Fastenmonat Ramadan: Geständnisse einer „sündigen“ Muslima

Foto: Allef Vinicius.
Ich würde mich nicht als „schlechte“ Muslima bezeichnen – aber auch nicht als besonders „gute“. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man sowas überhaupt über irgendjemanden sagen kann, der:die dem Islam folgt. Kurz gesagt bist du ein:e Muslim:a – oder eben nicht. Aber was ist mit Leuten, die den Islam für elf Monate im Jahr ein bisschen vernachlässigen, während des Ramadan dann aber doch 30 Tage lang Islam-Punkte sammeln? In diese Kategorie falle ich.
Trotzdem identifiziere ich mich als Muslima. Ich bin eine – wenn auch für den Großteil des Jahres eine relativ sündhafte. Während dieser Zeit schwelge ich, ohne zu zögern, gerne mal im Überfluss: Ich esse und trinke, was und wann ich will, bleibe die ganze Nacht über wach, lebe ein ziemlich ungläubiges Leben. Dann aber stelle ich all das einen Monat lang auf den Kopf: Ich ernähre mich gesund, verzichte auf Alkohol, gehe früh ins Bett, arbeite hart, denke reine Gedanken. Das ist ganz ehrlich meine liebste Zeit des Jahres, und ich freue mich immer wieder darauf.
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Warum also lebe ich dann nicht das ganze Jahr über so wie während des Fastenmonats? Weil ich eben auch mein ungläubiges Leben liebe. Diese beiden Seiten von mir lassen sich nur schwer miteinander vereinbaren. Ich lebe nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“ – und demnach ist der Ramadan für meine Art des Islams absolut perfekt.
Als Kind lernte (und vergaß) ich, Arabisch zu lesen und zu beten. Die Lektionen des Islam brachten mir bei, ich solle nicht lügen, betrügen oder jemanden verletzen, und stattdessen immer hilfsbereit, rücksichtsvoll, großherzig und großzügig sein. Um es kurz zu sagen: Ich solle ein guter Mensch sein. Die meisten Muslim:innen können dir erzählen, dass der Ramadan – der neunte Monat des islamischen Kalenders – von Anhänger:innen des Islam gewürdigt wird, um damit der ersten Offenbarung des Korans zu gedenken (ich selbst musste ehrlich gesagt auf Wikipedia nachschauen). Ich hielt mich während meiner Teenagerzeit streng an den Ramadan, ohne wirklich zu wissen, warum. Während des Studiums und auch noch einige Jahre danach empfand ich den Monat aber immer häufiger als Hindernis für das sorglose (sprich: genusssüchtige) Leben, das ich eigentlich führen wollte – also verzichtete ich irgendwann darauf.
Warum kehrte ich also vor knapp zehn Jahren doch wieder zum Ramadan zurück? [Ich bin heute 33 Jahre alt.] Die meisten meiner muslimischen Freund:innen, die einen ähnlichen Lifestyle führen wie ich – nennen wir uns einfach mal „lockere“ oder nicht-praktizierende Muslim:innen –, fingen mit dem Fastenmonat nie wieder an, sobald sie ihn einmal ignoriert hatten. Ich hingegen wurde nachdenklich, als ich sah, wie viel der Ramadan anderen Leuten (vor allem meiner Familie) zu bedeuten und zu geben schien.
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Vielleicht lag der Reiz für mich anfangs schlicht und ergreifend darin, etwas Neues auszuprobieren. Ein Fastenmonat klang nach dem idealen Detox und gab mir eine Ausrede, einfach mal alles runterzufahren (perfekt, um Termine und Verabredungen zu canceln!). Das Leben kann ganz schön anstrengend sein, und irgendwann erreichst du den Punkt – manchmal auch mehrmals –, an dem du deinen Körper und deinen Geist gerne auf Werkseinstellungen zurücksetzen würdest. Der Ramadan gab mir Chance dazu. Obwohl es natürlich relativ extrem ist, einen ganzen Monat lang während der Tagesstunden auf Essen und Trinken zu verzichten, fiel es mir leichter, mich komplett einzuschränken, anstatt es mit einem Mittelding zu probieren. Ich war nie die Art Mensch, die es beim Abendessen bei einem Glas Wein belassen kann.

Für mich ist der Ramadan eine Erinnerung daran, Dinge zu tun, die ich sowieso während des ganzen Jahres tun sollte. Gut zu anderen zu sein, ihnen zu helfen. Ich sollte keinen Fastenmonat brauchen, um daran zu denken – aber er hilft definitiv dabei.

Zugegeben: Ich kann während der ersten Fastentage ganz schön unangenehm sein, wenn ich mich noch daran gewöhne, tagsüber ohne Essen, Trinken (ja, sogar Wasser) und Nikotin auszukommen, die meine Stimmung ansonsten regulieren würden. Nachdem ich diese erste Phase überwunden habe, zeigen sich mir aber die deutlichen Vorteile, und am Ende der ersten Woche geht es mir grandios. Ohne die Ablenkung eines Fresskomas oder Katers bin ich fokussierter und kann mich leichter langfristig auf etwas konzentrieren. Die Stunden, die ich an meinem Schreibtisch verbringe, vergehen schneller, während ich mich voller Ehrgeiz und neuer Disziplin in meine Arbeit stürze.
Im weiteren Verlauf des Monats zeigen sich dann auch weitere Benefits. Ich persönlich entwickle dadurch ein besseres Gefühl dafür, wann ich wirklich einen Drink, eine Zigarette oder etwas Essbares brauche – und wann ich nur aus Gewohnheit oder Langeweile dazu greife. Das ist eine kleine Erinnerung daran, wie sich Hunger oder Durst tatsächlich anfühlen. Einige meiner nicht-muslimischen Freund:innen können sich damit ebenfalls identifizieren und machen aus Solidarität und Neugier mit, fasten ein paar Tage mit mir und/oder verzichten einen Monat lang auf eine ihrer „Sünden“.
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Mir selbst gefällt die Disziplin – oder eher der Beweis, dass ich diszipliniert genug bin, um auch mal ohne etwas auszukommen. Selbst, wenn sich das Ganze auf einen Monat beschränkt. Genau diese Lektion versuche ich daraufhin (oft vergeblich) auf den Rest meines Lebens zu übertragen: Ich muss mich meinem Appetit nicht unterwerfen; ich brauche in Wahrheit gar nicht viel, um klarzukommen. (Obwohl das Leben natürlich mehr ausmacht, als gerade so klarzukommen.)
Gegen Ende des Monats, mit fast 30 Tagen des klare(re)n Denkens hinter mir, wird mir klar, dass es mir beim Ramadan gar nicht wirklich um Hunger oder Durst geht. Was ich am Fastenmonat am meisten schätze – einer seiner Aspekte, der mich in meinen 20ern wieder zum Ramadan zurückkehren ließ –, ist, wie er Familie und Freund:innen jeden Tag zusammenbringt. Ich liebe es, einen Grund dafür zu haben und mir die Mühe zu machen, meine große Familie zu treffen und mit ihnen zum Sonnenuntergang das Fasten zu brechen. Darauf freue ich mich jeden Tag von ganzem Herzen. Wie viele von uns können das wirklich von sich behaupten? Und zum Zuckerfest, Eid al-Fitr, geht es mir am Ende des Monats dann nicht darum, endlich auch wieder tagsüber was futtern zu können oder meine Freund:innen abends auf einen Drink zu treffen – sondern darum, meine gesamte Familie zu sehen.
Für mich ist der Ramadan eine Erinnerung daran, Dinge zu tun, die ich sowieso während des ganzen Jahres tun sollte. Gut zu anderen zu sein, ihnen zu helfen. Ich sollte keinen Fastenmonat brauchen, um daran zu denken – aber er hilft definitiv dabei. Es macht einen großen Teil meiner Identität als Muslima aus, diese Lektionen auch im restlichen Jahr umzusetzen (oder es zumindest zu versuchen), ganz unabhängig von den Erwartungen anderer Menschen, wie sich ein:e Muslim:a verhalten sollte. Der Ramadan bringt mich dazu, meine eigene Beziehung zu meiner Religion und den damit einhergehenden Erwartungen zu überdenken.
Ich glaube nicht, dass es mich zu einer „besseren“ Muslima macht, einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten – aber genauso wenig macht es mich zu einer „schlechteren“ Muslima, elf Monate lang Alkohol zu trinken. Okay, vielleicht macht es mich zu einer sündigeren Muslima; in dem Fall ist das aber nur eine meiner diversen Sünden. Und bis ich mich mit deren Konsequenzen vielleicht irgendwann auseinandersetzen muss, werde ich weiterhin versuchen, die Lektionen des Ramadan so gut wie möglich zu befolgen – und aus diesem einen Monat auch für den Rest des Jahres neue Güte und neues Licht zu gewinnen. 

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