Sex Re-ed gif

Ja, asexuelle Menschen masturbieren. Nein, das müssen wir nicht „erklären“

Eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden, wenn andere von meiner Asexualität erfahren, ist: „Masturbierst du denn?“ Diese Nachfrage ergibt sich in Gesprächen mit Quasi-Fremden oft schneller, als du vielleicht denkst. Sie folgt meist auf meine Erklärung, dass ich mich nicht sexuell zu anderen Menschen hingezogen fühle – kommt aber meistens noch vor der Frage, ob ich denn Kinder bekommen kann. Daran hat sich nichts geändert, seit ich mich vor etwa einem Jahrzehnt als asexuell geoutet habe. Damals war ich 15. Wenn ich darauf mit einem ehrlichen „Ja, andauernd“ antworte, bekomme ich darauf meist eine von zwei Reaktionen: Erleichterung oder Verwirrung.
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Erleichterung, weil ich meinem Gegenüber damit subtil versichert habe, dass ich keine komplette Anomalie bin, sondern noch irgendwie nachvollziehbar. Dass ich immer noch etwas „Normales“ erlebe, selbst wenn ich mich sexuell zu niemandem hingezogen fühle. Meine Asexualität ist damit quasi leichter verdaulich.
Es kommt aber auch vor, dass mein Gegenüber verwirrt reagiert, weil er oder sie nicht versteht, wie ich denn bitteschön masturbieren kann, ohne mich sexuell zu irgendwem hingezogen zu fühlen. So oder so – die Masturbationsfrage ist eine unangebrachte, irrelevante Art herauszufinden, wie asexuell denn jemand wirklich ist, und für wie „fremdartig“ man uns empfinden sollte.
Es gibt viele solcher Irrglauben rund um die Asexualität, vor allem hinsichtlich der Lust. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass Asexualität eine Kategorie der sexuellen Orientierung ist, die sich dadurch auszeichnet, dass wir uns wenig oder gar nicht sexuell zu anderen Menschen hingezogen fühlen, ganz unabhängig von deren Gender. Asexualität heißt aber nicht, wir hätten keinerlei sexuelle Gefühle oder Bedürfnisse. Sie heißt nicht, wir hätten keine Sexualität.
Asexualität bezieht sich ganz spezifisch auf das fehlende sexuelle Verlangen nach anderen Menschen. Uns fehlt die angeborene Neigung, andere Menschen in unsere Sexualität miteinzubeziehen. Asexualität ist keine Lifestyle-Entscheidung, kein Zeichen einer fehlenden Libido.
Ein großer Teil dieses Irrglaubens entstammt dem gesellschaftlich vermittelten Bild von Sexualität und dem enormen Fokus auf sexuelle Anziehung. Sexuelle Lust und Asexualität werden oft als Gegensätze behandelt; als ließe sich das eine nicht mit dem anderen vereinbaren. Dabei habe ich als asexuelle Frau meine Sexualität immer ausgelebt.
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Mir war lange nicht klar, dass Masturbation im Zusammenhang mit Asexualität für viele so unvorstellbar ist. Sich als asexuelle Person nach sexueller Befriedigung zu sehnen – ob nun allein oder mit anderen –, gilt für andere als Widerspruch, der unsere Identität entwertet. Sexuelle Lust von asexuellen Menschen ist inzwischen politisiert worden. Konkret bedeutet das: Es gibt keine universell „akzeptable“ Art der Asexualität, ganz egal, wie wir unsere Sexualität ausleben (oder eben nicht).

Wir alle könnten davon profitieren, unsere Sexualität von anderen zu lösen und uns mehr auf die Beziehung zu unseren eigenen Körpern zu konzentrieren.

Dabei gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass wir alle – ob asexuell oder nicht – unsere Sexualität zuerst einmal auf sehr asexuelle Weise erleben. Damit meine ich, dass unsere Sexualität erstmal einfach existiert, unabhängig von unserem Wunsch, Sex mit jemandem zu haben. Die meisten von uns entdecken die Masturbation für sich, bevor wir überhaupt wissen, was Sex eigentlich ist – bevor wir überhaupt über sexuelle Anziehung nachdenken.
Viele Studien bereits ergeben, dass die meisten Menschen schon in der Kindheit zu masturbieren beginnen, sogar schon im Kleinkindalter. Obwohl uns währenddessen nicht klar ist, was wir da eigentlich tun (und uns häufig später auch nicht daran erinnern können), stellen wir dabei fest, dass die Stimulation gewisser Körperzonen angenehm sein kann – lange bevor wir lernen, was Sex ist. Erst in unserer Pubertät wendet sich unsere Sexualität dann auch immer mehr anderen Menschen zu, obwohl das nicht für alle gilt. Mir ist das nicht passiert; das hat mich aber nie davon abgehalten, andere Facetten von Sexualität zu erleben.
Ich brauche mir keinen Sex vorstellen, um einen Orgasmus zu bekommen, sondern muss mich nur auf das fokussieren, was ich währenddessen erreichen will – und das gefällt mir. Ich mag es, dass meine Sexualität von niemand anderem abhängt. Ich muss sie nicht von irgendwem „erfüllen“ lassen. Die Masturbation begleitet mich schon, solange ich denken kann, und ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Akt der Selbstliebe. Ich glaube, davon könnten wir alle mehr gebrauchen. Wir alle könnten davon profitieren, unsere Sexualität von anderen zu lösen und uns mehr auf die Beziehung zu unseren eigenen Körpern zu konzentrieren. Während der Pandemie wurde genau das vielen erstmals klar.
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Wenn mich also das nächste Mal jemand fragt, ob ich masturbiere oder überhaupt masturbieren kann, werde ich die Person daran erinnern, dass die Antwort komplett irrelevant ist. Masturbation hat mit meiner sexuellen Orientierung nichts zu tun und macht mich nicht mehr oder weniger asexuell. Gleichzeitig macht sie meine Asexualität nicht mehr oder weniger „normal“. Jeder asexuelle Mensch erlebt die eigene Asexualität ganz anders, genauso, wie jeder Mensch die eigene Sexualität ganz anders empfindet – selbst wenn sie dieselbe sexuelle Identität teilen.
Ob jemand meine Identität versteht und respektiert, hat nichts damit zu tun, ob ich mich selbst befriedige. Unsere Identität sollte unseren sexuellen Selbstausdruck niemals einschränken. Ebenso wenig sollten Vorurteile dazu, wie sich unsere sexuelle Orientierung ausdrücken „sollte“, unser Streben nach sexueller Befriedigung beeinflussen. Stattdessen sollten wir unsere Einzigartigkeit feiern und uns selbst lieben… wortwörtlich.
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Yasmin Benoit ist ein britisches Model und mehrfach preisgekrönte asexuelle Aktivistin. Sie startete die #ThisIsWhatAsexualLooksLike-Bewegung zur diversen asexuellen Repräsentation, ist Mitbegründerin des International Asexuality Day am 6. April und hat in diesem Jahr die erste britische Initiative für Asexuellenrechte gestartet.
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