Hey Introvertierte, wie geht’s euch nach einem Jahr in Selbstisolation?

Rückblickend lässt sich mit ziemlicher Gewissheit sagen: 2020 war beschissen. Angst und Verunsicherung zogen sich quasi durchs ganze Jahr, waren aber vor allem während der ersten Pandemiewochen besonders schlimm. Quasi über Nacht schlossen Clubs, Theater, Läden und Co., und die Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen und so wenige Menschen wie möglich zu treffen. Natürlich war uns dabei allen klar, dass das ja eine wichtige Schutzmaßnahme war – aber plötzlich hatte der Großteil von uns keine Möglichkeit mehr, unsere Freund:innen, Verwandten und Kolleg:innen zu sehen. Für viele war das eine sehr einsame Erfahrung. Es gab aber auch eine Gruppe, der all das leichter zu fallen schien: den Introvertierten. Und von denen nahmen einige das Ganze sogar mit Humor.
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„Alle Gesundheitsexpert:innen sagen jetzt #StayHome. Okay… aber wo wart ihr, als ich genau damit jahrelang meine Freund:innen und Familie enttäuscht habe?“, postete zum Beispiel der Twitter-Account @IntrovertLiving zum Beginn der Pandemie. Und der YouTuber Daniel Howell tweetete: „‚Social Distancing‘? Ich bitte euch, ich trainiere schon mein ganzes Leben für eine Pandemie. Introvertierte Leute, los geht’s, unsere Zeit ist gekommen!“
Den Begriff „introvertiert“ erfand übrigens schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Psychiater Carl Gustav Jung, der Introversion als „Vertieftsein ins eigene Innenleben auf Kosten sozialer Interaktion“ definierte. Nach der Veröffentlichung des Bestsellers Still: Die Kraft der Introvertiertenvon Susan Cain im Jahr 2012 wurde die Introversion aber nochmal ein Stück populärer, und online verkündeten jede Menge Leute, introvertiert und stolz darauf zu sein. Das moderne Verständnis der Introversion sieht übrigens so aus: Introvertierte Menschen verbringen durchaus auch gern Zeit mit anderen, finden das Ganze aber meist emotional sehr anstrengend. Extrovertierte Menschen hingegen schöpfen Kraft aus sozialer Interaktion, erklärt die Psychologin Dr. Alfiee Breland-Noble. „Introvertierte Menschen tanken Kraft und Freude durch den inneren Dialog und ihre eigene Gefühlswelt. Das ist nicht unbedingt dasselbe wie Schüchternheit“, sagt sie. 
Da Introvertierte also ohnehin gern Zeit allein verbringen, sahen viele von ihnen die ersten Tage der Pandemie – bevor wir ahnen konnten, wie lange sich das Ganze hinziehen und wie viele Leben Corona kosten würde – als eine Art willkommene Verschnaufpause.
„Ich hatte natürlich Angst vor diesem Virus – was aber den ruhigeren Alltag anging, von dem ich jetzt mehr zu Hause verbrachte, fand ich es irgendwie cool, mal einen leeren Terminkalender zu haben“, erzählt mir Jenn Granneman, Gründerin der Plattformen Introvert, Dear und Highly Sensitive Refuge. „Das war eine ganze Zeit lang ziemlich schön. Ich mochte es, mir in Ruhe Serien angucken und entspannen zu können. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Leben ein bisschen entschleunigte.“ Die neue Quarantäne-Zeit mit ihrem Bananenbrot, ihren Sweatsuits und Tiger King auf Netflix war für viele tatsächlich wie ein bisschen Urlaub.
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Und für manche Introvertierten ging es das ganze Jahr so weiter. Lindsey Evans vom Podcast I Just Don’t Have Time Forerzählt uns, dass sie es genoss, nicht dauernd von Leuten umgeben zu sein. „Ich liebe es, von zu Hause aus zu arbeiten und finde es toll, dass sich die meisten Leute beim Einkaufen an den Mindestabstand halten“, sagt sie. „Dabei habe ich kaum das Gefühl, jetzt irgendwas zu verpassen. Im dritten Monat der Selbstisolation wurde ich definitiv irgendwann ein bisschen unruhig, aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr genieße ich es, mir das Theater sozialer Interaktionen zu sparen, in denen ich mich unwohl fühle.“
Diese Meinung teilen viele der introvertierten Menschen, mit denen ich gesprochen habe: Weil alle dazu ermutigt wurden, zu Hause zu bleiben, lockerte sich der gesellschaftliche Druck, sich „unters Volk“ mischen zu müssen. FOMO, die „fear of missing out“, gab es jetzt gar nicht mehr – denn was sollte man denn auch gerade verpassen können? „So viele soziale Interaktionen aus meinem Alltag vor Corona fühlten sich für mich wie eine Verpflichtung an; jetzt, wo alle quasi unter demselben Burnout leiden, ist es irgendwie befreiend, niemanden treffen zu müssen“, meint auch Meghan Rose, Tarot-Leserin.
Nach mittlerweile einem ganzen Jahr Corona hat sich diese Einstellung bei manchen Introvertierten aber ein wenig verändert. „Ich glaube, ich bin als Introvertierte in diese Pandemie reingegangen und komme als Extrovertierte wieder raus“, sagt die Personalmanagerin Taylor. „Ich will jetzt mehr mit anderen reden als je zuvor.

Ich glaube, ich bin als Introvertierte in diese Pandemie reingegangen und komme als Extrovertierte wieder raus. Ich will jetzt mehr mit anderen reden als je zuvor.

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Zu Beginn der Quarantäne hatte Taylor gar keine Probleme damit, zu Hause zu bleiben und weniger Kontakt zu anderen zu haben. „Das war für mich einfach nicht die Sorge Nummer 1“, erzählt sie. „Vor COVID sahen meine Wochenenden eh schon so aus: Entspannung, kaum irgendwelche Verabredungen.“ Als aus Wochen allmählich Monate wurden, machte sich aber doch Einsamkeit breit – so stark, dass sie mit ein paar Freund:innen eine kleine Corona-Gruppe gründete, die sich fernab dieser Clique mit niemandem trafen. Jetzt trifft sie sich an den meisten Wochenenden mit ihnen. „Das ist echt eine Veränderung für mich“, sagt sie.
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Und damit ist Taylor nicht alleine. Eine Studie der australischen University of Wollongong untersuchte, wie es 114 Teilnehmer:innen während der Pandemie erging und fand heraus, dass eine stärker ausgeprägte Introversion eher für Einsamkeit, Depression und Angstzustände sorgte. Um mit Stress und Angst umzugehen, kehren sich Introvertierte immer erstmal nach innen, anstatt Hilfe von anderen zu suchen, erklärt die Studie – und das wiederum kann zu schädlicher, „maladaptiver Zeit allein“ führen, wie Dr. Breland-Noble sie nennt. Damit meint sie die Tendenz, die Quarantäne als Ausrede zu benutzen, warum man wichtigem menschlichen Kontakt aus dem Weg geht. 
„Ich denke, jede:r sollte eine eigene Balance zwischen Interaktion mit anderen und einer starken Selbstwahrnehmung finden“, sagt sie. Im letzten Jahr ist diese Balance ein bisschen gekippt: Wir haben jetzt viel mehr Zeit für unsere eigenen Gedanken und deutlich weniger Verbindungen zu anderen. Gleichzeitig war unser Stresspegel wohl nie höher. Das ist für niemanden eine gute Kombination, weder für intro- noch extrovertierte Menschen.
Dazu kommt, dass virtuelle Kontakte für uns alle so anstrengend sind, wie es „echte“ Treffen für Introvertierte sein können. „Für viele verschwimmt die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben, wir haben dauernd irgendwelche virtuellen Meetings, sogar virtuelle Veranstaltungen und Verabredungen“, sagt die Psychologin Dr. Laurie Helgoe, Autorin von Introvert Power: Why Your Inner Life is Your Hidden Strength. „Die Pandemie sorgt für jede Menge Reize – nur eben andere als sonst. Das ist für viele eine Herausforderung.“ Und genau deswegen fühlen sich manche introvertierten Menschen auch immer noch sozial ausgebrannt.
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Letztlich ist das aber von Fall zu Fall anders; dabei kommt es nämlich auf jede individuelle Situation an, betont Granneman. „Dass sich die Pandemie auf alle Introvertierten gleich ausgewirkt hat, ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, sagt sie. „Das hängt enorm von deiner Lebens- und Arbeitssituation ab. Ich kenne einige Introvertierte, die gerade denken: ‚Oh, das ist super, ich will gar nicht mehr anders leben, zwingt mich nicht zurück in den Alltag.‘ Andere wiederum hängen zu Hause mit ihrer Familie fest, die Kinder müssen von zu Hause aus lernen, vielleicht ist auch der Job nicht mehr so sicher wie früher. Das kann dann ganz schnell zur Qual werden.“
Ein Beispiel dafür ist Evans. „Ich lebe mit meinem Verlobten zusammen, der ebenfalls introvertiert ist“, erzählt sie. „Das ist insofern gut, als dass ich dadurch jeden Tag ein bisschen sozialen Kontakt bekomme, aber es ist eben auch schwieriger geworden, wirklich mal Zeit alleine zu haben. Deswegen habe ich definitiv einige Male die Nerven verloren, weil ich einfach nicht die Chance hatte, meine sozialen Batterien wieder voll aufzuladen.“
Während bisher noch kein Ende des Lockdowns in Sicht ist, freut sich auch Granneman nicht mehr so über die ganze Zeit für sich wie zu Beginn der Pandemie. „Ich bin langsam echt bereit für ein paar Treffen. Vielleicht komisch, so als Introvertierte“, sagt sie. „Ich glaube, ich fühle mich zu Hause einfach ein bisschen gefangen. Ich bin bereit für die Rückkehr zum Alltag. Obwohl ich mir gleichzeitig sicher bin, dass ich mir nach einer Woche Alltag wieder Zeit allein wünsche.“
Was diese traumatische Zeit mit uns langfristig macht, wissen wir noch nicht genau. Eines aber schon: Wir müssen in die Zukunft blicken. „Ich schätze, meine Verabredungen am Wochenende werden wieder ein bisschen zurückgehen, sobald ich wieder arbeiten gehen kann und im Büro extrovertierter sein muss“, vermutet Taylor. „Aber ich denke, dass ich es nie wieder als selbstverständlich nehmen werde, mich mit anderen Leuten umgeben zu können.“

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