Hilfe! Ich bin die Beziehungstherapeutin meiner Eltern

Foto: Poppy Thorpe.
„Okay, ihr zwei, kommt, wir setzen uns mal hin und sprechen darüber.“
Vielleicht höre ich mich gerade an wie eine geduldige Mutter, die zerstrittene Geschwister wieder versöhnen will. In Wahrheit bin ich aber eine Tochter, die alles gibt, um die Ehe meiner Eltern zu reparieren.
Die beiden gehen sich schon auf die Nerven, solange ich denken kann. In letzter Zeit ist das Ganze aber ein bisschen eskaliert, seitdem mein Vater im Homeoffice arbeitet und meine Mutter in Rente ist. Sie hängen den ganzen Tag aufeinander rum, ohne die willkommene Verschnaufpause des Büro-Arbeitstages zu bekommen und einander im Feierabend erfrischt und positiv wiederzusehen. Liebe wächst mit der Entfernung, heißt es. Leider bekamen meine Eltern während Corona überhaupt keine Distanz zueinander.
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Okay, stell dir vor: Es ist ein typischer Freitagabend. Die beiden haben ruckzuck eine Flasche Wein gekillt (meine Eltern können nicht die einzigen Boomer sein, die einen irren Zug drauf haben, oder?). Ich spüre, wie sich die Spannung zwischen den beiden immer weiter verschärft. In Momenten wie diesen bin ich Expertin im Verschwinden: Ich mache mich klein und durchsichtig, während vor mir ein Augenrollen gegen einen durchdringenden Blick ausgetauscht wird. Wütende Tränen glitzern hinter vorm Gesicht verschränkten Händen. Zum zweiten Mal in diesem Monat schwebt die Ruhe vor dem Sturm drückend über dem Esstisch – dem Sturm, der mal wieder ihr (und mein) Wochenende zu ruinieren droht.
Wie immer höre ich ihnen passiv dabei zu, wie sie sich anmotzen, und tippe konzentriert auf meinem Handy rum, bevor ich den Geistesblitz habe, „Beziehungstherapie“ zu googeln. Ein Werbe-Pop-up taucht auf, und wie eine kaputte Alexa lese ich die Worte darauf laut vor: „Wozu wärt ihr bereit, um eure Beziehung zu reparieren?“
Zu meiner Überraschung lässt die Frage die Anspannung zerplatzen, die über dem Tisch herumwabert. Auf Verwirrung folgt stilles Nachdenken – und so beginnt meine Quasi-Therapiesitzung, ohne dass sich meine Eltern bewusst sind, was hier gerade läuft, während ich einfach froh bin, helfen zu können. Seit diesem Abend fungiere ich als familiäre, unparteiische Vermittlerin zwischen den beiden – und es scheint zu helfen. Zumindest hat es schon einige Tellerwürfe und jede Menge Tränen verhindert.
In diesen Gesprächen reden wir über alles Mögliche, vom Geld über alltägliche Konfliktpunkte bis hin dazu, wie sie sich damals ineinander verliebten. Ich stelle Fragen, lasse die beiden miteinander sprechen und greife ein, wenn die Diskussion in eine unhilfreiche Richtung abzudriften droht.
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Natürlich liest sich das jetzt, als sei eine Katastrophe vorprogrammiert. Deswegen habe ich eine professionelle Beziehungsberaterin gefragt, ob es in Ordnung ist, für eine geliebte Person die Rolle eines:einer Therapeut:in zu spielen. Vom Ton her war die Antwort ein eindeutiges „Uff!“. „Das ist eine schwierige Frage!“, meint die Psychotherapeutin Beverley Blackman. „Selbst als qualifizierte:r Psychotherapeut:in oder Berater:in ist es schwer, einen geliebten Menschen zu therapieren. Du hast dabei schließlich deine eigenen Meinungen zu dessen Lebensstil – und demnach damit einhergehende bewusste und unbewusste Vorurteile, weil diese Person dir einfach so nah steht.“

Wie viel willst du denn wirklich über die Beziehung deiner Eltern wissen? Das sind die Menschen, die dich erschaffen, zur Welt gebracht und aufgezogen haben. Es wird dich beeinflussen, dir anzuhören, was sie übereinander zu sagen haben.

Beverley Blackman
Sie fährt fort: „Es ist machbar, aber unheimlich schwierig. Es ist viel ratsamer, Unterstützung zu leisten, Liebe zu schenken und eine Schulter zum Anlehnen anzubieten. Wenn du die Rolle eines:einer Therapeut:in annimmst, kommst du womöglich unabsichtlich als kritisch oder verurteilend rüber, wenn sich dein Gegenüber verletzlich fühlt.“
Diese kritische, verurteilende Wirkung habe ich bisher vermieden, indem ich selten – wenn überhaupt – konkrete Ratschläge verteile und mich stattdessen darauf konzentriere, zuzuhören. „Das kann manchmal funktionieren, wenn du genug Erfahrung hast, um deine eigenen Gedanken, Gefühle und Vorurteile zur Seite zu schieben und dich komplett darauf konzentrieren kannst, was deine Eltern über ihre Beziehung mit dir teilen“, meint Blackman. „Aber überleg mal: Wie viel willst du denn wirklich über die Beziehung deiner Eltern wissen? Das sind die Menschen, die dich erschaffen, zur Welt gebracht und aufgezogen haben. Es wird dich beeinflussen, dir anzuhören, was sie übereinander zu sagen haben – und das kann sich sehr unangenehm anfühlen, sobald du die Zeit hattest, das Ganze zu verarbeiten.“
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Blackmans Rat: „Leg die Therapeut:innen-Rolle so schnell wie möglich ab.“ Damit hatte ich gerechnet. „Das lässt sich dadurch erleichtern, indem du deinen Eltern versicherst, dass du ihnen bei der Suche nach einem:einer Beziehungstherapeut:in hilfst, der:die in einer besseren Position ist, ihnen bei der Weiterentwicklung ihrer Beziehung zu helfen.“
Aber genau da fangen die Probleme an. Wie viele Baby-Boomer sind auch meine Eltern gegenüber Therapien ziemlich skeptisch. Obwohl es für Menschen in meinem Alter (ich bin in meinen späten Zwanzigern) relativ verbreitet ist, eine Therapie zu machen – Millennials werden schon seit Langem als die „Therapie-Generation“ bezeichnet –, betrachten das „normale“ Menschen in ihren frühen Sechzigern (wie meine Eltern) als peinlich oder Zeichen von Schwäche. Eine Studie von 2019 der Open University mit 14.726 teilnehmenden britischen Pärchen in Beziehungstherapie ergab, dass das „Alter eine kleinen, aber entscheidenden Einfluss auf den [Behandlungserfolg der] Probleme hatte. Jüngere Patient:innen identifizierten insgesamt mehr Beziehungsprobleme als ältere.“ Dazu kommt, dass nur 1,5 Prozent der Über-60-Jährigen in Deutschland in psychotherapeutischer Behandlung sind – obwohl rund 24 bis 40 Prozent von ihnen unter psychischen Beschwerden leiden, die sich mit einer spezifischen Therapie auch in diesem Alter noch lindern ließen. Viele von ihnen glauben aber, sie könnten oder sollten das schon „mit sich selbst ausmachen“, und holen sich daher keine Hilfe.
Meinen traditionellen Vater, Meister im Gleichmut, würden jedenfalls keine zehn Pferde auf eine Therapie-Couch bringen. Und selbst wenn wir es schaffen würden, ihn in eine Praxis zu bekommen, wäre immer noch nicht garantiert, dass er sich auf die Therapie an sich einlassen würde. Das ist ein Grund dafür, warum ich mich eingemischt habe, um zu helfen. Ich habe meine DIY-Therapie als familiäre Besorgnis getarnt, und mein lieber Vater hat keinen blassen Schimmer.
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Manche Eltern sind davon überzeugt, dass ihre Kinder die besten Einblicke in die elterliche Beziehung haben, weil sie sie über so viele Jahre und durch Höhen und Tiefen hinweg miterlebt haben.

Beverley Blackman
Einem Teil von mir macht das Ganze sogar ziemlich viel Spaß – und ich glaube, ich bin auch ganz gut darin! Ich habe es geschafft, objektiv, mitfühlend und (meiner Meinung nach) fair zu bleiben. „Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, was genau dir daran gefällt“, meint Blackman. „Manche Menschen neigen von Natur aus dazu, anderen helfen zu wollen, und können sehr gut vermitteln, weil sie die Charaktere ihrer Eltern gut kennen und verstehen, was getan werden muss, um das Gespräch zwischen den beiden sinnvoll voranzutreiben.“
„Für andere liegt der Reiz in dem Machtgefühl über die eigenen Eltern, das sie so bisher nicht kannten. Das kann dann aber in Richtung Manipulation abdriften. Überlege dir, ob das Ganze nicht bloß für deine Eltern, sondern auch für dich selbst gesund ist.“ Dieses Machtverhältnis ist ein interessanter Punkt. Ich glaube nicht, dass es mir persönlich darum geht; ich genieße aber sehr wohl das Gefühl, dass die beiden stolz auf mich sind und ich gute Arbeit darin leiste, Ratschläge zu verteilen und eine liebevolle Tochter zu sein. Vor allem mag ich es einfach, gehört und verstanden zu werden, anstatt mitten im Geschrei zu stehen.
Ich bin nicht die Einzige, die versehentlich in diese Rolle gerutscht ist, erzählt mir Blackman. „Manche Eltern sind davon überzeugt, dass ihre Kinder die besten Einblicke in die elterliche Beziehung haben, weil sie sie über so viele Jahre und durch Höhen und Tiefen hinweg miterlebt haben. Vielleicht ist ihnen dabei aber gar nicht klar, welche Last sie ihren Kindern damit auferlegen. Wenn diese Kinder längst erwachsen sind, ist das ein wenig akzeptabler, weil das Kind bis dahin schon eigene Erfahrungen im Beziehungskontext gesammelt hat; für ein tatsächliches Kind oder einen Teenager ist der Druck aber enorm. Schließlich hat er:sie selbst gar nicht die Lebenserfahrung, um wirklich einen Unterschied machen zu können.“
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Selbst als Erwachsene mit eigener Beziehungserfahrung ist es schwierig, immer so unvoreingenommen zu bleiben, wie es von einem:einer Therapeut:in erfordert wird, weil ich ja selbst so tief in dieser Dynamik drinstecke. Letztlich tue ich damit niemandem einen Gefallen. Blackmans Rat brachte mich aber auch dazu, mal darüber nachzudenken, wie sich die Streitereien meiner Eltern auf mich ausgewirkt haben. Zum ersten Mal seit Langem – oder jemals – habe ich mich bei diesen Gedanken selbst in den Vordergrund gerückt. 
„Für ein Kind oder eine:n Jugendliche:n ist die elterliche Beziehung das erste Beispiel für Sicherheit. Wenn das zu bröckeln beginnt, kann sich das stark auf das Kind auswirken“, erklärt sie. „Bei der Arbeit mit meinen erwachsenen Patient:innen widmen wir ihrer Kindheit und ihren ersten Beziehungen viel Aufmerksamkeit. Einige brechen immer noch in Tränen aus, wenn sie über Streits oder Spannungen zwischen den eigenen Eltern sprechen und über ihr jüngeres Selbst nachdenken.“
Die Moral von der Geschicht’? Ich sollte mich mit alldem vermutlich mal in einer eigenen Therapie befassen, bevor ich wieder versuche, selbst die Therapeutin zu spielen. Blackman sieht das genauso. „Bloß weil du deine Eltern therapieren kannst, heißt das nicht, dass du es solltest!“

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