität gibt, und auf die konzentriere ich mich aktuell zuerst. Es fiel mir leicht zu vergessen, dass ich auch außerhalb von Corona existiere und sich nicht all meine Entscheidungen um das Virus drehen müssen. Solange ich aufpasse, kann ich Leute küssen, ohne dabei das Gefühl zu haben, mich selbst zu verraten.
Natürlich lässt sich jetzt noch nicht sagen, wie diese Technik in Zukunft für mich funktionieren wird – aber Dr. Jerud zufolge kann sich die Angst vor Keimen negativ auf die geistige Gesundheit und auf unsere Gesellschaft als Ganzes auswirken. „Die Vermeidung, zu der uns diese Angst bewegen will, kann die sozialen Verbindungen ins Wanken bringen, die wir uns instinktiv wünschen. Je mehr wir – als Gesellschaft – es zulassen, dass diese Ängste unsere Leben nach der Pandemie bestimmen, desto stärker wird dieses Wanken ausfallen.“
Mir fällt es ein bisschen schwer, wieder in meinen Groove zurückzufinden und mich sorgenfrei ins Sexleben zu stürzen, aber es macht mir Spaß, mich langsam heranzuwagen. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie vor Corona – und das ist auch völlig okay. 

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