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Ich will meine Mutter nicht finanziell unterstützen – ist das egoistisch?

Willkommen beiTaking Stock. In dieser Kolumne beantwortet die Finanzberaterin Paco de Leon alle schwierigen, emotional aufgeladenen Fragen rund ums Geld. Die letzten beiden Jahre haben viele von uns dazu gezwungen, unsere finanziellen Prioritäten auf den Kopf zu stellen, und Taking Stock soll dir dabei helfen, den Durchblick zu behalten.
Diesen Monat geht es darum, die eigenen Eltern finanziell zu unterstützen. Wie leitest du Gespräche über Geld ein, ohne damit einen Streit vom Zaun zu brechen oder deine eigene finanzielle Sicherheit zu gefährden? 
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Liebe Paco,
ich bin 29 Jahre alt, Managerin in einer medizinischen Klinik und richtig gut im Sparen. Nachdem ich meine Miete und andere fixe Rechnungen bezahlt habe, zahle ich jeden Monat rund 250 Euro auf mein Rentenkonto ein und investiere weitere 450 Euro in Anlagen und ein ertragsstarkes Sparkonto, auf dem ich mir Geld für ein Haus zusammenspare. 
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Das alles habe ich selbst organisiert, und darauf bin ich sehr stolz – aber gleichzeitig weiß ich, dass da noch was geht. Meine Eltern sind allerdings Einwanderer:innen; das heißt, Rentenpläne standen auf ihrer Prioritätenliste erstmal sehr weit unten. Meine Mama war immer Hausfrau, und mein Papa, der in der IT gearbeitet hat, ist inzwischen tot. Er hat uns ein wenig Geld vererbt, rund 80.000 Euro. Darauf mussten wir aber Steuern zahlen, und inzwischen sind nur noch etwa 40.000 Euro übrig.
In letzter Zeit arbeitet meine Mama als Nanny. Sie ist Mitte 50 und geht daher so bald noch nicht in Rente. Mir wurde letztens aber klar, dass mein Bruder und ich daher ihre hauptsächliche „Rentenkasse“ sein werden. Ich bin wütend und frustriert, komme mir aber gleichzeitig egoistisch vor. Die Eltern meiner Freund:innen haben alle für die Rente gespart und Geld investiert. Wie beginne ich ein Gespräch mit meiner Mutter über ihre Rentenplanung und ihre generellen Finanzen, ohne frustriert oder enttäuscht zu wirken, weil sie so unvorbereitet da rangeht? Ich glaube, sie ist der Meinung, das restliche Geld von meinem Vater würde schon alles decken – wofür es ja gar nicht gedacht war, aber das scheint sie nicht zu verstehen. Sie will sogar, dass ich mich an den Kosten für ihre Zahnbehandlungen beteilige, die nicht von der Versicherung übernommen werden.
Wenn ich schon ihr Rentenkonto sein soll, will ich zumindest nicht für ihre Zahnbehandlungen zahlen, weil die derzeit echt keine Priorität haben. Ich habe aber die Befürchtung, dass es direkt zum Streit kommt, wenn ich ihr das sage, und sie mich daraufhin eine schlechte Tochter nennt. Wir leben momentan zusammen und teilen uns alle Kosten. Bin ich eine schlechte Tochter?
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Liebe Rentenkasse,
wenn sich ein Elternteil auf dich als Rentenversorgung verlässt, kann sich das enorm auf deine finanzielle Gesundheit auswirken. Unsere Welt ist so schon unsicher genug – zusätzliche finanzielle Belastungen sind dadurch umso stressiger. Und selbst Leute, die sich seit Jahren ein finanzielles „Sicherheitsnetz“ aus Anlagen und Ersparnissen aufgebaut haben, können von unerwarteten Kosten überrascht werden. 
Du selbst scheinst mit Geld extrem vernünftig umzugehen und vorzusorgen. Du bist ganz offensichtlich ein Mensch, der sich seine Selbstständigkeit bewahren will, egal, was da kommen möge, und gehst mit einem realistischen Blick an deine Finanzen heran. Das ist ein toller Ausgangspunkt!
Hier nun ein paar Ratschläge dazu, was du tun kannst, um deine finanzielle Situation weiter in die Hand zu nehmen:

Lass dich von deinen Sorgen zum Handeln anspornen

Besprich deine Zweifel und Ängste ganz offen mit deiner Mutter und arbeite mit ihr auf ein gemeinsames Ziel hin. Betrachtet euch als ein Team, das ein geteiltes Problem angeht – das fängt schon bei der Formulierung an: „Was können wir wegen unserer finanziellen Lage tun?“, oder: „Was sind unsere Optionen, um Zahnbehandlungskosten effektiv zu decken? Was können wir jetzt priorisieren, und was können wir auf später verschieben?“

Vereinbart wöchentliche Geldgespräche

Zusätzlich zu diesen sprachlichen Rahmenbedingungen für diese Gespräche solltet ihr auch für das richtige Timing sorgen – kurz gesagt: Führt sie so oft wie möglich! Ich empfehle meinen Kund:innen, einen wöchentlichen Termin für solche Gespräche festzulegen. Innerhalb von 30 Minuten bis hin zu einer Stunde besprecht ihr dann jede Woche euer gemeinsames Finanzleben. So ist sichergestellt, dass ihr wirklich regelmäßig darüber redet – und je öfter ihr das tut, desto leichter wird es euch fallen. Gleichzeitig nimmt dir das ein wenig Stress auf dem Alltag, weil du weißt, dass du deine finanziellen Sorgen auf dieses bestimmte Zeitfenster schieben kannst.
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Eröffne ein Notfallkonto

Du hast in deinem Brief kein Notfallkonto erwähnt – vermutlich, weil du deins selbst schon gefüllt hast. Zusätzlich zu deinem Notfallkonto (einem Sparkonto, auf dem mindestens drei, bestenfalls zwölf Monatsgehälter liegen) solltest du aber auch über eins für deine Mutter nachdenken.
Wer finanziell instabile Familienmitglieder hat, richtet sich gern ein solches Notfallkonto ein, um eventuelle Überraschungskosten problemlos decken zu können. Es gibt nicht die eine Art, ein solches Konto einzurichten; vielleicht hilfst du deiner Mama dabei, eins zu eröffnen, und erklärst ihr, wie sie darauf Geld einzahlen kann – ob nun aus ihren Einkünften oder von dem Erbe deines Vaters. Oder du, dein Bruder und deine Mutter zahlen alle etwas darauf ein. Für manche ist das eine finanzielle Grenze, die sie lieber nicht überschreiten möchten; andere fühlen sich durch kulturelle Werte dazu verpflichtet, die Eltern mitzufinanzieren. Ganz unabhängig davon, welchen Weg du dahingehend einschlägst, solltest du vorher sicherstellen, dass dein eigenes Notfallkonto genug gefüllt ist.

Investiere weiter

Super, dass du schon so viel gespart hast! 700 Euro pro Monat ist mit 29 Jahren schon ein toller Start. Ich habe mal diesen sehr simplen Investment-Rechner benutzt, um dir ein paar Zahlen zu präsentieren: Wenn du zehn Jahre lang 700 Euro monatlich investierst und wir von 7,5 Prozent Zinsen ausgehen, ergibt das rund 125.000 Euro. In 20 Jahren sind es dann schon (ausgehend von denselben Einzahlungen und Zinsen) etwa 388.000 Euro. Wenn dein Gehalt in diesen 20 Jahren steigt, kannst du natürlich auch noch mehr sparen. Ein kleiner Disclaimer: Das sind nur grobe Zahlen, die ich in einen Rechner getippt habe. Das ist keine Garantie und auch kein Investitions-Ratschlag, sondern soll dir zeigen, dass du auf einem guten Weg bist und ihn weiter durchziehen solltest. 
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Behalte dein Eigenkapital im Blick

Nutze ein Tool, das dir einen Überblick über deinen Vermögenswert verschafft (die Werte deiner Besitztümer, also Geld plus Investments minus eventuelle Schulden) und dir so einen detaillierteren Ausblick auf deine finanzielle Zukunft schenkt. Ich mag und nutze selbst Personal Capital, doch gibt es jede Menge solcher Tools. Dieses Eigenkapital (auch „Nettowert“) ist ein Maßstab für Wohlstand und finanzielle Gesundheit. 

Plane langfristig voraus

Überlege dir, eine personalisierte Finanzberatung in Anspruch zu nehmen – es gibt auch Berater:innen, die sich auf die finanzielle Unterstützung der Familie spezialisiert haben. Auch Versicherungen sind eine tolle Möglichkeit, langfristig zu planen (auch darüber wird dir ein:e Finanzberater:in viel erzählen können), zum Beispiel in Form einer Arbeitsunfähigkeits- oder Lebensversicherung. Wenn du langfristig nicht arbeiten kannst, springt zum Beispiel die Arbeitsunfähigkeitsversicherung ein und ersetzt deinen Lohn. Und wenn dir mal etwas zustoßen sollte, stellt eine Lebensversicherung sicher, dass dein Einkommen für deine Familie nicht plötzlich wegbricht.

Unterschätze nicht dein Potenzial, mehr zu verdienen

Mehr Gehalt“ muss nicht zwangsläufig „mehr Arbeit“ bedeuten. Es geht hier darum, dir einen Überblick über deine Optionen zu verschaffen und ihre individuellen Kosten abzuwägen. Manchmal lässt sich das Einkommen vergrößern, indem man den Job oder die Branche wechselt; natürlich ist das aber nicht für jede:n eine Option. Trotzdem solltest du dir vor Augen halten, welche Möglichkeiten dir prinzipiell offen stehen, um mehr Geld in deine Kasse zu spülen.

Kenne deine Grenzen

Wo ist die Grenze zwischen strikten finanziellen Prinzipien und der Unterstützung der Familie? Die Antwort sieht für uns alle anders aus. Was für die eine Person vielleicht aus kultureller Sicht völlig normal ist – wie das Zusammenleben mit den eigenen Eltern oder deren finanzielle Versorgung –, empfindet die andere schon als fehlende Grenzen. Mache dich deiner eigenen Grenzen bewusst, um sie anderen mitteilen und Erwartungen kommunizieren zu können.
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Schäme dich nicht für deine Gefühle

Bevor du dich mit deiner Mutter zum Gespräch hinsetzt und deine Sorgen in Tatendrang umsetzt, beschäftige dich erstmal mit deinen eigenen Gefühlen. Ich bin weder Psychologin noch Therapeutin – doch braucht es keinen Studienabschluss, um zu wissen, dass Geld ein hochemotionales Thema sein kann. Du hast ein Recht darauf, Wut, Enttäuschung und Frust zu empfinden, solltest dich aber gleichzeitig nicht von ihnen leiten lassen. Geld ist so schon ein sehr aufgeladenes Thema. Unkontrollierte Gefühle werden euer Gespräch nicht einfacher gestalten.
Du hast außerdem erwähnt, dass du dich wie eine schlechte, selbstsüchtige Tochter fühlst. Ich glaube, es könnte dir dabei helfen, diese Sorgen abzuschütteln, indem du dich intensiv mit diesen Gefühlen auseinandersetzt und sie hinterfragst. Sobald du verstehst, wieso du so empfindest, kannst du die Emotionen in neue Bahnen leiten. Vielleicht fühlst du dich so, weil deine Mutter für dich finanziell viel opfern musste – und du Angst davor hast, sie könnte glauben, du würdest sie nicht lieben, wenn du nicht dasselbe für sie tust. Oder vielleicht haben deine Gefühle auch ganz andere Ursachen. Das musst du selbst erkunden – zum Beispiel durch eine Gesprächstherapie, Tagebuchschreiben, Meditation oder Hypnotherapie. Du hast ganz viele verschiedene Optionen. Wichtig ist nur, dass du deine Emotionen in deinen Alltag integrierst, anstatt dich von ihnen überwältigen zu lassen.
Ich bin selbst das Kind von Einwanderer:innen und habe miterlebt, wie meine privilegierteren Freund:innen bessere Entscheidungen treffen konnten, weil es ihnen von ihren Eltern so beigebracht wurde – oder auch einfach nur, weil sie es sich eher leisten konnten. Viele von ihnen bekamen viel Geld von ihren Eltern zur Hochzeit oder für den Hauskauf, einige von ihnen erbten zusätzlich hohe Beträge. Manchmal frage ich mich deswegen, wie „weit“ ich heute wohl schon wäre, wenn auch meine Eltern mir so etwas ermöglicht hätten.
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Ich habe aber gelernt, die finanziellen Entscheidungen meiner Eltern heute mit Mitgefühl und Verständnis zu betrachten. Obwohl die Liste der Dinge, die ich mir von ihnen erhofft hätte, zwar recht lang ist, ist mir heute klar: Sie haben das Beste aus dem gemacht, was sie selbst zur Verfügung hatten.
Deine Finanzfreundin
Paco
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