Warum habe ich gerade das Gefühl, dass mich niemand leiden kann?

Foto: Poppy Thorpe
Wie sollst du klarkommen, wenn die ganze Welt momentan nicht klarkommt? Keine Ahnung. Trotzdem stelle ich mir dieselbe Frage immer und immer wieder – obwohl uns das Jahr 2020 mit all seinen neuen Regeln und Realitäten eigentlich ohnehin genug Kopfschmerzen bereitet. Inzwischen habe ich den Punkt erreicht, an dem sich das ganze Chaos um mich herum inzwischen „normaler“ anfühlt als die tatsächliche Normalität und Sicherheit, die wir Anfang des Jahres noch hatten. In meinem Hirn stapeln sich tagein, tagaus dieselben, längst vertrauten Fragen. 
Existiert mein Lieblingsrestaurant nach der Pandemie noch? Habe ich dann überhaupt noch einen Job? Und was soll eigentlich aus meinen Freundschaften werden, wenn ich diese Leute nie sehe?
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Vor allem diese letzte Frage beschäftigt mich sehr oft – schließlich haben wir alle irgendwann unser Zoom-, Skype-, Facetime- und Was-auch-immer-Limit erreicht. Und das zeigt sich in meinem Umfeld bereits: Die ersten Freundschaften geraten hier und da ins Wanken. Einige von ihnen, weil sich jemand ausgeschlossen fühlte, als es hieß, es dürften sich in geschlossenen Räumen nur so-und-so-viele Leute treffen – und diese Person nicht auf der höchst exklusiven Gästeliste stand. Andere wiederum sind sauer, weil sie auf ihre WhatsApp-Nachrichten tagelang keine Antworten bekommen. Wieder andere haben solche Nachrichten falsch verstanden und Negatives hineininterpretiert. Und genau das mache ich auch: Zwar habe ich noch nie so viele Nachrichten von den Leuten aus meinem Leben bekommen – und doch erwische ich mich regelmäßig dabei, wie ich beim Scrollen durch meine Chatverläufe denke: „Okay, scheinbar kann mich einfach keiner leiden.“

Während wir also diese langen, ineinander verschwimmenden Tage in unseren eigenen vier Wänden aussitzen, leidet darunter vor allem das, was außerhalb eben dieser Wände liegt.

Ein kleiner Trost: Offenbar geht das nicht nur mir so. Die Psychologin Heather Sequeira berichtet jedenfalls von einer deutlich gewachsenen Nachfrage nach therapeutischer Hilfe in Sachen Beziehung und Freundschaft. „Patient:innen, die schon vorher mit Sozialphobien zu kämpfen hatten, klagen jetzt häufig über Verschlimmerungen,“ erzählt sie, „und selbst Menschen, die vorher nie derartige Probleme hatten, erleben jetzt Ähnliches.“
Das lässt sich auch in Zahlen nachweisen. Groß angelegte internationale Studien haben bestätigt, dass soziale Ängste und Phobien durch zu viel Zeit allein vor allem in Ländern mit Lockdown-Regelungen zunehmen. Während wir also diese langen, ineinander verschwimmenden Tage in unseren eigenen vier Wänden aussitzen, leidet darunter vor allem das, was außerhalb eben dieser Wände liegt – die Beziehungen zu der Welt um uns herum, zu unseren Freund:innen, Verwandten und Bekannten. Kurz gesagt: Wir verlieren den Anschluss an unser eigenes Netzwerk. Wie auch der Professor der evolutionären Psychologie Robin Dunbar aus Oxford am Ende des letzten britischen Lockdowns sagte: „Freundschaften verwelken, wenn man sich nicht sieht, und das ziemlich schnell.“
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Natürlich meint es (hoffentlich) niemand böse, wenn er oder sie sich eine Weile lang nicht bei dir meldet; trotzdem kann sich das anfühlen wie eine Abfuhr. Zwar weißt du vermutlich genau, dass das Verhalten anderer immer mehr mit ihnen selbst als mit deiner Liebenswürdigkeit zu tun hat. Dennoch: Keine Antwort auf deine Nachrichten zu bekommen, kommt manchmal einem Dolchstoß ins Herz gleich – weil wir gerade in das Verhalten derjenigen, die uns am nächsten stehen, immer viel mehr reininterpretieren, als vermutlich wirklich dahinter steckt.
Aber warum ist das so? Heather meint, das liegt an unserer menschlichen Evolution: „Im Laufe der letzten Million Jahre sind unsere Gehirne besonders gut darin geworden, direkte Kommunikation zu deuten – also Gespräche von Angesicht zu Angesicht“, erklärt sie. „Dabei achten wir vor allem auf soziale Bedrohungen wie Zurückweisung, fehlenden Respekt, Enttäuschung oder Wut, und suchen gleichzeitig nach gesellschaftlicher Bestätigung. Das liegt daran, dass solche Bedrohungen früher tatsächlich Lebensgefahr oder die Verstoßung aus dem eigenen Volk bedeuten konnten. Anzeichen für Bestätigung und Zuneigung hingegen vermitteln ein Gefühl von Sicherheit.“
Während unser Sozialleben also in den vergangenen Monaten immer digitaler wurde, wird allmählich umso deutlicher, wie abhängig wir doch von den nonverbalen Signalen sind, die wir nur in einem direkten, „realen“ Gespräch bekommen. „Unsere Fähigkeit, die kleinsten Nuancen von Körpersprache, Mimik und Stimme zu deuten, entscheidet auch heute noch maßgeblich über unser Gefühl von Sicherheit – obwohl wir das oft nicht mal merken“, erklärt Heather weiter.
Um es kurz zu fassen: Wenn unsere echten Interaktionen plötzlich wegfallen, drehen unsere Hirne ein bisschen durch. „In der digitalen Kommunikation gehen einfach viele dieser Signale verloren“, sagt die Psychologin. „Wenn wir plötzlich keinen Zugriff mehr auf diese ganzen wichtigen Informationen haben, schaltet unser Nervensystem ganz automatisch in den ‚Vorsicht ist besser als Nachsicht‘-Modus. Soll heißen: Es erkennt eine ‚Bedrohung‘ und achtet besonders aufmerksam auf Anzeichen von Ablehnung, fehlendem Respekt, Enttäuschung oder Wut.“ Wenn auch du also manchmal den Eindruck hast, von niemandem so wirklich gemocht zu werden, atme einmal tief durch und sieh nochmal genauer hin.
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Wenn mal was liegen bleibt, fühle ich mich schuldig und hasse es, jede Nachricht daraufhin mit „Sorry für die späte Antwort“ beginnen zu müssen.

Vor allem via Textnachrichten kann sich dieses Gefühl verstärken, merkt Heather an, weil wir für verzögerte Antworten einfach nicht geschaffen sind. „Unsere Hirne sind am besten darin, direkte Kommunikation zu verarbeiten“, sagt sie. „Wenn da also plötzlich diese Unsicherheit im Gespräch auftaucht – womit wir Menschen ohnehin nicht gut umgehen können –, deuten wir das oft als Bedrohung.“ Und so kann es passieren, dass du mit jemandem schreibst und – wie in einem direkten Gespräch auch – von einer unmittelbaren Antwort ausgehst, ohne zu ahnen, dass die andere Person das Handy gerade zur Seite gelegt hat, um sich einen Kaffee zu holen, oder vielleicht eine dringendere Nachricht beantworten muss. Das weißt du auch. Und trotzdem tut es weh, weil dein Hirn eben auf unmittelbare Kommunikation trainiert ist. 
Das funktioniert andersrum übrigens genauso: Wir erwarten von uns selbst eine gewisse Geschwindigkeit beim Beantworten von Nachrichten. Ich zum Beispiel mag es, meinen Posteingang ordentlich zu halten; daher lese und beantworte ich alles ziemlich flott. Wenn mal was liegen bleibt, fühle ich mich schuldig und hasse es, jede Nachricht daraufhin mit „Sorry für die späte Antwort“ beginnen zu müssen. Anderen Leuten gibt es aber ein Gefühl von Kontrolle, selbst darüber zu entscheiden, wann sie auf Nachrichten antworten. Auch das weiß ich – so kompliziert ist das ja nicht. Und trotzdem haben wir eine Art Kult darum aufgebaut, die Antwortzeiten anderer Leute zu analysieren. 
„Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, ob eine schnelle Antwort als ‚übereifrig‘ gelten könnte; darüber, ob die andere Person diesen Eifer womöglich nicht erwidern könnte“, meint Heather. „Außerdem sind wir wie besessen davon, die ‚perfekte‘ Antwort zu schreiben – schließlich haben wir ja in Textform alle Zeit dazu. Und Ein-Wort-Antworten wie ‚OK’ sind auch problematisch. Wenn jemand mit nur einem Wort antwortet, gehen wir automatisch davon aus, dass wir unserem Gegenüber ziemlich egal sind.“ Dabei ist das in Wahrheit natürlich selten der Fall.
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Unser modernes Leben saugt uns zunehmend in einen endlosen virtuellen Strudel – vor allem jetzt. Das ist wie eine Party von Bekannten, die du noch nicht verlassen kannst: Anfangs hattest du ja Spaß, aber irgendwann hinterfragst du alles und jeden. Warum bist du da? Will dich überhaupt jemand da haben? Und: Willst du eigentlich da sein?
„Das Problem mit diesen Sorgen ist, dass sie zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden können“, warnt Heather. Im Klartext: Wenn du dauernd befürchtest, niemand könne dich leiden, bist du vielleicht reizbarer, aggressiver oder unsicherer anderen gegenüber. Vielleicht meidest du sogar den Kontakt mit manchen Freund:innen, weil du (fälschlicherweise) glaubst, sie hätten damit ja angefangen – wodurch du wiederum dasselbe Gefühl in ihnen auslöst. „Als würdest du Benzin ins Feuer kippen“, seufzt Heather.
Sagen wir’s doch mal, wie es ist: Vermutlich haben die Leute in deinem Umfeld gerade ihre ganz eigenen Probleme. Jede:r von uns steht irgendwie unter Druck, und wir sind alle unsicher, wie es weitergeht. Wenn du dir also inzwischen eingeredet hast, alle würden dich hassen, halte dir das vor Augen: Es dreht sich ziemlich sicher nicht alles um dich. Denk doch nur mal an die Tage, an denen du dich selbst kaum dazu aufraffen kannst, eine Nachricht zu schreiben oder jemanden anzurufen – andere machen das genauso durch. Wenn du dich also einsam fühlst und/oder den Eindruck hast, jemand ist womöglich schweigsamer als sonst, schreib doch einfach etwas wie: „Hey, ich denke an dich. Ich hoffe, dir geht’s gut. Sag Bescheid, falls du jemanden zum Reden brauchst.“ Versuch’s mit weniger Chats, mehr Telefonaten und Videocalls. Und ganz wichtig: Sei dir sicher, dass wir uns eines Tages alle wiedersehen.
Wenn du selbst einmal nicht weiter weißt oder eine Person kennst, die eventuell Hilfe brauchen könnte, kannst du die Hotline der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 anrufen oder den Chat der TelefonSeelsorge nutzen.

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