Warum wir alle eine Therapie machen sollten – auch ohne akuten Anlass

Artwork: Maike Bartsch
Bei Kopfschmerzen wirfst du eine Aspirin ein; brichst du dir das Bein, lässt du es eingipsen. Und wenn du erkältet bist, verkriechst du dich unter der Bettdecke, trinkst literweise Tee und schläfst so viel wie möglich. Das ist schließlich das, was dir Arzt und Apotheker empfohlen haben. Also hinterfragst du es gar nicht erst und machst es einfach. Aber wie verhältst du dich, wenn du über längere Zeit tieftraurig, ängstlich oder komplett ausgelaugt bist? Wie sorgst du dann dafür, dass es dir wieder besser geht? Sprichst du mit einer Freundin darüber oder schluckst du alles runter und hoffst, es regelt sich irgendwann von selbst? Oder suchst du dir, genau wie bei einer körperlichen Erkrankung, professionelle Hilfe?
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Ich bin mir sicher, die meisten Menschen würden eine der beiden ersten Optionen wählen, weil sie denken, dass es ihnen gar nicht so schlecht geht. Weil das sicher nur nur eine Phase ist und jede*r mal down ist. Und weil doch nur Leute eine Therapie machen, denen es wirklich richtig schlecht geht. Leute, die depressiv oder drogenabhängig sind. Leute, die einen Angriff überlebt, einen geliebten Menschen verloren oder andere traumatische Erfahrungen gemacht haben.
Genau diese Gedanken sind mir früher auch durch den Kopf gegangen. Ich war mir sicher, es wäre alles nicht so dramatisch bei mir. Und irgendwie wollte ich mir auch nicht eingestehen, dass ich Hilfe brauche. Ich wollte stark sein, meine Probleme alleine lösen – oder sie so lange verdrängen, bis sie von allein verschwinden. So einfach ist das aber leider nicht. Denn je länger man die kleinen Monster unterm Bett ignoriert, desto größer und mächtiger werden sie. Bei mir waren sie irgendwann so stark, dass sie für Panikattacken gesorgt haben. Angst wurde zu meinem ständiger Begleiter: Angst vor einer neuen Panikattacke und davor, wegen meiner Sorgen nie wieder unbeschwert das Leben genießen zu können. Und trotzdem hat es ziemlich lange gedauert, bis ich beschlossen habe, mir eine Therapeutin zu suchen.
Ich glaube, einer der Hauptgründe für mein Zögern war die Gesellschaft, in der wir leben. Zwar sind Therapien mittlerweile kein Tabuthema mehr, doch wir sprechen immer noch viel zu wenig über sie. Wenn es uns psychisch nicht gut geht, gehen wir trotzdem arbeiten. Krank melden sich viele von uns erst, wenn sie sich kaum noch auf den Beinen halten können. Die psychische Gesundheit wird nur selten zum Thema gemacht – weder im beruflichen noch im privaten Umfeld. So, vermute ich, kommen viele gar nicht erst auf die Idee, sich therapeutische Hilfe zu suchen, wenn es ihnen mental nicht gut geht – und schauen mich deshalb auch immer noch überrascht an, wenn ich erzähle, dass ich in Therapie bin.
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Vielleicht denken sie, bei mir wäre alles in Ordnung, weil ich einen Job, Freund*innen und einen Partner habe. Mein Leben und ich wirken nach außen hin ziemlich "normal", doch in meinem Kopf sieht es leider ganz anders aus: Ich leide unter einer Angststörung, die sich besonders in Krankheitsängsten äußert. Sie sorgt dafür, dass es mir oft schwer fällt, im Hier und Jetzt zu sein, weil meine Gedanken ständig abdriften. Ich male mir dann Horrorszenarien aus und verpasse schöne Momente. Manchmal beeinflusst sie sogar mein Handeln, sodass ich aus Angst bestimmte Situationen meide oder vermeide.
Glücklicherweise ist es bei mir nie soweit gekommen, dass ich das Haus nicht mehr verlassen konnte oder mir ähnlich drastische Verhaltensweisen angewöhnt habe. Ich weiß, dass es manche Menschen viel schlimmer als mich trifft und ich bin froh, dass ich trotz meiner Ängste ein relativ geregeltes Leben führen kann. Aber ich weiß eben auch, dass es jetzt eventuell schlimmer aussehen könnte, wenn ich mich nicht vor ein paar Monaten um einen Therapieplatz gekümmert hätte. Ich denke, ich habe genau im richtigen Moment die Reißleine gezogen und beschlossen, mir Hilfe zu suchen – bevor es zu schlimm wurde. (Full disclosure: Es ist meine zweite Therapie. Nach der ersten ging es mir ein paar Jahre sehr viel besser, aber im letzten Jahr wurde es wieder schlimmer. Was ich über das Thema „Rückfall“ denke, erzähle ich aber ein anderes Mal.)
Und das bringt mich auch schon zum Knackpunkt: Wir sollten mit der Therapie nicht erst warten, bis es uns richtig dreckig geht. Denn je mehr Zeit vergeht, desto mehr schleichen sich Verhaltensmuster ein und desto festgefahrener sind unsere Gedanken. Und dann wird es immer schwerer, dagegen anzukämpfen. Deswegen finde ich, es sollte eine Art Erstgesprächspflicht geben: Jede*r sollte mindestens einmal im Jahr bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten vorsprechen. 
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Erstens, weil wir dadurch unsere Berührungsängste mit Therapien verlieren würden. Wenn sie, genau wie die zahnärztliche Vorsorgeuntersuchung oder der Besuch bei der Gynäkologin oder dem Gynäkologen, einfach dazugehörten, wären sie nicht mehr so verschrien. Zweitens, weil du dich bei einem Erstgespräch eine Stunde einfach mal richtig auskotzen kannst. Vielleicht denkst du, du hättest gar keine Lust, dich einer vollkommen fremden Person anzuvertrauen. Aber ich kann dir aus Erfahrung sagen, manchmal ist das sogar leichter, denn ein*e Therapeut*in verurteilt dich nicht. Sie oder er hört einfach nur zu und hilft, Zusammenhänge besser zu verstehen. Meistens geht es mir nach einer Sitzung viel besser. Ich fühle mich leichter, ausgeglichener, unbeschwerter. Und wenn bei deinem Erstgespräch rauskommt, du brauchst keine Therapie? Umso besser! Im schlimmsten Fall hast du eine Stunde deines Lebens zur Selbstfürsorge genutzt. Denn genau dafür ist Therapie meiner Meinung nach auch da. Wir posten ständig Fotos von tollen Urlauben, leckerem Essen oder Schaumbädern, aber mit echter Self-Care hat das nichts zu tun. Wer sich wirklich um sich selbst kümmern möchte, muss nicht nur entspannen lernen und sich um seinen Körper kümmern (was natürlich auch wichtig ist), sondern sich auch seinen Monstern stellen. Eine Therapie, oder auch nur ein Erstgespräch, könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Da es sowas in der Art aber nicht gibt und es bisher auch nicht in Planung ist, liegt es an dir, dich um deine mentale Gesundheit zu kümmern.
Solltest du immer noch denken, andere hätten eine Therapie deutlich nötiger als du, kann ich nur sagen: Nur weil es anderen noch schlechter geht, solltest du deine eigenen Probleme nicht kleinreden. Schließlich musst du dich ihnen jeden einzelnen Tag stellen. Wenn du selbst deine seelische Gesundheit nicht ernst nimmst, wer soll es dann für dich tun? Ich bin sicherlich nicht die erste, die das sagt, aber: Du, einzig allein du selbst bist für dich und dein Leben verantwortlich – Zeit also, dir etwas langfristig Gutes zu tun.
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In Deutschland kann es leider eine Weile dauern, einen Therapieplatz zu bekommen. Solltest du akut Hilfe brauchen, wende dich an die Hotline der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder den Chat der TelefonSeelsorge. Ansonsten kannst du deine Hausärztin oder deinen Hausarzt nach einer Liste mit Therapeut*innen in deiner Umgebung zu fragen.
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