Mein Freund trinkt keinen Alkohol mehr & es verändert unsere Beziehung

Illustration: Natalia Bagniewska.
Wie so viele Millennial-Beziehungen begann auch unsere mit einem Drink. Wir lernten uns bei einer Student:innen-Party kennen (hi, billiges Bier), tanzten am Ende der Nacht in einem Pub und tranken Tequilashots aus dreckigen Gläsern. Fast ein Jahrzehnt voller Rotwein, feucht-fröhlicher Fußballabende und diverser Lockdowns später wurde uns beiden bewusst, dass sich ein großer Teil unserer Beziehung ums Trinken gedreht hatte. Es war nicht so, dass wir glaubten, ein Alkoholproblem zu haben; trotzdem wollten wir eine kleine Trinkpause einlegen. Das würde uns mindestens mal zeigen, wer wir eigentlich zusammen waren, so ganz ohne den Einfluss von Alkohol.
2021 machten wir also beide beim Dry January mit – mit großem Erfolg. Es war erleichternd zu wissen, dass wir uns auch ohne Gläser in der Hand leiden konnten. Für mich wurde dieser nüchterne Monat trotzdem zur Herausforderung, und als der 1. Februar anbrach, war ich mehr als bereit für ein großes Glas Pinot Noir. Ich stieß also mit einem schönen Wein auf einen erfolgreichen Dry January an und fiel schon bald zurück in alte Gewohnheiten: einen kleinen Gin Tonic nach der Arbeit, einen Drink zu viel am Freitagabend, einen feierlichen Sekt, wenn irgendwas gut gelaufen war, und ein Glas zum Trost, wenn etwas nicht so gut gelaufen war.
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R. ging es anders. Ermutigt durch die definierteren Muskeln und geistige Klarheit, mit denen er im Dry January belohnt worden war, zog er es weiter durch – und weiter, und weiter. Heute, am 328. Tag ohne Alkohol, hat er 115.200 Kalorien eingespart und über sechs Kilogramm abgenommen, sagt ihm seine Try-Dry-App. Außerdem hat er rund 4.000 Euro gespart. „Ich sehe den Unterschied in mir selbst und fühle mich in meinem Körper einfach wohler“, erzählt er mir im Dezember bei einem alkoholfreiem Glühwein. „Und auch geistig fühle ich mich irgendwie fitter. Ich kann mich besser konzentrieren.“
Ich bin unglaublich stolz auf ihn – und extrem beeindruckt –, wenn ich bedenke, wie gern wir beide früher mal ein Gläschen kippten. „Ein Jahr lang keinen Alkohol zu trinken, fühlt sich für mich wie ein riesiger Erfolg an“, sagt er. „Ich hatte nie den Eindruck, ein Alkoholproblem zu haben, aber ich war auch nie sonderlich gut daran, es bei einem Glas zu belassen.“
Die Trinkkultur der ersten zehn Jahre unserer Beziehung hat eindeutig eine 180-Grad-Wende hingelegt, und ich bin, wie gesagt, absolut stolz auf ihn. Trotzdem: Obwohl er kein Problem damit hat, mit mir in Clubs und Bars zu gehen und an alkoholfreien Alternativen zu nippen, während ich fröhlich drei Weine in mich hineinkippe, möchte ich ihm das nicht unbedingt immer wieder antun. Deswegen habe auch ich meinen Konsum eingeschränkt und denke häufiger darüber nach, was und wie viel ich trinke.
Diese Selbstreflexion hat mich dazu gebracht, meine eigenen Trinkgewohnheiten zu analysieren – bis zu einem Punkt, an dem ich mich langsam richtig schuldig dafür fühlte, Alkohol zu trinken. Jedes Mal, wenn ich mir beim Kochen des Abendessens ein Glas Wein einschenkte, zum Beispiel. Dabei kam dieser Druck überhaupt nicht von R., sondern von mir selbst.
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Obwohl der Einfluss von Alkohol in Beziehungen überraschend schlecht erforscht ist, scheint eine zehnjährige Studie der University of Michigan von 2016 mit 2.700 teilnehmenden Paaren ergeben zu haben, dass Paare, die zusammen trinken, auch zusammen bleiben. Dasselbe gilt für diejenigen, die gar nicht trinken. In Beziehungen, in denen ein:e Partner:in trinkt und der:die andere nicht, sieht es aber etwas komplizierter aus.
Ungleiche Trinkgewohnheiten wurden auch vom University of Buffalo Research Institute on Addictions (RIA) untersucht. Die dortige Studie begleitete 634 frisch verheiratete Paare während der ersten neun Ehejahre und ergab, dass beinahe die Hälfte der Paare, bei denen ein:e Partner:in mehr trank, am Ende der Studie geschieden war (verglichen mit 30 Prozent derjenigen, die gleich viel tranken).
Uff. R. und ich sind verlobt und wollen 2022 heiraten. Ist unsere Ehe schon zum Scheitern verurteilt, bevor sie überhaupt begonnen hat? Muss ich den Alkohol aus Solidarität aufgeben, nur weil er es getan hat? R. ist ein ziemlicher Realist und hat viel Verständnis für mich und meine Sorgen. „Wir sind alle auf unserem eigenen Weg, ob nun mit oder ohne Alkohol“, sagt er. „Das ist etwas ganz Persönliches.“
Das sehen leider nicht alle so. Obwohl ich mein Bestes gegeben habe, R. während dieser Zeit so gut wie möglich zu unterstützen, lässt sich dasselbe nicht für alle unserer Freund:innen sagen. Einige von ihnen haben immer wieder nach seinen Gründen für den Alkoholverzicht gefragt und sogar angedeutet, er sei „langweilig“, weil er im Pub nicht mittrinken wolle. Bis heute wird ihm ein schlechtes Gewissen für seine Enthaltsamkeit eingeredet. „Das ist so weit verbreitet, und so unnötig“, meint Lucy Holmes von der Organisation Alcohol Change UK. „Ich war selbst schon in der Situation, dass ich keinen Alkohol trinken wollte und daraufhin mit Fragen durchlöchert wurde. Musst du noch fahren? Bist du schwanger? Nimmst du Antibiotika? Du musst doch einen Grund dafür haben!“, erzählt sie. „Dabei ist der Grund ja einfach der: Ich möchte heute gar nicht trinken – und das ist okay. Dieser unterschwellige Gruppenzwang, der den Alkoholverzicht oder einen Abend ohne Alkohol als ‚unnormal‘ darstellt, kann überwältigend und sehr unangenehm sein. Stattdessen sollten wir uns eher fragen: Wie kann ich dieser Person ein:e gute:r Freund:in oder Gastgeber:in sein?“
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Leider bin ich manchmal so selbstsüchtig, dass mir die betrunkenen Abende fehlen, die R. und ich vor 2021 manchmal miteinander verbrachten. Die waren immer lustig! Und ich glaube, dass es auch nichts daran auszusetzen gibt, wenn man gelegentlich mal mit Alkohol feiert – in Maßen. An solchen Abenden alberten wir dann die ganze Zeit rum und tanzten in der Küche. Die verkaterten Streits am nächsten Tag vermisse ich hingegen gar nicht. Zwei schnippische Leute in einer Beziehung sind deutlich schlimmer als eine Person.
Der Sozialpsychologe Dr. Gary Wood sieht Nüchternheit in einer Beziehung als „nützliche Gelegenheit dazu, viele neue Dinge zu erkunden“. Er ergänzt: „Wenn eine Sache – in diesem Fall Alkohol – immer die Lösung ist, kann das einschränkend wirken. [Der Alkoholverzicht einer Person] kann bereichernd wirken. Sieh es als Chance!“
Ich werde im kommenden Januar wieder beim Dry January mitmachen, und obwohl ich mich auf einen Monat ohne Alkohol freue, habe ich nicht vor, das Trinken komplett aufzugeben. Es macht mir Spaß, und ich trinke auch nur mit Bedacht. Wenn mich ein Jahr in einer halb-nüchternen Beziehung eines gelehrt hat, dann, dass wir alle unser eigenes Leben führen – und das ist okay. R. stimmt mir zu. „Werde ich weiterhin keinen Alkohol trinken? Ich weiß es nicht. Ich bin weiter auf meiner eigenen Reise, und genieße es voll und ganz.“

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