Überschrittene Grenzen: Wann wird ein Beziehungsstreit unverzeihlich?

Foto: Meg O'Donnell.
„DU! BIST! SO! EIN! WICHSER!“
Mein Schrei durchbrach die Stille an einem Dienstagmorgen im Lockdown. Darauf folgte erstmal erschrockenes Schweigen. Meine Wut hatte einen Höhepunkt erreicht, der uns beide überrascht hatte. Als mir die Worte so aus dem Mund purzelten, mitten im Eifer unseres Gefechts, fühlte es sich an, als stürzten sie auf den Boden zwischen uns beiden und zertrümmerten dabei etwas Wertvolles, Irreparables direkt vor unseren Augen. 
Es stellte sich raus, dass das sehr wohl reparabel war. Meine Worte hatten unsere Beziehung nicht zerstört; weil ich aber eine Beleidigung verwendet hatte, die ich mir sonst für Momente aufhebe, in denen mir zum Beispiel ein:e Busfahrer:in direkt vor der Nase die Tür zuknallt, hatte ich damit eine Grenze überschritten. 
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Mit dieser Beleidigung hatte ich mich nicht über etwas beschwert, was mein Freund getan oder nicht getan hatte. Ich bezog mich damit nicht darauf, welche Gefühle er in mir auslöste, oder mit welcher Macke er mich besonders nervte. Ich meinte damit ihn selbst – mit dem bösesten Wort, das mir in dem Moment einfiel.
Beziehungsstreits können sich manchmal so anfühlen, als würdest du eine besonders verknotete Mähne ausbürsten wollen. Es kann höllisch wehtun, wenn du versuchst, all die Knoten zu entwirren, die zwangsläufig entstehen, wenn zwei Leute ein gemeinsames Leben teilen wollen. Und je länger du die Knoten ignorierst, desto größer werden sie, bis du irgendwann nur noch einen großen, emotionalen Knoten-Klumpen vor dir hast, den du verzweifelt zu vermeiden versuchst.
Trotzdem beschreibt die Psychotherapeutin Esther Perel das Streiten innerhalb einer Partner:innenschaft als „Muss“. Expert:innen sind sich darin einig, dass ein bestimmtes Maß an Konfrontation im Umgang mit ungelösten Problemen ein gesunder, unvermeidlicher und entscheidender Bestandteil jeder Beziehung ist. 
Ich selbst war mal in einer Beziehung, in der alle Streits im Keim erstickt wurden, bevor sie überhaupt ausbrachen. In gewisser Hinsicht dachte ich damals aber, alles sei super. „Nein, wir streiten uns nicht“, erzählte ich meinen Freund:innen. Heute weiß ich aber, dass wir einen Knebel trugen, der tragische Konsequenzen hatte. Wir wussten nicht, wie wir uns streiten sollten, weswegen ich keine Ahnung hatte, wie ich meinem Partner meine Unzufriedenheit klarmachen sollte. Wir gaben uns selbst gar nicht die Chance, unsere Probleme direkt zu lösen, wenn sie entstanden. Stattdessen standen wir irgendwann vor einem riesigen, verworrenen Knoten – und ich beschloss letztlich, diesen loszuwerden, indem ich meinen Partner aus meinem Leben kickte.
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Gleichzeitig sind sich Expert:innen aber auch darin einig, dass zu häufiges Streiten auch nicht gesund ist. Wo ist also Schluss? Und wie weit können (oder sollten) wir in einem Streit gehen? Gibt es eine Grenze, die einfach niemals überschritten werden sollte? Worte, die nicht ausgesprochen werden sollten? Emotionale Granaten, die nicht abgeworfen werden sollten?
Für manche Paare ist aber genau das der Sinn eines solchen Streits: einfach mal alles rauslassen. Eine meiner Freundinnen warf bei Streits mit ihrem:ihrer Ex immer Geschirr gegen die Wand. Wenn ihr die Worte fehlten, griff sie zu einer Tasse. Eine andere Freundin schreit früher oder später (besonders nach ein paar Gläsern Wein) jedes Mal: „Ich wünschte, ich hätte dich nie kennengelernt!“ Sie hat das jetzt schon so oft gesagt, dass ihr Partner sie quasi dazu provoziert, indem er mitten im Streit raushaut: „Okay, jetzt kommt’s wieder…“, und die Augen verdreht. Und so beginnt ein gründlich einstudierter Tanz.
„Ich werde total gemein“, erzählt Nadine, 31. „Ich greife ihn gezielt an. Ich kenne ihn so gut, dass ich weiß, wie ich ihm am meisten wehtue – indem ich ihn mit seinem Vater vergleiche. Ich weiß dabei genau, was ich tue. Es ist schlimm.“ Rachel, 27, erzählt, dass sie schon Hunderte Male von ihrer Partnerin gebeten wurde, nicht jedes Mal mit Türen zu knallen und aus dem Zimmer zu stürmen. „Sie findet das kindisch und nicht hilfreich. Wenn wir uns streiten, kann ich aber einfach nicht anders. Ich will sie verärgern. Also knalle ich mit der Schlafzimmertür, der Wohnungstür, allen Türen!“
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Bloß, weil solche Ausrutscher impulsiv passieren, macht sie das nicht in Ordnung. So etwas kann eurer Beziehung und geistigen Gesundheit enorm schaden.

Dr. Katherine Hertlein, Paartherapeutin
Weder Rachel noch Nadine halten ihren Streitstil für „gut“, aber keine von beiden sieht ihn als tabu. Für Nadine erfüllt er sogar einen Zweck. „Irgendwas daran, wenn wir diesen Punkt erreichen, ist wie ein Neustart. Wir explodieren – und wenn wir danach wieder runterkommen, haben wir bessere Gespräche. Die, die wir wirklich brauchen. Manchmal kommt es uns so vor, als seien diese gemeinen, dramatischen Streits der einzige Weg dorthin.“
Es gibt auch einen biologischen Grund dafür, warum wir manchmal vielleicht zu weit gehen, erklärt der Sex- und Beziehungstherapeut Peter Saddington. „Das ist unsere Kampf-oder-Flucht-Reaktion“, sagt er. „Wenn wir das Gefühl haben, uns vor einer Bedrohung oder einem Angriff schützen zu müssen, schüttet unser Körper das Stresshormon Cortisol aus, und wir sind im Adrenalinrausch.“ Kurz gesagt: Das Hirn versetzt unseren Körper in den Überlebensmodus, und wir sind aufgeregter und kampfbereiter.
Hannah, 30, zieht sich hingegen lieber zurück, wenn sich die Gemüter erhitzen. Sie wuchs mit Eltern auf, die sich häufig anschrien. „Es war ziemlich unangenehm, und ich möchte das nicht nachahmen. Ich glaube außerdem, dass es Dinge gibt, die zu sagen wirklich unverzeihlich sind. Deswegen vermeide ich die Eskalation, damit wir nicht irgendwas sagen, was wir später bereuen.“
Und obwohl wir die dramatischen Streits vielleicht manchmal belächeln, von denen uns unsere Freund:innen bei einem Glas Wein erzählen, können sie doch ernsthafte Konsequenzen haben. Die Paartherapeutin und Professorin Dr. Katherine Hertlein erklärt, dass die „Im Eifer des Gefechts“-Ausrede nicht immer ausreicht, wenn etwas Schädlicheres dahintersteckt.
„Bloß, weil solche Ausrutscher impulsiv passieren, macht sie das nicht in Ordnung. So etwas kann eurer Beziehung und geistigen Gesundheit enorm schaden.“ Dr. Hertlein meint: „Die Drohung, abzuhauen oder Schluss zu machen, sollte in jedem Streit tabu sein. Ansonsten gibt es nämlich nicht die Möglichkeit, in einem sicheren Umfeld all das zu sagen, was gesagt werden muss.“
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Wenn eine solche Eskalation außerdem irgendwann zur Norm wird, kann das schon als emotionaler Missbrauch kategorisiert werden. „Je mehr diese Form von Streit für euch zum Standard wird, desto stärker verliert ihr aus den Augen, wie viel Schaden ihr damit eigentlich gerade anrichtet.“
Dieses Streiten kann auch ein Symptom für andere zugrundeliegende Probleme sein, um die ihr euch gegebenenfalls kümmern solltet. Peter Saddington erwähnt in dem Kontext beispielsweise Alkohol sowie eine schlechte geistige Verfassung – sowie, wie Hannah bereits erwähnt hat, das Streitverhalten unserer Eltern, das wir erlernt haben.
Beide Expert:innen sind sich aber darin einig, dass es beim Überschreiten dieser Grenzen letztlich vor allem darum geht, wie wir das Ganze wieder geraderücken – und beziehen sich auf Esther Perel: „Unsere Beziehungen sind ein Kreislauf aus Harmonie, Disharmonie und Wiederherstellung“, erklärte sie. „Es geht dabei nicht ums Streiten selbst, sondern um die Heilung danach.“

Schmerzhaftes wird nicht schnell vergessen; das müssen wir einsehen.

Peter Saddington, Sex- und Beziehungstherapeut
Saddington zufolge sollten wir uns dazu zuallererst eingestehen, dass wir zu weit gegangen sind. „Schmerzhaftes wird nicht schnell vergessen; das müssen wir einsehen.“ Das gilt insbesondere dann, ergänzt er, wenn das Gesagte „einen Funken Wahrheit enthält, der sich schwer leugnen lässt“. 
Peters Rat dafür, wenn du eine Grenze überschritten oder einen wunden Punkt attackiert hast: Gib deinem Gegenüber die Zeit und den Raum, den er:sie braucht. „Nur, weil du bereit bist, muss er:sie es nicht auch schon sein.“ Daraufhin solltest du dir eine einfühlsame Entschuldigung überlegen. Das kann ein Brief oder eine E-Mail sein, in dem oder der du dein Verhalten gründlich erklären kannst und wodurch du deinem:deiner Partner:in die Chance gibst, deine Worte ruhig zu verdauen. Auch solltest du diese Entschuldigung ernst meinen. Dein:e Partner:in wird merken, wenn du nur so tust, als ob.
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Aber so weit muss es gar nicht erst kommen: Für einen Artikel in The Atlantic wurden Pärchen interviewt, die ihre Streits vorausplanen. Manche nannten es „Vertragsverhandlungen“, andere bezeichneten das als „Spieltage“ – das Konzept dahinter ist aber immer dasselbe: Anstatt zu streiten, wenn die Auseinandersetzungen auf „natürliche Art“ entstehen, sammeln sie ihre Streitpunkte und sprechen zu regelmäßigen Terminen darüber. Dadurch vergeht zwischen Streitauslöser und Gespräch genug Zeit, um ruhig darüber reden zu können, Lösungen zu entwickeln und die Beziehungen so zu stärken. Nach 50 Jahren Ehe erzählte ein Paar, diese Gespräche hätten ihre Beziehung über viele Hürden hinweg „gerettet“ – zum Beispiel während der Krebsdiagnose ihres jungen Kindes, was enormen Druck auf eine Beziehung ausübt. Dasselbe Pärchen erklärte außerdem, dass diese regelmäßigen Gespräche für besseres Feedback gesorgt hätten. „Je häufiger ihr solche Gespräche führt, desto stärker fühlt ihr euch gehört und verstanden – und desto seltener streitet ihr überhaupt.“
Saddington und Dr. Hertlein betonen außerdem einen wichtigen Punkt: Wir sollten jeden Streit in seinem größeren Kontext betrachten. Was ist unterhalb der ganzen Schreie, geknallten Türen und Vorwürfe wirklich los? Manche Menschen überschreiten solche Grenzen, wenn ihnen gefühlt nichts anderes übrig bleibt. 
Streits, wie Beziehungen, sind eine ganz persönliche Sache. Wir müssen uns bewusst machen, welche Rolle diese Auseinandersetzungen in unserem Leben als Ganzes und unserer Beziehung im Speziellen einnehmen. Wenn wir herausfinden, was ihnen zugrundeliegt, können wir versuchen, dagegen vorzugehen – wenn wir das denn wollen.
Mein Partner und ich sind nach der „Wichser“-Bombe zwar nicht zu geplanten Streitgesprächen übergegangen, versuchen uns aber sehr wohl an Beziehungs-Achtsamkeit. Die half uns enorm; wir sind jetzt viel geduldiger miteinander. Und wie bei Vertragsverhandlungen schenken wir einander jetzt regelmäßig ruhige Aufmerksamkeit und Unterstützung. Natürlich streiten wir uns immer noch, und ich bin mir sicher, dass dabei gelegentlich auch wieder Grenzen überschritten werden – aber es ist tröstlich zu wissen, dass wir uns davon erholen konnten.

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