Ist Haarausfall eine Spätfolge von Corona & was können Betroffene tun?

Illustrated by Hannah Minn.
„Ich habe zwar sehr feine und auch nicht gerade superviele Haar, aber ich hatte nie Probleme mit Haarausfall“, erzählt die 36-jährige Vanessa. „Ich habe noch nie ein Haar in meiner Dusche oder irgendwo in meiner Wohnung gefunden. Sie sind nie einfach so von selbst ausgefallen. Bis jetzt.“
Zu den bekanntesten Symptomen von COVID-19 zählen der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns, kräftezehrende Kopfschmerzen und extreme Abschlagenheit. Monate nach dem das Virus zum ersten Mal in Europa ausbrach und einige Menschen offiziell längst genesen sind, werden jedoch immer mehr Spätfolgen bekannt. Wie beispielsweise Haarausfall.
Vielleicht hast du das Video von Alyssa Milano gesehen, in dem sie zeigt, wie viele Haare sie beim Bürsten aktuell verliert. Abgesehen von der Schauspielerin berichten auch viele andere Menschen – zum Beispiel auf Reddit und Twitter – von Haarausfall als mögliche Langzeitfolge von Corona.
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Vanessa vermutete erst, es würde am Stress liegen. Doch als ihr eine Freundin erzählte, ebenfalls an Haarausfall zu leiden, wurde ihr bewusst, es könnte auch am Virus liegen. Und das, obwohl sie bereits vor Monaten an Corona erkrankte und schon lange keine Symptome mehr hat – außer eben den Haarausfall. „Ich bin echt schockiert. Im Lockdown habe ich sehr gute Haarmasken und andere Pflegeprodukte verwendet. Ich habe meine Haare seit Monaten nicht mehr gefärbt, ich wasche es seltener und ich habe sie seit Februar nicht mehr geföhnt oder mit Hitze gestylt. Eigentlich müssten meine Haare jetzt so schön wie nie aussehen und super gesund sein. Aber die Realität ist, sie werden immer dünner und immer weniger.“

Was ist stressbedingter Haarausfall und wie wird er ausgelöst?

„Plötzlicher Haarverlust (auch als Telogen Effluvium, TE, bekannt) beginnt zwei bis vier Monate nach dem Auftreten eines Triggers, wie beispielsweise Stress“, erklärt Haaraussfallexpertin Simone Thomas. Auslöser können laut Thomas beispielsweise Trauer, Schock, Entbindung, Krankheiten und Defizite sein – genauso wie OPs oder extremer Gewichtsverlust. Die Folge? Eine Störung des Haarzykluses, durch die die Haare die Wachstumsphase (Anagene Phase) vorzeitig beenden und verfrüht ausfallen, so die Dermatologin Dr. Zainab Laftah.

Kann das Corona-Virus für Haarausfall sorgen?

Bisher gibt es nur wenige aussagekräftige Untersuchungen, weil wir immer noch dabei sind, zu lernen, welchen Einfluss das Virus langfristig gesehen auf unseren Körper hat. Doch Dr. Laftah stellte beispielsweise fest, dass viele Patient*innen drei Monate nach einer kurzweiligen Corona-Erkrankung oder aber durch den Lockdown hervorgerufenen Stress Haaranfall beobachten. Außerdem erzählt sie, „ein spanisches Journal berichtete kürzlich von Androgenetischen Haarausfall (betrifft hauptsächlich Männer) bei hospitalisierten COVID-19-Patienten. Untersucht wurden 41 Männer, die an einer durch COVID-19 bedingten Lungenentzündung litten. 71 Prozent von ihnen entwickelten Haarausfall, der den oberen und vorderen Kopf betraf.“ Die Autor*innen des Berichts vermuten einen Zusammenhang zwischen Androgenen (männliche Hormone), dem Coronavirus und einer das Immunsystem unterdrückenden Wirkung. Jedoch sind weitere Untersuchungen nötig, um sichere Schlussfolgerungen ziehen zu können, so Dr. Laftah.
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Wie eingangs bereits gesagt, betrifft das Thema nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Gerade weil es bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen gibt, sollten wir die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen nicht ignorieren. So berichtet die Haaraussfallexpertin Simone Thomas beispielsweise von einer erhöhten Nachfrage nach Online-Beratungen zum Thema Haarausfall. „Es ist ein aggressives Virus und es ist eindeutig, dass es eine starke Reaktion des Immunsystems hervorruft.“ Ob Haarausfall jedoch ein direktes Symptom von Corona ist, wissen wir noch nicht.

Könnte der Stress, für den das Virus sorgt, der Auslöser für Haarausfall sein?

„Stress ist einer der häufigsten Gründe für Telogen Effluvium“, sagt Simone. „Die globale Pandemie stellt nicht nur ein Risiko für unsere körperliche Gesundheit dar, sondern löst auch sehr viel Stress aus und wirkt sich auf die Wirtschaft aus. Sie stellt eine ernsthafte psychologische Belastung dar. Ängste, Sorgen und Panik können zu vermehrtem Haarausfall beitragen, was wiederum dazu führt, dass die Haare licht werden. Ich habe sehr viele Beratungsgespräche mit Menschen in der Selbst-Isolation geführt, die Haarausfall hatten, weil sie in der Wohnung feststeckten und sich Sorgen über ihre Finanzen und ihre Zukunft machten.“
Genau wie Vanessa vermutet auch die 36-jährige Hannah, dass ihr vermehrter Haarausfall eine Spätfolge des Virus ist, aber sie gab auch an, extrem gestresst zu sein. „Ich arbeite in der Entertainment-Branche und viele meiner Jobs wurden abgesagt. Deswegen bin sehr emotional. Dann habe ich einen Artikeln zum Thema Haarverlust und Corona gelesen und dachte, es könnte einen Zusammenhang geben. Ich postete eine Instagram-Story zum Thema und erhielt sehr viele Antworten von Menschen, die nach der Erkrankung ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich.“  
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Hannahs Haare fallen nicht ständig in Büscheln aus – es ist eher sporadisch. Aber es sorgt dennoch dafür, dass ihr Selbstbewusstsein leidet und sie nur noch gestresster wird. „Meine Haare waren in keinem guten Zustand, weil ich jahrelang Extensions getragen habe. Der Lockdown war die perfekte Zeit, eine Pause davon zu machen und meine natürlichen Haare rauswachsen zu lassen, damit sie wieder stärker werden. Doch jetzt fallen sie aus. Wenn ich sie bürste, fallen sehr viele aus. Wenn ich sie wasche, fallen deutlich mehr aus als früher.“

Was kannst du tun, wenn seit der Pandemie an Haarausfall leidest?

Wenn du vorher nie Probleme damit hattest und vermutest, es könnte einen Zusammenhang mit Corona geben, mach am besten einen Termin bei einem Haarspezialisten beziehungsweise einer Haarspezialistin oder deiner Hautärztin beziehungsweise deinem Hautarzt aus. Er oder sie kann dann mit einem Bluttest feststellen, ob es vielleicht einen anderen Grund für den Haarausfall gibt – wie beispielsweise eine Fehlernährung. Wenn dem so ist, könnte eine Ernährungsumstellung deine Situation relativ schnell verbessern. Eventuell wären dann auch Nahrungsergänzungsmittel eine gute Idee, aber besprich das am besten mit deiner Ärztin oder einer Ernährungsexpertin.
Sollte bei dem Bluttest und anderen Untersuchungen keine eindeutige Ursache gefunden werden, wird die Sache schon schwerer. Denn laut Dr. Laftah gibt es leider keine spezielle Behandlung für stressbedingten Haarverlust. (Wobei stressbedingt wie gesagt nicht zwingend bedeutet, dass du seit Beginn der Pandemie 70 Stunden pro Woche arbeitest und gleichzeitig noch ein Kind betreust. Es kann beispielsweise auch emotionaler Stress sein, der durch Ängste entsteht.) Besonders in diesem Fall kann es hilfreich sein, sich emotionale Unterstützung zu suchen (zum Beispiel eine Selbsthilfegruppe) und regelmäßig Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen zu machen, wie Yoga oder Mediation, rät Dr. Laftah. Versuche, herauszufinden, was genau dich stresst und ob du dagegen etwas tun kannst.
Eine gute Nachricht gibt es aber noch: „Wenn der Trigger nicht mehr da ist, löst sich das Problem mit dem Haarausfall meist von selbst nach ein paar Monaten“, so Dr. Laftah. Sprich Tabletten oder teure Shampoos kannst du dir wahrscheinlich sparen. Schau stattdessen lieber, dass du dir Zeit für dich nimmst.
Zum Schluss noch ein Hinweis von Simone: „Es mag offensichtlich klingen, aber nachwachsende Haare (egal wie wenige es auch sein mögen oder wie lange es auch dauert) sind ein Zeichen von Genesung und es wird oft übersehen“. Deshalb empfiehlt die Expertin auch, sich die Kopfhaut nach drei bis sechs Monaten genau anzuschauen.

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