Ich habe mich via FaceTime hypnotisieren lassen

Foto: Beth Sacca.
Während einer meiner nächtlichen Scroll-Sessions durch TikTok stolperte ich über das Video einer Hypnotiseurin. Darin versetzte die blonde Frau jemanden in eine Trance – und das auf einer Yacht. Ziemlich luxuriös, oder? Neugierig klickte ich auf das Profil der Hypnotiseurin. So lernte ich Magdalena Kalley kennen, Lifecoach und Hypnotherapeutin. Etwa eine Stunde lang scrollte ich mich durch ihre Videos, bevor mir schließlich ein Link in ihrem Profil auffiel, über den man sich für eine Hypnosesitzung via FaceTime anmelden konnte. Obwohl ich mich selbst eher als Hypnoseskeptikerin bezeichnen würde – zumindest damals! –, beschloss ich, dem Ganzen mal eine Chance zu geben.
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Hypnose hat einen durchwachsenen Ruf. Viele betrachten sie als Party-Gag – quasi so wie Hobbyzauberei. Hypnose wird auch immer noch „als Gedankenkontrolle stigmatisiert“, erzählt mir Kalley später, als wir uns auf meine Session vorbereiten. Sie betont aber: „Das ist eine Wissenschaft – keine Zauberei, kein Quatsch.“
Es gibt einen Unterschied zwischen „Show-Hypnose“ und therapeutischer Hypnotherapie, erklärt mir auch die Beziehungstherapeutin Kristen Harrington, die Psycho- und Hypnotherapie anbietet. „Hypnotherapie dient dazu, die Psyche, die Seele und den Körper zu heilen, indem eine außergewöhnlich sichere, fokussierte Atmosphäre geschaffen wird, die einer Person durch entspannte Intention helfen kann“, erzählt Harrington.
Als ich mich ausführlicher mit der Praxis beschäftigte, fand ich heraus, dass Hypnotherapie tatsächlich eine wissenschaftlich erwiesene Wirkung hat. Studien zufolge kann die Hypnotherapie Stress reduzieren, Schlafstörungen verbessern und sogar Reizdarm-Symptome besänftigen. Eine Studie von 2007 ergab, dass hypnotisierte Patient:innen bei einer darauffolgenden kleinen Operation weniger Betäubungs- und Schmerzmittel brauchten. Und ja, es gibt sogar Indizien dafür, dass die Hypnose sogar dabei helfen könnte, schlechte Gewohnheiten wie Rauchen abzulegen.
Dazu versetzt uns die Hypnose in einen Bewusstseinszustand, den wir jeden Tag erleben, erklärt Harrington: „Im Laufe des Tages verfallen wir regelmäßig in kurze Phasen der Trance. Das bekommen wir nicht mal mit.“ Dabei spricht sie von den kurzen Phasen, in denen sich dein Kopf einfach „ausschaltet“ – zum Beispiel, wenn du auf der Autobahn unterwegs bist und plötzlich feststellst, dass du seit 20 Ausfahrten nichts mehr mitbekommen hast. Während einer Hypnosesitzung versetzen dich die Hypnotherapeut:innen in genau diesen Bewusstseinszustand und suggerieren dir dann Verhaltensanpassungen. „Das hilft der Person dabei, die Mauern fallen zu lassen, die sie sonst bewusst um sich herum aufbauen. So können sie eine neue Perspektive oder neue Überzeugungen entwickeln“, erklärt sie.
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Die Praxis kommt oft bei der kognitiven Verhaltenstherapie zum Einsatz, die ebenfalls darauf abzielt, deine Psyche zu positiveren Gedankenmustern zu bewegen. 
Aber keine Sorge: Du kannst nicht per Hypnose zu etwas gebracht werden, was du selbst nicht tun möchtest. Und nicht jede:r kann überhaupt hypnotisiert werden – weder via Handy noch im echten Leben. Rund zehn Prozent der Bevölkerung gilt laut einer Stanford-Medicine-Studie als „hoch hypnotisierbar“. Viele der restlichen 90 Prozent können vermutlich hypnotisiert werden, bloß eben nicht so einfach.
Aber kann das wirklich über FaceTime funktionieren? Harrington meint: Ja. „Prinzipiell finden diese Sitzungen in Person statt. Seit Corona biete ich sie aber auch online an. Das lässt sich auch virtuell machen“, sagt sie. „Das klappt via FaceTime genauso gut wie persönlich“, stimmt auch Kalley zu. „Wenn du meinen Anweisungen folgst und ich dich dazu auffordere, etwas zu fühlen oder dir etwas vorzustellen, funktioniert das so oder so.“
Diese Behauptungen wollte ich auf die Probe stellen. Kalley begann ihre Sitzung, indem sie mich fragte: „Was geht dir öfter durch den Kopf, das ich beheben könnte? Was könnte dein Leben verbessern?“ Meine Bitte war ein echter Klassiker (um nicht gleich „Klischee“ zu sagen): Ich wünschte mir weniger Stress und Unruhe – und wollte gern mit dem Nägelkauen aufhören. (Was denn? Ich wollte es wenigstens ausprobieren!) Kalley machte sich während unseres Gesprächs ein paar Notizen, und dann ging die Hypnose los.
Die 20-minütige Sitzung war im Nu vorbei. Kalley bat mich darum, mir vorzustellen, ich würde eine Treppe hinablaufen, immer weiter und weiter, bis ich an einem Aufzug ankam, der mich durch die meditationsähnliche Hypnose führte. Als Kalley mich aus der Hypnose holte – indem sie sagte: „Augen auf“ –, fragte ich mich sogar erstmal, ob ich eingeschlafen war; ich fühlte mich einfach total erholt. „Das hast du super gemacht“, lobte mich Kalley danach. „Ich habe gesehen, dass sich deine Augen bewegt haben.“ Sie sagte mir, dass ich direkt einige Veränderungen spüren könnte, dass sie aber auch „Samen“ in mein Bewusstsein gepflanzt habe, die sich erst später äußern würden – oder nach mehreren Sitzungen.
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In den darauffolgenden Tagen fühlte ich mich deutlich weniger gestresst und zerbrach mir weniger den Kopf über Dinge, die ich ohnehin nicht kontrollieren konnte. Nach einer zweiten virtuellen Hypnose-Session – diesmal mit Harrington – hatte ich das Gefühl, mich sogar noch weiter entspannt zu haben und zur Wurzel des Stresses durchgedrungen zu sein, der mich seit Monaten plagte.
Diese Wirkung dauert jetzt schon seit fast einem Monat an. Trotzdem knabbere ich immer noch an meinen Nägeln – ein Wundermittel für alle Probleme ist die Hypnose also nicht.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Hypnotherapie bei mir funktionieren würde. Dennoch gefielen mir die Sitzungen total. Es gibt aber auch Ärzt:innen, die die Technik nicht empfehlen würden; um also auf Nummer sicher zu gehen, solltest du daher mal mit deinem Arzt oder deiner Ärztin beziehungsweise deinem:deiner Therapeut:in darüber sprechen, ob dir die Hypnose ihrer Meinung nach helfen könnte. Wenn sie das bejahen, kannst du sie gleich um Empfehlungen bitten.
Die ganzen FaceTime-Termine haben mich definitiv neugierig gemacht, ob (und wenn ja, inwiefern) eine Hypnose in Person effektiver sein könnte. Vielleicht lasse ich mich also auch mal vor Ort hypnotisieren!
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