Gesündere Haare durch umgekehrtes Haarewaschen? Ich hab’s getestet

Foto: Hayleigh Longman.
Wie wäschst du dir die Haare? Vielleicht lässt du dich von der Hautpflege inspirieren und setzt auch beim Haarewaschen auf „double cleansing“ – oder vielleicht hast du weder Zeit noch Geduld für Conditioner und belässt es daher beim Shampoo. Vielleicht musst du dich immer erstmal überwinden, um dir überhaupt die Haare zu waschen – oder vielleicht würdest du morgens niemals ohne frisch gewaschene Haare das Haus verlassen. Es gibt keine „richtige“ oder „falsche“ Art, dir die Haare zu waschen. Was für dich funktioniert, ist super! Trotzdem heißt das ja nicht, dass du nicht zwischendurch auch mal was Neues ausprobieren kannst. Und schließlich ist das Internet voller interessanter Haarwäsche-Tipps.
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Schon mal vom „reverse hair washing“ gehört, dem „umgekehrten Haarewaschen“? Ich bis vor Kurzem auch nicht. Der Name ist eigentlich selbsterklärend: Anstatt zuerst Shampoo, dann Conditioner zu benutzen, wird das Haar hier zuerst mit Conditioner, dann mit Shampoo versorgt. 
Ganz neu ist diese Technik nicht. Wenn du dich in der Haarwelt ein bisschen auskennst, sagt dir „pre-poo“ vielleicht etwas: Leute mit lockigen oder welligen Haaren tragen gern vor dem Shampoo ein Haaröl oder eine -maske auf, um zu verhindern, dass das Shampoo dem Haar Feuchtigkeit entzieht. Die umgekehrte Haarwäsche ist quasi dieselbe Idee, nur eben in Zusammenhang mit Conditioner.
Ich erinnere mich noch daran, dass ich diesen Hack schon vor fünf Jahren mal ausprobiert habe, als er online zum ersten Mal die Runde machte. Überraschenderweise reagierten meine unbehandelten, ungefärbten Haaren sehr gut darauf und waren danach weicher, glatter und hitzeunempfindlicher. Irgendwann kehrte ich trotzdem wieder zur „normalen“ Haarwäsche zurück. War mein damaliges Erfolgserlebnis aber eigentlich nur ein Beispiel für den Placebo-Effekt, oder funktioniert die umgekehrte Haarwäsche wirklich? Und kann sie meinen dreifach gefärbten, hitzestrapazierten Haaren womöglich neues Leben einhauchen?

Was ist „reverse hair washing“ und was soll das bringen?

„Bei diesem Prozess wird das Haar zuerst mit Conditioner behandelt, bevor du zum Shampoo übergehst. Manche Leute sind der Meinung, das könnte den Gesamtzustand der Haare verbessern und Schäden reduzieren“, erklärt mir der Stylist Jordan Jones vom Salon Taylor Taylor London. „Das soll dafür sorgen, dass die austrocknenden Wirkstoffe vom Shampoo nicht ins Haar eindringen können, weil die Haaroberfläche vom Conditioner versiegelt wurde.“ Jordan ist nicht überrascht, dass der Trend gerade ein kleines Revival feiert. Ihm zufolge hat das mit der derzeitigen Hitzewelle zu tun – von den sommertypischen Haarschäden mal ganz abgesehen, die Meer- und Chlorwasser verursachen können. 
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Sarah Brass, die Gründerin von Taylor Taylor London, erklärt mir, dass der Conditioner beim umgekehrten Haarewaschen vor allem in die Längen und Spitzen der Haare eingearbeitet wird. „Wenn du nicht gerade außergewöhnlich trockene Haare hast, raten wir immer davon ab, den Conditioner bis zum Haaransatz zu verwenden“, sagt sie. „Nach dem Auftragen kämmst du dir die Haare durch, massierst dir sanft die Kopfhaut und wartest fünf bis 15 Minuten, bevor du die Haare ausspülst und ganz normal einshampoonierst.“
Die umgekehrte Haarwäsche ist nicht nur für diejenigen eine interessante Idee, die ihre trockenen Strähnen schützen wollen, sondern könnte sich Sarah zufolge auch super für fettige und/oder feine Haare eignen. „Die Wissenschaft dahinter ist schnell erklärt“, sagt sie. „Dein Conditioner lagert sich auf der Kopfhaut und dem Haar ab. Wenn du ihn dann mit Shampoo abwäschst, anstatt das Haar nur mit Wasser zu spülen, bleiben weniger Conditioner-Reste zurück, die dein Haar belasten und platt aussehen lassen könnten.“
Feines oder dünnes Haar könnte daraufhin voluminöser wirken, meint Sarah, während fettiges Haar womöglich weniger schnell nachfettet. Ein weitere Bonus: Wenn du sehr lange oder schnell verknotende Haare hast, kann das Auftragen von Conditioner vor dem Shampoo für eine deutlich sanftere Wäsche sorgen, weil die Verknotung beim Waschen reduziert wird, ergänzt Sarah.

Funktioniert die umgekehrte Haarwäsche?

Wenn du öfter hier bist, weißt du, dass ich meine Haare gerne mal für Trend-Experimente zur Verfügung stelle. Obwohl ich diese Methode selbst schon mal ausprobiert habe, kann ich sie jetzt deutlich dringender gebrauchen: Meine Haare sind momentan ganz schön strapaziert, und das heiße Wetter hat dabei nicht gerade geholfen. Kurz gesagt: Meine Mähne ist ziemlich brüchig und braucht dringend ein wenig Liebe. Die umgekehrte Haarwäsche kam mir also wie eine gute Idee vor.
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Dazu griff ich zum JVN Hair Undamage Strengthening Shampoo und zum JVN Hair Undamage Strengthening Conditioner (beides je 18,00 € via Space NK), die mir dank Glycerin, Ceramiden und Jojoba jede Menge Feuchtigkeit versprachen. Nachdem ich meine Haare mit lauwarmem Wasser gespült hatte (das reizt meine Kopfhaut deutlich weniger als heißes Wasser), verteilte ich eine kleine Portion Conditioner in meinen Längen und Spitzen und fuhr danach mit den Resten auch über meinen Ansatz, wo meine Haare besonders zu Frizz neigen.
Daraufhin zog ich meine „Peelen/Rasieren/Waschen“-Routine durch, um dem Conditioner genug Zeit zum Einwirken zu geben, bevor ich mir die Haare ausspülte und einmal mit Shampoo wusch. Normalerweise wasche ich mir zweimal die Haare, weil sie beim Sport ganz schön schwitzig werden und ich prinzipiell sehr viele Pflegeprodukte ausprobiere – doch hatte ich nach dem Ausspülen des Conditioners schon nicht das Gefühl, mein Haar bräuchte wirklich zwei Wäschen. Produkte gespart: Check.
Ich muss zugeben, dass sich meine Haare nach dem Ausspülen des Shampoos ein bisschen rauer anfühlten als sonst – und ich daraufhin erstmal in Panik geriet. Sie waren nicht so befriedigend seidig, wie ich es ansonsten kenne. 
Vorher
Nachher
So richtig ließ sich das Ergebnis aber erst im trockenen Zustand bewerten. Im Sommer lasse ich meine Mähne gerne an der Luft trocknen, um mir die Hitzeschäden vom Föhnen zu ersparen. Wie du auf den Fotos erkennst, waren meine Haare direkt ein bisschen weniger frizzy – vielleicht, weil sie nicht so trocken oder angegriffen waren. Der größte Unterschied fiel mir aber erst auf, als ich meine Haare anfasste: Sie waren ein wenig weicher und ließen sich leichter stylen. Mir gefällt diese Methode daher sehr gut! Trotzdem wurde mir eben immer eingetrichtert, erst Shampoo, dann Conditioner zu verwenden. Mal schauen, wie oft ich wirklich daran denke, die Schritte umzudrehen…
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Hat die umgekehrte Haarwäsche irgendwelche Nachteile?

Obwohl das „reverse hair washing“ für viele Haartypen und -texturen erstmal vielversprechend klingt, hat es Sarah zufolge einen guten Grund, dass wir den Conditioner für gewöhnlich zum Abschluss verwenden: Er versiegelt und glättet die Haaroberfläche. Dadurch wird Feuchtigkeit im Inneren des Haares verschlossen – und das Haar wird weicher, glänzender und besser vor UV-Strahlung und Hitze geschützt. Könnte das Haar demnach leichter angreifbar sein, wenn der Conditioner nicht mehr der letzte Schritt ist? Womöglich, meint Sarah. „Das könnte zu Schäden und langfristiger Trockenheit führen.“
Sie hat aber auch einen tollen Tipp für mich: „Viele Dermatolog:innen und Tricholog:innen empfehlen eine Wäsche in drei Schritten: Zuerst eine Haarmaske, dann das Shampoo, dann ein leichter Conditioner.“

Eignet sich die umgekehrte Haarwäsche für deine Haare?

Laut Sarah entstand der Trend zum umgekehrten Haarewaschen, weil die Shampoos von früher ziemlich aggressiv waren. Die chemischen Formulierungen sind aber längst nicht mehr dieselben von damals, und selbst vor Sulfaten, zum Beispiel (die das Shampoo schäumen lassen und Haar und Kopfhaut effektiv reinigen), gruseln wir uns mittlerweile nicht mehr, weil sie in geringerer Konzentration verwendet werden.
Moe Harb, Haarfarbenspezialist im Londoner Beauty Club, empfiehlt die Investition in ein feuchtigkeitsspendendes Shampoo. „Ein Shampoo voller pflegender Wirkstoffe [wie Glycerin, Sheabutter und Ölen] entzieht dem Haar nicht sämtliche Feuchtigkeit.“ In anderen Worten: Dein Haar kann auch gesund sein, wenn du es nicht „umgekehrt“ wäschst.
Wenn du selbst nicht ganz von dem Trend überzeugt bist, deine Haarpflegeroutine aber ein Upgrade gebrauchen könnte, empfiehlt Sarah, dir eine gute Haarmaske zu besorgen und diese vor dem Shampoo aufzutragen – am besten in trockenem Zustand. Das Haar ist nämlich deutlich absorptionsfähiger, wenn es noch trocken ist, und kann die pflegenden Wirkstoffe dann daher besser aufnehmen. „Conditioner [und Masken] auf nasses Haar aufzutragen, ist viel weniger effektiv als auf trockenem Haar“, erklärt Sarah. „Plus: So kannst du die Maske tagsüber zwischendurch auftragen und so lange einwirken lassen, wie du willst, bevor du unter die Dusche hüpfst, Shampoo und dann einen leichten Conditioner verwendest. Das ist quasi umgekehrtes Haarewaschen 2.0.“
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Zu guter Letzt empfiehlt Sarah all denjenigen mit trockenem oder naturkrausem Haar, bei der traditionellen Haarwäsche zu bleiben. Das heißt: Zuerst waschen, dann Conditioner.
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