Ich „klammere“ in Beziehungen – wie ich das geändert habe

Foto: Savanna Ruedy.
Heutzutage hört man immer häufiger vom sogenannten „Bindungsverhalten“ in Beziehungen. Diese Bindungstheorie wurde 1958 vom britischen Psychologen John Bowlby entwickelt, der vermutete, dass die Bindungen, die wir als Kinder zu unseren wichtigsten Bezugspersonen (zum Beispiel unseren Eltern) aufbauen, auch unsere Beziehungen im Erwachsenenalter beeinflussen.
Das funktioniert so: Wenn unsere Bezugsperson konsequent auf unsere Bedürfnisse eingeht, entwickeln wir eine sichere Bindung. Ist unsere Bezugsperson dahingehend aber unzuverlässig, abwesend oder distanziert, entsteht daraus eine unsichere Bindung. Die lässt sich in drei verschiedene Typen aufteilen: die unsicher-vermeidende, die unsicher-ambivalente und die desorganisierte Bindung. 
Bowlbys Theorien werden inzwischen auch auf erwachsene Beziehungen übertragen – zum Beispiel vom Psychiater und Neurowissenschaftler Dr. Amir Levine und der Psychologin Rachel Heller in ihrem gemeinsamen Bestseller Warum wir uns immer in den Falschen verlieben, in dem sie erklären, wie sich die Bindungstheorie auf unser Liebesleben anwenden lässt. Wenn du deinen eigenen Bindungsstil sowie den deines potenziellen Partners bzw. deiner potenziellen Partnerin kennst, meinen Levine und Heller, kannst du darauf stärkere, erfüllendere Beziehungen aufbauen.
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Ich interessiere mich sehr für die Bindungstheorie. Wieso? Weil sich die Angst wie ein roter Faden durch all meine bisherigen Beziehungen gezogen hat. Wann immer ich es eigentlich genießen sollte, mich in jemanden zu verlieben, schaltet mein Hirn in den Panik-Modus – und ich fange an, das Verhalten meines Gegenübers genau zu analysieren: Wieso hat er:sie so lange gebraucht, um mir zu antworten? Mag er:sie mich nicht? Das könnte ich total nachvollziehen. Ich darf nicht zu übereifrig rüberkommen, sonst werde ich abgewiesen. Warum stört er:sie sich nicht so sehr an meiner Kälte wie andersrum? Er:sie ist einfach zu gut für mich. Ich meine, sieh mich doch nur mal an: Ich bin ein nervöses Wrack. Wer könnte mich schon lieben?
Als jemand, der mein Leben außerhalb von Beziehungen sehr wichtig ist, nervt es mich, wie stark ich mich auf eine Beziehung fixiere, wenn ich drinstecke. Gleichzeitig habe ich das frauenfeindliche Narrativ verinnerlicht, Männer fänden sogenannte „klammernde“ Frauen „abstoßend“, und habe demnach gelernt, mein Bedürfnis nach emotionaler Intimität so lange zu unterdrücken, bis es quasi aus mir herausplatzt. Wann immer das passiert, mache ich mir Vorwürfe dafür, immer so zu „klammern“, und ziehe den Teufelskreis weiter durch.
In meiner letzten Beziehung war dann aber alles anders. Wir sprachen ganz offen über meine negativen Gedankenmuster. Diese Person unterstützte mich und gab mir das Gefühl, gesunde Liebe zu verdienen. Während einer Phase, in der meine geistige Gesundheit besonders angeschlagen war, fing ich allerdings wieder an zu klammern. Ich hatte diesen Menschen auf ein Podest gestellt – und verlangte jetzt von ihm, mich zu „heilen“. Das war aber natürlich nicht möglich. Niemand kann dich heilen; das musst du schon selbst machen.
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Leider zerbrach unsere Beziehung daran. Nur durch eine Gesprächstherapie, den Support meines Umfelds und jede Menge Selbstreflexion konnte ich verhindern, mich in einer Abwärtsspirale zu verlieren. Und irgendwas machte Klick: Ich begriff, dass ich nicht „unliebbar“ war – sondern dass ich lediglich mit jemandem zusammen gewesen war, der:die meinen Bedürfnissen nicht entsprach. Diese Erkenntnis war befreiend.
Da wir alle in zwischenmenschlichen Beziehungen stecken, ist es kaum überraschend, dass die Bindungstheorie in den sozialen Medien ein beliebtes Thema ist. Auf TikTok, wo der Großteil der User weiblich und zwischen 16 und 24 Jahre alt ist, hat der Hashtag #attachmentstyle inzwischen über 162 Millionen, und #anxiousattachmentstyle (die unsicher-ambivalente, also „klammernde“, Bindung) über 23 Millionen Views. In Videos zur unsicher-ambivalenten Bindung geht es meist um deren Anzeichen – und darum, wie sich daraus ein sichererer Beziehungsstil entwickeln lässt. 
Das Thema ist auch auf Reddit enorm beliebt. Für diesen Artikel fragte ich in einer Reddit-Gruppe nach, ob sie dort glaubten, jemand mit einem unsicher-ambivalenten Bindungsverhalten könne sich ändern. „Ich bin mir nicht sicher, ob diese Unsicherheit jemals wirklich verschwinden kann“, antwortete eine Frau. „Aber ich habe gelernt, dass ‚gesunde Liebe‘ nicht ‚Besessenheit‘ bedeutet. Also werde ich hoffentlich nicht total die Nerven verlieren, wenn mir mein:e zukünftigen Partner:innen nicht ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.“ 
Im selben Subreddit unterhalten sich Frauen mit unsicher-ambivalentem Bindungsstil darüber, wie sie sich in einer Beziehung mit Menschen mit unsicher-vermeidendem Bindungsverhalten fühlen. Diese Dynamik ist in Film und Fernsehen immer und immer wieder zu sehen: Eine unsichere Frau schmachtet einem emotional unverfügbaren Mann hinterher. Aber was steckt wirklich dahinter?
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Das Rahmenwerk der Bindungstheorie hilft uns definitiv dabei, unser Verhalten in Beziehungen besser zu verstehen – aber die Vorstellung, unser Verhalten sei quasi vorprogrammiert und nicht beeinflussbar, ist doch irgendwie frustrierend. Sind wir wirklich dazu bestimmt, bis in alle Ewigkeit dieselben Muster durchzuspielen? Ich wollte wissen, ob ich meinen Bindungsstil verändern könnte. 
Tatsächlich gibt es Studien, deren Ergebnisse vermuten lassen, dass man mit der Zeit in Beziehungen weniger unsicher werden könnte. Die Psychotherapeutin Dr. Akua K. Boateng erklärt, dass wir alle von Geburt an „darauf programmiert sind, Beziehungen miteinander zu knüpfen“. Wenn du aber nur wenige sichere Beziehungen erlebst, lernst du, dich daran anzupassen. So funktioniert das mit dem Überleben. 
„Vermeidende Bindungstypen flüchten vor der Nähe, während sich ambivalente Bindungstypen danach sehnen“, erzählt mir Dr. Boateng. „Wenn sie dann diese Bindung bekommen, fällt es ihnen ironischerweise dennoch schwer, die Angst vor der Zerbrechlichkeit dieser Bindung abzulegen. Das zeigt sich dann in Form von sogenanntem ‚Klammern‘.“
Menschen mit unsicher-ambivalentem Bindungsverhalten fühlen sich nicht gerne unsicher. Eine Studie im Journal of Social and Personal Relationships ergab, dass Leute mit ambivalentem Bindungsstil wahrscheinlicher parasoziale (sprich: einseitige) Beziehungen knüpfen. Dieser Begriff diente in den 1950ern ursprünglich der Beschreibung von Beziehungen, die Menschen zu ihren liebsten fiktiven Charakteren aus Film und TV aufbauten; die Forschenden der neuen Studie vermuten, dass diese Form einer Bindung beruhigend auf Menschen mit unsicher-ambivalentem Verhalten wirkt, die daraus Wärme und Aufmerksamkeit ziehen können, ohne Abweisung fürchten zu müssen.
Wir haben heute ein besseres Verständnis denn je davon, wie wir dieses Verhalten entwickeln – gleichzeitig kann das Wissen aber wiederum einschränkend sein. Laura, eine 26-jährige Freelancerin, erzählt mir zum Beispiel, dass einige ihrer männlichen Partner ihren unsicher-ambivalenten Bindungsstil als „typisch weiblich“ betrachten. Aber kann das wirklich stimmen?
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„Da spielt auch die Sozialisation eine große Rolle“, erklärt Dr. Boateng. „Der emotionale Ausdruck einer Frau wird oft als unsicher-ambivalent eingestuft.“ Und genau da liegt das Problem: Das ist eine Henne-oder-Ei-Frage. Wir leben in einer Welt, in der Frauen dafür kritisiert und bestraft werden, wenn sie ihre Gefühle kommunizieren. Also sollten wir Vorsicht walten lassen, bevor wir es als „unsicher“ oder „klammernd“ abstempeln, in einer Beziehung um etwas zu bitten.
Auch Menschen, die als Männer sozialisiert wurden, können übrigens ein unsicher-ambivalentes Bindungsverhalten haben – ebenso, wie auch als Frauen sozialisierte Personen unsicher-vermeidend auftreten können. Frauen sind nicht von Natur aus unsicherer, sondern von heteronormativer sozialer Konditionierung betroffen. Männern wird traditionell vermittelt, dass sie niemanden brauchen; daher betrachten sie ein stärkeres Nähebedürfnis als feminin (und demnach als schwach). Frauen wird wiederum eingetrichtert, die Anerkennung eines Mannes sei das ultimative Symbol ihres eigenen Werts. Diese Stereotypen können beeinflussen, wie wir an Beziehungen herangehen.

Insbesondere Frauen neigen dazu, ihren Gefühlen nicht mehr zu vertrauen, wenn sie immer wieder zu hören bekommen, sie wollten ‚zu viel‘ oder seien ‚hysterisch‘.

Dr. Akua K. Boateng, psychotherapeutin
Die Auswirkungen dieser Stereotypen sind uns dabei aber gar nicht immer bewusst. Die 24-jährige Master-Studentin Georgina zum Beispiel ist seit vier Jahren mit ihrem Freund zusammen. Als sie ihn kennenlernte, ging sie automatisch davon aus, ein männlicher Partner müsse „die Kontrolle haben“ und „selbstbewusster“ sein als sie.
„Als ich bemerkte, dass das auf ihn nicht zutraf, machte ich mir Sorgen“, erzählt sie. „Ich fing an, mir Gedanken zu machen: ‚Er wird jemanden finden, die schlauer und selbstbewusster ist als ich, und dann wird er merken, wie viel besser sie zu ihm passt.‘ Er war so ein netter Typ, dass ich ihn einfach nicht für mich akzeptieren konnte.“
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Mithilfe einer Therapie lernte Georgina, sich zu entspannen. „In einer treuen, vertrauensvollen Beziehung zu sein, bewies mir mit der Zeit, dass ich gut genug bin und Männer nicht immer ans Nächstbeste denken“, sagt sie. 
Laura ging es ähnlich, als sie ihre fünfjährige Beziehung beendete und begriff, dass sie sich zu emotional unverfügbaren Partner:innen hingezogen fühlt. „In Dating-Apps ignorierte ich Leute, die mir superviele Nachrichten schickten. Die, die mir nur sporadisch antworteten, hielten meine Aufmerksamkeit viel länger“, erzählt sie. Um dieses Muster zu durchbrechen, setzt sich Laura jetzt ganz klare Grenzen; damit will sie vermeiden, sich zu schnell reinzusteigern, und gleichzeitig diejenigen herausfiltern, die nicht gut auf offene Kommunikation reagieren.
Es klingt vielleicht widersprüchlich, dass sich unsicher-ambivalente Frauen, die sich nach Nähe sehnen, häufig Partner:innen suchen, die ihnen genau das nicht geben können; laut der Bindungstheorie ergibt das aber absolut Sinn. „Wir halten am Vertrauten fest“, erklärt Dr. Boateng. „In Sachen Liebe wünschen wir uns unterbewusst die Dynamik, die sich bekannt anfühlt.“
Genau deswegen ist es entscheidend, auf sichere Beziehungen zu vertrauen, anstatt uns immer das vertraute Chaos zu suchen. Ebenso, wie es unsicheres Bindungsverhalten festigen kann, wenn wir schlecht behandelt werden, kann eine gute, gesunde Beziehung nämlich eine positive Wirkung auf unser Bindungsverhalten haben. Der:die 25-jährige Azubi-Programmierer:in Mariana hat das selbst bemerkt: „Wenn sich jemand mir gegenüber distanziert verhält, gehe ich automatisch davon aus, dass ich etwas falsch gemacht habe“, erklärt er:sie. „Diese Angst wurde nur noch weiter dadurch befeuert, dass mein Ex nicht offen über seine Gefühle gesprochen hat und mir nicht die nötige Bestätigung entgegenbringen konnte.“ Mariana ist jetzt in einer sicheren, festen Beziehung, wodurch er:sie gelernt hat, die eigenen unsicheren Gedanken zu beruhigen und sich selbstbewusster zu fühlen.
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Trotzdem ist es verständlich, dass Angstgedanken beispielsweise nach einer Trennung oder in instabilen Beziehungen wieder auftauchen können. „Du solltest verstehen und dir dafür verzeihen, wie du dich an andere bindest. Das verleiht dir die psychologische Beständigkeit, um dich nicht dauernd bedroht zu fühlen und stattdessen deiner Intuition zu vertrauen“, rät Dr. Boateng. „Insbesondere Frauen neigen dazu, ihren Gefühlen nicht mehr zu vertrauen, wenn sie immer wieder zu hören bekommen, sie wollten ‚zu viel‘ oder seien ‚hysterisch‘. Deinem Bauchgefühl zu vertrauen, hilft dir dabei, gesunde Beziehungen zu erkennen – sodass sie sich irgendwann nicht mehr so unvertraut anfühlen.“
Sobald du dich einmal mit diesen tiefschürfenden Gedanken beschäftigt hast, musst du darauf aufbauend eigene Bewältigungsmechanismen entwickeln. Dr. Boateng erklärt das so: Auch, wenn du deinem Gehirn das rationale Denken antrainieren kannst, reagiert dein Körper vielleicht weiterhin instinktiv. Das heißt, dass du womöglich bei Beziehungsproblemen immer noch physiologische Reaktionen erlebst, selbst wenn dein Kopf gut mit der Situation umgehen kann. Um deine emotionale Toleranz zu verbessern, empfiehlt Dr. Boateng, dir eine:n Freund:in zur Seite zu holen, mit dem:der du deine unsicheren Gedanken durchsprechen kannst, und vielleicht auch mal Meditations- oder Atemübungen auszuprobieren.
Lässt sich ein Bindungsstil also ändern? Nicht über Nacht. Genau genommen können wir unser Bindungsverhalten nicht von Grund auf umstellen, weil es sich schon in der Kindheit formt. Was wir aber sehr wohl tun können, ist, bewusst darauf zu achten, wann tief verwurzelte Ängste ausgelöst werden – und dann einmal tief durchzuatmen. Vielleicht gerätst du trotzdem in Panik; du kannst aber verhindern, diese Angst dein Verhalten bestimmen zu lassen, indem du dich in Selbstrespekt und -mitgefühl übst.
Wie auch Laura sagt: „Sobald du dich der Liebe würdig fühlst, fragst du dich vielleicht, warum du überhaupt mal dachtest, jemand würde dich einfach so verlassen. Und wenn die Person dann doch geht, ist das okay. Unsere Beziehungen dienen im Laufe unseres Lebens unterschiedlichen Zwecken. Wir müssen uns nicht an etwas festhalten, nur weil wir Angst davor haben, es irgendwann zu verlieren.“

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