Jeder Tag ist ein Bad Hair Day: Mein Leben mit Haarausfall

Ich stehe seit über einer halben Stunde im Badezimmer, kämme, bürste, glätte und style meine schlaffen, kinnlangen Haare – in dem Versuch, irgendetwas „Normales“ aus diesem schütteren Trockenshampoo-Chaos zu formen. Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Ich habe keine Zeit mehr, um das Unmögliche möglich zu machen. Mir bleiben nur zehn Minuten, bis ich zur Arbeit muss. Ich werfe einen niedergeschlagenen Blick in den Spiegel und ziehe eine Grimasse. Dieser Bad Hair Day hat mich – wieder einmal – besiegt, so angestrengt ich meine Haare auch zurückkämme und mit Haarspray einneble. Meine verknoteten Spitzen und mein platter, immer kahler werdender Ansatz sehen heute noch beschissener aus als sonst. Also renne ich ins Schlafzimmer, setze mir eine Mütze auf und verlasse die Wohnung, während mir Tränen der Wut über die Wangen kullern.
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Ich habe eine besondere Tendenz zu Bad Hair Days, und das schon seit über zehn Jahren. Die nennt sich „androgenetische Alopezie“ (oder „anlagebedingter Haarausfall“), und ist die häufigste Form von Haarverlust bei Frauen. Beinahe die Hälfte aller Erwachsenen ist bis zum 50. Lebensjahr von Haarausfall betroffen; meist wird das Haar über den Kopf hinweg dabei langsam immer schütterer. Für die meisten Betroffenen ist das ein peinlicher, schambelasteter, nervenaufreibender Prozess. Weil die Haare von Frauen als ultimatives Symbol der äußeren Schönheit, Sinnlichkeit und Gesundheit gelten, kann sich der Haarausfall so anfühlen, als würdest du gleichzeitig dich selbst verlieren.
Ich war gerade mal 13 Jahre alt, als mir mein Haarausfall zum ersten Mal auffiel. Ein gewisser Haarverlust gehört zum normalen Haarwachstumskreislauf dazu; durchschnittlich fallen uns etwa 50 bis 100 Haare täglich aus, um Platz für neue zu machen. Ich bemerkte aber, dass mir immer mehr Haare ausfielen, als neue nachwuchsen. Lange, dünne Strähnen verfingen sich im Abfluss in der Dusche, und mein Mittelscheitel wurde von Tag zu Tag immer breiter. Nach zwölf Monaten hatte sich meine einst lange, seidig-braune Mähne in kurzen Baby-Flaum verwandelt, durchzogen von auffälligen kahlen Stellen, durch die sich die Kopfhaut erkennen ließ.
Seitdem ist fast jeder Tag ein Bad Hair Day, und ich habe gelernt, damit umzugehen. Beinahe täglich starre ich mich im Badezimmerspiegel an und frage mich, wie ich mich so der Welt zeigen soll. Das Leben einer kahl werdenden jungen Frau ist eine einzige Herausforderung, weil hinter jeder Ecke eine neue Demütigung zu lauern scheint. Ich weiß nie, wann der Wind meine perfekt gekämmte Frisur zerstört, die mich eine Stunde meines Morgens gekostet hat, oder wann eine neugierige Bekanntschaft ihre Finger durch meine schütteren Strähnen fahren möchte, um daraufhin zu kommentieren, wie dünn meine Haare doch aussehen.
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Diesen Teil meines Lebens habe ich sehr lange geheim gehalten. Jeder gut gemeinte Spruch fühlte sich an wie eine Ohrfeige, und Ehrlichkeit war keine Option. Ich habe total Schiss vor der Aufmerksamkeit, die mir der Begriff „Alopezie“ einbringen kann. Zugunsten meiner geistigen Gesundheit und aus Angst davor, dass man mir irgendwann nicht mehr zuerst in die Augen, sondern auf den Kopf schauen könnte, verstecke ich das Wort unter einem Hut oder einer Mütze – irgendetwas, das diese kleine und doch so große Sache vor der Welt geheim hält.
Es gibt kein Wundermittel gegen dünner werdendes Haar. Kein Nahrungsergänzungsmittel der Welt könnte mein Problem beheben. Ich habe die empfindliche Haut auf meinem Kopf schon mit diversen Ölen, Cremes und Mousses eingerieben, immer in der Hoffnung, meinen Haaren damit zu neuem Leben zu verhelfen. Ganz egal, was du mir vorschlagen könntest: Ich habe es ausprobiert – ohne Erfolg. Meine ganz private Hölle, in der ich meinem alten Aussehen hinterhertrauere, stürzt mich wieder und wieder in eine endlose Unsicherheit. Und trotzdem muss ich mich der Welt tagein, tagaus aufs Neue stellen – selbst an meinen schlimmsten Bad Hair Days.

Ich schätze, die einzige Möglichkeit, mich von dem bitteren Selbsthass meiner Bad Hair Days zu befreien, ist, mich stattdessen darauf zu konzentrieren, was in meinem Kopf vorgeht.

Im Laufe der letzten Monate ist der Haarausfall besonders schlimm geworden. Es verfangen sich ganze Strähnen in meinen Händen, während ich sie unter der Dusche vorsichtig mit Shampoo einreibe. Ich klebe sie gegen die Glastür, um daran zu denken, sie nach der Dusche wegzuwerfen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr es dein Selbstbewusstsein zerstören kann, wenn du einsehen musst, dass deine Haare einfach nicht mehr nachwachsen. Ich schätze, die einzige Möglichkeit, mich von dem bitteren Selbsthass meiner Bad Hair Days zu befreien, ist, mich stattdessen darauf zu konzentrieren, was in meinem Kopf vorgeht.
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Obwohl ich meine hoffnungslosen Haare bedauere, schöpfe ich doch ein bisschen Kraft daraus, meine Erfahrung mit anderen zu teilen und mir die Leidensgeschichten anderer Betroffenen anzuhören. Wenn du nach „Haarausfall bei Frauen“ googelst, stößt du schnell auf zahllose Berichte von Menschen wie mir – und vielleicht wie dir. Viele Social-Media-Accounts beschäftigen sich ausschließlich damit, wie du eine Perücke, eine Mütze oder einen Hut am besten stylst, und es gibt jede Menge Online-Communitys zum Haarverlust unter Frauen. Dort kannst du dir professionelle Hilfe suchen, Tipps und Tricks austauschen und erzählen, wie du auf deine ganz eigene Art mit Schönheitsidealen brichst, die wir ohnehin aus unserem Kopf verbannen sollten.
Ich glaube, für mich ist es aktuell am wichtigsten, ein Ventil für diesen Selbstausdruck zu finden. Ich war schon seit meinem 19. Lebensjahr nicht mehr bei einem:einer Friseur:in; stattdessen schneide ich meinen Pony selbst und investiere in Klamotten, die meine Persönlichkeit stärker unterstreichen, als es eine Frisur jemals könnte. Außerdem habe ich eine Katze, die ihre Nase in mein Gesicht drückt und mir die Tränen ableckt. Wenn meine Laune mal wieder kippt, habe ich die richtige Playlist für jede Stimmung. Ich schreibe, um meine Ängste und Frustration abzubauen, und wenn mich dann doch mal wieder die Panik überwältigt, suche ich mir jemanden, der:die mir zuhört. Für all die Sorgen, die ein schönes Outfit, eine kleine Katze oder ein Gute-Laune-Song nicht besänftigen kann, habe ich ein Notizbuch – oder eine:n Freund:in, der:die nur einen Anruf von mir entfernt ist.
Ich bin nicht der einzige Mensch, der nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht. Ich könnte dir jetzt erzählen, dass es mir total egal sei, wie ich aussehe – aber manchmal ist es mir natürlich nicht egal. In diesen Momenten sage ich mir dann: Bad Hair Day hin oder her – am Ende des Tages bin das immer noch ich. Nicht jede:r kann meine Sorgen verstehen, aber das ist okay. Wichtig ist nur, dass ich mich selbst nicht mehr zurückhalte und alles runterschlucke, wenn es mir gerade mal wieder besonders beschissen geht.
Ich werde mich nicht an all meinen Bad Hair Days gut fühlen können. Aber zumindest kann ich stolz darauf sein, wenn ich das Haus trotzdem verlasse.

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