„Wir hatten 2 Jahre keinen Sex“: Wenn Antidepressiva die Libido zunichte machen

Photographed by Delfina Carmona
Seit meinem 13. Lebensjahr nehme ich immer mal wieder Antidepressiva ein. Das ist eine lange Zeit. Aber ehrlich gesagt machen sie mein Leben tausendmal besser. Vielleicht werde ich eines Tages ohne sie auskommen – vielleicht auch nicht. Aber bis ich diese Entscheidung irgendwann selbst fällen kann, werde ich sie nicht aus meinen überzeugten, optimistischen Händen lassen.
Antidepressiva haben einige Nebenwirkungen, klar. Im Laufe der Jahre habe ich viele verschiedene Pillen eingenommen, was mir viele verschiedene Nebenwirkungen einbrachte. Eine Pille machte mich total hektisch und ließ mich nicht länger als eine Sekunde still sitzen; die andere ließ mich nachts schweißgebadet aufwachsen, sodass ich nach jeder Nacht die Bettwäsche wechseln musste; und wieder eine andere schickte mir so etwas wie Stromschläge in mein Hirn, wenn ich mit der Einnahme ein paar Stunden zu spät dran war.
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Einige dieser Nebenwirkungen trafen mich so heftig, dass ich mich mit meinen Ärzt*innen darauf einigte, es mit einem anderen Produkt zu versuchen. (Das war in einigen Fällen dringend nötig; die Hektik-Tablette ließ keine produktive Tätigkeit zu, die über das schnelle Auf- und Ablaufen auf Fluren hinausging.) Allerdings hatte ich nie Nebenwirkkungen, die mich dazu bewegt hätten, ganz auf Antidepressiva zu verzichten. Naja – bis auf die Sache mit dem Sex.
Viele Antidepressiva-Patient*innen werden dir sofort eines bestätigen: Die Mittelchen können sowohl deine Libido als auch deine Fähigkeit zum Orgasmus auf den Kopf stellen. Und das ist ECHT nervig.
Glücklicherweise ist der Wirkstoff, den ich jetzt bekomme – Duloxetin, ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) –, bei Weitem nicht der schlimmste. Mit anderen Medikamenten hatte ich in der Vergangenheit schon phasenweise gar keine Libido mehr, und mein Orgasmus war ungefähr so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Kurz gesagt: Es war beschissen.
Aus Gesprächen mit Freundinnen, die ebenfalls Antidepressiva nehmen (und tun das nicht quasi alle Millennials?), weiß ich: Ich bin mit meinen Sorgen nicht allein. Und das zu wissen, war wirklich wichtig und half mir, mich mit meinen Problemen meinem Partnerr anzuvertrauen. So konnten wir für uns eine gemeinsame Lösung finden.
Meistens zumindest.
Betroffen sind übrigens nicht nur meine Freundinnen und ich (falls du jetzt dachtest, wir seien halt einfach eine sehr geplagte Truppe). Amy, eine Autorin, schrieb mir auf Twitter: „[Antidepressiva] haben [meine Libido] so schlimm zerstört, dass ich irgendwann sogar glaubte, asexuell zu sein – obwohl ich vorher einen ganz normalen Sexualtrieb gehabt hatte.“
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Victoria schrieb mir: „Ich bekam Sertralin verschrieben und lebte danach quasi ein Jahr lang völlig enthaltsam. Ich hatte absolut keine Lust auf Sex. Ich war erst 21, kam gerade aus einer recht langen Beziehung und hatte auf ein bisschen Spaß gehofft, aber die Tabletten hatten was anderes mit mir vor.“ Faye* schrieb mir eine Email und berichtete Ähnliches: „Kaum nahm ich die [Antidepressiva], fühlte ich mich zwar mental wieder besser – hatte aber überhaupt kein Interesse an Sex mehr, nicht mal an Masturbation.“
„Antidepressiva beeinflussen die Konzentration mancher Chemikalien im Gehirn“, erklärt mir Dr. Kathryn Basford, Ärztin der britischen Online-Praxis Zava. „So können sie mit der Stimmung helfen – aber manche dieser Chemikalien sorgen eben auch für einen normalen Sexualzyklus. An diesen Stoffen rumzuschrauben kann sich also auf die Lust, Erregtheit und sogar den Orgasmus auswirken.“
Ein wenig ironisch ist allerdings folgende Tatsache: Auch die Depression selbst kann für eine niedrige Libido verantwortlich sein. In manchen Fällen ist also schwer zu erkennen, was zuerst kam – die verringerte Lust oder das Antidepressivum. Dr. Basford fügt hinzu: „Noch dazu gibt es bisher keine Studien dazu, ob dieselbe libidohemmende Wirkung auch in Antidepressiva-Patient*innen auftreten würde, die keine zugrundeliegende Depression haben.“
Deshalb gibt es auch keine exakten Zahlen, die uns verraten würden, wie viele Antidepressiva-Patient*innen tatsächlich betroffen sind. Nur die Packungsbeilagen verschaffen uns einen traurigen Überblick: Sertralin führt den „fehlenden Samenerguss“ als „sehr häufig“; Fluoxetin listet „verminderte Libido“ unter „häufig“ auf. Am schlimmsten liest sich die Packungsbeilage von Citalopram: Sie warnt vor „vermindertem sexuellen Verlangen“ und „Orgasmusstörungen bei der Frau“, „Impotenz und Ejakulations- und Erektionsstörungen“ – alles geführt unter „häufig“. Eine besonders frustrierende Studie mutmaßt, der Anteil der mit SSRIs (den häufigsten Antidepressiva) behandelten Männer und Frauen, die irgendeine Form der sexuellen Fehlfunktion entwickelten, läge irgendwo zwischen „25 und 73 Prozent“.
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Photographed by Delfina Carmona
Aus Gesprächen mit anderen Betroffenen weiß ich: Der Leidensdruck ist enorm. „Mein Freund und ich hatten zwei Jahre lang keinen Sex“, erzählt mir Faye, die heute als Pornodarstellerin arbeitet. „Die Medikamente beendeten meine siebenjährige Beziehung. Er fühlte sich weder sexuell noch romantisch befriedigt. Ich hingegen war einfach frustriert, keine Lust mehr auf Sex mit ihm zu haben. Das ließ mich glauben, ich sei einfach nicht mehr in ihn verliebt.“
Rachel, mit der ich ebenfalls auf Twitter schreibe, hat eine ähnlich düstere Story zu erzählen. „Mein Partner regt sich darüber auf, wenn ich ihm sage, ich sei nicht in der richtigen Stimmung. Es kostet jeden Tag viel Mühe, eine körperliche Beziehung aufrechtzuerhalten, wenn du mental nicht fit bist.“
Aber auch den Singles ergeht es nicht besser. „Wenn potentielle Partner*innen richtig Bock auf Sex haben, reagiere ich dann meistens eher nach dem Motto “hm, okay““, schreibt mir Ellie, die in ihrem Blog über ihr Datingleben schreibt. „Ich mache dann gerne mit und habe mich auch noch nie unter Druck setzen lassen – aber sobald wir richtig loslegen, ist unsere Leidenschaft einfach nicht auf demselben Level, weil meine Gefühle durch die Medikamente so betäubt werden.“
Was kann man also dagegen tun?
„Ich wollte nicht auf die Antidepressiva verzichten, denn sie halfen mir ja mit meiner geistigen Gesundheit – aber durch das Fehlen meiner Lust fühlte ich mich wiederum beschissen und unnormal“, sagt Faye und fasst damit das  typische Dilemma der Betroffenen zusammen: Die Tabletten bringen vielen von ihnen das erste Glücksgefühl seit Langem – aber die Schuld und Frustration über die schwache Libido könnten diese positive Wirkung direkt wieder ausgleichen.
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Leider gibt es dagegen kein Wundermittel. Bist du betroffen? Dr. Basford empfiehlt, dich deinem*r behandelnden Ärzt*in anzuvertrauen. „Lass dich auf deine Stimmung untersuchen: Funktioniert das Antidepressivum? Außerdem sollte überprüft werden, ob deine Symptome vielleicht auch andere gesundheitliche Ursachen haben könnten.“
Manchen Betroffenen hilft es auch schon, die Antidepressiva nur über kurze Zeit hinweg einzunehmen – oder es mit einer kurzfristigen höheren Dosis zu versuchen. Dein*e Ärzt*in findet mit dir zusammen heraus, ob du dafür schon bereit bist. Nimmst du die Medikamente erst seit Kurzem, empfiehlt Dr. Basford, dich nach ein paar Monaten erneut untersuchen zu lassen, da einige Nebenwirkungen nur vorübergehend auftreten kömnnen.
Das Internet ist voller Tipps, die nicht unbedingt immer hilfreich sind. Einige schlagen vor, die Einnahme vor dem Sex für ein paar Tage auszusetzen. Dr. Basford warnt jedoch vor möglichen Entzugserscheinungen. Auch die Aufteilung deiner Dosis (zum Beispiel in eine Hälfte vor, eine nach dem Sex) würde wahrscheinlich nicht den erhofften Effekt erzielen, da Medikamente länger als einen Tag in deinem Kreislauf verweilen. Wozu du dich auch entscheidest – sprich dich bitte mit deinem*r Ärzt*in ab. Ein abruptes Absetzen oder Verringern deiner Dosis kann katastrophale Folgen haben.
Fernab der Medikamente selbst haben Betroffene andere Wege gefunden, mit ihren Nebenwirkungen umzugehen. „Mir persönlich hilft es sehr, meinen Dates auf andere Art sexuell nah zu kommen – ohne gleich Sex zu haben. Das stärkt mein Selbstbewusstsein und macht mir mehr Lust, mit ihnen zu schlafen“, sagt Ellie. Ihre Empfehlung: heiße Massagen oder sexy Fotos, wenn ihr miteinander schreibt, um „die sexuelle Spannung aufzubauen“.
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„Außerdem“, sagt Ellie, „solltest du dich in deiner Haut wohlfühlen. Trag Make-up, wenn du Lust hast, zieh dir schöne Unterwäsche an und verleih deinem Selbstbewusstsein so noch einen Extra-Boost, bevor es ernst wird.“
Das hilft übrigens auch in einer längeren Beziehung. Entscheidend ist aber vor allem eines: Kommunikation. Vielleicht denkst du, ein ehrliches Gespräch über deine mangelnde Lust wäre eher kontraproduktiv – viel schlimmer sind aber die verletzten Gefühle und Missverständnisse, die entstehen, wenn du gar nichts sagst.
Und wenn das nicht hilft? Dr. Basford empfiehlt den Weg zum Profi. „Sex- und Beziehungstherapien können wirklich einen Unterschied machen, wenn sich deine sexuelle Unlust auf eure Partnerschaft auswirkt und es deinem*r Partner*in schwer fällt, deine Probleme nachzuvollziehen.“
Am allerwichtigsten ist allerdings, dass du glücklich bist. Wenn dir deine Medizin dabei hilft, deinem Geist ein bisschen positive Energie einzuhauchen, solltest du dich darauf konzentrieren – und darfst deswegen gern auch stolz sein. Alles andere ist letztlich zweitrangig.
*Namen von der Redaktion geändert

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